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Ausgabe:

1902

Spalte:

417-421

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rohrbach, Paul

Titel/Untertitel:

Im Lande Jahwehs und Jesu 1902

Rezensent:

Furrer, Konrad

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. in Berlin, und D. E. Schürer, Prof. in Göttingen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 18 Mark.

Nr. 15.



19. Juli 1902.

27. Jahrgang.

Rohrbach, Im Lande Jahwehs und Jehl
fFurrer).

Führer, Ein altchriflliches Hypogeum bei

Syrakus (H. Achelis).
Friedländer, Der Sprachgebrauch des Mai-

monides, 1. Teil: Arabifch-deutfches Lexikon

(Bacher).

Clemen, Beiträge zur Reformationsgefchichte,

2. Heft (Boffert).
Beiträge zur heffifchen Kirchcngefchichte, red.

von Diehl und Köhler I, 1 (Gohrs).
Schriften des Vereins für fchleswig-holfteinifche

Kirchengefchichte, II. Reihe, Beiträge und

Mitteilungen II, 1—2 (Derf.).

Loefche, Gefchichte des Proteflantismus in

Oetterreich (Boffert).
Rickert, Die Grenzen der naturwiffenfchaft-

lichen Begriffsbildung (Ritfehl).
Dörries, Der Glaube (E. Chr. Achelis).
Schmid, Gefchichte der Erziehung von Anfang

bis auf unfere Zeit V, 1—2 (E. Chr. Achelis).

Rohrbach, Paul, Im Lande Jahwehs und Jesu. Wanderungen
und Wandlungen vom Hermon bis zur Wüfte Juda.
Tubingen 1901, J. C. B. Mohr. (VII, 432 S. gr. 8.)

M. 6.—; geb. M. 7.—

Der Verfaffer verwendet eine Reihe von landfchaft-
lichen Vignetten, die er mit lebhaften Farben gemalt hat,
als Rahmen für ein zufammenhängendes Bild der israe-
litifchen Religionsgefchichte. In Betreff des rein Geograph-

mit Fetifchkräften, die er fich nach feiner perfönlichen
Eigenart wirkend denkt. Der Fortfehritt befteht auf diefem
Gebiete in rationellerer Erklärung der endlichen Urfachen
und in fachgemäfserer Beherrfchung der endlichen Kräfte.
Religion aber beruht auch in ihrer primitivften Form auf
der Empfindung einer über alle Schranken des Irdifchen
erhabenen Macht. Auf allen Stufen ift Religion in Andacht
eingetaucht. Gott ift Wirklichkeit im eminenteften
Sinne, und der Menfch als Menfch hat ein Senforium

ifchen hat er fich aus Bädeker's Reifehandbuch Rath ge- ! diefe Wirklichkeit wahrzunehmen, dereine in fehr geringem,
holt, als felbftftändiges Werk nur die Schilderung der land- I der andere in gröfserem Maafse. Wie der Sehnerv einen
fchaftlichen Züge fich vorbehaltend, die auf den hiftorifch j Reiz verfpürt, wenn Lichtftrahlen ihn treffen, fo fpürt unfer

gefchulten und religiös geftimmten Wanderer Eindruck
machten. Rohrbach ift kein Unbekannter. Er hat fich
als Mann von furchtlofer und hochherziger Humanität,
von reicher Welterfahrung und weitem Horizont fchon
feit Jahren ausgewiefen. Unbekümmert um das Urtheil
der Welt giebt er auch in diefem Buche feiner Ueber-
zeugung vollen, klaren Ausdruck, und er zeigt fich darin

religiöfes Senforium einen Reiz, wenn Wirkungen Gottes
es treffen, und diefen Reiz heifsen wir Andacht. Unendlich
Vieles, was gemeinhin unter den Begriff Religion
mit eingereiht wird, ift nur Surrogat dafür. Man
kann in gewiffem Sinne fagen, dafs die ganze Religionsgefchichte
einen Kampf darfteilt zwifchen der Geiftes-
macht, die Alles aus endlichen Urfachen herleitet, und

von Anfang bis zu Ende als ein Mann von Geift, Leben derjenigen, die eine Gemeinfchaft mit dem Unendlichen.

und Wärme

Für den erften Theil feines Werkes werden ihm die
Anhänger der .religionsgefchichtlichen' Schule ganz be-
fonders dankbar fein; denn in packender Darfteilung vermittelt
er ihre Anfchauungen über den Gang der israe-
litifchen Religionsgefchichte einem weiten Kreife von
Lefern. Längft Vergangenes erhebt er zur Gegenwart
und erzählt es fo, wie es durch fein warmes und ftarkes
Gefühl hindurchgegangen ift. Referent kann allerdings
jener Schule bei aller Anerkennung ihrer Unbefangenheit
in wefentlichen Punkten nicht zuftimmen. Sie fleht meines
Erachtens viel zu fehr unter dem Eindrucke einer bereits
veralteten Anfchauung vom Naturverlaufe, gemäfs welcher
Alles aus Allem werden kann, wenn Zeit und Umftände
günftig find. Anderfeits hat fie viel zu wenig die Lehren
der allgemeinen Religionsgefchichte berückfichtigt. Heutzutage
weifs man, dafs der Aufftieg des Naturlebens viel
complicirter ift, als man früher gedacht, dafs nur diejenigen
Keime zu höchfter Entwickelung gelangen, die dafür das
Geheimnifs von Anfang an in fich trugen. Man kehrt alfo
zum alten Satze der Logik zurück, dafs in der Folge fich
nur zeigt, was in der Urfache verborgen war. Merkwürdig
ift, wie viele neuefte Forfcher über das Wefen
des Fetifchismus fich täufchen, indem fie damit allüberall
die Religion beginnen laden. Der Fetifchismus ift gar
keine Religion, fondern eine primitive Form der Wiffen-
fchaft, das heifst, ein noch kindifcher Verfuch, die Bewegungen
der Welt aus endlichen Urfachen zu erklären.
Die Fetifchmächte erweifen fich dadurch als endliche
Gröfsen, dafs über ihnen der Zauberpriefter fleht, der fie
nach feinem Willen lenkt. Wie wir zur Erklärung von

Ewigen, auch dem ethifch Unbedingten, dem Allheiligen
bedeutet. Wie heute die Wiffenfchaft des Endlichen die
Religion bedroht, fo in alter Zeit der Zauberglaube. Man
mag hinfehen, wohin man will, nach Aegypten, Indien,
Babylonien u. f. w., immer fucht der Zauberglaube die
Religion zu verdrängen, und hat auch Erfolg, fobald in
den Völkern eine geiftige Ermattung eintritt. Aus Zauberglauben
kann Wiffenfchaft erwachfen, wie aus Alchymie
Chemie geworden ift; nimmer aber Religion. Wer das
nicht einfieht, mit dem ift nicht zu (breiten; er entbehrt
eben des Feingefühles für das centrale Geiftesleben. Kein
archäologifches Wiffen, keine philologifche Akribie kann
diefen Feinfinn erfetzen.

Zauberglaube und Religion liegen nicht nur innerhalb
eines Volkes, fondern auch in der gleichen Perfön-
keit mit einander im Kampfe, wie das Beifpiel des Königs
Saul beweift, der die Zauberkundigen einft verfolgte und fie
hernach in der Zeit feiner Depreffion wieder für fich
in Anfpruch nahm. Das aber bleibt gewifs, dafs Religion
nur aus Religion lieh entwickeln kann. Dabei ift mit
Nichten eine fpätere Stufe zugleich immer die höhere.
Vielmehr haben mehrere Religionen ihre belle Geftalt
gleich im Anfange gehabt, wie die chriftliche und die
iranifche. Grofse fchöpferifche Geifter fprechen intuitiv
Wahrheiten aus, die von kleineren Gefchlechtern erft nach
Jahrhunderten auf mühfamem Wege eingeholt werden.
Unverftanden von der Menge friftet die Ueberlieferunn
der höchft Begabten kümmerlich ihr Dafein, wie ein
Bächlein, das unter dem Eife durchackert, bis ein neuer
Geifterfrühling kommt und alte Ahnungen wieder jung
werden. Es liegt nicht ein einziger überzeugender Grund

Urfache und Wirkung mit Kräften, Spannungen, Atom- ! dafür vor, dafs Mofe den Dekalog nicht verfafst haben
lagerungen, Molecülen, Bacillen operiren, fo der Schamane könne. Wer dies beftreitet und in Mofe keinen hohen

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