Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1902 Nr. 1

Spalte:

381-382

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Guiraud, Jean

Titel/Untertitel:

L‘église et les origines de la renaissance 1902

Rezensent:

Brandi, Karl

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

38i

Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 13.

Das Buch ift gründlich gearbeitet, aber unfäghch
breit und umftändlich angelegt und gefchrieben. Der
Verf. hat wohl fo ziemlich all das Material, was er mit
vielem Fleifse eefammelt hat, wörtlich in den Text auf

Renaiffance). Mit befonderem Intereffe tritt man an das
Schlufscapitel heran: Christianisine et paganisme au tni-
lieu de XV siede, weil die Würdigung des chriftlichen
Gedankenkreifes vielleicht der gröfste Mangel der Werke

genommen, auch wo es fich um fehr bekannte (Goldene j von Jakob Burckhardt ift; allein man wird auch
Bulle!) oder für fein Specialthema belanglofe Quellen , völlig enttaufcht. So eng wie die Frageftellun" ift die
handelte (Belehnung Friedrichs I. von Brandenburg 1417). Beantwortung. ,Mais de son cbte. la Renaissance a-t-el/r
Auch hat er bisweilen verfäumt, die beften und neueften , exerce une actum sur l'Eglise romainer L'a-t-elle fait
Ausgaben zu Rathe zu ziehen, für Otto von Freifing und j sentit ä ces papes, a ces cardinaux, a ce monde ecclesia-
Rahewin die Edition von Waitz, für die Erfurter Quellen 1 stique qui s'ctait montre si accueillant pour eile:' (S 287)
die Edition von Holder-Egger, für Thietmar die von Das Ergebnifs: ,Les papes semblaient ne pas s'apercevoir
Kurze in den Scriptorcs verum Germanicarum, für Placi- de cette resurrection du paganisme ou s'ils la constataient
dus von Nonantula Libelli de Ute II. Die S. 42 citirte '• ils ne la prenaient pas au serieux1 (308) Erft in der
Stelle aus Rahewin hätte er leicht felber finden können, zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts flöfsten die heid-
IV, c. 35 p. 221. Auch an fachlichen Irrthümern fehlt j nifchen Humaniften ihr Gift auch der Kurie ein und
es nicht. Norbert wurde nicht 1154, fondern 1126 Erz- verfchuldeten fo den Verfall unter Alexander VI Julius II
bifchof von Magdeburg (S. 20). Dacher hat keine historia Leo X. Die weltliche Herrfchaft ift daran alfo ganz
concilii Constantiensis verfafst, vgl. Lorenz, Gefchichts- unfchuldig und die Päpfte des XIII und XIV. Jahrhun-
quellen I, p. 97. derts waren fromme Priefter.

Aber das find Kleinigkeiten. Die Hauptfrage ift: ift Göttingen p
die von dem Verf. vorgetragene Theorie über die Unter- 1 b Brandi.

werfung der geiftlichen Fürften unter das Lehnsrecht richtig ?

Diefe Frage mufs ich verneinen. Der Verf. ftützt fich aus- Schlatter, Prof. D. A., Jesu Gottheit und das Kreuz. (Bei-

Diefe Frage mufs ich verneinen.

fchliefslich auf die Thatfache, dafs im 12. Jahrhundert die
Gerechtfame der geiftlichen Fürften nicht als feoda, fondern
regalia bezeichnet werden. Aber das beweift nur, dafs formell
ein Unterfchied zwifchen den feoda, welche Object
weltlicher, und den regalia, welche Object geiftlicher Belehnung
find, gemacht wurde. Factifch ift die rechtliche
Stellung der geiftlichen Fürften fchon 1154 ganz diefelbe,
wie die ihrer weltlichen Collegen. Sie leihen nicht nur, wie
jene, das hominium, fie werden auch nach Lehnsrecht be-
ftraft. Der fchlagendfte Beweis für diefe factifche Gleich

träge zur Förderung chriftlicher Theologie. Herausgegeben
von A. Schlatter und H. Cremer. V. Jahrgang
1901. 5. Heft.) Gütersloh 1901, C. Bertelsmann
. (90 S. gr. 8.) M. 1.10

Diefe Studie ift zunächft eine Auseinanderfetzung mit
der Schrift von Grafs, Zur Lehre von der Gottheit Chrifti,
Gütersloh 1900 (Th. Lztg. 1900, Num. 22), lie hat aber auch
eine über diefen Zweck hinausragende Bedeutung, indem
fie zur chriftologifchen und foteriologifchen Frage directe

ftellung ift gerade die von dem Verf. als locus classicus an- 1 und felbftftändige Beiträge liefert. Bereits die Prüfung
gezogene Stelle Otto, Gesta Frider. II, c. 12, p. 91. Diefe | des Grafs'fchen Satzes Jefus fei durch Gott in Gottneue
Theorie ift mithin unhaltbar. Aber damit ift nicht : verlaffenheit gefetzt worden, habe aber diefe Störung

r > 1 c 1 ■ 1____r_i____l _ A _ r_i_________ :a t _i_ i y—» .... . . , r i r. r , ■ . . . . "

gefagt, dafs die herrfchende Anfchauung richtig ift. Ich
glaube vielmehr, dafs die Frage einer neuen eindringenden
Unterfuchung bedarf.

Leipzig. H. Boehmer

Guiraud, Jean, L'eglise et les origines de la renaissance.

der Gottesgemeinfchaft aufgehoben, und dadurch feine
Gottheit manifeftirt', giebt Schlatter Gelgenheit, werthvolle
methodologifche und dogmatifche Grundfätze auf-
zuftellen. ,Eine fo fundamentale Ausfage, wie die Bejahung
der Gottheit des Gekreuzigten, die über unfer
ganzes Gottes- und Weltbild entfeheidet und das von
Grund aus umformt, was unfere Religiöfität ausmacht,
damit aber Quell und Kern unteres Denkens und Wollens

(Bibliotheque de l'enseignement de l'histoire ecclesia- I ™ a° « Vjueu uno Kern unleres Denkens und Wollens
1 , „4 . ____„ TS r«,„C <n p-, , rrJ blldet- fo11 nlcht an eine vereinzelte 1 hatfache und Bibel-

stique.) Paris 1902, V. Lecoffre. (339 S. 8.) Fr. 3.50

Das franzöfifche katholifche Gefchichtsunternehmen
der Bibliotheque de l'enseignement hat mit entfprechenden
deutfehen Werken fehr wenig gemein. Es ift weder fo
gelehrt noch fo eifrig, wie die Darftellungen der Grifar,
Paftor, Michael und Janffen; aber es hat im ganzen mehr
Gefchmack. Ift die Leetüre des vorliegenden Bändchens
deshalb auch nicht geradezu ermüdend, fo ift doch der
Ertrag nicht eben lohnend. Es zeigt fich nur aufs neue,
dafs unfere hiftorifche Erkenntnifs von diefen Werken

ftelle angehängt werden, fo dafs der Schein entfteht, fie
werde von jeder Variation der hiftorifch - exegetifchen
Forfchung und Discuffion mitbewegt und fei mit dem
Urtheile über eine exegetifche Einzelheit wandelbar ....
Eine Kraft, die uns ftaunend fragen läfst: wozu? ift nicht
als Gotteskraft offenbar; als folche ift fie offenbar im
Werth, den fie erzeugt . . . Nicht darin, dafs Jefus im
Leiden nicht untergeht, ift feine Gottheit offenbar, fondern
darin, dafs fein Kreuz werthvoll und wirkfam ift
vor dem Vater für die Welt' (9—10. 20—21). Anftatt der

nichts zu erwarten hat. Eine äufserliche Gefchichts- durch rein fcholaftifche Gefichtspunkte normirten Fragebetrachtung
, bedingt durch das Unvermögen, von mo- ftellung G.'s fchlägt Schi, die andere Formulirung des
dernen Begriffen und Werthen abzufehen. Dem Verfaffer Problems vor: ,Liegt im Kreuze Jefu der Grund zurBejahung
ift auch der Papft des XIV. und XV. Jahrhunderts im feiner Gottheit, oder ift er dort nicht zu finden, fondern anGrunde
nur Noire Saint Pere; er kann ihn tadeln, aber derswo zu fuchen?' (30). Zur Löfung diefer Frage, fchlägt

der moderne Begriff ift nicht wegzudenken. Die Wider
fprüche werden dadurch unauflösbar.

Strenggenommen müfste der Titel des Büchleins lauten:

Schi, zunächft den Weg biblifch-theologifcher Betrachtung
ein. Kap. II handelt von dem .Antheil der Gottheit Jefu
an feinem Tod nach den Apofteln' (30—37). Mit Recht

Die Päpfte und die Culturbewegung bis zur Mitte des j weift der Verf. die von Grafs angewandte fcholaftifche Me
XV. Jahrhunderts; dazu paffen die Capitelüberfchriften: | thode ab und erinnert feinen Vorgänger daran, dafs ,das
1. Bonifaz VIII. 2. 3. Avignon, Künfte, Petrarca. 4. Rom Auge der neuteftamentlichen Lehrer auf ihren einen un-
im XV. Jahrh. 5. Martin V. 6. 7. Eugen IV. 8. 9. Niko- i theilbaren Herren gerichtet ift; ihn hören fie in feinem
laus V. 10. Beziehungen der Cardinäle zu Künftlern und 1 Wort, nicht jetzt feine Menfchheit und dann feine Gott-
Humaniften. Die ziemlich materialreiche Darfteilung fufst j heit, ihn fehen fie wirkfam in feiner That, nicht hier feine
auf der neueften franzöfifchen Literatur; die deutfehe ift | Gottheit und dann wieder feine Menfchheit' (30). Die
(foweit es von ihr nicht franzöfifche Ueberfetzungen giebt) | Exegefe Schl.'s, der zunächft das Johannesevangelium,
völlig ignorirt, auch das populäre aber auf eigenen Stu- dann Paulus, endlich den Hebräerbrief heranzieht, führt
dien beruhende Büchlein von Steinmann (Rom in der ihn zu dem Refultate: ,Eine zwiefpältige Gottheit giebt