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Ausgabe:

1902

Spalte:

670-672

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wobbermin, Georg

Titel/Untertitel:

Theologie und Metaphysik 1902

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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66g

Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 25.

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tholicismus der evangelifchen Kirche Polens oft ver-
hängnifsvoll geworden ift. Wohl nirgend hat der Grund-
fatz cuius regio eins religio eine ähnliche Geltung gefunden
, wie hier. Faft jeder Stadtmagiftrat, jeder Woi-
wode, jeder Staroft beftimmte verhältnifsmäfsig unabhängig
über die Zugehörigkeit der in feinem Gebiete
gelegenen Kirchen zu diefem oder jenem Bekenntnifs,
und oft bedurfte es nur eines Wechfels in der Perfon
diefer kleinen Gewalthaber, um eine Kirche einer
anderen reformatorifchen Richtung oder wohl gar wieder
dem Katholicismus zuzuführen.

Diefer Mangel an Einheit ift für den Hiftoriker der
Grund vielfacher Schwierigkeiten. Zunächft ift es nicht
leicht, in dem bunten Gemifch einzelner Thatfachen
das Gemeinfame feftzuhalten und die genetifche Entwicklung
des Ganzen zu erkennen. Andererfeits mufs
der Gefchichtsfchreiber der polnifchen Reformation in
hervorragender Weife Detailforfcher fein, da er eben
alle einzelnen Thatfachen kennen mufs, um aus ihnen
ein Bild des Ganzen zu gewinnen. Eine folche Kenntnifs
läfst fich aber nur durch Bewältigung einer grofsen
monographifchen Literatur erwerben, durch die in alter
und neuer Zeit fo mancher dunkle Punkt der polnifchen
und polnifch-preufsifchen Reformationsgefchichte erhellt
worden ift, deren Durcharbeitung aber eine jahrelange
mühfame Arbeit erfordert.

Liefe Schwierigkeiten laffen es erklärlich erfcheinen,
dafs die Gefchichte der Reformation in Polen und im
polnifchen Preufsen bisher keine wirklich befriedigende
Darfteilung gefunden hat. Das zu fein, kann auch das
oben genannte Buch nicht beanfpruchen. Sein Hauptfehler
ift, dafs es fich auf ein viel zu wenig umfangreiches
Quellenmaterial gründet. Zwar hat der Verf. für die
eigentlich polnifche Reformationsgefchichte eine ganze
Reihe von Quellen anfuhren können, darunter fo manche
polnifche, und hat auch nicht nur Darftellungen der kirchlichen
, fondern auch der politifchen und literärgefchicht-
lichen Entwicklung feine Aufmerkfamkeit gefchenkt.
Aber fchon hier ift ihm manche wichtigePublication neuerer
Zeit unbekannt geblieben. Ich erinnere nur an die
Briefe des Bifchofs von Wloclawek und Krakau, Andreas
Zebrzydowski und des Bifchofs von Ermland,
Stanislaus Hofius. Weit fchlimmer ift jedoch der Mangel
an genauerer Literaturkenntnifs in Bezug auf die evan-
geliiche Kirche des polnifchen Preufsens. Hier find
Wernicke's Gefchichte Thorns (1842) und des Katholiken
Eichhorn Biographie des Stanislaus Hofius (1854—55) die
einzigen Quellen, die er anführt. Die reiche Literatur
der preufsifchen Kirchengefchichte, befonders derjenigen
Danzigs, ift ihm alfo ganz unbekannt. Die Folge davon
ift, dafs diejenigen Partien feines Buches, die lieh mit
der Reformation in Preufsen befchäftigen, durchaus unzulänglich
find. Da ift fo mancher Irrthum, fo mancher
falfche Bericht wieder aufgefrifcht, die durch die
hiftorifche Arbeit der letzten Jahrzehnte längft abge-
than find.

Alle diefe Ausftellungen follen uns aber doch nicht
überfehen laffen, dafs das Buch auch vieles Gute
bringt. Anzuerkennen ift, dafs der Verf., was er bietet,
in lebendiger lesbarer Form bietet, dafs er von den
wichtigeren Perfönlichkeiten — leider nicht von dem
älteften Verkündiger des Evangeliums in Pofen, Andreas
Samuel — anfehauliche Bilder giebt, und dafs er auch
der inneren Entwickelung der evangelifchen Kirchen feine
Aufmerkfamkeit widmet.

Das erfte, einleitende Capitel berichtet über refor-
matorifche Beftrebungen in Polen vor der deutfehen
Reformation im Anfchlufs an den Huffitismus, worauf
Capitel 2 bis 4 einen Ueberblick über die Ausbreitung
der lutherifchen Lehre, des Calvinismus und der böhmi-
fchen Brüderkirche geben, während Capitel 5 die
Stellung der katholifchen Kirche, des Hofes, des Adels
und der Geiftlichen zu der evangelifchen Bewegung

fchildert. Capitel 6 bis 8 find der inneren Gefchichte
der evangelifchen Kirche gewidmet, und zwar fchildert
Capitel 6 die Unionsverfuche der evangelifchen Con-
feffionsverwandten, Capitel 7 den Bekenntnifsftand, die
Organifation, den Cultus und das innere Leben und Capitel
8 die Literatur der Evangelifchen. Gerade diefe
Capitel, befonders das achte, find die werthvollften in
dem Buche, da fie manches bieten, was dem der polnifchen
Sprache nicht mächtigen F'orfcher fchwer zugänglich
ift. In Capitel 9 wird dann noch der Socinianis-
mus behandelt, der bekanntlich in Polen fein eigentliches
Wirkungsgebiet hatte.

Im Anhang giebt der Verf. einen Auszug aus der
ftreng reformirten .gröfseren Apologie' des Martin Kro-
wicki, eines der fchlagfertigften Polemiker der polnifchen
Reformation, und das fchöne Antwortfehreiben
des Woiwoden von Wilna Nikolaus Radziwil auf die
Zufchrift des päpftlichen Legaten Aloyfius Lippomanni
vom März 1556.

Gr.-Schliewitz (Weftpreufsenl Lic. Freyta_g.

Wobbermin, Priv.-Doz.Lic. theol. Dr. Georg, Theologie und

Metaphysik. Das Verhältnis der Theologie zur modernen
Erkenntnistheorie und Psychologie. Berlin 1901, A.
Duncker. (XII, 291 S. gr. 8.) M. 4.80; geb. M. 6.—

Die Abficht des Verfaffers ift auf S. 144 ausgefprochen:
,Der religiöfe Glaube, am allermeiften der chriftliche, kennt
und verehrt Gott als ein Wefen von abfoluter Eigenrealität.
Allerdings ift das Glaubensfache und foll Glaubensfache
bleiben; es foll und kann nicht durch vviffenfehaftliche
Forfchung erwiefen werden. Aber die Theologie als Wiffen-
fchaft vom (chriftlichen) Glauben darf doch bei ihrer wiffen-
fchaftlichen Bearbeitung diefes Glaubens nur folche Begriffe
verwerthen, die wiffenfehaftlich berechtigt und anerkannt
find'. So gelangt W. dazu, der Ritfchl'fchen Schule gegenüber
Notwendigkeit und Recht der Metaphylik d. i. des
NachdenkensübertransfcendenteDinge zu betonen. Zu dem
Zweck ftellt er eine doppelte Unterfuchung an ; zuerfl kritilirt
erden von Avenarius, Mach undZiehen vertretenen Empirio-
kriticismus als die Richtung der Gegenwait, die am ent-
fchiedenftenjede Aufhellung überTransfcendentes verwirft.
DieferRichtung fuchterzuerft das Ich abzugewinnen, indem
er in dem Ich die Gefühls- und Willensregungen, die fich
unmittelbar als die .meinen' ergeben, als das Entfcheidende
betont. Von da aus ift dann der vom Empiriokriticismus
geleugnete Unterfchied zwifchen Immanentem und Trans-
feendentem gleich wieder da (S. 91) und die Realität der
Aufsenwelt wiederhergeftellt. Daneben handelt es fich
noch um das obere Stockwerk des Transfcendenten, nämlich
um die aus der Welt des Gemüthes und Willens er-
wachfenden Objectvorftellungen, von denen der Empiriokriticismus
natürlich ebenfo wenig etwas willen will. Diefe
bekommen ihre Gewifsheit von ihrem Werthe und ihrer
allgemein menfehlichen Gültigkeit her.

Eine ausführlichere Darlegung finden dann diefe Gedanken
in dem pofitiven Theil, der fich in dem oben angegebenen
apologetifch-theologifchen Intereffe mit den Fragen
befchäftigt, ob es für die wiffenfehaftliche Erkenntnifs ein in
[ voller Eigenrealität beftehendes Etwas giebt und ob fich
von einem folchen aus andere Exiftenzen von gleicher
Eigenrealität erfchliefsen laffen. Als das Etwas von
i grundlegender Bedeutung wird das Ich dargelegt. Es
gefchieht das im Intereffe des Glaubens an den perfön-
lichen Gott und an das ewige Leben. Wenn man das
Ich weder als gemeinfamen Beziehungspunkt für die ver-
fchiedenen Inhalte noch als Seelenfubftanz fafst, fondern
als dauernd wirkendes Reales, dann wird fich die Exiftenz
diefes Ich wiffenfehaftlich vertreten laffen, denn es wird
unmittelbar erlebt, kommt als wirkende Kraft zum Be-
wufstfein und zwar als ein dauerndes Reeles. Der
Weg von diefem Realen zu anderen Realen führt über