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Ausgabe:

1902 Nr. 8

Spalte:

244-247

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Kruske, Johannes a Lasco und der Sacramentsstreit 1902

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 8.

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ift in keiner Weife etwas Unmögliches, wie Egli, wenn
Ref. ihn recht verfleht, S. 227 anzunehmen fcheint. An
und für fich wäre der Weg von der Caplanei in Ragaz
(1515—22) zur Pfarrei in Chur 1523 für ein Maienfelder
Kind ganz entfprechend.

Intereffant find die Mittheilungen Egli's über die
Briefpoft des 16. Jahrh. aus Band 2—6 des Hottinger-
fchen Archives der Züricher Stadtbibliothek, die uns die
Schwierigkeit, die Unficherheit und die theilweife über-
rafchende Schnelligkeit, aber mehr noch die verdriefs-
liche Langfamkeit des Briefverkehres in der Reformationszeit
recht verftändlich machen.

Anderes, wie die Notizen über zwei Kalender von
1531 und 1567, das Erdbeben im Waadtland 1584, die
Bärenjagd der 3 Mönche von Rüti 1537 gehört der Lo-
calgefchichte an, wie auch das kurze Bild des evangelifch
gefinnten Kriegsmannes Barth. Berweger von Appenzell.

Nabern. G. Boffert.

Hubert, Friedrich, Die Strassburger liturgischen Ordnungen
im Zeitalter der Reformation, nebfl einer Bibliographie
der Strafsburger Gefangbücher, gefammelt und herausgegeben
. Göttingen 1900, Vandenhoeck & Ruprecht.
(LXXXIV, 154 S. m. 8 Facsm. Lex. 8.) M. 8.—

Kaum zum Mannesalter herangereift, ifl der Verf.
durch den Tod abgerufen worden, kurz, nachdem fein
Werk die Preffe verlaffen hatte. Es ift nicht die einzige
Gabe, die wir dem Entfchlafenen verdanken. Bereits 1893
erfchien in demfelben Verlage fein Buch über ,Vergerio's
publiciftifche Thätigkeit nebft einer bibliographifchen
Ueberficht' (M.6.—). In feinem vorliegenden letzten Werke
tritt der Verf. in die Spuren von Erichfon, H. v. Schubert,
J. Smend, L. Büchfenfchütz u. A., die vor ihm die grofse
Bedeutung der Strafsburger Ordnungen für ganz Ober-
deutfchland, für die calvinifche Liturgie, für Heffen und
England ins Licht geftellt; er bietet alle in Strafsburg
während des Zeitraumes von 1524—1561 in Gebrauch
gewefenen Ordnungen in einer hinfichtlich der aufgewendeten
Akribie muftergültigen Ausgabe dar. Das
Buch ift dem durch die Herausgabe der evangelifchen
deutfchen Meffen vor Luther's deutfcher Meffe verdienten
J. Smend gewidmet.

Nach der ,bibliographifchen Grundlegung' (S. XI—
XLIV) werden 44 ,Gefangbücher', welche die liturgifchen
Ordnungen enthalten, befchrieben; alle darin enthaltenen
Lieder werden unter Verweifung auf Ph. Wackernagel's
Sammlungen oder nach den Anfangszeilen aufgeführt;
12 Handfchriften vervollftändigen die Quellen. Die ,hi-
ftorifch-kritifche Einleitung'(S.XLVII—LXXXIV) fchliefst
fich an, dann folgen (S. I—151) die Ordnungen felbft.
Den Verlegern gebührt Dank für die treffliche Aus-
ftattung des Werkes, infonderheit für die vorzügliche
Wiedergabe in Facfimiledruck von 8 Titelblättern der
Originalausgaben hervorragender ,Gefangbücher'.

In der ,Deutfchen Literaturzeitung' 1901 Nr. 51/52
hat Georg Rietfchel darauf hingewiefen, dafs der
Verf. das Studium feines Werkes durch etwas unge-
fchickte Anordnung erfchwert hat; es würde fich em- |
pfohlen haben, jeder Ordnung die betreffende hiftorifch- i
kritifcheEinleitung vorzufetzen, ftatt den Lefer zu nöthigen, j
fich über die einzelnen Ordnungen durch vielfaches Blättern
zu orientiren; der bewundernswerthe Fleifs in Notirung
aller, auch der unwefentlichffen, orthographifchen Abweichungen
in den verfchiedenen Ausgaben der Ordnungen
ift allerdings anzuerkennen, allein ziemlich überflüffig;
ftatt an den Rand und in Anmerkungen unter dem Texte
die formalen Differenzen zu notiren, würde alles beffer
nur in Anmerkungen untergebracht fein u. f. w. Wir
fügen hinzu, dafs in den Variantennoten die Buchftaben
verwendet find, die vorn bei den Hauptquellen verzeichnet !
flehen, dafs aber beides nicht immer ftimmt, da die Buch- I

ftaben der Quellen nur bis O gehen, in den Noten dagegen
auch P figurirt. Die Erklärung fchwer verftänd-
licher Ausdrücke ift oftmals überflüffig, da die Bedeutung
aus dem Zufammenhange fich ergiebt; anderer-
feits fehlen unentbehrliche Erklärungen, z. B. S. 120:
,die dorechten, vnwillet, Gott fchicket fein gefchefft' u.a.

Der Verf. hat fich auf die Darbietung des liturgifchen
Materials meiftens befchränkt; eingehendes Studium
Anderer wird es zu verwerthen haben, um die
Kundgebung und Wandelung der dort niedergelegten
kirchlichen Auffaffung ans Licht zu ftellen. So fetzt
z. B. die Trauung die Ehefchliefsung voraus, dann wieder
wird die Ehefchliefsung durch die Trauung vollzogen,
endlich werden beide Auffaffungen zu vereinigen ge-
fucht. Die Confecration beim hl. Abendmahl läfst die
Präfation mit Sanctus und Benedictus fchlicfsen, im
Gegenfatz zu Luthers Auffaffung in der Formula Missae
und in der Deutfchen Meffe. Die Begräbnifsordnung fleht
im Widerfpruche zu der römifchen Missa pro defunctis,
fie wendet fich ausfchliefslich an die Lebenden u. f. w.
Nur einige Male tritt der Verf. in der hiftorifch-kritifchen
Einleitung aus feiner Zurückhaltung heraus, aber nicht
in glücklicher Weife. Nach S. IL foll in dem Ausdrucke
,in dem Angefichte der Kirche' eine Veräufserlichung des
Kirchenbegriffes liegen; der Verf. verfleht unter ,Kirche'
das Kirchengebäude, während .Kirche' nach S. 122 2332 243
in reformirter Terminologie die .Gemeinde' bedeutet;
S. LXXIV foll in dem Worte des Capito, feine Zuhörer
| möchten fich ,durch das Wort des Kreuzes fahen laffen',
ein prädeftinatianifcher Gedanke liegen, — eine Ver-
[ muthung, die wenig Grund zu haben fcheint. — Endlich
möge auch das noch bemerkt werden, dafs zu dem
Werke fo gediegener Arbeit und fo werthvollen Inhaltes
das leichte Scherzwort v. Wildenbruch's als Motto auf
dem Titelblatt nicht zu paffen fcheint.

Marburg. E. Chr. A che Iis.

Kruske, Paff. Lic. Dr., Johannes a Lasco und der Sacra-
mentsstreit. Ein Beitrag zur Gefchichte der Reformationszeit
. Leipzig 1901, Dieterich'fche Verlagsbuchhandlung
. (XI, 216 S. gr. 8.) M. 4.50

Das Gebiet der polnifchen Reformationsgefchichte
ifl ein von den deutfchen Hiftorikern fpärlich bebautes;
die fprachlich hier vorliegenden Schwierigkeiten erklären
das zur Genüge, fie haben auch die Ausmünzung
der zum gröfseren Theile lateinifchen Acta historica res
gestas Poloniae illustrantia verhindert. Was fpeciell den
Reformator Johannes a Lasco angeht, fo waren wir für
ihn bisher immer noch auf Dalton's 1881, alfo noch vor
der Herausgabe der einfchlägigen Bände der Acta er-
fchienene Biographie angewiefen. Zwar hat Dalton in
feinen ,Lascianal (Beiträge z. Gefch. der ev. Kirche in
Rufsland Bd. III 1898) werthvolle urkundliche Ergänzungen
zu derfelben gegeben und diefelben in der Einleitung
kurz erläutert, aber der Glorienfchein des refor-
mirten Märtyrers, mit dem ihn Dalton umgeben hatte,
war durch fie eher geftärkt als gemindert worden. Es
fehlte die in Ruhe Inftanz und Gegeninftanz abwägende,
von der Begeifterung für den erkorenen Helden fich
nicht fortreifsen laffende Darftellung. Hier fetzt Kruske
ein, ausgeftattet mit den erforderlichen Sprachkenntnifsen
und mit der Fähigkeit gerechten Urtheilens begabt.
Das Problem zum Verftändnifs der theologifchenThätigkeit
a Lasco's ift richtig im Abendmahlsproblem erkannt und
wird klar und mit Umficht durchgeführt, fodafs das Ausmünden
der Wirkfamkeit a Lasco's in Polen als der
naturgemäfse, durch ihn felbft gefchaffene Abfchlufs er-
fcheint. In der Aufweifung der die Ereignifse verbindenden
Fäden liegt ein befonderer Vorzug des K.'fchen
Buches; fie hat dazu geführt, wenigftens in feinen Grundlinien
den ganzen .Sacramentsftreit' in feiner zweiten
Phafe zu behandeln.