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Ausgabe:

1902 Nr. 24

Spalte:

639-640

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jacoby, Adolf

Titel/Untertitel:

Ein bisher unbeachteter apokrypher Bericht über die Taufe Jesu 1902

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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Seite 1

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639

Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 24.

640

Jacoby, Adolf, Ein bisher unbeachteter apokrypher Bericht
über die Taufe Jesu. Nebft Beiträgen zur Gefchichte
der Didaskalie der zwölf Apoftel und Erläuterungen
zu den Darftellungen der Taufe Jefu. Mit acht Abbildungen
. Strafsburg 1902, K. J. Trübner. (107 S.
gr. 8.) M. 4.50

Ein Buch, über das es fchwer ift, in Kürze zu refe-
riren. Es ift darin von mancherlei die Rede und dahinein
Klarheit zu bringen hat der Verf. dem Lefer über-
laffen, der fich durch häufiges ,f. u.' und ,f. o.' mehr beunruhigt
als orientirt fühlt und den unerfreulichen Eindruck
hat, das meifte doppelt zu lefen.

Jacoby geht aus von dem Titel öiöaOxaXixrj, der
fich in der koptifchen Literatur an drei Stellen finde
dies fei nicht = öiöayr). Die eine der Stellen führt ihn
dann auf das bekannte chronologifche Fragment ex xcov
djtoOxoXixmv öiazdgecov jceqi xrjg ejii<paveiaq xov xvgiov
mit den merkwürdigen Anfätzen der Hauptthatfachen
des Lebens Jefu nach Tagen und Stunden. Hiermit ift
in dem Chronicon paschale eine apokryphe Ausmalung
der Taufe Jefu verbunden. Diefe wird nun durch allerlei
Epiphanien-Homilien fyrifcher und griechifcher Väter,
liturgifche Texte und Pilgerfchriften illuftrirt. Schliefslich
mündet die Arbeit aus in eine Befprechung der Tauf-
darftellungen in der altchriftlichen Kunft. Ein Nachtrag
befchäftigt fich noch mit Schriften der Mandäer.

Für die Literatur hatte Ufener, für die Kunft
Strzygowski wefentlich vorgearbeitet. Jacoby's Grundgedanke
ift, dafs das aufgeführte Material direct und in-
direct auf die alte fyrifche Didascalia aposiolorum bezw.
ein diefer zu Grunde liegendes apokryphes Evangelium
zurückweife, in welchem die Taufgefchichte unter Verwendung
u. a. von Pf. 114 3—5 reichlich mit Zügen der
volksthümlichen Theophanie - Vorftellung ausgeftattet war:
Lichterfcheinung, Aufbraufen des Waffers, Zurückweichen
des Jordan u. ä. m. J. hat es unterlaffen, die Art diefer
Evangelienfchrift beftimmter darzulegen: man könnte
das als weife Zurückhaltung loben, wenn fich nicht
darin der Grundfehler zeigte, das Operiren mit ver-
fchwommenen Vorftellungen. Schon die Zurückführung
jenes Taufberichtes in dem Chron. pasch., woran J.
dann ganz willkürlich andere Momente aus anderen
Quellen anfchliefst, auf die alte fyrifche Didascalia
apostolorum ift fehr problematifch: für die darunterliegende
Exiftenz eines derartigen Evangeliums hat J.
auch nicht den Schimmer eines Beweifes erbracht. Er
ift fich über die Entwickelung der einzelnen Züge felbft
offenbar nicht klar: gelegentlich betont er richtig, dafs
fich in dem Material verfchiedene Stufen der Vorftellungs-
entwickelung und -Umbildung zeigen. Hätte er fich an-
geftrengt, diefe genau feftzulegen, fo würde fich von
felbft ergeben haben, dafs nicht eine vage apokryphe
Evangelienfchrift, fondern der dichterifche Schwung
fyrifcher Hymnologen und die typologifirendeAuslegung
der Pfalmen es ift, auf die alles zurückgeführt werden
kann und mufs!

Gern erkennen wir manche gute Beobachtungen an,
befonders in dem ikonographifchen Theile, der der befte
ift. Richtig ift z. B. die Deutung der auf vielen Tauf-
darftellungen fich findenden Säule mit Kreuz auf ein
durch die Pilgerberichte für den vermeintlichen Taufort
bezeugtes Wahrzeichen. Richtig ift ferner die Erklärung
des auch oft vorkommenden Drachen durch Hinweis auf
Pf. 7413. Aber nicht gewürdigt ift, dafs z. B. in Abb. 6
dabei auch ein künftlerifches Motiv der Symmetrie mit-

1) Aufser dem von C. Schmidt publicirten koptifchen Text des Feft-
briefes des Athanafius find es zwei Fragmente aus den Manuscrils coptes
du Mus/e d' Antiquit/s des Pays-Bas a Leide von Pleyte und Boefer. Zu
diefer Publication darf Ref. auf feine Bemerkung in Z. f. wiff. Theol. XLIII
(N. F. VIII), 1900, 444 ff. verweifen. Wie man den arg verdorbenen Text
S. 428 (Jacoby S. 4) ein Gedicht nennen kann, ift mir unverftändlich: es
ift ein ganz in Verwirrung gerathenes liturgifches Formular.

I wirkt: die Taube auf Jefu Haupt, der Drache unter
feinen Füfsen. Solche Compofitionsmotive müffen bei

I der Deutung viel ftärker berückfichtigt werden. Gewifs
ift möglich, dafs jene merkwürdige, faft durch die ganze
mittelalterliche Kunft zu verfolgende Darfteilung, wonach
das Waffer fich wie ein Berg an Jefu Leib emporthürmt,
mit dem Aufbraufen der Waffer in Pf. 7717 in Verbindung
gebracht worden ift: urfprünglich entflammt
diefe Anordnung ficherlich nur dem Beftreben, Jefus,
dieHauptperfon,welche naiveKunft unterUmftänden durch
doppelte Gröfse auszeichnete, nicht niedriger flehen zu
laffen als die Nebenfiguren; und doch follte er im Waffer
flehen! Dabei diente dies zugleich zur Bedeckung der
Blöfse, wozu man fonft Bekleidung oder die Haltung des
Armes brauchte. Dafs nichts anderes gemeint ift, ergiebt
der Vergleich mit den Bildern, bei denen nur der Kopf
aus dem oberen Ende des Wafferlaufes hervorragt, in
gleicher Höhe mit dem des Täufers. Auch bei jener
,Chronotaxie' hätte eine Beachtung des Schematismus
weiter geführt. Hier foll offenbar die (richtig mit Cote-

| lerius und Hilgenfeld conjicirte) zehnte Nachtftunde bei
der Geburt der zehnten Tagesftunde bei der Taufe ent-
fprechen; jene und die Combination mit Pf. 1103 find

! dabei fecundär, diefe geht auf Joh. 139 (fälfchlich auf

I die Taufe bezogen) zurück. Ebenfo entfpricht nachher
der fechften Tagesftunde bei der Kreuzigung die fechfte
Nachtftunde bei der Auferftehung; oder falls hier
ftatt c' zu lefen ift, weil der Tod ja drei Stunden nach
der Kreuzigung erfolgte, fo entfprechen fich die neunte
Nachtftunde bei der Auferftehung und die neunte Tagesftunde
bei der Himmelfahrt. Auch die philologifche Behandlung
diefes Textes läfst zu wünfchen übrig: in der
Berückfichtigung der einzelnen Zeugen ift keine ratio,
die Art der Bearbeitung in P2 und die enge Verwandt-
fchaft des Barocc. hiermit ift nicht klargeftellt; der
Apparat mifcht unwefentliches und wefentliches und

| läfst über manches im Unklaren; wo fteckt Reitzenftein's
Collation von H? Die Marginalien), auf die J. fich S. 16
ftützt, fehlen überhaupt. Für den fog. Barbarus Scaligeri
ift jetzt doch Mommfen's, für Nicephorus de Boor's Aus-

I gäbe zu benutzen. Cod. Regius 1819 ift jetzt Par. B. N.
gr. 806; über Mone's Reichenauer Handfchrift N. 60
wäre gewifs in Karlsruhe näheres zu erfahren. Dafs
das ,Leben Adam's und Eva's' durch die Taufgefchichte
beeinflufst fei, wird niemand glauben, der jüdifche
Luftrationsriten kennt, und dafs die Benimmung des Ge-
burtsfeftes auf den 25. Dec. nicht von dem Empfängnifs-
tageaus, fondern von dem Todestage durch Zurückrechnen
von 32 (33) Jahren und 3 Monaten gewonnen fei, muthet
überkünftlich an.

Dies ganzeGebiet der Apokryphen, zumal der,Chrono-
taxien', und der religionsgefchichtlichen Probleme erfordert
in ganz befonderem MaafsekritifcheBefonnenheitund philologifche
Technik. Der Verf. würde gut thun, fich vor-
erft einmal von diefem Gebiete weg anderen Fragen zuzuwenden
, die durch gröfsere Einfachheit von felbft zu
einer ficheren Handhabung der Methode führen.

z. Z. Lindenfels i. O. von Dobfchütz.

Harnack, Adolf, Die Mission und Ausbreitung des Christentums
in den ersten drei Jahrhunderten. Leipzig 1902,
J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. (XII, 561 S. gr. 8.)

M. 9.— ;

in Leinen geb. M. 10.— ; in Halbfranz M. 12.—

Die älteffe Miffionsgefchichte der chrifflichen Religion
ift merkwürdiger Weife bisher vernachläffigt geblieben.
Nur flüchtige Umriffe, die fich in den kirchengefchichtlichen
Hand- und Lehrbüchern ziemlich ftereotyp fortpflanzen,
find gegeben worden. Die Vernachläffigung ift um fo
auffallender, als die Ausbreitungsgefchichte im 4. und 5.
Jahrhundert mit Sorgfalt, wenn auch noch nicht abfchlie-