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Ausgabe:

1902 Nr. 10

Spalte:

300-302

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Menzies, Allan

Titel/Untertitel:

The earliest Gospel. A historical study of the Gospel according to Mark 1902

Rezensent:

Clemen, Carl

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299 Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 10. 300

weit er abweicht, bewufst hebraifirend (vgl. Hawkins 14fr.,
Harnack, SAB 1900, 547ff., Holtzmann, Handcommen-
tar3 I, 1, 19). Wenn aber allerdings die Frage der Maria
1, 34: jcrnq sOzat zovzo, ejzei avöga ov yivmOxoj nach
dem vorangehenden, wo nichts auf eine übernatürliche
Geburt hindeutet, vielmehr Vers 27 nur Jofeph, nicht
Maria, auf die es doch dann ankäme, aus dem Haufe
Davids abgeleitet wird, nur überrafchen kann — ein
Anftofs, der auch durch die von Kattenbufch, das
apoftolifche Symbol II,621 und Weinel, ZntW 1901, 37 fr.
befürwortete Streichung der Worte ejcei avöna ov yivmoxco
nicht befeitigt würde —; wenn auch Vers 35 die nochmalige
und von Vers 32 abweichende Deutung des vloq
&eov auffallen mufs, fo deutet das doch trotz Hillmann,
JpTh 1891, 224fr. mit Sicherheit nur auf eine vorher
benutzte fefte Ueberlieferung, nicht auf eine fchriftliche
Quelle hin — gefchweige denn, dafs Vers 34 f., woran
fich doch Vers 36—38 anfchliefsen dürfte, mit Harnack,
SAB 1900, 541, 1, ZntW 1901, 53fr. auf ungenügende
Gründe hin von einem fpäteren Interpolator abgeleitet
werden dürfte.

Eine andere Hypothefe, die gleichzeitig mit diefem
(SAB 1900, 538ff.) übrigens auch Conrady (Die Quelle
der kanonifchen Kindheitsgefchichte Jefus' 48fr.) auf-
ftellte und wir hier gleich anfchliefsen können, hat
B. Weifs felbft fchon abgelehnt, nämlich die Zuweifung
des fog. Magnificat 1, 46 ff. an Elifabeth ftatt an Maria,
für die zwar einige altlat. Codices, Irenäus und Origenes
eintreten, aber durchfchlagende innere Gründe durchaus
fehlen. Denn wenn es Vers 41 heifst: xal EjtlrjOfr?] jcvev-
uazog dytov rj 'Ehödßsz, fo deutet das trotz Vers 67
noch nicht auf einen Lobgefang derfelben hin, fondern
begründet nur die Begrüfsung der Maria als Mutter des
Meffias. Ebenfowenig brauchte bei dem hebraifirenden
Charakter des Stückes in Vers 46 trotz des Subject-
wechfels ftatt xcä eIjiev Maoiaji getagt zu werden: eIsxev
de M. oder Vers 46 ftatt tfisiVEV de Manidfi övv ccvzrj
vielmehr e/jeivev de (Maotdu) övv zfj EXiöaßtz. Noch
weniger beweift die discrete Art, wie Jofeph und Maria
fonft hier behandelt werden, dafs ihr kein folcher Lobgefang
in den Mund gelegt werden konnte; und wenn
derfelbe endlich — diefes Argument ift für Harnack
und Conrady das entfeheidende — beffer in den Mund
der Elifabeth zu paffen fcheint (vgl. namentlich Vers 48
mit Vers 25), fo ift auch das bei der Anknüpfung des
Ganzen an das alte Teftament nicht beweifend. Ja, fo
leicht aus all diefen Gründen das Magnificat der Elifabeth
beigelegt werden konnte, fo fchwer doch umgekehrt
der Maria — denn dafs der Text urfprünglich gar keinen
Namen genannt hätte, ift doch, wie B. Weifs auch
fchon richtig bemerkt, zunächft eine reine Hypothefe.

Dagegen hat er, um noch eine weitere, neuerdings
wieder behandelte Stelle in der lukanifchen Kindheitsgefchichte
zu befprechen, leider die Schrift vonRamfay,
Was Christ born at Bethlehemt — Zahn, NklZ 1893, 633fr.
und Einleitung TT, 397h brauchte in der That nicht erwähnt
zu werden — nicht mehr herangezogen, obwohl
fie doch (131 ff.) gezeigt hat, dafs wenigstens in Aegypten
mindeftens feit 20 n. Chr. aller 14 Jahre Volkszählungen
ftattfanden (vgl. auch Schürer, Gefchichte des jüd.
Volkes 3I, 514 ff".). Freilich, fagt Holtzmann (316) mit
Recht, Aegypten ift nicht Syrien, und Volkszählung ift nicht
Cenfus; ein folcher aber kann, da der aus Jofephus bekannte
im Jahre 6/7 folche Aufregung verurfachte, nicht
fchon unter Herodes ftattgefunden haben. Doch ift es
gewifs wieder durchaus zutreffend, wenn B. Weifs
gegenüber der Annahme, Lukas habe jene Schätzung
angenommen, um die Ueberfiedelung der Eltern Jefu
nach Bethlehem zu erklären, darauf hinweift, das fei
doch viel einfacher zu erreichen gewefen (298*). Die
Geburt Jefu zur Zeit einer Schätzung wird alfo vielmehr
überliefert fein; Lukas hat fie nur fälfehlich mit der des

Quirinius identificirt, von der er nicht genau wiffen mochte,
wann fie ftattgefunden hat.

Doch ich breche ab, fo viele einzelne Stellen fich
natürlich im zuftimmenden oder ablehnenden Sinne noch
befprechen liefsen. Die allgemeinen Vorzüge der Meyer-
fchen Commentare und fpeciell der Weifs'fchen Neubearbeitung
derfelben find ja zu bekannt, um nochmals
hervorgehoben zu werden. Als ihren Hauptmangel
empfinde ich das allzuftarke Zurücktreten der biblifch-
theologifchen und hiftorifch-kritifchen Erörterungen;
denn wenn fchon B. Weifs diefe Fragen anderwärts
eingehend behandelt hat, fo erwartet man doch auch
hier etwas mehr über fie zu hören, möchten deshalb
andere Unterfuchungen immerhin etwas abgekürzt werden.
In diefer Richtung füllten alfo m. M. n. bei fpäteren
Auflagen die Meyer'fchen Commentare vor allem ergänzt
werden; dann würde ihre Brauchbarkeit noch
gröfser, als fie jetzt fchon ift.

Halle a. S. Carl Clemen.

Menzies, Prof. Allan, M. A., DD., The earliest Gospel. A

hiftorical study of the Gospel aecording to Mark. With
a text and English Version. London 1901, Macmillan
and Co. (XII, 306 S. gr. 8.) 8 s. 6 p.

c 77/^ present work seeks to determine the historical
outcome qf the earliest Gospel taken by itself. On the one
hand it strives to approach to the original facts handed
down by the tradition; on the other to understand those
special interests qf the age in which the Gospel was written
which necessarily determined in some degree both its
contents and its form. Mit diefen Worten hat der Verf.
felbft die Herausgabe feines Buches gerechtfertigt; unter
diefen beiden Gefichtspunkten wird es daher auch vor
allem zu würdigen fein.

Dafs die evangelifche Tradition überhaupt fortge-
pflanzt und fchliefslich aufgezeichnet wurde, erklärt die
Einleitung aus dem praktischen Intereffe, das man an
ihr nahm: man wollte den Urfprung und die Eigenart
I der Gemeinde, in die man eingetreten war, kennen lernen,
| man wollte fich gegen die Bedenken vertheidigen, die von
judifcher und heidnifcher Seite gegen das Chriftenthum
erhoben wurden, man wollte endlich an der Quelle feinen
wahren Geift kennen lernen und fich für feine Verbreitung
i ftärken. Für den zweiten Punkt verweift M. auf Wern-
i le's Auffatz ZntW 1900, 42ff., de m er aber Uebertreibung
vorwirft: vielleicht geht er in der Auffpürung apologetifcher
Tendenzen in den Evangelien auch felbft noch etwas zu
weit. Und jedenfalls wird das Intereffe des Urchriftenthums
an der evangelifchen Gefchichte (wie von von Soden,
theol. Abhandlungen für Weizfäcker Iii ff.) zunächft zu
fehr durch die Brille des Paulus betrachtet, auch wenn M.
dann zugiebt, dafs in anderen Kreifen, von denen wir
I ja freilich nicht viel wiffen, jenes Intereffe fchon früher
vorhanden gewefen fein wird. Hier aber dürfte es nicht
nur jenen drei Fragen gegolten, fondern namentlich der
i Belehrung der zu gewinnenden oder bereits gewonnenen
J Gläubigen gedient haben, worauf M. ja ebenfalls hindeutet
, aber wohl mehr Nachdruck hätte legen follen.

Auch darin kann ich ihm nicht zuftimmen, wenn er
(imAnfchlufs an B. Weifs) annimmt, dafs dem Markusevangelium
eine mit den beiden anderen Synoptikern
j gemeinfame Quelle zu Grunde gelegen habe. Indes, da
diefe Frage nicht zu denen gehört, auf die, wie wir fahen,
M. befonders geachtet hat, gehe ich auf fie auch nicht
I weiter ein — ebenfo wenig auf die andere, wie fich
Markus zur Spruchfammlung verhalte. M. meint, er habe
fie noch nicht gekannt und deshalb (aufser in Gap. 4
und 9) keine gröfseren Reden mitgetheilt; ich möchte das
lieber mit Wernle (die fynopt. Frage 2ilf.) umgekehrt
daraus erklären, dafs er von einer bereits vorhandenen
Redenfammlung wufste, ohne fie doch felbft zu benutzen.