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Ausgabe:

1902 Nr. 18

Spalte:

493-495

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gebhardt, Oscar von

Titel/Untertitel:

Ausgewählte Märtyreracten 1902

Rezensent:

Goltz, Eduard Alexander

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 18.

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an; bei vielem kommen wir über ein nescimus nicht hinaus
. Um fo deutlicher treten Caffiodor als der erde Herausgeber
der Vulgata, Ifidor als Begründer der den Spaniern
eigenen Bibelgelehrfamkeit hervor. Der Stoff häuft fich
in den Pfalterien; für die Paulusbriefe bringt Irland fo-
gar den Pelagius hinein, während Spanien unter anderem
Namen felbft Priscillian aufnahm. Die Verwirrung bleibt,
trotz Alcuin und Theodulf, welch' letzterer dem Frankenreich
die Kenntnifs des fpanifchen Traditionsgutes vermittelt
. Erft einem von parifer Buchhändlern und Schultheologen
ausgehenden Revifionsunternehmen des 13. Jahrhunderts
, bei dem auch Rabanus Maurus und Gilbert de
la Poree in den Praefationen zu Worte kommen, glückt
es — trotz des Widerfpruches fachkundiger Gelehrter —
einer recht minderwerthigen Ausgabe allgemeine Geltung
zu verfchaffen. In diefer Form werden dann die Praefationen
mit commentirt, als wäre es heiliger Text. Doch
hat es — das hätte hier noch erwähnt werden können —
daneben auch eine puriftifche Strömung gegeben, die,
befonders in den deutfchen Bibeln des 15. Jahrhunderts
bemerkbar, mit allen Beigaben aufräumen möchte. Die
Reformation hat die alten Praefationen wirklich befeitigt,
doch nur um andere an ihre Stelle zu fetzen. Erft neuerdings
ift la Bible sans prefaces, sans notes et saus variantes
devenue im code. Berger billigt das nicht: il fant que la
Bible sott un livre vivant, et s'il faut que la personnalite
meine du traducteur y occupe quelque place, il rCy a pas
de mal a cela. Apres tout, la Bible c'est Vesprü de Dieu
interpretipar les honinies. Mit diefem Bekenntnifse fchliefst
die Lebensarbeit eines Mannes, der alle Kraft an die Er-
forfchung der lateinifchen Bibel gefetzt hat.

Wir find dankbar, dafs uns auch diefe feine letzte
Arbeit noch dargeboten worden ift, die dazu beitragen
wird, Berger's Namen in weiteren Kreifen unvergeffen zu
erhalten. Bei denen, welche das Glück hatten, ihm per-
fönlich nahezutreten, hat feine Liebenswürdigkeit und ftete
Hilfsbereitfchaft ihm ohnedies ein bleibendes Andenken
gefichert.

Jena. von Dobfchütz.

Gebhardt, Oscar von, Ausgewählte Märtyreracten und

andere Urkunden aus der Verfolgungszeit der chrift-
lichen Kirche (Acta martyrum selecta.) Berlin 1902,
A. Duncker. (XII, 259 S. 8.) M. 4.— ; geb. M. 4.50
Knopf. Priv.-Doc. Lic. Rudolf, Ausgewählte Märtyreracten.
(Sammlung ausgewählter kirchen- und dqgmenge-
fchichtlicher Quellenfchriften. als Grundlage für Semi-
narübungen herausgegeben unter Leitung vonProfeffor
D. G. Krüger. Zweite Reihe. Zweites Heft.) Tübingen
1901, J. C. B. Mohr. (IX, 120 S. gr. 8.) M. 2.50

Wer je in der Lage gewefen ift, die Märtyreracten
der erften Jahrhunderte einer eingehenderen Durchficht
unterziehen zu wollen und fich nicht mit den Texten der
alten Ruinart'fchen Sammlung begnügen konnte, der
wird es zu würdigen wiffen, wie willkommen eine Sammlung
diefer in ihren neueften Editionen weit zerftreuten
Urkunden in einer praktifchen Handausgabe jedem
Freunde der Kirchengefchichte fein mufs. Es kann freilich
faft zu viel des Guten erfcheinen, wenn faft gleichzeitig
zwei folcher Ausgaben dargeboten werden. Beide
find "in erfter Linie für Studenten und Seminarübungen
benimmt, beide dürfen aber auch auf einen weiteren
Leferkreis hoffen. Die Zahl der ausgewählten Stücke
ift ungefähr die gleiche, und wenn ihre Auswahl fich
nicht ganz deckt, fo ift das nur dankbar zu begrüfsen,
weil dadurch noch mehr aus dem Schatze diefer Literatur
leicht zugänglich geworden ift.

Der wiffenfchaftliche Werth beider Ausgaben ift
nicht ganz der gleiche. R. Knopf hat fich mit dem ge-
wiffenhaften Abdrucke der Stücke nach den beften Aus-

1 gaben begnügt, ohne felbft Emendationen und Correc-
I turen zu verfuchen. Auch die Interpunktion und die
I Capitel- und Abfchnittseintheilung feiner Vorlagen hat
I er beibehalten. Die directen Schriftcitate giebt er unten
| auf der Seite, ohne diefelben im Texte hervortreten zu
laffen; von Gebhardt berückfichtigt auch deutliche Anklänge
und hebt die Schriftftellen durch Sperrdruck
hervor. Bei der Auswahl hat Knopf fchärfer das
Intereffe der Studenten im Auge behalten. Denn aufser
den bekannten Stücken der beiden erften Jahrhunderte,
die natürlich von Beiden aufgenommen find, hat K.
einige markante Beifpiele verfchiedener Art aus der
fpäteren Zeit ausgewählt, die dem Studenten lebensvoll
die Gegenfätze chriftlicher und römifcher Lebensauf-
faffung vor Augen führen, welche in den einzelnen
Fällen die Martyrien herbeiführten, oder auch die Formen,
in denen fich die Proceffe vollzogen. So bringt er in
dem Martyrium Martini (nach Eufeb h. e. VII, 15) und
in den Acta Maximiliani (Ruinart S. 340 f.) und Marceil/
(Ruinart S. 343 f.) die Leidensgefchichte chriftlicher Soldaten
, in den Acten des Felix v. Tibura (Ruinart S. 390 f.),
der Agape und ihrer Gefährtinnen (Ruinart S. 424 h) und
des Euplius (Ruinart S. 437 f.) Martyrien wegen Nicht-
auslieferung der heiligen Schriften, im Briefe des Phileas
(nach Eufeb h. e. VIII, 10) und in den Acten des Phileas
und Philoromus (Ruinart S. 519 f.) Beifpiele der Folterungen
und Martyrien in Alexandrien. Wegen der
Schilderung des Saturnalien-Königthums hat auch das
Martyrium des Dafius bei K. Aufnahme gefunden, obwohl
es fpäteren Urfprunges fein dürfte. Den Stücken
der älteren Zeit hat er noch das Martyrium des Ptole-
maeus und Lucius aus der zweiten Apologie Juftin's
und das der Potamiäna und des Bafilides nach Eufeb
h. e. VI, 5 beigefügt. Dagegen hat er leider ebenfo wie
v. Gebhardt die Briefe des Dionyfius von Alexandrien
und den Bericht Eufeb's über die paläftinenfifchen Mär-
' tyrer weggelaffen. Der Umfang der Sammlung wäre
freilich dadurch um ca. 2 Bogen vermehrt worden. Ge-
meinfam unter den fpäteren Stücken ift Beiden das
Teftament der XL Märtyrer von Sebafte, dem v. Gebhardt
noch das Martyrium beigefeilt hat.

Ueberhaupt fcheint der Letztgenannte mehr von dem
Gefichtspunkte geleitet zu fein, diejenigen Stücke zufam-
menzuftellen, für welche bereits wiffenfchaftlich recenfirte
Texte vorliegen, deren Echtheit wahrfcheinlich ift. Nur
I die Acta disputationis S. Achatii und S. Maximi fowie
die Acta Jrenaei episc. Sirmicnsis (diefe auch bei Knopf)
find nach Ruinart abgedruckt; für die erfteren konnten
aber ebenfalls noch andere Textzeugen benutzt werden:
für die letzteren kannte fchon Ruinart eine gute Textüberlieferung
. Alle anderen Texte beruhen auf neueren
1 wiffenfchaftlichen Editionen, fo die Passio S. Mariani et
Jacobi und X. Montani et Luai auf den Arbeiten Franchi
de Cavalieri's, das Martyrium des Gärtners Konon von
j Nazareth auf einer von Papadopulos Kerameus veröffentlichten
Athoshandfchrift, das Teftament der Mär-
| tyrer von Sebafte auf Bonwetfch's Ausgabe und einer
Collation der Parifer Handfchrift von Omont. Für das
Martyrium der XL hat v. Gebhardt felbft einen Venediger
und einen Wiener Codex aufser der vorher bekannten Pari-
j fer Handfchrift verglichen. Man kann aber bei manchem
i diefer Stücke zweifelhaft fein, ob das Vorhandenfein
wiffenfchaftlich gearbeiteter Textrecenfionen allein genügend
Grund zur Aufnahme in diefe Sammlung bot:
das fpeciellere Intereffe und Verftändnifs für den Inhalt
dürfte dem Fachgelehrten oft näher liegen als dem Studenten
. Mit allgemeinem Danke dagegen wird die Aufnahme
der beiden libelli aus der decianifchen Ver-
j folgung und der Infchrift von Arykanda begrüfst werden;
ebenfo verdienen die beiden afrikanifchen Urkunden aus
dem Donatiftenkampf (Gesta apud Zenophiluni und Acta
purgationis Felicis) die lebhaftefte Beachtung, weil fie
j den Lefer mit dramatifcher Anfchaulichkeit in die Strei-

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