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Ausgabe:

1902 Nr. 4

Spalte:

105-107

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Die Chronik des Bernhard Wyss 1902

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 4. 106

Les grandcs villes de iempire) entwirft, von der trotz
der Hellenifirung weiter beftehenden nationalen Eigenart
der Hauptprovinzen: Aegypten, Syrien, Kleinafien hätte

kleiner Einzelzüge, welche das Gefchichtsbild lebhafter
hervortreten laffen. Wir erleben mit dem Chroniften die
grofse Zeit, die er erlebte. In den fcheinbar trockenen

ausgegangen werden follen. Obwohl diefe Behauptung Notizen fpiegelt fich der gewaltige Eindruck, den Zwingli's
bei Str. unverkennbar im Dienfte feiner anfcheinend Auftreten in Zürich machte. In aller Kürze kennzeichnet
überfpannten, von Stuhlfauth in diefer Zeitung (1901, Wyfs Zwingli's Predigtweife fehr fchön und preift feine
Sp. 657—660) auf ihr richtiges Mafs zurückgeführten reiche muficalifche Begabung. Er läfst uns einen Blick
Thefe von der führenden Rolle des eigentlichen Orients thun in die ,Prophezey', jene tägliche Schriftauslegung
in der Culturgefchichte jener Zeiten fteht, fo ift ihr doch j nach den Grundfprachen, welche etwas ganz Eigenartiges
die Berechtigung nicht abzufprechen. Auch nach meiner war und in Zürich bei Geifllichen und gebildeten Laien
Meinung, die übrigens keinen Anfpruch auf Originalität eine Schriftkenntnifs fchuf, wie man fie damals nicht bald
macht, fondern von Geizer, Karl Müller u. A. oft wieder fand. Schritt für Schritt verfolgt Wyfs das Dahin-
genug' ausgefprochen worden ift, kommt man gerade 1 finken der alten Sitten, z. B. das Schwinden des Cölibates.
bei der Betrachtung der religiöfen und kirchlichen Ver- 1 Er notirt die Trauung jedes Züricher Priefters und zeichnet
hältnifse mit den zu wenig differenzirten Gefichtspunkten auf, wie man das Faftengebot befeitigte. Mit Befriedigung
Diehl's nicht aus; das Individuelle kommt nicht genug fchildert er die Ruhe und Ordnung, in der fich der Bilder-

zu feinem Rechte. Damit will ich durchaus nicht gefagt
haben, dafs nicht gerade in Diehl's Beleuchtung Manches
fich intereffant lieft und viel Beachtenswerthes geboten
wird. Ich mache befonders auf das dritte Capitel des dritten
Buches: La vie rcligicuse (ä Constantinople') au VI1 siede
aufmerkfam, auch auf das fünfte Capitel: Athenes et le pa-
ganisute, in welchem dasThema vom Untergange des Helle

fturm vollzog. Mit tiefer Empörung berichtet er von den
Verfolgungen des neuen Glaubens durch die fünf alten
Orte, z. B. den Märtyrertod des evangelifchen Pfarrers
Jakob Kaifer. Man fpürt dem Chroniften die Freude an
der ehrenvollen Begleitung Zwingli's bei der Rückkehr
von der Berner Disputation an. Ganz befonders befriedigt
ift er von dem Aerger der ftreng altgläubigen Führer,

nismus plaftifch behandelt wird. Befonders reiche Anregung welche in Bremgarten diefen Triumphzug mit anfehen
wird im dritten Buche der Kunfthiftoriker finden. Ein mufsten, ohne ihn ftören zu können.

fehr reichhaltiges Verzeichnifs der benutzten Literatur Man fpürt feine volle Billigung für das Verbot der

ift beigefügt. Wenn ich erwähne, dafs hier die Schrift .Badenfahrt' durch, als man in Baden evangelifche Badgäfte
von W. H. Hutton, The Cliurch of the Sixth Century verhöhnte, in Todesnoth zur Beichte und zu den Sterb-
(London 1897), in deffen Mitelpunkt eben Juftinian's Re- I facramenten zwingen wollte und ihnen andernfalls ein
gierung fteht, nicht aufgeführt ift, fo will ich damit nicht | ehrliches Begräbnifs verfagte. Mit wenigen Zügen fchildert

fagen, dafs Diehl aus dem oberflächlichen Buche hätte
lernen können.

Diehl fchreibt lebendig, zuweilen glänzend aber

Wyfs die erfte Priefterhochzeit in Zürich, die des fpäteren
Täuferhäuptlings Wilh Röublin, anmuthig. Plaftifch ift die
Schilderung von P'ranz Lambert's Auftreten in Zürich.

auch breit. Sicher hätte er fein Thema auf erheblich , Zu beachten ift auch, dafs in Zürich die Auguftiner noch
geringerem Räume behandeln können, denn es fehlt i zuletzt einigen Widerftand wagten, als Barfüfser und
nicht an Wiederholungen, die nicht immer unvermeidlich Dominicaner vor der Energie der Züricher verdummten,
waren. Alles in Allem aber hat der unermüdliche For- Die Chronik von Wyfs hatte fchon Füfslin im vierten

fcher uns ein wahrhaft monumentales Werk gefchenkt, Theile feiner Beiträge zur Erläuterung der Kirchennach
dem der grofse Kreis von Lefern, deffen der reformationsgefchichte des Schweizerlandes (Zürich 1749
Gegenftand gewifs ift, immer wieder und mit grofsem | S. 32—123) veröffentlicht, aber feine Publication war fehr
Nutzen greifen wird. Die Ausftattung des Werkes ift ; unzuverläffig, während Finsler, der treffliche Zwingli-
bei verhältnifsmäfsig niedrigem Preife vorzüglich, die bibliograph, einen correcten Text wie einen fehr reichzahlreichen
authentifchen Illuftrationen eine fehr will- j haltigen Commentar gibt, der für die Zwingliforfcher ein
kommene Beigabe. werthvolles Hilfsmittel bietet, wie Enders Anmerkungen

r. r r v zu ^en Lutherbriefen.

"Jlelsen- U KruSer- Nur wäre zu wünfchen, dafs die eigenartigen Aus-

--drücke, welche den hochdeutfchen Lefern unverftändlich

Die Chronik des Bernhard Wyss. Herausgegeben von Georg {md' n°ch in weitergehender Weife erklärt würden, als es

„. . (r 11 e u ■ -e u 0 r f„„e ln dlefem erftenlheile der Quellen gefchehen ift. Z. B.

Finsler. (Quellen zur Schweizenfchen Reformations- ; s IO z 6 er wand an ke[£w &*0 z $ hat man gj

gefchichte. Herausgegeben vom Zwinghverein in mut in allen klöfteren ze nemen. S. 14.3 (Luther blieb in
Zürich unter Leitung von Prof. Dr. Emil Egli. I. Band.j Marburg) vf sinem einfieren, hochmütigen köpf.
Bafel 1901, Basler Buchhandlung. (XXV, 167 S. gr. 8.) Zu den biographifchen Angaben über Röublin vgl.

M% 20 1 das Lebensbild, das Ref. in den Bl. f. w. K. G. 1889, 73 ff.
! von diefem eigenartigen Manne gegeben hat. Aus der
Mit grofser Freude ift das Unternehmen des Zwingli- heutigen Zugehörigkeit Ravensburgs zu Württemberg, die
Vereins in Zürich zu begrüfsen, die Quellen der Schweizeri- 1 noch nicht hundertjahre alt ift, läfst fich der Titel ,Modift'
fchen Reformationsgefchichte herauszugeben. Das erfte für Wyfs nicht ableiten S. XVIII. S. 30, Z. 18 ift ,von
Werk, welches nun dargeboten wird, leitet das Ganze in Oberbaiern' zu ftreichen. Ottheinrich war Herzog der Jung-
trefflicher Weife ein. Der biedere Schwabe Bernhard Wyfs, : pfalz und hielt fich, als ihn der Kaifer vertrieben hatte,
ein Ravensburger Kind, erft ehrfamer Bäcker, dann Modift in Heidelberg auf. S. 55 Z. 38 ift die Erklärung der ,Vier-
in Zürich, d. h. Privatlehrer für die Fächer des Schreibens opfer' unrichtig. Sie haben mit den Begräbnifsfeierlich-
und Rechnens, ift ein aufgeweckter Kopf, der gut beob- ' keiten nichts zu thun. Vgl. Enders, Luther's Briefwechfel

achtet und mit kurzen Zügen feine Erlebnifse während
Zwingli's Wirkfamkeit in Zürich fchildert und überall feine
Begeifterung für Zwingli und feine Freude an der Reformation
bekundet, für die er auch noch als ca. 68jähriger

7,265. Diefe Opfer an den ,Hochgeziten' bildeten eine
I Iaupteinnahme der Pfarrer auf incorporirten Pfarreien.
Jeder Kirchengenoffe, ,der zum Sacrament gegangen',
mufste eine beftimmte kleine Summe an den Quatembem

Mann ins Feld zog, um mit Zwingli bei Kappel für den | zum Opfer geben. S. 62, 19. 63, 4 ift ,berichten' doch
neuen Glauben zu fterben. < wohl = verfehen. S. 73, Z. 5 ift unverftändlich: was fie

Allerdings bietet Wyfs in feiner Chronik kein anderes darzu toppletend. S. 77 Z. i. v. u. 1. Heberle, S. 85,
Bild vom Verlaufe der Reformation in Zürich, als das, Z. 24 Joach. S. 99 Z. 12 die Ulmer Mezger, welche
welches wir bereits kennen, aber er bietet eine Reihe Ochfen in Ungarn kauften, erwähnt auch Frecht in feinen
Ucnerer Daten, die bisher nicht feftftanden, und eine Menge Briefen. S. 109 Z. 29 ift Kurfürft Friedrich von der Pfalz