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Ausgabe:

1902 Nr. 14

Spalte:

406-407

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vogel, Hermann

Titel/Untertitel:

Der Kampf auf dem westfälischen Friedens-Kongreß um die Einführung der Parität in der Stadt Augsburg 1902

Rezensent:

Bossert, Gustav

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405 Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 14. 406

ratiofidci nach der Ueberfetzung von Jakobs (in: Book of
Concord) angefügt. Zum erften Male in englifcher Ueberfetzung
aber werden als ,Selected Works of Huldreick
Zwmgk? dargeboten Zwingli's Brief an Erasmus Fabricius
über (die Vorgänge vom 7—9. April 1522, die Petition
der Schweizer Pfarrer an Bifchof Hugo von Conftanz
(= opp. Zwingli III, Uff.), die Acten der Züricher Disputation
von 1523 (ib. I, 114 ff.), die Züricher Eheordnung
von 1525 (ib. II, 356fT.) und Zwingli's Schrift gegen die
Täufer (ib. III, 3576:.). Ueberfetzer der lateinifchen Schriften
ift Henry Preble bez. George W. Gilmore, der deutfchen
Lawrence A. McLouth; Jackfon hat eine kurze Einleitung
dazu gefchrieben. Nach Stichproben, die ich von fämmt-
lichen Schriften nahm, zu urtheilen, ift die Ueberfetzung
wohlgelungen, alfo eine fchätzenswerthe, der Biographie
durchaus ebenbürtige Beigabe zu derfelben.

Giefsen. W. Köhler.

Krause, G., Die Reformation und Gegenreformation im ehemaligen
Königreiche Polen, befonders in den jetzt preufs-
ifchen Provinzen Pofen und Weftpreufsen. Pofen 1901,
Merzbach'fche Buchdruckerei. (VI, 121 S. gr. 8.)

Geb. M. 2.—

Was der Verfaffer bietet, ift eine gut gemeinte volkstümliche
Schrift zur Stärkung der deutfchen Proteftanten
im Kampfe mit Poionismus und Katholicismus. Sein
Hauptaugenmerk geht auf die Zeit der Gegenreformation
in Polen, um den dortigen Proteftanten zu zeigen, ,wie
fchwer ihren Vorfahren das Bekenntnifs ihres Glaubens
und die Bethätigung desfelben gemacht worden ift, damit
fie jetzt, im freien und ruhigen Genufse des Evangeliums,
dasfelbe umfo höher fchätzen' (S. V). Um aber diefen
Zweck gewiffer zu erreichen, hätte der Verfaffer gut daran
gethan, wenn er die neuere einfchlägige Literatur beffer
kennen gelernt hätte. Aber z. B. Kruske's Georg Israel,
Dalton's Lasciana mit den lehrreichen Synodalprotocollen,
Jacobi's Abhandlung über das liebreiche Religionsgefpräch
zu Thorn 1645 (ZK XV, 3 und 4.) find ihm unbekannt
geblieben. Die wichtige Schrift von Kruske Johannes
a Lasco und der Sacramentsftreit', welche anfangs 1901
erfchienen ift, konnte er leider nicht mehr benützen, da
fein Vorwort vom Mai 1901 datirt ift. Aber befonders
das letzte Kapitel in Kruske's Arbeit wäre ihm für die
Grundzüge der Reformation Polens fehr werthvoll ge-
wefen. Der Verf. hat es feinen Lefern verfagt, die
,polnifchen' Zuftände vor der Reformation etwas genauer
mit einigen derben Strichen zu zeichnen. Ihm ift auch
die Bedeutung des Humanismus für die Reformation in
Polen nicht klar geworden. Ein Andreas Fricius (Modr-
zewski) ift ihm unbekannt trotz feines Einfluffes auf feinen
Freundeskreis. Der Bedeutung Joh. Laski's ift Kraufe
damit noch nicht gerecht geworden, wenn er ihn nach
anderen und neben vielen anderen als wirkfam zur Verbreitung
des Calvinismus nennt (S. 21) und in der Anmerkung
fagt: ,Der Einflufs Laski's, diefes grofsen(!)
Mannes, erftreckte fich mehr auf das Ausland, als auf
Polen; er hat in feinem Vaterlande faft gar keine Spuren
feines Wirkens hinterlaffen'. Das Epitheton ,grofs' ift nur
zu oft ein Ausdruck der Verlegenheit, wo uns der Maafs-
ftab zur rechten Würdigung fehlt. Es wäre doch der
Mühe werth gewefen, von Kruske wenigftens aus feiner
Differtation ,Georg Israel' etwas zu lernen und befonders
die Befeitigung der Union von Kozminek in ihren Folgen
für die polnifche Kirche richtig zu beurtheilen. Dann
wäre es auch gelungen, den Schaden des Proteftantismus
in Polen in der Reformationszeit und die Urfachen feines
Falles in der Gegenreformation tiefer zu faffen, als dies
mit dem Satze gefchieht: ,Nur die angeborene Intoleranz
der damaligen polnifchen Generationen in ihrer Gefamt-
heit erklärt die Thatfache einer 247jährigen Gegenreformation
' iS. 4). Es fehlt auch an der pragmatifchen

Anordnung der Ereignifse. S. 12, nachdem fchon vom
Schmalkaldifchen Krieg, vom Paffauer Vertrag, von Georg
Israel, Arnos Comenius und Dombrowski etc. die Rede
war, mufs noch das Nöthige über Petrus Waldus nachgeholt
werden, und dann folgen erft die Urfprünge der
lutherifchen und calvinifchen Richtung in Polen. Die
Gegenreformation beginnt hier mit 1424. Die Verdienfte
Friedrich's der Grofsen um Kolonifirung des neugewonnenen
polnifchen Gebietes und ihre Bedeutung für die evangelifche
Kirche werden nicht berührt. Das redliche Streben
des Verf. entfpricht fo nicht ganz der eigentlichen Aufgabe
, die er fich gefteckt hat.

Nabern. G. Boffert.

Vogel, Dr. Hermann, Der Kampf auf dem westfälischen Frie-
dens-Kongress um die Einführung derParität in derStadt Augsburg
. München 1900, J. Lindauer. (66S.gr. 8.) M.—.80

Gerade zu rechter Zeit ift die kleine Arbeit Vogel's
erfchienen. Denn fie ift für eine Zeit, welcher der
Katholicismus ftrengfter Obfervanz den Toleranzantrag
im Reichstage zu bieten wagte, lehrreich. Hier ift auf's
neue zu fehen, was der Katholicismus im Befitze der
Uebermacht gegen den Proteftantismus wagt. ,Das
evangelifche Rom', wie man Augsburg genannt hatte, be-
fafs am Ende des dreifsigjährigen Krieges keine einzige
Kirche mehr; feine ftarke evangelifche Bevölkerung mufste
froh fein, wenn fie in den Gängen des S. Annacollegiums
und unter freiem Himmel bei Regen und Schnee Gottes-
dienft halten durfte. Alle Stiftungen für die Zwecke der
Kirche und Schule und der Armenfürforge waren ihnen
entzogen. Die obrigkeitliche Gewalt war in der Hand
der katholifchen Minderzahl, die alle Aemter befetzte,
während die wohlhabenden Evangelifchen die Hauptlaft
der Steuern trugen. Diefer Zuftand ging weit über die
Wahlordnung Kari's V. hinaus, welche doch für die Ver-
faffung der füddeutfchen Reichsftädte feit 1548 fr. mafs-
gebend war.

Der Verf. zeigt, wie es allmählig zu diefem rechtlofen
Zuftande der Evangelifchen gekommen war. Er hätte den
Gang der Dinge hier etwas ausführlicher und für den
Nicht-Augsburger verftändlicher darlegen dürfen, denn was
wiffen andere Sterbliche z. B. vom ,Löwenberger' Accord,
der doch für Augsburg von einfchneidender Bedeutung
war? So mufs man fich erft bei Medicus, Gefchichte der
evangelifchen Kirche Bayerns diesf. des Rheins S. 338
Raths erholen und fich belehren laffen, dafs nicht Löwenberg
in Schlehen, fondern Leonberg in Württemberg gemeint
ift.

Ebenfo dankenswerth wäre es gewefen, wenn am
Schlufse die nur angedeutete Durchführung der durch den
weftfälifchen Frieden gewährten Rechte und ihreHemmnif.se
beleuchtet worden wäre. Denn das bildet den noth-
wendigen Abfchlufs des Kampfes, welchen der Verfaffer
fchildern wollte. Es wäre auch für die Frage werthvoll
gewefen, wo und von wem Verträge und Rechte Anderer
geachtet werden, und wie weit auch nach der eindringlichen
Lehre des dreifsigjährigen Krieges der Wahn noch
Anhänger hatte, dafs man Andersgläubigen nicht Treue
noch Glauben zu halten brauche.

Sehr beachtenswerth ift, wie auf katholifcher Seite
gern Gewiffensbedenken gegen gröfsere Zugeftändnifse an
die Evangelifchen in Augsburg erhoben wurden, diefe
Bedenken aber beim katholifchen Rathe alsbald wegfielen,
als man die Evangelifchen bei einer Belagerung, brauchte.
Auffallend ift das geringe Verftändnifs für die gefchicht-
liche Entwickelung der evangelifchen Gemeinde und die
thatfächlichen Verhältnifse in der Proportion von Evangelifchen
und Katholiken, wie es fich bei den Verhandlungen
in Münfter nnd Osnabrück kundgab. Lehrreich ift auch
der Gegenfatz der Gefchloffenheit und des Religionseifers
auf katholifcher Seite und der traurigen Zerriffenheit, der