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Ausgabe:

1902 Nr. 13

Spalte:

386-387

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eucken, Rudolf

Titel/Untertitel:

Das Wesen der Religion philosophisch betrachtet 1902

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 13.

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Manufcript Mitgliedern der proteftantifchen Kirchen der
Schweiz und Frankreichs, der römifch-katholifchen Kirche,
der Kirche des Orients, der lutherifchen Kirche, derbifchöf-
lichen Kirche in England und Amerika und der Herrn-
huter Gemeinde unterbreitet'. ,Um mir Klarheit zu ver-
fchafifen, habe ich felbftverftändlich nur folche Männer
gewählt, welche in den verfchiedenen Kreifen, denen fie
angehören, eine gebührende Achtung geniefsen. Diefe
wohlwollenden Mitarbeiter haben mir eine grofse Anzahl
Verbefferungen angegeben, mit Hilfe deren ich meine
Arbeit bereichert habe. In Fällen, wo ihre Bemerkungen
Einwendungen enthielten, habe ich diefelben berück-
fichtigt, foweit ich es konnte, ohne der Aufrichtigkeit
der Gedanken, für welche ich allein verantwortlich bin,
zu fchaden. Alle Lefer meiner Arbeit, felbft die, welche
für einzelne Theile einen Vorbehalt hatten, haben über
das Ganze derart geurtheilt, dafs die Veröffentlichung
gerechtfertigt ift' (S. V—IV).

In einer Zeit confeffioneller Fehden, welche die Ver-
fchärfung aller Gegenfätze als befonders wünfchenswerth
erfcheinen läfst, bietet das von dem Verf. im ökumeni-
fchen Geifte eines Calixt und Leibnitz verfuchte Unternehmen
ein nicht zu unterfchätzendes Intereffe. Allerdings
kann der hier gemachte Verfuch für die dogmatifche
Union der Kirchen nichts abwerfen, denn der in den
traditionellen Bahnen unferer Durchfchnittsorthodoxie fich
bewegende Philofoph will nicht Theologie treiben. Dafs
er trotz diefer Abfichten zu wiederholten Malen das eigentlich
theologifche Gebiet betritt (vgl. S.20. 21. 42. 55—57)
und die im Apoftolicum .wenigftens fcheinbar' vorhandenen
Lücken ergänzt (S. 15), foll dem wefentlich erbaulichen
und praktifchen Charakter des Büchleins keinen
Abbruch thun. Diefen lediglich religiöfen Zweck der
Schrift, welche die praktifche Nutzanwendung der einzelnen
Artikel des Bekenntnifses gefliffentlich hervorhebt,
mufs man fich ftets vergegenwärtigen, um den Beftrebungen
des Verf.s gerecht zu werden. ,An Gott glauben, heifst
fur den Chriflen, fein Vertrauen auf Gott fetzen. Der
Glaube an Gott ift volles Vertrauen zu ihm, und diefer
Glaube ift nur wahr, fo weit er den Entfchlufs hervorruft
, fich ihm hinzugeben und ihm zu bewilligen, was
der Apoftel den Gehorfam des Glaubens nennt. . . Der
Glaube an den heiligen Geift ift nur wahr, wenn er den
Erfolg hat. dafs das Gebet uns zur Gewohnheit wird.
Zu fagen: Ich glaube an den heiligen Geilt, und fich
nicht durch das Gebet feinem Einflufs hingeben, zeugt
von einem toten Glauben' (S. 12. 63, vgl. S. 24. 49. 59). In
den durch den chriltlichen Denker gezogenen Grenzen,
läfst fich das milde Entgegenkommen, das er an einigen
Stellen gegenüber den anderen Confeffionen, namentlich
der katholifchen Kirche übt (vgl. die Ausführungen über
die Fürbitte, S. 52—54; über das Sündenbekenntnifs S. 79,
u. A.), begreifen. Aber felbft wenn man die Auslage
des Verf.s nicht auf die dogmatifche Goldwaage legt, fo
fieigen principielle Bedenken auf, welche die durch die
religiöfe Wärme der Schrift in dem Lefer hervorgerufene
Theilnahme und Freude wefentlich dämpfen oder herab-
ftimmen. Bekundet die hier zu Tage tretende Werth-
fchätzung des Apoftolicums als der gemeinfamen religöfen
Bafis aller chriltlichen Confeffionen nicht einen Standpunkt
oder einen Maafsltab, den wir mit dem evangelifchen
Glaubensprincipe fchwerlich vereinbaren können? Ift die
quantitative Beurtheilung der allen Kirchen gemeinfamen
Summe religiöfer Wahrheiten nicht eine zu äufserliche,
eher dem katholifchen als dem proteftantifchen Geilte
entfprechende? Mufs hier nicht der Satz: ,sz duo dicunt
idem, non est /dem feine Wahrheit aufs Neue bewähren?
Nicht als pofitiven Beitrag zur Annäherung der Confeffionen
und zur Schlichtung der trennenden Lehren
oder Gebräuche, fondern als beredter Ausdruck der
edeln, irenifch fühlenden und ökumenifch denkenden
Perfönlichkeit des Verf.s, als Bekenntnifs feiner Ueber-
zeugung von der über alle Schranken und Grenzen

hinausliegenden Macht des Evangeliums empfehlen wir
feine Schrift allen, welche an die von ihm fo fchön gefeierte
Gemeinfchaft der Heiligen (66 f. 71 f.) glauben.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Eucken, Rudolf, Das Wesen der Religion philosophisch betrachtet
. Vortrag auf der Sächfifchen Kirchlichen
Konferenz zu Chemnitz am 17. April 1901. Leipzig
(1901), G. Wigand. (15 S. gr. 8.) M. —.40

Nachdem Eucken's religionsphilofophifches Hauptwerk
bereits von anderer Seite angezeigt worden ift,
bleibt mir für die Anzeige diefes auf der ,Sächfifchen
kirchlichen Conferenz' gehaltenen Vortrages nur übrig,
diefe überaus gedankenreiche Arbeit dringend zur Leetüre
zu empfehlen, da er eine treffliche Orientirung über die
Grundgedanken des hochintereffanten Hauptwerkes ,Der
Wahrheitsgehalt der Religion' giebt und auf diefes hinzuweifen
vorzüglich geeignet ift. Eucken's Arbeit fteht
mit der meinigen in fo lebhafter, in der Hauptfache
übrigens völlig fpontanen, Uebereinftimmung, dafs eine
warme Empfehlung von meiner Seite felbftverftändlich
ift. Ich benutze diefe Anzeige nur dazu, einige Punkte
zu betonen, die für das Verhältnifs unferer beiderfeitigen
Arbeiten von Bedeutung find, und die damit zugleich
das von Eucken fehr zutreffend formulirte Verhältnifs
zwifchen philofophifcher und theologifcher Arbeit (S. 4)
zu veranfehaulichen geeignet find. Der Philofoph arbeitet
an einer nach Möglichkeit unfere gefammte Er-
kenntnifs vereinheitlichenden Gefammtanfchauung und tritt
von diefer fyftematifirenden Arbeit aus an die Religion
als einen wichtigen Beftandtheil der geiftigen Wirklichkeit
heran. Die von den fich wandelnden Coefficienten diefer
Arbeit und ebenfo von den ftets neuen Combinationsver-
fuchen abhängige Natur diefes Beftrebens zieht auch die
Religion in immer fich wandelnde Zufammenhänge hinein
und läfst ihre Auffaffung vielfach wechfelnd und
bedingt erfcheinen. Er wird daher die Religion in ihren
allgemeinften und fefteften Grundzügen vor allem ins
Auge faffen und diefen Begriff zu beledigen ftreben. So
kommt Eucken zu feinem Begriffe der ,univerfalen Religion
', die nichts anderes ift als der wefentliche, auch
bei flüffigfter Freihaltung der philofophifchen Gefammtanfchauung
immer wieder fich darbietende Grundgehalt
aller Religion. Aber in der Empfindung davon, dafs
diefe Abftraction gegenüber den Welträthfeln fchwer
Stand hält, dafs die wirkliche Religion ihre Kraft gerade
in dem Glauben an lebendige perfönliche Offenbarung
der religiöfen Wahrheit erwirbt, gelangter zum Begriffe der
,charakteri(tifchen', pofitiven, hiftorifchenoder offenbarungsgläubigen
Religion, der feinerfeits das eigentliche Arbeitsfeld
des Theologen darftellt, auf dem diefer in der pofitiven
Religion und ihrer charakteriftifchen Kraft einen feiten
Mittelpunkt befitzt, und von dem aus er erft feinerfeits
die Verbindung mit einer die Gefammterkenntnifs com-
binirenden Philofophie fucht. Die genaue Beftimmung
des Verhältnifses der,univerfalen' und der,charak-
teriftifchen' Religion ift daher die eigentliche Grundfrage
. Hier möchte ich nun in mancher Hinficht etwas anders
verfahren als Eucken. Bei ihm fcheint es, als ob die univer-
fale Religion das aus dem Gefammtbilde der Dinge fich
ergebende Poftulat wäre, das dann als Kraft und Wirklichkeit
in den Offenbarungen der charakteriftifchen Religion
und abfchliefsend in der des Chriftenthums uns entgegentritt
. Dem gegenüber möchte ich meinen, dafs derBegriffder
univerfalen Religion felbft erft auf Grund der primär nur in
den pofitiven Religionen vorliegenden religiöfen Wirklichkeit
abftrahirt fei, dafs allo die charakteriftifche Religion
nicht blofs das Gedeihen eines allgemeinen Poftulates und
einer blaffen Ahnung zu Kraft und Wirklichkeit fei, fondern
felbft überhaupt erft die grofsen religiöfen Antriebe hervorbringt
, die dann von der Abftraction mit den aus der