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Ausgabe:

1902 Nr. 19

Spalte:

525-527

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Langenberg, Rudolf

Titel/Untertitel:

Quellen und Forschungen zur Geschichte der deutschen Mystik 1902

Rezensent:

Deutsch, Samuel Martin

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 19.

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weifs ich felber nicht, und hat Paulus nach II. Th. 2 —
denn das Hauptbedenken gegen die Echtheit des Briefes
erledigt fich damit — vor der Parufie den Abfall und
den Antichrift erwartet (übrigens auch I. Kor. 7 26 offenbar
im eschatologifchen Sinne von der hveotmoa avayxi]
geredet) und doch I. Th. 5 2 das Wort wiederholt: yfidna
xvqIov cos xXixzrjg ev vvxrl ovzcog toyszcu.

Aber widerfpricht nun nicht doch diefe Detail-
fchilderung der Zukunft der fonftigen Art Jefu, namentlich
dem Wort d öo&?]G£zai zf] yevsä zavzv önuiüov
Mc. 812 und Par., fowie dem anderen: ovx Eoygzcu 1)
ßaatXda zov dzov (i£za jtaQazrjQtjOEcog Lc. 1720? Ich
glaube nicht; denn namentlich die letztere Aeufserung,
in der evzbg vpäiv nur: in euren Herzen bedeuten
kann, bezieht fich doch offenbar lediglich auf die Gegenwart
— in der Zukunft wird man von der ßaöiXda etwas
fehen; dann aber konnte Jefus auch für fie jene Zeichen
des Endes erwarten, die fonft in der jüdifchen Apoka-
lyptik eine Rolle fpielten. Ja, er mochte trotz feiner
Erwartung einer Zerftörung des Tempels auch von dem
ßdiXvyua zrjg £Qrjuc6o£cog (wenngleich nicht genau in
diefer Form) reden; denn die Erhaltung des Tempels
brauchte er deshalb nicht vorauszufetzen, wie ja auch
der dritte Evangelift vielmehr an die Verwüftung Jerufa-
lems denkt.

Können wir nun aber die eschatologifche Rede bei
Marcus im wefentlichen für echt halten, fo erweift fich auch
die zweite Theorie W.'s, die Wiederkunftsweisfagungen
bezögen fich urfprünglich auf ein fiegreich.es Hervorbrechen
aus dem Totenreiche, noch mehr als unhaltbar,
denn vorher. Seine Beweife dafür (S. 33) find ja in der
That von Schwartzkopff (Die Weisfagungen Jefu Chrifti
S. l86ff.l im einzelnen widerlegt worden und gegenüber 1
der üblichen Berufung auf das änb zov vvv Mt. 26, 64
(S. 19) hat Holtzmann (I, S. 311) nichts als wahrfcheinlicher
bezeichnet, ,als dafs eine Stelle, welche fich im Geifte Jefu
fruchtbar erwiefen hatte, fofern er ihr die Selbftbezeich-
nung als Menfchenfohn entnahm, auch den mit den
Wolken des Himmels kommenden, das Reich bringenden
Meffias lieferte'. Noch weniger aber geht es natürlich
an, die coÖIves Mc. 13 der Auferflehung vorangehen zu
lafien; ja fchliefslich erheben fich doch auch gegen die
Annahme eines folchen Mifsverftändnifses feitens der
Jünger ähnliche Bedenken, wie fie W. felbft (S. 8 f.) gegen
die Beftreitung der Echtheit der Wiederkunftsverheifsun-
gen überhaupt geltend macht. Ich glaube alfo, jenen
Ausweg aus den hier vorliegenden Schwierigkeiten ablehnen
zu müffen, möchte aber um fo mehr betonen, dafs
die Abhandlung ihren eigentlichen Zweck, über das
Problem und feine verfchiedenen Löfungen zu orien-
tiren (S. 3), aufs befte erfüllt.

Halle a. S. Carl Clemen.

Langenberg. Rudolf. Quellen und Forschungen zur Geschichte
der deutschen Mystik. Bonn 1902, P. Hanftein. (XI,
204 S. gr. 8.) M. 5.— j

Zur Myßik im eigentlichen Sinne gehört von den ■
Schriftßück'en, die hier faß: fämmtlich zum erßen male
veröffentlicht werden, nur der kleinere Theil, alle aber
bilden intereffante Beiträge zur Gefchichte des religiös-
fittlichen Lebens in Niederdeutfchland im 14. und 15.
Jahrhundert.

Den Anfang macht (S. 3—33) eine Abhandlung, die
in der Hdfchr. Gherd de groet überfchrieben iß, und die
an Umfang jede der bisher bekannten deutfehen Schriften
Grootes übertrifft. Die Autorfchaft wird aufser dem Zeug- j
nifs der Hdfchr. (aus dem 15. Jahrh., ehemals dem Klo- j
ßer Frenswegen der Windesheimer Congregation ange-
hörig), wie der Hrsg. zeigt, durch die Erwähnung eines
Tractats Gr.'s De simonia ad begidtas und durch innere
Gründe beglaubigt. Erörtert wird in ihr die Frage, ob

ein Einkaufen in ein Beguinenhaus als Simonie zu betrachten
fei, was mit Hinweis darauf, dafs es fich dabei
auch um gewiffe geißliche Güter handele, bejaht wird;
zudem würden dadurch die Bedürftigeren und oft Tüchtigeren
ausgefchloffen. Von Wichtigkeit iß u. A. auch
die Auseinanderfetzung über das Verhältnifs zwifchen
den eigentlichen Religiofen, den Tertiariern und den
Beginnen. — Auch bei der Dekalog-Erklärung (S. 162—
176) aus einer Hdfchr. der Pauliner-Bibliothek zu Mün-
ßer, einem Beichtfpiegel, wie deren im fpäteren M-A.
fo viele gefchrieben worden find, kommt Gr.'s Autorfchaft
vvenigßens in Frage. Das Büchlein erinnert nach
Inhalt und Form mehrfach an deffen Schriften, doch
trägt der Hrsg. mit Recht Bedenken, es ihm deshalb ohne
Weiteres beizulegen.

Das umfangreichße (S. 72—106) und in gewiffer Beziehung
merkwürdigße Stück iß die Laienregel des fonß
als Gefchichtfchreiber bekannten Dietrich Engelhus (vgl.
Lorentz, Deutfchl. Gefchichtsquellen im M.-A.II, S. 151 f.),
herausgegeben aus einer ehemals Frenswegener Hdfchr. fdie
in Wolfenbüttel und in Hannover fich findenden Hdfchrr.
find nicht verglichen, was im Hinblick auf die Verwirrung
, die fich augenfeheinlich in den Ueberfchriften der
Capitel findet, zu bedauern iß). Der Verf. will (S. 72)
einfachen Leuten eine kurze Anweifung geben, wie fie
glauben, erkennen und lieben follen, doch iß die Schrift
nicht ausfchliefslich erbaulichen Charakters, fondern er-
theilt Verhaltungsmaafsregeln für fehr verfchiedene Beziehungen
des Lebens, allerdings fo, dafs überall geißliche
Gefichtspunkte zu Grunde liegen. Nach kurzer
Darlegung des chrißlichen Glaubens und nachdrücklicher
Mahnung, fich ohne viel Grübeln an das zu halten, was
die Kirche und die Prießer lehren, hören wir, ohne er-
fichtlichen Plan in der Reihenfolge, vom Faßen, vom
Effen und Trinken, wobei die vier Temperamente, und
was einem jeden fchädlich oder zuträglich iß, zur Sprache
kommen, ferner wie man fich bei Empfang des Sakraments
zu verhalten habe, von der Tautpathenfchaft; aber
auch, wie man fich kleiden, was für Gefellfchaft man
pflegen folle, welche Spiele man üben dürfe, endlich
van der stervinge oder pestilencien, wobei eine Menge
uns z. Th. recht feltfam erfcheinender Präfervativmaafs-
regeln angegeben werden; an der Spitze fieht der Ader-
lafs. Das Ganze iß, abgefehen von vielen culturge-
fchichtlich intereffanten Einzelheiten, deshalb wichtig,
weil es ein detaillirtes Bild davon giebt, was man damals
einem Laien glaubte rathen zu müffen, der fchlecht und
recht, ohne befondere Heiligkeit anzußreben, ein frommes
Leben führen wollte.

Von grofsem Intereffe iß endlich der letzte Ab-
fchnitt: Die niederdeutfehe Myßik und Meißer Eckart.
Von einer Verbreitung der Schriften E.'s auf niederdeut-
fchem Gebiete war bisher nichts bekannt, fo dafs die
Meinung herrfchen konnte, fie feien in Folge feiner Verurteilung
nicht dahin gedrungen. Dem gegenüber weiß
der Hrsg. nach, dafs vier Hdfchr. der K. Bibliothek in
Berlin (Nr. 3136, 3141, 3144 und 3156, befchrieben von
Reifferfcheidt im Jahrb. f. Niederd. Sprachforfchung
Bd. X, S. 7 ff.), ßammend aus dem Kl. Nazareth bei
Bredevoordt im Gelderlande eine lange Reihe von Predigten
E.'s in niederdeutfcherUebertragung. aber ohne je
feinen Namen anzugeben, enthalten, vgl. das Verzeich-
nifs S. 185—188, aus welchem zu erfehen iß, wo fich
die einzelnen Stücke bei Pfeiffer oder anderwärts gedruckt
finden. Nun kommen aber in Hdfchr. 3141 auch

einige noch nicht bekannte Stücke vor, die hier S. 190_

204 zum erßen male veröffentlicht werden (warum Fol.
16b Ein meistcr sprict ufw. nicht mitgetheilt wird, iß
nicht erfichtlich). Dafs auch diefe Stücke E. angehören,
wie der Hrsg. ohne Weiteres annimmt, iß aus dem Vorkommen
in der Hdfchr. allerdings noch nicht mit Sicherheit
zu fchliefsen, da diefe auch Einiges nicht von E.
Stammende, wie z. B. eine Predigt Tauler's, enthält.