Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1902

Spalte:

393-400

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wrede, William

Titel/Untertitel:

Das Messiasgeheimnis in den Evangelien 1902

Rezensent:

Baldensperger, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4

Download Scan:

PDF

Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. in Berlin, und D. E. SchÜrer, Prof. in Göttingen.

Erfcheint

Preis

alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 18 Mark.

Nr. 14. 5- Juli 1902. 27. Jahrgang.

Wrede, Das Meffiasgeheimnis in den Evangelien
(Baldenfperger).

Grifar, Gefchichte Roms und der Päpfte im
Mittelalter, i. Bd. (G. Ficker).

Jackson, Huldreich Zwingli, the reformer of
German Switzerland (Köhler).

Zwingli, Selected works, translated by Mc. j Vogel, Der Kampf auf dem weftfälifchen
Louth, Preble and Gilmore, cdited by Friedens-Kongrefs um die Einführung der
Jackson (Derf.). Parität in der Stadt Augsburg (Boffert).

Kraufe, Die Reformation und Gegenrefor- . Stange, Einleitung in die Ethik II (Herrmann),
mation im ehemaligen Königreiche Polen I Thümmel, Die Vertagung der kirchlichen Be-
(Boflert). ftattungsfeier (Baflermann).

Wrede, Prof. D.W., Das Messiasgeheimnis in den Evangelien, gerade das Evangelium dienen mufs, in dem man fonft

Zugleich ein Beitrag zum Verfländnis des Markusevan-
geliums. Göttingen 1901, Vandenhoeck & Ruprecht.
(XIII, 291 S. gr. 8.) M. 8.— ; geb. M. 9.—

die ältefte und ficherfle Vorlage der Lebensgefchichte
Jefu erblickt. Wenn auch Marcus noch gefchichtliche
oder ,gefchichtlich geartete' Vorftellungen befitzt, fo habe
er doch keine Anfchauung mehr von der wirklichen Ge-

Es ift dem Kritiker ein Genufs, nach taufend Büchern j fchichte. In der Hauptfache gehöre fein Werk in die

und Büchlein, welche dies und jenes an unferer Kenntnifs
desUrchriftenthums richtig zu ftellen unternehmen, wieder
einmal einem Werke zu begegnen, das dies Problem der
Genefis der chriftlichen Religion im Ganzen zu erfaffen
und für feine Löfung einen neuen, verlockenden, wenn
auch nicht unbedenklichen Weg zu weifen verfucht. Diefes
Verdienft kann E. Wrede's Buch unter allen Umftänden
beanfpruchen. Der Genufs wäre allerdings noch gröfser,
wenn der Verf. auch auf Form und Compofition fo viel
Bedacht genommen hätte, als auf Gedanken und Inhalt.
Das Buch ift kein Kunftwerk. Es ift Unterfuchung, nicht
Darftellung. Häufig, allzu häufig, bis zur Ermüdung des
Lefers werden z. B. kritifche Möglichkeiten bis zu dem
Punkte verfolgt, wo fie fich als unhaltbar erweifen, und
dann fallen gelaffen, um den pofitiven Aufftellungen Platz
zu machen. Durch Verweifung diefer und anderer Dinge
in die Anmerkungen hätte die Unterfuchung an Gefchloffen-
heit gewonnen und wäre das Studium der ohnehin recht
complicirten Theorie erleichtert worden. Andererfeits ift
diefe Ausführlichkeit doch nur die Kehrfeite der Gewiffen-
haftigkeit des Forfchers, der den Lefern nichts von feinen
Vorarbeiten vorenthalten und fich feiner Sache felbft ver-
gewiffern möchte, indem er feine Refultate an allen geltenden
Anflehten prüft und fie überallhin, auch in die
entlegenften Gebiete hinein, verfolgt.

Der ,neue' Weg, den W. einfehlägt, ift natürlich
nur in relativem Sinne ein neuer. Sein Werk gehört,
wenn es nur allgemein nach dem Ergebnifse, nicht
nach dem Gegenftande der Unterfuchung beurtheilt
wird, in die Kategorie der fchon längft und bei Vielen
beliebten Verfuche, das, was im Leben Jefu undenkbar
fcheint oder auch unliebfam berührt, auf das
Conto der Gemeinde zu fetzen und das eigentliche
hiftorifche Material der Evangelien zu Gunften theo-
logifcher dogmatifcher, den Schriftftellern und ihrer
Zeit angehöriger Anfchauungen zu verringern. Wenn man
aberzuerftmeiftnurvereinzeltePunkte unddann zunehmend
immer gröfsere Partien, z. B. die Wundererzählungen, die
Auferftehungsweisfagungen, dann dieParufie-Ausfagen, die
Abendmahlsberichte u. f. w. aus dem Lebensrahmen Jefu
ausgemerzt und für fpätere Zugaben der Gemeinde ausgegeben
hat, fo kommt jetzt bei W., wie das früher nur
in der extremen Kritik hier und da der Fall war, der
ganze Aufrifs und Zufammenhang der evangelifchen Ge

Dogmengefchichte.

Diefes Refultat, deffen Radicalismus Kopffchütteln
oder Unwillen hervorrufen könnte, findet feine Haupt-
(tütze in einer eingehenden, fcharffinnigen Analyfe des
Marcustextes, befonders aller derjenigen Stellen, welche
ein Verhüllen der Meffiaswürde Jefu, ein Nichtverftanden-
werden feiner Lehre und Art berichten. Das Charak-
teriftifche und die Stärke des W.'fchen Vorftofses liegt
nämlich gerade hier, in diefem belangreichen weitverzweigten
übjecte feiner Unterfuchung. Das Geheimthun
ift nichteine vereinzelte Erfcheinung im zweiten Evangelium:
dahin gehören nicht nur die directen oft wiederkehrenden
Verbote Jefu an die Geheilten und an feine Jünger, ihn bekannt
zu machen, fondern auch feine Parabelreden, welche
nach Marcus nur für das Volk beftimmt, eine exoterifche Belehrung
darfteilen und den eigentlichen Sinn der Gedanken
Jefu verbergen follen, während die Jünger allein die Deutung
der Räthfel, die wahre Offenbarung des Wefens Chrifti,
wie eine Art Geheimlehre erhalten. Aufserdem die Meffias-
kenntnifs der Dämonen, weil fchon in der Auffaffung, dafs
nur diefe überirdifchen Geiftwefen von Jefus wiffen, der
Beweis liegt, dafs feine Meffianität Geheimnifs ift. Ferner die
Leidens-, Todes- und Auferftehungsweisfagungen, welche
zwar als Weisfagungen Auffchlufs über Chriftus geben
follen, von den Jüngern aber gewöhnlich nicht verftanden
werden. W. fafst fie daher unter den prägnanten, wenn auch
nicht fehr durchfichtigen Titel ,die Verborgenheit trotz
der Offenbarung' zufammen. Zu dem Nichtverftehen des
meffianifchen Leidens von Seiten der Jünger kommt
noch eine weitere Unempfänglichkeit für die Worte und
Thaten ihres Meifters, fo z. B. 6 50 f., wenn fie trotz des
Speifungswunders noch kein volles Zutrauen zu ihm
gefafst haben, oder 8 ig f., wenn fie den ,Sauerteig' der
Pharifäer und des Herodes fo grob mifsverftehen.
Und im übrigen Leben Jefu werden von W. noch zahlreiche
Einzelzüge als Symptome einer gefliffentlichen
Selbftverhüllung feiner Perfon gewerthet. Diefe That-
fachen alle find wegen ihrer Häufigkeit und ihrer Sonderbarkeit
wie dazu gefchaffen, den Kritiker zur fcharfen
Controle der Texte und zur Auffindung eines erklärenden
Principes zu reizen. Indem W. hier den kritifchen Hebel
anfetzte, fcheint er in der That eine wunde Stelle der
evangelifchen Gefchichte berührt zu haben. Es ift auf
jeden Fall ein Herzpunkt diefer Gefchichte, der für ein

fchichte in das Licht einer eigenthümlichen, ungefchicht- j wahres Verftändnifs derfelben wefentlich ift und z. B

liehen Betrachtung zu flehen, welche erft auf Grund der
Auferftehung Jefu möglich wurde. Befonders merkwürdig
ift hierbei, dafs dem Verf. zu feinem auflöfenden Werke

auch bei der Annahme feiner Gefchichtlichkeit die Auffaffung
der Meffianität Jefu ftark beeinfiufst.

Die Originalität der W.'fchen Leiftung befteht aber

393 . 394