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Ausgabe:

1902 Nr. 2

Spalte:

598-600

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Renan, Ernest

Titel/Untertitel:

Lettres du séminaire. 1838-1846 1902

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 22.

fammenhang ignorirt, giebt fie eine Arbeit, die faft peinlich
genau denFaden der zeitlichen Reihenfolge beobachtet.
Es ift alfo durch Hinzufügung eines noch fo paffenden
weiteren Stückes der ganzen Schwierigkeit nicht abgeholfen
. Dje vorliegende 3 soc. will zum Widmungsfehreiben
nicht paffen. Aber auch 3 soc. und Spcc. paffen
nicht zufammen. In dem Buche der beiden Italiener
fpringt das fchon äufserlich durch die verfchiedene Länge
der Capitel in die Augen. Ich glaube, wenn man 3 soc.
und Spcc. zufammendrucken würde, felbft unter Weglaffung
der nach T. dem Compilator von 1318 zuzufchreibenden
Capiteleintheilung, fo würde man das fofort merken: 3 soc.
giebt Gefchichte, Spec. giebt Anekdoten; das ift nicht,
wie T. S. 119 meint, ohne Belang. Ueberdies ift auch
fchwer zu begreifen, warum gerade das, was dem Wid-
mungsfehreiben entfpricht, foll abgefchnitten worden fein,
warum man nicht nur die Abfchnitte, die etwa polemifch
oder fonft anftöfsig waren, ausgefchnitten haben foll,
fondern das ganze Buch mit all den vielen harmlofen Ge-
fchichten. Andererfeits hat T. ganz mit Recht energifch auf
denThatbeftand der vorhandenen Manufcripte hingewiefen,
der eine Trennung des offenbar ächten Widmungsfehreibens
von 3 soc. (freilich faft ebenfofehr eine Loslöfung der
letzten beiden Capitel) völlig verwehrt. Ich geftehe, dafs
ich in der Frage der Legende der drei Genoffen über ein
non liquet noch nicht hinauskomme. Doch kehren wir
zum Spcc. zurück! Das ift nach T. in feiner Hauptmaffe
eine Arbeit der drei Genoffen. Es wird zunächft S. 12 ff.
darauf hingewiefen, dafs fchon aus dem Spcc. felbft hervorgehe
, dafs nicht Leo allein, fondern mehrere Vertraute
die Verfaffer feien. Nun, auch Sabatier beftreitet nicht,
dafs Leo mit einigen Genoffen zufammengearbeitet
hat, fo dafs das ,nos qui cum eo fuimus* fein Recht als
Pluralis behält, allein andererfeits ift gar nicht zu bezweifeln
, dafs eine Perfon, ein Geift, die Feder in den
.S/Vr.-Gefchichten geführt hat. Davon dafs irgendwie die
befondere Individualität verfchiedener Verfaffer aus den
Anekdoten zu erkennen wäre, ift keine Rede; und wenn
fpäter von den Spiritualen Leo allein als Verfaffer fo
mancher diefer Gefchichten angegeben wird, fo ift doch
fehr naheliegend, ihn als den, der die Feder geführt hat,
anzunehmen. Jedenfalls ift es faft nur ein Wortftreit, der
fich da erheben kann. — Anders fteht die Sache mit der
Frage, ob diefe Gefchichten zum erftenmal 1246 oder 1227
crefchrieben worden find. Da verkenne ich nun nicht das
Gewicht der Gründe, die von T. dafür beigebracht worden
find, dafs diefelben vor 1246 nicht vorhanden gewefen
fein können; aber auch da frage ich mich: find die vorhandenen
Schwierigkeiten durch T.'s Hypothefe gehoben?
Vor allem das eine: von allen Seiten, namentlich von
T. felbft, werden die Vorzüge der S>z-z>Schilderungen
hervorgehoben, Unmittelbarkeit und Frifche zeichnen fie
im höchften Grade aus; das ift's, was doch bei allen, die
fie lefen, den unmittelbaren Eindruck der Glaubwürdigkeit
macht, was fchliefslich auch die Forfcher veranlafst,
trotz aller vorhandenen Schwierigkeiten, die die Manu-
scripte und die zeitgenöffifche Literatur bereiten, ihre Ab-
faffungszeit fo hoch hinaufzurücken. Da frage ich mich:
ift es wahrfcheinlich, dafs20jahre vergangen find zwifchen
den Ereignifsen, bezw. dem Tod des Heiligen und der
erften Aufzeichnung? 20 Jahre find eine lange Zeit im
Menfchenleben, und was waren das für 20 Jahre für die
Genoffen Leos! T. felbft giebt zu, dafs das Spcc. nach
feiner Darftellungsweife fehr gut als ein Werk aus dem
Jahre 1227 begriffen werden könnte. Kann es ebenfogut
als ein Werk aus dem Jahre 1246 begriffen werden?
Auch den Hinweis Sabatier's darauf, dafs die Polemik im
Spcc. nach der Bulle Quo elongati eine Empörung gegen
die päpftliche Entfcheidung involviere, die dem Leo nicht
zuzutrauen fei, vermag ich nicht fo leicht zu nehmen wie
T., während ich die Anftöfse, die T. unter Annahme der
Abfaffung im Jahre 1227 findet, zum Theil nicht fo gewichtig
finden kann, befonders unter der Vorausfetzung,

dafs das Spcc. allerdings in gröfserem Mafse interpoliert
ift, als Sabatier annimmt. Der gröfste Anftofs liegt im
Widmungsfehreiben der 3 soc, wo die Genoffen ihre

■ ,florcsl als etwas befchreiben, was den bisherigen Legen-
denfehreibern nicht bekannt war. Alfo ein bekanntes
Buch konnte das Spcc. jedenfalls vor 1246 nicht gewefen
fein, aber die Schwierigkeit liegt doch eigentlich nicht
nur darin, dafs die Legendenfchreiber, ein Thomas von
Celano, ein Julian von Speier, ein Heinrich von Pifa, das
Buch nicht gekannt und verwerthet haben, fondern darin,

: dafs fie alle diefe charakteriftifchen Gefchichten, Worte
und Thaten des Heiligen nicht gekannt haben follen.
Wenn fie alle diefe Gefchichten ignoriert oder nicht ge-

j kannt haben, fo ift's auch möglich, dafs fie eine Schrift
darüber ignoriert haben, befonders wenn fie fo wie angenommen
entftanden fein follte. Ich möchte aber auch
da über ein non liquet nicht hinausgehen. Dafs die Zu-

■ kunft noch manches neue Licht bringen kann, das wird
T. erkennen, wenn er die von ihm wohl überfehenen

; Documenta antiqua Franciscana von L. Lemmens (P. I
Scriptafratris Leonis und P. II Speculumperfectionis, redactio
prima, Quarrachi 1901) und auch das neuefte Fascicule III

1 der Opusculcs de critique historique von Sabatier lieft.

Ich möchte aber zum Schlufs nicht unterlaffen da-

j rauf hinzuweifen, wie weit doch die Uebereinftimmung

1 der Forfcher über den hiftorifchen Werth des Spcc. geht.
Es fcheint ja eine grofse Kluft zwifchen 1227 und 1318
zu liegen. Allein die nach meiner Anficht unzweifelhafte

j literarifche Priorität der .SjVr.-Schilderungen vor 2 Gel.
und befonders die innere Befchaffenheit des Spcc. nöthigt
doch fchliefslich jeden, und fo auch T., das Spec. für eine
Quelle erften Ranges, für einen auf Augenzeugenfchaft be-

I ruhenden Bericht anzuerkennen. Ob die Quelle von Leo
oder mehreren Genoffen herrührt, ob fie mehr oder
weniger Zufätze und Bearbeitung erfahren hat, darauf
kommt gerade hier nicht foviel an, denn davon kann felbft

I unter Annahme der Jahreszahl 1227 keine Rede fein, dafs

1 wir in dem Buche ein ftenographifches Protokoll fehen
dürften; auch Leo war kein kritifcher Gefchichtsfchreiber

1 nach unferen Mafsftäben, fondern ein begeifterter An-

I hänger eines religiöfen Genies und ein Mönch des 13. Jahrhunderts
. Was wir im Spec. mit gröfster hiftorifcher
Treue abgemalt finden, find nicht fowohl die einzelnen
Gefchichten und Worte, als vielmehr der ganze Geift,
die Denkweife und Handlungsweife des in feiner Art ein-

; zigen Heiligen von Affifi und feiner erften Genoffen.

Neckarsulm. F, Lempp.

Renan, Erneff, Lettres duseminaire. 1838—1846. Paris 1902,
Calmann-Levy. (III, 350 S. gr. 8.) Fr. 7.50

Nachdem der Verleger zunächft den Briefwechfel
Renan's mit feiner Schwefter Henriette, hierauf die lange
Jahre hindurch geführte Correfpondenz zwifchen Renan
und Berthelot herausgegeben hat, bringt dtr in gleichem
Verlage erfchienene Band die Briefe, die Renan vom
bifchöflichen Seminar in den Jahren 1838—1846 an
feine Mutter gefchrieben hat. Sie bieten bei weitem
nicht das Intereffe, das die beiden erften Bände zu einer
ebenfo anziehenden als lehrreichen Leetüre macht. Sie
laffen uns nur fehr indirect einen Blick in die allmählige
Loslöfung Renan's von der katholifchen Kirche thun,
und gewähren uns über das innere Werden des geift-
vollen Kritikers auch nur dürftigen Auffchlufs. Dagegen
; gewinnen wir einen unmittelbaren Einblick in das Ge-
müthsleben des zum Jüngling heranreifenden Knaben,
in die wahrhaft rührenden Beziehungen, die zwifchen
ihm und feiner Mutter beltanden, in das Treiben und
Streben der Schüler und Lehrer eines katholifchen
Seminars, in die Eligenthümlichkeiten der Geiftesart Renan
's, die er auch fpäter, nach feinem völligen Bruche
mit der Kirche, niemals verleugnen konnte.