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Ausgabe:

1902

Spalte:

498-499

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Chevalier, Chan. Ulysse

Titel/Untertitel:

Étude critique sur l‘origine du St. Suaire de Lirey-Chambéry-Turin 1902

Rezensent:

Achelis, Hans

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. iS.

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gäbe, dem Verf. einzelne Fehler und Unwahrfcheinlich-
keiten vorzuhalten, könnte reiche Ausbeute finden. Dafs
ein Codex, den Gregor der Grofse mit zwei Worten
charakterifirt, in einer Wiener Hanfchrift erhalten fei, ift
zu fchnell behauptet; wo D. das Martyrologium Hierony-
mianum benutzt — und das ift fehr oft der Fall — ent- j
nimmt er ihm recht anfechtbare Notizen, weil er es nicht
richtig zu lefen verlieht, was allerdings nicht leicht ift.
Aber auch wer den Wunfeh hat, das Buch von feiner
günftigften Seite aus aufzufaffen, indem man es als
Ganzes aus einiger Entfernung würdigt, kann über
Manches verwundert fein. Das Verhalten gegen feine
Vorgänger wird man fouverän finden; trotz aller Be-
lefenheit wird man Bücher vermiffen, die angeführt
werden mufsten, oder fie an anderer Stelle zu finden
erwarten. Für Unfereinen ift es fehr ungewohnt, wenn
in einer Skizze, welche die Gefchichte der hiftorifchen
Kritik an den Märtyreracten fchildert, des Proteftantis-
mus und feines Einflufses auf die Kritik, von den Cen-
turiatoren an bis zur Gegenwart, mit keinem Worte ge-
dacht wird; und nicht ohne Lächeln habe ich mich
felbft unter den imitatcurs des Bollandistes dort einran-
girt gefunden. Andererfeits weifs der Verf. ganz genau,
wie jung feine Art der Kritik auf römifchem Boden ift;
er cnarakterifirt z. B. de Rossi richtig als Vertreter der
Interpolationshypothefe, die aus unechten Schriften den
echten Kern herausfehälen zu können meinte.

Ueber alles dies will ich mit dem Verf. nicht rechten.
Durch fein Buch geht ein grofser Zug, der es höchft
fympathifch macht," und für mich alle Einzelheiten reichlich
aufwiegt. Man lefe etwa feine Charakteriftik der
echten und der unechten Acten, feine Gegenüberftellung
des vierten und des neunten Jahrhunderts hinfichtlich ihrer
Kunde von den Märtyrern, feine Skizze von dem Werden
der Kritik oder die von der Entftehung der Märtyrerver- 1
ehrung — fo wird man an Allem vielleicht hunderterlei
auszusetzen haben, aber dem Verf. dennoch dankbar fein.
Er kann noch viel von uns lernen, aber wir nicht weniger
von ihm. Er fleht unter dem Einflufse von Büchern und
Perfönlichkeiten, die mehr Beachtung verdienen, als fie 1
unter uns geniefsen, von Tillemont, Renan und Duchesne.
So geftehe ich gern, dafs ich Douforcq's lebhaft und gut
gefchriebenes Buch mit Vergnügen gelefen habe, unter
dem Eindrucke, es mit einem begabten jungen Hiftoriker
zu thun zu haben, von grofser Sachkenntnifs, weitem
Gefichtskreis und feiner Fähigkeit der Charakteriftik.

Die erfolgreiche Mühe, die Franchi auf die Texte
der beiden echten Martyrien verwandt hat, ift ihm fchon
öfter gedankt, und neuerdings ift fie in den beiden kleinen
Sammlungen der Märtyreracten, die Knopf und v. Gebhardt
herausgaben, auch benutzt worden, fo dafs es mir
nur erübrigt, auf die forgfältigen Einleitungen hinzuweifen
, die unfere Aufmerkfamkeit noch jetzt verdienen, j
In der erften Abhandlung wird die in den letzten zwölf I
Jahren reichlich häufig tractirte Frage nach der Grund- j
fprache der Passio Perpetuae et Felicitatis noch einmal
von Grund auf behandelt und — wie ich meine — mit
Recht zu Gunften des lateinifchen Textes entfehieden. Es
kommen dabei intereffante archäologifche Bemerkungen 1
zu Tage, von denen die auffälligfte die fein dürfte, dafs j
calliculae mit Unrecht als Bezeichnung der auf die Gewänder
aufgenähten Zierrate verftanden worden ift.

Die Einleitung zu der Passio Montani, Lucii etc.
unterfucht die vielfachen Beziehungen der Schrift zu der
Passio Perpetuae etc. und zeigt, dafs fie keine Fälfchung
im eigentlichen Sinne des Wortes ift, auch wenn fie erft
einige Zeit nach den Ereignifsen gefchrieben, ihre Briefform
eine Fiction und ihr Zufammenhang mit der Vergangenheit
bellen Falls durch eine Quelle, die in ihrem [
erften Theile zu conftatiren ift, vermittelt wird.

Am intereffanteften find die Unterfuchungen, die der [
h. Agnes gelten. Es ift hier, wie in vielen Fällen, zu
conftatiren, dafs man im vierten Jahrhundert wenig mehr j

von der berühmten Märtyrin wufste, als den Tag und
den Namen; je weiter man aber fich von dem Zeitpunkte
ihres Martyriums entfernt, um fo detaillirter wird das
Wiffen, das fchliefslich im fünften oder fechften Jahrhundert
in umfangreichen Erzählungen niedergelegt wird.
FVanchi geht auch auf die der Agnes gewidmeten Monumente
in Rom ein, und conftatirt dabei u. A., dafs die
jungfräuliche Tochter Conftantins, welche die Kirche
S. Agnese fuori gegründet haben foll, wenigftens in
diefer Form eine legendarifche Figur ift. Nicht ohne
allgemeineres Intereffe find auch die Bemerkungen über
den Text der Acten der Eugenia. Conybeare hatte gemeint,
er fei am bellen im Armenifchen erhalten; Franchi zeigt,
dafs derfelbe vielmehr feine Vorlage im Griechifchen
hat, und dafs das Original in zwei bekannten hagio-
graphifchen Handfchriften erhalten ift. Denn diefe
römifchen Acten find, ebenfo wie die des Nereus und
Achilleus, urfprünglich griechifch gefchrieben, eine That-
fache, die für die Gefchichte der Heiligenverehrung in
Rom nicht ohne Bedeutung ift. So ift es auch bei den
Acten der Agnes der Fall, die fpäter ins Lateinifche
überfetzt, und dann, allerdings in veränderter Geftalt,
wieder ins Griechifche zurückuberfetzt worden find. Die
Einzelheiten der Beweisführung werden Wenige interef-
firen. Wer fich mit ähnlichen Studien befchäftigt, fei
nachdrücklich auf Franchi's, wie mir fcheint, mufter-
giltige Leillung hingewiefen.

Ich kann diefe, leider fehr verfpätete Anzeige nur
fchliefsen mit dem Ausdrucke der Befriedigung, die Gefchichte
der Römifchen Localtradition in fo verständigen
und geübten Händen zu fehen. Man hat dort an derartigen
Unterfuchungen ein erheblich gröfseres Intereffe
als wir: das hiftorifene Problem hat zugleich patriotifche
und religiöfe Anziehungskraft. Um fo erfreulicher ift es
zu fehen, dafs die Liebe zum Gegenftande nicht mehr
blind macht, fondern fich in Arbeiten documentirt, die
auf der Höhe wiffenfehaftlicher Forfchung flehen.
Königsberg i. Pr. H. Achelis.

Chevalier, Chan. Ulysse, Sacramentaire et martyrologe de
l'abbaye de Saint - Remy. — Martyrologe, calendrier,
ordinaires et prosaire de la metropole de Reims

(VIIIe — XIII' siecles). Publies d'apres les manuscrits
de Paris, Londres, Reims et Assise. Avec neuf
planches en photogravure. (Bibliotheque liturgique.
TomeVII.) Paris 1900, A.Picard. (LXXII, 418S. gr.8.)
— fltude critique sur l'origine du St. Suaire de Lirey-Cham-
bery-Turin. (Bibliotheque liturgique. Tome V. - 2= li-
vraison.) Ebd. 19c». (59 u. LX S. gr. 8.)

Eine Ausgabe von höchft werthvollen liturgifchen
Büchern, die alle in der Kirche von Reims ihren Ur-
fprung haben, und vom Verfaffer mit viel Glück und
Sorgfalt aus den verfchiedenften, und zum Theil ent-
legenften Bibliotheken ans Licht gezogen find. Nr. I,
das Martyrologium antiquum abbatiac S. Remigii Remeusis
, in einer jungen Abfchrift in Paris erhalten, ift
fchon von de Roffi gewürdigt und für feine Ausgabe
des Martyrologium Hieronymianum im zweiten Novemberbande
der Acta Sanctorum benutzt worden. Chevalier
giebt zum erften Male eine vollftändige und wefentlich
verbefferte Ausgabe. — Nr. II, das Martyrologium ecclc-
siae cathedralis Remeusis, ift in Reims felbft in einer Hand-
fchrift des 13. Jahrhunderts erhalten. — Nr. IV, der Ordinarius
ad usum Remeusis ecclesiac, die Liturgie des
12. Jahrhunderts, ift nach drei Handfchriften, die fich
alle ebenfalls in Reims befinden, unter einander aber
oft abweichen, mitgetheilt; die erfte derfelben enthält
auch Nr. III, das Calendarium ecclesiac cathedralis Remeusis
. Die Nr. V, den Ordo legendi et cantandi Remeusis
ecclesiac giebt eine Londoner Handfchrift des

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