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Ausgabe:

1902 Nr. 16

Spalte:

452-453

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Der teleologische Gottesbeweis und der Darwinismus 1902

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 16.

452

anderem Zufammenhange Gelegenheit haben, mich nach
diefer Seite eingehender auszusprechen.

Hier nur noch eine Tafel der Haupthemata des vorliegenden
Bandes. Eine ausführliche Darlegung der
,Schriftlehre über den Begriff des meffianifchen Opfers'
(A. ,Der Begriff des Jahveh-Opfers', B. ,Der Begriff des
Opfers Chrifti') bildet den Eingang, S. 1—142. Dann wird

ftehlichen Zuge; wer da fieht, folgt fehend und glaubt,
weil er glauben will'. In der Begründung diefes
Satzes entwickelt der Verf. eine grofse pfychologifche
Virtuofität. Seine Unterfuchung zerfällt in zwei Theile:
I. De la composition de la croyance (S. 23—92). II. De
la nature de iacte de croyance (S. 93—172). Sie zeichnet
fich durch die Einfachheit und Schärfe der Beobachtungs-

im ,zweiten Buche', S. 142—619, ,die Kirchenlehre von gäbe und durch die Herbeifchaffung eines aus den ver-
der euchariftifchen Opferhandlung in der Zeit der Väter' j fchiedenften pfychologifchen Schriftftellern gefchöpften
behandelt. Der vornicänifchen Zeit gilt der erfte Ab- | fehr reichhaltigen Materiales aus. Auf einem Gebiete
fchnitt, demein zweiter über ,das euchariftifcheSakrificium aber verfagt der Pfychologe gänzlich. Ganz unbe-

in der Vätertheologie der freien Kirche' folgt (1. Auguftin
und feine Nachfolger, 2. die Lehre der Orientalen bis zum
Damascener). Ein dritter Abfchnitt behandelt dieLiturgien.
Dann folgt ein ,drittes Buch', welches den ,Mefsopfer-
Begriff des Mittelalters' beleuchtet, (1. ,die mittelalterlichen

ffiedigend lind die Ausführungen, die in das Gebiet der
eigentlich relgiöfen Pfychologie fallen. Vgl. S. 137—157:
De la croyance religieuse. Bos bemerkt, ,man habe zwar
fehr viel über Religionsphilofophie, dagegen viel weniger
über Religionspfychologie geichrieben' (S. 142). Was er

Mefserklärungen' 2. ,Der patriftifche Opferbegriff in der I aber felber zur Ergänzung diefer angeblichen Lücke beiTheologie
des 8., 9. und 10. Jahrhunderts', 3. ,Der Opfer- trägt, ift mehr als dürftig. Dasfelbe gilt von der ,psychologie
begriff der Gegner Berengars', 4. ,Der Begriff der un- ! des conversions', deren ,Mechanismus' auf die vier Termini
blutigen Opferhandlung in der fcholaftifchen Theologie'), zurückgeführt werden: Furcht, Ploffnung, Reue, Freude
S. 620—816. Es find nach Renz ,nicht etwa innere Gründe' I (S. 149). Weil der Katholicismus viel mehr Cultusgebräuche
d. h. folche, die ,in der Fortentwickelung der ratio sacri- [ befitzt als der Proteftantismus und fich auch mehr an
ficii incrnenti' zu fuchen wären, wonach dem Mittelalter die Sinne wendet, fo find die Uebertritte aus dem Proein
eigener Abfchnitt gebührt. Vielmehr find das nur teftantismus zum Katholicismus viel zahlreicher als die
,äufsere Gründe der Ueberfichtlichkeit und Gewohnheit'. I Uebertritte katholifcher Chriften zur evangelifchen Kirche :
Die Monotonie des Gefchichtsverlaufes, den Renz vor- I ,0n ne compte guere de catholiques passant au protestan-
führt, begründet nicht gerade einen Reiz der Leetüre des tisme: c'est qu'ils ont une force de resistance beaueoup plus
Buches. Für katholifche Lefer wird das nichts ausmachen grandc a vaincre, les conversions ne se faisant guere par
um des praktifchen Intereffes willen, welches für fie an 1 la raison sans 1'emotion' (S. 150). Auf derfelben Seite
Renz'Anfchauung hängt. Aber ich wünfehe dem gelehrten, I knüpft B. an die Unterfuchungen des Philofophen
tüchtigen Buche doch auch in proteftantifchen Kreifen Fouillee Temperament et caractere an, um darzuthun, wie
willige Lefer, indem ich ihnen verbürgen zu können glaube, fehr die religiöfen Ueberzeugungen durch den phyfifchen
dafs ihre Anftrengung nicht wiffenfehaftlich pro nihilo ift. Organismus bedingt find. ,Le sanguin sera plutbt libre-
Möchte der zweite Band nicht lange auf fich warten laffen. penseur, le colerique orthodoxe, le melancolique super-

Giefsen. F. Kattenbufch.

stitieux et le flegmatique indifferent; ainsi encore la
direction de la Reforme s'explique en partie par le fait

Bos, Camille, Psychologie de la croyance, Paris 1901, aue Calvin Itait bäieux> (S. t5o). Es wäre unbillig
' r c q tt aus d1^11 Litaten allgemeine Schluile zu ziehen, und

b. Alcan. (177 S. 8.) rr. 2.50 ( die ganze Schrift nach folchen Specimina zu beurtheilen.

Das in diefem Buche behandelte Problem berührt j Der Grundgedanke der hier geführten Unterfuchung
nur mittelbar das religiöfe Gebiet, fleht alfo zur Theo- j ift unanfechtbar, und es gebührt dem Verf. das Ver-
logie in einem nur indirecten Verhältnifse. Der Verf. dienft, diefen Gedanken im Einzelnen durch werthvolle
gebraucht das Wort croyance in einem fehr allgemeinen
Sinne, und obgleich er croyance zuweilen ohne
Weiteres mit foi identificiert (S. 7. u. öfters), fo ver-
fteht er doch keineswegs darunter ausfchliefslich den
religiöfen Heilsglauben; am eheften liefse fich der Mayer, D. Ph. J., Der teleologische Gottesbeweis und der
Ausdruck durch das Wort ,Ueberzeugung' wiedergeben | Darwinismus. Mainz 1901, F. Kirchheim. (VIII,
(vgl. S. 13). Das Beftreben des Verf.s geht dahin, diefe j S r 81 M

rmiimii-e ans dem rein intellectuellen Gebiete in die '-> ' '•'

Beobachtungen illuftriert und begründet zu haben.
Strafsburg i. E. P. Lobftein.

croyance aus

ethifche Sphäre zu übertragen. Weit entfernt, eine blofse
Function des Denkens zu fein, mufs fie vielmehr als une
forme de la volonte et expression de notre entierepersonnalite
S. 2) befchrieben werden. Als eigentlichen Begründer diefer
Theorie von der croyance volontaire bezeichnet Bos Pascal,
in deffen Pensees alle wefentlichen Züge diefer Auffaffung
keimartig enthalten find. Was Pascal mehr als Intuition
ausgefprochen hat, findet fich bei Kant in klaren Sätzen
ausgeführt und beruht bei ihm auf einer gefchloffenen
und zufammenhängenden Kritik des menfehlichen Er-
kenntnifsvermögens. ,Das Fürwahrhalten ift eine Begebenheit
in unferem Verbände, die auf objectiven
Gründen beruhen mag, aber auch fubjective Urfachen
im Gemüthe deffen, der da urtheilt, erfordert. — Die
Ueberzeugung ift nicht logifche, fondern moralifche
Gewifsheit und da fie auf fubjectiven Gründen (der
moralifchen Gefinnung) beruht, fo mufs ich nicht fagen:
es ift gewifis, fondern: ich bin gewifs'. Diefe Worte aus
Kant's Kritik der reinen Vernunft faffen den Grund-

Es ift eine leicht erklärliche Thatfache, dafs die
katholifche Apologetik fortwährend der Verfuchung ausgefetzt
ift, fich viel tiefer in die Erörterung rein naturwiffen-
fchaftlicher Probleme einzulaffen, als die proteftantifche.
Das hat fich deutlich in der Form gezeigt, welche die
Abwehr gegen Haeckel's ,Welträthfel' hüben und drüben
angenommen hat. Auch das vorliegende, mit bifchöf-
licher Approbation gedruckte Buch bietet ein fprechen-
des Beifpiel.

Der Autor hat fich eine doppelte Aufgabe geftellt:
einmal will er die ,Stringenz' des teleologifchen Arguments
, das die Exiftenz eines überweltlichen Gottes ,als
Forderung der Vernunft' erweift, darthun, dann aber
auch überhaupt und im allgemeinen ,die Haltlofigkeit
der darwiniftifchen Auffaffung' blofslegen. So zerfällt
die ganze Schrift in zwei Theile.

Der erfte präludirt mit einigen gefchichtlichen Notizen
, mit erkenntnifstheoretifchen, gegen die Kantifche
Anfchauung gerichteten Bemerkungen, mit einer an

gedanken der Schrift B.'s zufammen, welcher der Verf. ein j Ariftoteles orientirten Erläuterung des Begriffes ,Zweck',
Motto aus Fichte's ,Beftimmung des Menfchen' voran- j um dann in einer Reihe von Paragraphen auszuführen,
geftellt hat: ,Wir werden alle im Glauben geboren: wer dafs in der Welt fich unverkennbar eine gewiffe ,Ziel-
da blind ift, folgt bald dem geheimen und unwider- ! ftrebigkeit' bemerkbar mache. Diefe bekundet fich in