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Ausgabe:

1902 Nr. 16

Spalte:

459

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Funcke, Otto

Titel/Untertitel:

Ungeschminkte Wahrheiten über christliches Leben 1902

Rezensent:

Hans, Julius

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Seite 1

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459 Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 16. 460

Funcke, Paft. Dr. theol. Otto, Ungeschminkte Wahrheiten I
über christliches Leben. Erfte bis fünfte Auflage.
Altenburg 1902, St. Geibel. (VII, 382 S. gr. 8.)

M. 4.—; geb. M. 5.— ; mit Goldfehn. M. 5.20

Es ift der alte Funcke, der in dem neuen Buche zu
uns fpricht. Ich meine das in doppeltem Sinn. Zu-
nächft in dem: Das neue Buch trägt denfelben Charakter
wie die früheren. In Form und Inhalt ift es ihnen ähnlich.
Es enthält eine Anzahl von Betrachtungen, an allerlei
Vorkommnifse angeknüpft und unter irgend einem nachträglich
gewählten Titel zufammengefafst; und es find
diefelben Gedanken, die mit einigen Variationen wiederkehren
. Aber wenn ich vom alten Funcke fpreche,
meine ich es auch noch in anderem, im gewöhnlichen
Sinne des Wortes. Und ich darf davon wohl reden, da
Funcke felbft darauf aufmerkfam macht. Funcke ift
allmählich alt geworden. Nun bringt das Alter manches
wenig Erfreuliche mit fich, aber es hat auf viele
Menfchen doch auch die Wirkung, dafs es fie be-
fonnener und gerechter im Urtheile macht. Vielleicht
ift von diefer Wirkung auch im vorliegenden Buche
etwas zu fpüren. Funcke ift ja nie ein Mann von be-
fonderer Schroffheit und Engherzigkeit gewefen, aber
er meint doch felbft, mancher werde beim Lefen feines
neuen Buches vielleicht fagen: ,Der Alte ift milder', und
manchen ,lieben Leuten' werde er wohl zu weitherzig
erfcheinen. Es ift das auch fehr wahrfcheinlich, da er
fogar eine Lanze für das .unbewufste Chriftenthum' |
bricht, über das man fchon fo viel geftritten hat. Er
will zwar das .unbewufste' Chriftenthum vom ,undog-
matifchen' unterfchieden wiffen und lagt, das letztere fei
ein Unding, eine Nufs ohne Kern oder noch weniger.
Aber er will doch das Chriftenthum nicht mit dogmati-
fchen Maafsftäben gemeffen haben. Er fagt: .Welcher
felbftftändig denkende Menfch ift denn heutzutage, trotz
alles theologifchen, confeffionellen Gezänkes, wafchecht 1
lutherifch oder wafchecht reformirtr' Und er fagt fehr 1
richtig: ,Wo die gröfsere fittliche Aehnlichkeit mit Jefu
ift, da ift auch die gröfsere innere Verwandtfchaft mit
ihm. Das chriftliche Bekenntnifs, das fich in der ganzen
Gefinnung und im Wandel offenbart, kann nicht aus 1
Fleifch und Blut flammen'. Es wäre fehr gut, wenn diefe j
Wahrheiten gerade in den Kreifen, in denen Funcke
gerne gelefen wird, mehr Berückfichtigung fänden.

Augsburg. J. Hans.

Kalthoff, Paftor Dr. A., Die religiösen Probleme in Goethes !

Faust. Ernfte Antworten auf ernfte Fragen. Berlin 1901,
C. A. Schwetfchke & Sohn. (III, 127 S. gr. 8.)

M. 2.— ; geb. M. 3.— j

Nach dem Titel des vorftehenden Buches habe ich
etwas anderes erwartet, als was es in Wirklichkeit bietet.
Ich nahm an, der Verfaffer wolle von den Problemen,
die in der Fauftdichtung liegen, von den Fragen, die fie
Hellt, von den Räthfeln, die fie aufgiebt, diejenigen
herausgreifen, die fich auf das religiöfe Gebiet beziehen,
und wolle diefe zum Gegenftande einer näheren Unter-
fuchung machen. So ift aber der Titel nicht gemeint, fondern
etwa in dem Sinne, wiewenn er lautete: Die wichtigften
fittlichen und religiöfen Fragen im Lichte von Goethe's
Fauft. Der Verf. will zeigen, welche Antwort auf diefe |
Fragen das Goethe'fche Gedicht uns giebt. Das Buch
befteht aus 13 Auffätzen oder Abhandlungen, die u. a.
die folgenden Themata behandeln: Das Problem des
Menfchen, Himmel und Hölle, Religion und Kirche, die
Frage nach Gott, die Schuld, die Erlöfung. Jeder diefer
Abhandlungen, die die Form von Reden haben und als
Predigten gehalten zu fein Rheinen, ift ein Bibelwort
vorausgeftellt, doch felbftverftändlich nicht als Text, fondern
als Motto, das nur die Richtung einigermaafsen be- |

zeichnen foll, in der fich die Gedanken bewegen. Im
wefentlichen nimmt hier der Fauft die Stelle ein, die in
anderen Predigten die Bibel einzunehmen pflegt. Für
alles ift in ihm das löfende Wort gefprochen, für alles For-
fchen und Suchen nach Wahrheit fliefst aus ihm die
tieffte und lauterfte Quelle,alle probehaltigeLebensweisheit
ift in ihm enthalten. Der Verf. geht foweit, zu fagen,
Goethe gehöre zu den auserwählten Mitarbeitern Gottes,
,die in echtem Sinne Luther's Chriftum treiben, jenen
ewigen Geifteschriftum, deffen rechte Jünger daran erkannt
werden, dafs fie die grofse Liebe in fich tragen
zu allem Menfchlichen, zu allem Lebendigen'. Ich will
mich nun nicht weiter darüber verbreiten, dafs das
kaum der echte Sinn Luther's ift und dafs es doch wohl
als ein zu weitgehendes Spielen mit Worten bezeichnet
werden mufs, wenn man von Goethe fagt, dafs er
.Chriftum treibe'. Im ganzen aber mufs ich fagen: Die
Stellung, die hier dem Goethe'fchen Fauft zugewiefen
wird, geht über das rechte Maafs der Schätzung hinaus.
Ich Helle meinerfeits Goethe's Fauft fehr hoch. Ich
kenne kein dichterifches Werk, das ich über ihn ftelle.
Aber ich bin keineswegs der Anficht, dafs wir in ihm
eine Art abfchliefsender, fittlicher und religiöfer Offenbarung
haben. Ich glaube auch, dafs wir ihn gar nicht
daraufhin anfehen, fondern es bei der äfthetifchen Würdigung
belaffen follten; foweit man aber Normen für
unfereWelt- und die Lebensanfchauung ihm entnehmen will,
bekenne ich mich zu der Ketzerei, dafs mir wichtige
Lebensfragen nicht blofs ungenügend, fondern auch
falfch beantwortet zu fein Rheinen, und will nicht verhehlen
, dafs mir der Fauft durchaus nicht geeignet
Rheint, uns als neue Bibel zu dienen. Uebrigens
macht es der Verf. feiner Bibel, wie andere Prediger
der ihrigen gegenüber. Wo er die eigenen
Gedanken nicht herauslefen kann, lieft er fie hinein.
Und fo hoch ihm fein Autor fleht, modelt er doch
deffen Ideen etwas nach den feinigen. Wenn er es z. B.
als den Inhalt unferer Hoffnung im Sinne Goethe's
bezeichnet, ,dafs wir mit jedem Pulsfchlage unferes
Lebens, mit unferer Freude und unferem Leide, unferer
Wahrheit und unferem Irrthume, unferem Guten und
unferem Böfen eingefügt find in die unzerreifsbare Kette
des Lebens, dafs auch in uns und durch uns die grofse
Liebe zu allem Lebendigen erwachfe, der unerfchütter-
liche Glaube, dafs auch das Sandkörnchen diefes kleinen
Lebens feinen Beitrag liefert zu allen Ewigkeiten des
Weltenlaufes, der Weltentwickelung', — fo ift es doch
mehr als fraglich, ob damit der Sinn Goethe's getroffen
ift. Goethe hat es mehrfach fehr benimmt ausgesprochen,
dafs ihm diefe Art von Unflerblichkeit nicht genügt.
Das kann doch dem Verf. nicht unbekannt fein. — So
mufs ich mein Urtheil dahin zufammenfaffen, dafs die
Vorträge Kalthoff's, fo manchen guten und wahren Gedanken
fie enthalten und fo anfprechend fie der Form
nach find, weder als Predigten, noch als Beiträge zum
Verfländnifs Goethe's befriedigen können.

Augsburg. J. Hans.

Axelrod, Dr. Efther Luba, Tolstois Weltanschauung und
ihre Entwickelung. Stuttgart 1902, F. Enke. (IV,
107 S. gr. 8.) M. 4.—

Tolftoi's Weltanfchauung darzuftellen ift nicht leicht.
Er hat fie in verfchiedener Weife da und dort entwickelt
und begründet, und manches ift dabei widerfpruchsvoll
oder dunkel. Ich glaube auch nicht, dafs man durch
Schriften über ihn ein vollkommen klares Bild von
feinen Ueberzeugungen gewinnen kann; will man es
dahin bringen, fo mufs man fich in feine eigenen Bücher
vertiefen. Die vorliegende Schrift kann aber immerhin
als Einführung gute Dienfte leiften. Die Verfafferin ■—
allem Anfcheine nach eine junge Ruffin, die fich in