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Ausgabe:

1902 Nr. 19

Spalte:

527-528

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fleisch, Urban

Titel/Untertitel:

Die erkenntnistheoretischen und metaphysischen Grundlagen der dogmatischen Systeme von A.E. Biedermann und R. E. Lipsius kritisch dargestellt 1902

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 19.

528

Doch fcheinen mir allerdings innere Gründe aufs Stärkfte
dafür zu fprechen, denn nach Inhalt und Form ftimmen
diefe Predigten über Höh. L. 2, 3; Matth. 9, 9; Joh. 14,6,
nebft dem kleinen von dem Werthe der Sacramente
handelnden Abfchnitte, mit dem was als echt Eckhartifch
anzufehen ift, trefflich überein. So liegt es z. B. ganz in
der Art E.'s (vgl. die Bemerkungen des Ref. in Pr. R. E.3
V, S. 149), wenn im 3. Stücke aus dem Texte lediglich
die Worte ,fah' ,fprach' und ,ihm' herausgehoben und
ohne jede Rückficht auf den Zufammenhang zur Unterlage
für die myftifchen Auseinanderfetzungen des Predigers
gemacht werden. In jedem Falle erhalten wir
hier eine werthvolle Bereicherung der Litteratur der
deutfchen Myftik, denn einige der eigenthümlichften
myftifchen Lehren, wie die von der Geburt des Sohnes
Gottes in der menfchlichen Seele, werden ausführlich
und eigenartig dargelegt. Intereffant ift befonders auch
die Erörterung der drei Stufen des geiftigen Schauens
im erlten Stücke, von denen dem Petrus die niederfte,
Johannes die mittlere, Paulus die höchfte zugewiefen
wird, aber mit der Bemerkung, dafs Petrus gerade deshalb
, weil fein Schauen der Welt und den weltlichen
Dingen am nächffen lag, geeignet war, zum Papfte der
ganzen Kirche gemacht zu werden.

Wir haben damit auf das Wichtigfte der hier dargebotenen
dankenswerthen Veröffentlichung hingewiefen;
auch die übrigen hier nicht erwähnten Stücke aber bieten
dem Forfcher auf dem Gebiete diefer Litteratur
mannigfaches Intereffe.

Berlin. S. M. Deutfch.

Fleisch, Lic. theol. Urban, Die erkenntnistheoretischen und
metaphysischen Grundlagen der dogmatischen Systeme von
A. E. Biedermann und R. A. Lipsius kritisch dargestellt.

Berlin 1901, C. A. Schwetfchke & Sohn. (IV, 204 S.
gr. 8.) M. 5.40

An Publicationen, die dasfelbe Thema behandeln,
wie die vorliegende Schrift, ift heute kein Mangel. Es
genügt, von manchen anderen abgefehen, an die Auf-
fatze von Lüdemann im erflen und zweiten Jahrgange
der Proteftantifchen Monatshefte zu erinnern. Der Autor
kann jedoch für das gute Recht feiner Veröffentlichung
fich darauf berufen, dafs er nicht nur berichten, vergleichen
und abfchätzen, fondern im Anfchlufse an derartige
Vorarbeit feine eigenen einfchlägigen Anfchau-
ungen entwickeln und darlegen will.

So zerfällt denn das Buch von felbft in drei Theile.
Der erfte befchreibt in vielfach zuftimmender, aber darum
nicht kritiklofer Darfteilung die Erkenntnifstheorie Bieder-
mann's und deffen Auffaffung vom Verhältnifse der Meta-
phyfik zur Dogmatik und Theologie.

Der zweite behandelt Lipfius, dem bei aller warmen
Anerkennung doch nachgewiefen und vorgehalten wird,
dafs er Kant nicht verflanden habe, in feiner Stellung
gelegentlich fchwanke und allmählich in das Fahrwaffer
Ritfchl's hineingetrieben worden fei.

Bei weitem der längfte Theil ift der dritte. Hier
trägt der Verf. feine eigene Meinung vor, die etwa die
Mitte einhalten will zwifchen derjenigen von Biedermann
und der von Liplius, aber jener um ein gut Stück
näher kommen dürfte als diefer. Sie läfst fich etwa in
folgenden Sätzen recapituliren: Alle Wiffenfchaft, die
des Namens werth ift, beruht auf Erfahrung, die in
äufsere und innere zerfällt, und deren Inbegriff die
Summe unferer Vorftellungen ift. Die auf folcher Bafis
aufgebaute Erkenntnifs reicht an die wirkliche Befchaffen-
heit der Dinge heran. Denn die Idealität von Raum und
Zeit ift nicht ficher begründet; vielmehr fpricht manches
dafür, dafs beiden, wiewohl fiea priori gegebene fubjective
Formen find, etwas Reales im Zufammenhange des Seins
entfpricht. Ebenfo kommt den Kategorien objective Giltig-
keit zu. Aber nicht nur kann unfer Erkennen der äufseren

und inneren Welt ein einigermaafsen adäquates genannt
werden; auch Metaphyfik als Wiffenfchaft von dem
letzten Grunde des Alls ift möglich. Der Einwand, dafs
die genannte Disciplin ja doch ftets bei ganz verfchie-
denen und fich widerfprechenden Refultaten ausmünde,
richtet nichts aus, da fich mehr und mehr in ihrem Betriebe
eine einheitliche Tendenz zum ,ideali(tifchen Monismus
' bemerkbar macht. Freilich bedient fie fich
einer eigenen Methode: fie geht zwar wie alle Wiffenfchaft
von der Erfahrung aus, bearbeitet jedoch diefe
dann weiter mittels der ,Speculation', deren Wefen darin

j befteht, ,dafs fie da, wo zu ftreng logifcher Schlufsfol-
gerung die erforderlichen Mittelglieder fehlen, die relativ

j berechtigten Denknothwendigkeiten abwägt, durch freies
Combiniren zu hypothetifchen Annahmen fortfchreitet
und fo unfere lückenhaften Einzelerkenntnifse zu einem
einheitlichen Gefammtbilde zu verknüpfen fucht'. Ilt
nun aber Metaphyfik möglich, fo hat der Dogmatiker
fie zu doppeltem Zwecke zu verwenden: einmal, um mit
Hilfe derfelben ,die religiöfen Poftulate in wiffenfchaft-
lich begründete Hypothefen umzufetzen', wobei allerdings
eine ,ftreng logifche Beweisführung', wie Biedermann
fie für angängig hält, ausgefchloffen ift; dann um
durch ftetige Confrontation mit ihren Ergebnifsen einer-

j feits, der religiöfen Erfahrung andererfeits die überlieferten
Glaubensfätze zu läutern.

Hervorragende Führer zu Gott find uns — fc heifst es
noch in einem zufammenfaffenden Kapitel — Kirche.
Bibel, Jefus; indeffen der eigentliche Weg zu ihm ift der
,Erfahrungsbeweis', d. h., das durch teleologifche Betrachtungen
ergänzte kosmologifche Argument Lotze's

1 fowie das religiöfe und fittliche Argument (Berufung auf

j die Allgemeinheit des Gottesbewufstfeins und deffen
Wirkungen).

Wie man fieht, ift die Gefammtanfchauung durchaus

! keine neue: erkenntnifstheoretifcher Realismus; idealifti-
fche Metaphyfik; Fructificirung der letzteren für die
Apologetik und die Glaubenslehre; zum Schlufse ein-

! zelne Anklänge an Bolliger.

Ref. will nun gern einräumen, dafs, wo eine philo-
fophifche oder theoretifch begründete Weltanfchauung
zu allgemeinem Anfehen oder weitreichendem Einflufse
gelangt wäre, der Theologe allen Anlafs hätte, fich mit
ihr auseinander zu fetzen. Etwas ganz anderes ift aber
doch die Forderung, dafs der Dogmatiker gleichfam felblt
Metaphyfik zu produciren und gar diefe als Correctiv und
kritifchen Maafsftab der chriftlichen Glaubensfätze zu gebrauchen
habe. Da liegt die Gefahr einer Vergewaltigung
und Verunreinigung des fpecififch religiöfen Elements erheblich
viel näher. Vestigia terrent! Wollte man trotzdem
an dem betreffenden Programme fefthalten, fo müfste man
jedenfalls, angefichts der gegenwärtigen Lage, das Recht
zu einem entfpiechenden Verfahren durch eine viel gründ-

1 lichere Widerlegung der aus der Kantifchen Erkenntnifs-

I theorie oder dem Pofitivismus fich ergebenden Bedenken
erkämpfen, als fie vom Autor verfucht worden ift. Was

I diefer beifpielsweife gegen die Subjectivität des Caufali-
tätsbegriffs S. 131 vorbringt, wird er gewifs felbft nicht

I als ausreichend einfchätzen. Hier hätte alfo eine Theologie
nach dem Herzen Fleifch's, fetzte fie fich nicht
leichthin dem Vorwurfe des Dilletantismus oder des

; Zurückgebliebenfeins aus, zunächft an faurer philofophi-
fcher Detailarbeit fich mitzubetheiligen.

Endlich noch ein Wort über die Polemik gegen
Ritfchl. Sie ift wenig glücklich. Mag man über den
gewaltigen Göttinger Theologen denken, wie man will,
Anklagen wie die, dafs er mit einer doppelten Wahrheit
rechne, oder Vorwürfe wie der, dafs feine Schüler
ihrerfeits Metaphyfik treiben, weil fie den Materialismus
und Pantheismus ablehnen, follten nachgerade nicht mehr
erhoben werden. Sie tragen zur Verftändigung, auf die

I es doch ankommt, nichts bei.

I Strafsburg i. E. E. W. Mayer.