Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1902

Spalte:

620-623

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kolb, Chr.

Titel/Untertitel:

Die Anfänge des Pietismus und Separatismus in Württemberg 1902

Rezensent:

Bossert, Gustav

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

6ig

Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 23.

620

wollte, und hat auch felbft fchon die Erfahrung gemacht,
welche Prof. E i c k h o f f in feiner Anfprache an die Verfamm-
lung des Vereins am 2. Oct. 1901 in Dortmund über ,die Bedeutung
der kirchengefchichtlichen Forfchung für unfere
Gemeinden' (S. 26—36) ausgefprochen hat, dafs in katholi-
fchen Pfarrhäufern für Fixirung des gefammten Herkommens
, für das Capitel der Kirchenheiligen und ihre
frühere Verehrung vielfach Sinn vorhanden ift, aber für
wiffenfchaftliche Bearbeitung folcher Fragen bildet die
Brevierverpflichtung vielfach ein Hindernifs.

Der vierte Jahrgang beweift auch, dafs der Verein
die vorreformatorifche Gefchichte in keiner Weife aus-
fchliefst. Denn er bietet eine gröfsere und zwei kleinere
Arbeiten aus jener Zeit. Es wäre fehr zu wünfchen, dafs
die Ausbildung des Parochialfyftems, wie fie Dr. Rothert
für Soeft im Zufammenhange mit der räumlichen Ent-
wickelung Soeft's und feiner Hoven behandelt hat, für die
ganze Graffchaft Mark unterfucht würde, wie Ref. in den
Blättern für württembergifche Kirchengefchichte für einen
grofsenTheil Württembergs denUrpfarreien nachgegangen
ift. Nur fo wird man die Gefchichte der Einführung des
Chriftenthums etwas mehr aufhellen können. Zu diefem
Zwecke müfsten die Kirchenheiligen fämmtlicher alten
Kirchen gefammelt und ihr Alter näher beftimmt werden.
Nach Rothert ift die Peterskirche die ältefte Pfarrkirche
der Stadt und wahrfcheinlich auch des Soeftgaus, während
in Südweftdeutfchland S. Martin, der Nationalheilige der
Franken, bei den Urkirchen überwiegt. Beachtenswerth
ift, dafs Erzbifchof Philipp von Köln (1168—1191) mit
einem Schlage die Peterspfarrei in fechs Kirchfpiele zer-
fchlug, alfo das vollzog, was heutzutage für die Grofs-
ftädte fleh als dringendes Bedürfnifs geltend macht.

Intereffant ift der Nachweis, dafs 1490 ein Hans
Coensbroeck und ein Schufter Bendix Dieckmann huffiti-
fche Lehren in der Gegend des weftfälifchen Naumburg
ausbreiteten (S. 129).

Zur Charakteriftik des abfterbenden Regentenhaufes
giebt das Jahrbuch drei Stücke, ein Glaubenslied, das
dem Pierzog Wilhelm zugefchrieben wurde, und das nach
der Niederlage im Clevifchen Kriege entftanden fein mufs,
einen Brief Maria Eleonoren's, der Herzogin von Preufsen,
und einen ihrer Schwefter Magdalena, Pfalzgräfin von
Zweibrücken, beide Töchter des Herzogs Wilhelm. Alle
drei Stücke waren fchon gedruckt, weshalb eine Verwerfung
auf die Quellen und beim Briefe der Herzogin
von Preufsen höchftens die wichtigeren Abweichungen
der Ueberfetzung Weier's vom franzöfifchen Originale
genügt hätten. Derartige Vereinspublicationen, welche
meift den Raum fparen müffen, follten fleh auf felbft-
ftändige Auffätze und ungedruckte Quellenftücke be-
fchränken.

Recht dankenswerth ift die Arbeit von P. Rothert
über den ,Confeffionsftand der Gemeinden der Graffchaft
Mark', ein Titel, der dem werthvollen Inhalte der Arbeit
nicht ganz gerecht wird. Denn fie giebt Protocolle von
Zeugenausfagen, welche auf Veranlaffung des Grofsen
Kurfürften 1664—67 über den Stand der kirchlichen
Dinge in der entfeheidenden Zeit 1609—24 von den
Richtern und Droften eingezogen wurden. Man fleht
hier, wie unwahr die Behauptung der ultramontanen
Gefchichtsfchreibung ift, nur das Gefchrei der Prädi-
canten und der Gewiffensdruck der Fürften habe den
Proteftantismus ausgebreitet. Von letzterem konnte im
Herzogthume Jülich-Cleve nicht die Rede fein, denn
die beiden letzten Herzöge waren fchwachfinnig. In
Lüdenfcheid wurden aber längft lutherifche Gefänge gelungen
, ehe der erfte Pfarrer die Reformation begann.
Als der Pfarrer Wullen in Lütgen Dortmund 1606/7 das
Abendmahl nicht unter beiderlei Geftalt reichen will,
gehen die Leute aus der Kirche und communiciren
anderswo. Nicht ganz feiten blieben die Pfarrer katholifch
und lafen ihre Meffen, aber die Gemeinden waren evan-
gelifch und zufrieden mit einem lutherifchen Vicar, der

evangelifch predigte und die Sacramente verwaltete.
Ganz von felbft war der Katholicismus zufammenge-
fchrumpft und erft durch die weifchen Soldaten wieder
zu einigen Kräften gekommen, aber das Volk als Ganzes
konnte er nicht mehr gewinnen; dazu fehlten ihm die
rechten Kräfte. Was für nette Bekehrer Rom fandte,
fleht man z. B. S. 81 und 88.

Aus dem Gang der Reformation in den herzoglichen
Gebieten erklärt fleh, dafs die meinen Gemeinden
bis zum Tode des letzten Herzogs keine Verfaffung hatten
und in keiner Verbindung unter einander ftanden, auch
die Beftallung der Pfarrer in den verfchiedenften Händen
lag, wie f Landmann S. 1 iöff. i22ff. zeigt. Eine Nachprüfung
wird die Angabe verdienen, der Pfalzgraf von Neuburg
habe auf der erften märkifch-lutherifchen Synode in
Unna 1612 die Presbyterialverfaffung eingeführt S. 122.
Aus Keller, Die Gegenreformation in Weftfalen und am
Niederrhein III, S. 44 h läfst fleh nur die Einführung der
Synodalverfaffung durch den Pfalzgrafen erfehen, aber
Keller hebt ausdrücklich das Fehlen der Presbyter
auf den Synoden hervor, S. 46, was doch bei einer
wirklichen Presbyterialverfaffung undenkbar wäre.

Eine fehr fleifsige Arbeit, der es dann und wann an
| kräftigen Urtheilen nicht fehlt, z. B. S. 59 ,Die Erhabenheit
des Aufkläricht ift wahrhaft impofant oder fie macht
doch Pofe', ift die oben fchon erwähnte eingehende Unter-
fuchung der Gefangbücher von Soeft und Lippftadt durch
Superintendent Neil e, der beim älteften noch erreichbaren
Gefangbuch von 1707 nachweift, wie das 16. Jahrhundert
in diefem Gefangbuch noch weit mehr vertreten ift, als
die erfte Hälfte des 17., wie es denn noch längere Zeit
dauert, bis Gerhardt die ihm gebührende Stellung in den
Gefangbüchern endlich erlangt. Sehr beachtenswerth ift,
wie die Strafsburger Dichter und auch die Conftanzer
Ambr. und Thom. Blarer und Joh. Zwick in diefem
Gefangbuche vertreten find. Man wird wohl annehmen
dürfen, dafs diefe Lieder fchon in den noch nicht wieder
aufgefundenen Gefangbüchern von 1674 und 1683 ftanden,
aber waren fie in diefe über Heffen gekommen oder
vom Niederrhein r

Wer die brutale Tyrannei kennt, mit der der Rationalismus
feine Eier dem fchwäbifchen Volke aufdrängte
(vgl. Württemb. Kirchengefchichte 1893 S. 509),
der freut fich nicht nur über den Muth, mit dem die
Stadt Soeft ihre Selbftftändigkeit auch gegenüber Friedrich
dem Grofsen behauptete, als diefer 1780 das ra-
tionaliftifche Gefangbuch von Diterich und Genoffen einzuführen
befahl, fondern noch mehr über das Toleranzpatent
des Königs vom 18. Januar 1781 , das jenen
Befehl aufser Kraft fetzte (S. 58), während kleinere Geifter
mit Bajonetten Gefangbücher aufdrängten. Nelle giebt
hübfehe Proben des überaus kläglichen Unvermögens des
Rationalismus, gegen den die märkifchen Gemeinden, wie
Eickhoff zeigt, fich kräftig, aber vergeblich wehrten.

Mit Recht wird eine Gefchichte des Pietismus und
des Rationalismus in der Graffchaft Mark als ein Bedürfnifs
anerkannt, das der Thätigkeit des Vereins
würdige Ziele fleckt, vor allem aber wäre eine tiefgründige
Gefchichte der Reformation, welche den früheften
Aeufserungen des reformatorifchen Triebs in der Graffchaft
und der allmähligen Ausbreitung der Reformation
liebevoll nachginge, eine Aufgabe, an welche der Verein
alle Kraft rücken dürfte.

Nabern. G. Boffert.

Kolb, Dekan Chr., Die Anfänge des Pietismus und Separatismus
in Württemberg. Stuttgart 1902, W. Kohlhammer
. (IV, 218 S. gr. 8.) M. 2. —

Kaum ein Mann war berufener, die Anfänge des
Pietismus in Württemberg aufzuhellen, als der Verfaffer
der trefflichen Gefchichte der Kirche Würtembergs im