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Ausgabe:

1902 Nr. 2

Spalte:

56-57

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kierkegaard, Sören

Titel/Untertitel:

Ausgewählte christliche Reden 1902

Rezensent:

Kaftan, Julius

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55 Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 2. 56

innere Umkehr einfchliefst. Die univerfale Religion wird
an der Welt erlebt, der Gottesgedanke hat feine Bedeutung
in der durch die Religion ermöglichten geiftigen
Bewältigung der Welt. In der charakteriflifchen Religion
findet die Erhebung zu Gott und göttlichem Leben ftatt,
lernt man alles von da aus fehen und als Mittel für das
Leben in Gott begreifen. Unter den pofitiven Religonen
ift es wieder die chriftliche, in der die charakteriftifche
Religion fich ihrem Wefen entfprechend verwirklicht.
Was diefen Vorzug des Chriflenthums begründet, ift,
dafs es wie der Buddhismus und die Myftik Erlöfungs-
religion ift, von der Welt befreit, aber eine pofitive Rück-
beziehung auf das Leben in der Welt, eine in ihr ge-
ftellte Alles umfaffende Aufgabe, den unfere Mitarbeit j
heifchenden Bau des Gottesreiches kennt. Freilich, eben 1
das Chriftenthum ift feiner kirchlichen, weltlichen Exiftenz-
form nach an die Vergangenheit gebunden, von der wir
es löfen müffen, wenn wir ihm wieder zur vollen Wirk-
famkeit verhelfen wollen.

Nur in grofsen Umrifsen habe ich hier die Gedankengänge
E.'s wiedergeben können. Abfichtlich
habe ich auch die ihm eigenthümlichen Begriffe bei
Seite gelaffen, um in der Kürze verbindlicher zu ■
machen, was das Buch bringt und bringen will. Es darf
jedenfalls felbft als ein erfreulicher Beweis dafür gelten,
dafs im geiftigen Leben der Gegenwart eine Bewegung
zur Religion hin ftattfindet. Nicht das macht es dazu,
dafs die Religion hier als eine bedeutfame Erfcheinung
im geiftigen Leben angefehen und gewürdigt wird. Daran
fehlt es auch fonft nicht in der zeitgenöffifchen Philo-
fophie. Sondern dadurch bildet es einen Beweis für die
genannte Thatfache, dafs E. die Religion in den Mittel- !
punkt des geiftigen Lebens ftellt und die fo einfache
wie häufig überfehene Alternative einfchärft, dafs die
Religion entweder nichts oder alles ift, ferner dadurch,
dafs er mit dem Gedanken der Ueberwelt Ernft macht,
in ihr und nicht in den fubjectiven Regungen der Seele |
den Schwerpunkt des religiöfen Lebens fucht, endlich 1
dadurch, dafs er mit unbeirrter Klarheit des Urtheils für j
das Chriftenthum als die — kurz gefagt —■ ethifche Er- j
löfungsreligion eintritt. Durch dies alles ift fein Buch
eine fo nachdrückliche und ernfte Verkündigung der j
Religion und wieder des Chriflenthums, wie ich keine ]
andere in der zeitgenöffifchen Philofophie kenne. Dafs
fie in weiten Kreifen gehört werde, wird jeder wünfchen, <
der mit E. das Wiedererftarken der chriftlichen Religion
in unferem geiftigen Leben für eine Bedingung feines Be- ,
ftandes und feiner weiteren gefunden Entwickelung hält.

Freilich habe ich dann gegen die Art, wie E. diefe j
Wahrheiten verkündigt, vielerlei einzuwenden, nicht blofs
gegen Einzelheiten, fondern gegen den ganzen Aufbau
und Grundgedanken der Argumentation. Billig laffe ich i
jedoch meine in vieler Beziehung grundfätzlich andere
Denkweife hier bei Seite und befchränke mich auf die |
Hervorhebung zweier Punkte, die ich innerhalb der
Eucken'fchen Betrachtungsweife beftimmter klar gebellt
fehen möchte. Einmal fcheint mir der Klärung zu be- j
dürfen, wie die Argumentation über die Begründung der
Religion gemeint ift. Wendet fie fich nur an den Intellect? j
Ift es die Meinung, dafs jeder, der die Dinge des inneren '
Lebens zu fehen und richtig zu denken vermag, fich
diefer Beweisführung ergeben mufs? Wenn ja, dann wird
es, fürchte ich, nicht fchwer fein, fich ihr zu entziehen.
Oder wendet fie fich auch an den Willen, an die per-
fönliche Ueberzeugung, an die Werth gebende Function
des Geiftes? Nur fo wäre, fcheint mir, die Sphäre ge-
troffen, in der fich Autor und Lefer bei einer Verhandlung
über Religion und Weltanfchauung thatfächlich bewegen
. Aber müfste das dann nicht auch hervorgehoben
und dies innere Gewebe der geiftigen Feft-
ftellung und Aneignung von Wahrheiten in einer wenig-
ftens für den Kundigen klar erkennbaren Weife berück-
fichtigt fein? Und müfste, würde ich hinzufügen, in

diefem Falle die Argumentation nicht vielfach anders,
grundfätzlich anders verlaufen, als hier gefchieht? Zweitens
müfste m. E. deutlicher hervortreten, wie E. das Verhältnifs
des geiftigen Lebens und damit auch der Religion zur Ge-
fchichte denkt. Ift fie nur der Schauplatz, auf dem fich die
innerenKräfte desGeiftes entfalten, auf dem Thatfache wird,
was unabhängig von ihr aus ewigen Quellen dem Einzelnen
je und je zufliefst? Oder hat das gefchichtliche Leben felbft
fchöpferifche Bedeutung und Kraft, fo dafs alles, was uns
Gott giebt, feiner Art nach durch dies Werden in der
Gefchichte bedingt und beftimmt ift? Nur Letzteres dürfte
den Thatfachen entfprechen, während E. alten philofo-
phifchen Traditionen folgend der erfteren Auffaffung
zuzuneigen fcheint. Wie gefagt, ich will hier nicht meine
Anflehten den feinen entgegenhalten. Es liefse fich über
diefe wichtige Frage ficherlich vielerlei pro et contra fagen.
Aber berechtigt fcheint mir das Bedürfnifs des Lefers,
genauer über diefen Sachverhalt orientirt zu werden. Nur
unter diefer Vorausfetzung liefse fich auch über die Unter-
fcheidung zwifchen Ewigem und Zeitlichem im Chriftenthum
auf genügender Grundlage verhandeln. Mufs man
die Bedeutung der Gefchichte für unfer gefammtes geiftiges
Leben höher anfchlagen, als E. thut, dann gehört vielleicht
manches zum unveräufserlichen Wefen des Chriflenthums
(fo nämlich, dafs man, ohne daran feilzuhalten,
auch deffen ewigen Inhalt auf die Dauer nicht behaupten
kann), was er nur zur abzuftreifenden kirchlichen
Exiftenzform rechnet.

Wie dem jedoch immer fei, jedenfalls hat die von
E. als Poftulat der Wahrhaftigkeit bezeichnete Trennung
zwifchen der evangelifchen Gemeinde, die von diefer
Exiftenzform nicht laffen will, und den Gefinnungsge-
noffen E.'s kaum Ausficht auf Verwirklichung. Glücklicher
Weife nicht! Im Allgemeinen fchon gilt, dafs die Gemeinde
folche Männer wie Eucken nicht entbehren kann,
wie er feinerfeits aus ihr herausgewachfen ift. Vollends
gilt es, weil er darin Recht hat, dafs die Kirche der
Reformation für lange Zeit, vielleicht Jahrhunderte daran
zu arbeiten hat, fich nach allen Seiten auszuwirken, wobei
es ohne eine tiefgreifende Umbildung (nicht Befeitigung)
ihrer gegenwärtigen Exiftenzform nicht abgehen wird.
Und dafür werden alle Kräfte unentbehrlich fein, die
Gott ihr zuwachfen läfst. Daher werden wir beffer thun,
zufammenzubleiben und mit einander an der Löfung des
Knotens zu arbeiten, ftatt ihn zu zerhauen.

Berlin. Kaftan.

Kierkegaard, Sören, Ausgewählte christliche Reden. Aus

dem Dänifchen überfetzt von Julie von Reincke. Mit
einem Anhang über Kierkegaard's Familie und Privatleben
nach den perfönlichen Erinnerungen feiner Nichte,
Fräulein Lund. Nebft einem Bild Kierkegaard's und
feines Vaters. Giefsen 1901, J. Ricker. (XII, 158 S. 8.)

M. 3.-; geb. M. 4.—

Den deutfehen Freunden des dänifchen Denkers und
Dichters wird es erwünfeht fein, dafs ihnen in diefem
hübfeh ausgeftatteten Büchlein einige weitere religiöfe
Reden desfelben zugänglich gemacht werden, die bisher
noch nicht ins Deutfche überfetzt waren. Es find 5 Reden
über ,Heidnifches Sorgen' und 3 Reden über ,Stimmungen
im Leidenskampf'. Auch der Anhang, in welchem Erinnerungen
an Sören Kierkegaard, die eine feiner Nichten
niedergefchrieben und als Manufcript hat drucken
laffen, deutfeh wiedergegeben find, wird mit den beigefügten
Bildern (von ihm felbft und feinem Vater)
allen willkommen fein, die fich für ihn intereffiren.
Nicht als wenn man daraus neue Auffchlüffe über
ihn erhielte. Es find eben nichts als anfpruchslofe per-
fönliche Erinnerungen, wahrfcheinlich zunächft nur für
die Familie beftimmt. Es bietet aber doch Intereffe,
das Bild des Mannes in ihnen fich fpiegeln zu fehen.