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Ausgabe:

1902

Spalte:

683-684

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmiedel, Otto

Titel/Untertitel:

Die Hauptprobleme der Leben Jesu Forschung 1902

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Seite 1

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683

Theologifche Literat urzeitung. 1902. Nr. 26.

684

.regieren', hält J. mit Unrecht für einen durch das Arabische
veranlafsten Fehler W.'s (S. 27).

Nebenbei werden auch grelle Schlaglichter geworfen
auf die ,Phantaftereien eines Jenfen', überhaupt der Affyrio-
logen und Himjaritiker, ja der ganzen orientalifchen
Wiffenfchaft. In der Beilage (S. 50—52) wird Praetorius,
der die Erklärung des Sibawaihi von J. in demfelben
riefte der Gött. Gel. Anz. recenfirt hat, einer befonderen
Antwort gewürdigt und ihm diefelbe ,Drei(Iigkeit' und
,Fälfchung des Standpunktes' vorgeworfen wie W.

Kiel. Hugo Grefsmann.

Schmiedel, Gymn.-Prof. Otto, Die Hauptprobleme der Leben
Jesu Forschung. (Sammlung gemeinverftändlicher Vorträge
und Schriften aus dem Gebiet der Theologie und
Religionsgefchichte 27.) Tübingen 1902, J. C. B. Mohr.
(IV, 72 S. gr. 8.) M. 1.25

Als zur Orientirung für ein aus Juriften, Verwaltungsbeamten
, Aerzten, Schulmännern, Künftlern u. f. w. zu-
fammengefetztes Publicum beftimmt entfpricht der Vortrag
feinem Zwecke in recht anerkennenswerther Weife.
Er verfchont die Hörer, bezw. Lefer mit Autornamen
und Büchertiteln fo viel, als nur immer möglich; er
fpricht lauter deutliche, unverclaufulirte Urtheile aus und
belegt diefelben faft durchweg mit gut ausgewählten
Exemplificationen; er berührt alle brennenden Fragen,
alle hervorragenden Controverfen und giebt zu jeder
derfelben ein bald definitiv, bald proviforifch formulirtes
Votum ab; er Hellt die bezüglich der fynoptifchen wie
der johanneifchen Frage beftehenden Hypothefen in fo
einfacher Geftalt dar, wie fie fich nicht leicht mit einem
der genauer ausgeführten Verfuche decken, aber dafür
ein um fo deutlicheers Bild von den allgemeinen Möglichkeiten
, die fich hier aufthun, und von den Richtungen
geben, in welcher die Löfung gefucht wurde. Als relatives
Gemeingut der heutigen Forfchung erfcheinen: die
Zwei-Quellen-Hypothefe,die .kleine Apokalypfe', das vierte
Evangelium als Lehrfchrift, Lehrdichtungen aber auch
vielfach in den fynoptifchen Berichten mit bald juden-
chriftlicher, bald paulinifcher Färbung, bezw. katholifch-
kirchlicher Tendenz. Annehmbar erfcheinen auch der Ur-
marcus und eine befondere Lucasquelle. Buddhiflifche
Einflüffe werden bei Lucas und Johannes als möglich,
in manchen apokryphifchen Evangelien als thatfächlich
hingeftellt. Ueber die Wunder der evangelifchen Ge-
fchichte kann man in Kürze nicht befonnener und zugleich
unzweideutiger reden, als S. 36 h S. 62 f. gefchieht.
Stellen wie Marc. 65. iOis. 1332 gelten als Beweife für das
Vorhandenfein eines unanfechtbaren Kerns gefchichtlicher
Ueberlieferung. Unter den neueren Darftellungen erfahren
befonders Brandt und Wrede eingehendere, jedoch nur
theilweife zuftimmende Beurtheilung. Gegen den Erften
wird bemerkt, dafs die jedenfalls feftftehende Verur-
theilung durch den Einzug provocirt war, diefer alfo
nicht aus der Gefchichte geftrichen werden darf. Dem
Zweiten gegenüber beruft fich der Verf. auf des Unterzeichneten
Kritik in den .Göttingifchen Gelehrten Anzeigen
' (19OI, S. 948—960) unter Hinzufügung der Hypo-
thele, dafs die paulinifirenden Züge erft in den Urmarcus
eingetragen feien, fo dafs die Marke Hervorhebung des
UnverMandes der Jünger, die VerMockungstheorie und
andere Stützpunkte des ,Meffiasgeheimnifses' in Wegfall
kämen (S. 46 h). Specielle Betrachtungen widmet der Verl.
den neueren Verhandlungen über das Abendmahl, den
Menfchenfohn und das Reich Gottes, wobei hauptfächlich
die Pofitionen von Wellhaufen, Lietzmann, P. Schmiedel,
weiterhin von Baldenfperger, Johannes Weifs, Bouffet
und Wernle gekennzeichnet werden. Die das Ganze ab-
fchliefsende Skizze eines Charakterbildes Jefu charakterifirt
lieh durch Zurückdrängung des, in feiner wirklichen Bedeutung
übrigens keineswegs verleugneten, eschatologifchen

Momentes hinter dem allgemein Menfchlichen, ewig Gültigen
, wie es Bergpredigt und Gleichnifse vertreten; ferner
durch Zurückfchiebung der Geburt des Meffiasbewufstfeins
von der Taufe auf die Epoche der Verklärung (S. 55.61.63 f.);
I endlich durch Unterfcheidung einer früheren Zeit erfolg-
I reichen prophetifchen Wirkens und einer fpäteren, welche
Kämpfe und Mifserfolge, aber auch Ausfichten in die
Heidenwelt, vor Allem auf einen glorreichen Sieg nach
zeitlichem Untergang brachte.

Strafsburg i. E. H. Holtzmann.

Chase, Pres. Prof. Frederic Henry, D.D., The Credibility
of the book of The Acts of the Apostles. Being the
Hulsean lectures for 1500— 19OF. London 1902,
Macmillan and Co. (XV, 314 S. gr. 8.) 6 sh.

Vier Vorlefungen, deren letzte aber die zweite Hälfte
des ganzen Buches füllt. Dafür iM fie auch nur kaum zur
Hälfte vorgetragen worden, nachträglich aber noch zu
einer Abhandlung ausgewachfen. Gleichwohl iM im
Uebrigen, von wenigen, kurzen Noten abgefehen, der
Charakter der breiten, mündlichen Rede feMgehalten;
fogar ausgedehnte Nachrufe für den Bifchof Creighton
und die Königin Victoria, die beide während der Vor-

! lefungszeit Marben, unterbrechen die Bemühungen um

i die ApoMelgefchichte (S. 160 f. 167. 302 f.). Die Art und

1 Weife, wie fich der Redner feiner Hauptaufgabe entledigt
, iM nicht von der Art, dafs fie an fich felbM An-
fpruch auf durchgehende Beachtung feitens der Fachgelehrten
erheben könnte. Aber der Mann, der hier

i fpricht, Meht an hervorragender Stelle {President of
Queen's College in Cambridge), redet zu einem gebildeten
Publicum und hat fich in der theologifchen Welt fchon
durch mancherlei gelehrte LeiMungen einen Namen gemacht
. Hier begegnet er uns als typifcher Vertreter der

I anglikanifchen Theologie, fofern diefelbe in erMer Linie
von apologetifchen Zwecken beherrfcht ift. Der Kritik
— als Vertreter derfelben werden gelegentlich Harnack
und Jülicher genannt (S. 9)— wird vorgeworfen, Hobart's
Fintdeckung eines medicinifchen Jargons bei Lucas über-
fehen zu haben (S. 14). IM demnach ,der geliebte Arzt'
Kol. 414 der Verfaffer der ApoMelgefchichte, fo konnte
er als Begleiter des Paulus deffen Bekehrung fo erzählen,

j wie diefer felbM fie erzählt hatte (S. 69); er konnte ebenfo
gefchichtstreu auch dieRedendes ApoMels, die fich übrigens
felbM beglaubigen (S. 288—292), berichten (S. 120); er
konnte infonderheit, da er als Studiosus medicinae auch
Menographiren gelernt haben wird, die Rede in Milet
nachfehreiben (S. 112). Er mufste aber in Rom, wohin
er ja dem Paulus gefolgt war, auch mit Petrus bekannt
werden, der ihn über die erMen Schickfale der Gemeinde be-

I lehren (S.24), ja am Ende felbM controliren konnte, was ihm
Lucas in den Mund legte (S. 121). Daher diefe Reden auch

| einem primitiven Studium der chriMlichen Theologie ganz
entfprechend befunden werden und nicht wohl hinterher

j von einem Pauliner erfunden fein können (S. 158 f., 294).

I Hier bewegt fich unferVerf., dem fragelos eine grofse Vertrautheit
mit fpätjüdifcher und altchriMlicher Literatur zu
Gebote Meht, zuweilen in der Nähe einiger gefchichtlichen
Wahrfcheinlichkeit (S. 132 t. 135 f.). Sofort aber fchweift
er wieder in die Ferne, wenn er auch den Marcus, fofern
diefer zu den 10«. 11 12 erwähnten Begleitern gehört habe,
als Gewährsmann für die Corneliusgefchichte (S. 76t.) und
Anderes (S. 21 f.) in Anfpruch nimmt. Ueberdies war er
ja ,Dolmetfcher des Petrus'. Dafs diefer felbM aramäifch

; gefprochen hat, macht keine Schwierigkeit. Denn theils
konnte er als Galiläer doch auch ein wenig griechifch rade-

j brechen (S. 114 f.), theils gab es in Jerufalem von Anfang
an neben der aramäifchen auch eine ebenfo glaubwürdige
helleniMifche Tradition (S. 119), aus welcher Lucas fchöpfte
(S. 124 f.). Diefelbe kennzeichnet fich z. B. durch die uner-
findbare, der gefchichtlichen Situation der erMen Ge-