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Ausgabe:

1902 Nr. 8

Spalte:

229-233

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spitta, Friedrich

Titel/Untertitel:

Zur Geschichte und Litteratur des Urchristentums. Dritter Band, erste Hälfte: Untersuchungen über den Brief des Paulus an die Römer 1902

Rezensent:

Clemen, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 8.

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der Parallelabfchnitte, bei denen der Leier eine fynoptifche
Tabelle, nicht aber den Text eines Evangeliums vor (ich
haben mufste, drei Commentare, je einer zu jedem der drei
Evangelien, getreten find. Es ift zweifellos, .dafs damit
den einzelnen Evangelien beffer ihr Recht wird, als bei
der ,fynoptifchen'Erklärung, denn man kann einem Schrift-
fteller nicht gerecht werden, wenn man ihm beftändig
ins Wort fallt (Zahn). Für den Studenten ift es jedenfalls
leichter und vielleicht auch heilfamer, wenn er zunächst
einmal den einen vorliegenden Text der Reihe
nach erklärt bekommt. Der frühere Commentar, für den
Sachkundigen ein geradezu genufsreiches Buch, verlangte
von dem Anfänger zu viel. Dem Commentar ift nun
vorausgefchickt eine zufammenhängende Befprechung der
Parallelabfchnitte. Hier tritt die fynoptifche Vergleichung
und Erklärung der Varianten (tärker zurück als ich erwartete;
dafür wird eine fachliche Erörterung der hiftorifchen
und biblifch-theologifchen Probleme geboten, die in
den Commentaren nur mit ermüdenden Wiederholungen
ihren Platz gefunden hätte. Hier finden wir auch fehr
bedeutfame und fchöne Beiträge zu dem, was mir als
eine wefentlichen Aufgabe der Exegefe der Synoptiker
erfcheint, zur Ueberlieferungsgefchichte. Auf diefe Weife
ift das Problem eines Commentars zu den erften drei
Evangelien in gefchicktefter Weife gelöft. Freilich läfst fich
nicht vermeiden, dafs der Benutzer des Commentars
immer wieder zu jener Einleitung zurückblättert, wie der
Lefer der Einleitung den Commentar zu Rathe ziehen
mufs. Aber ganz ohne Verweifungen geht es bei einem
Stoffe, der an Wiederholungen fo reich ift, nicht ab. Und
der moderne Theologe foll, wenn er die Synoptiker lieft,
zwar auch dem einzelnen Schriftfteller fein Recht werden
laffen, aber er darf fich dabei nicht beruhigen und die
Unbequemlichkeit, die jeder Commentar, wenn er nicht |
fich taufendfach wiederholen will, bereitet, foll ihn in
heilfamer Weife immer wieder an das fynoptifche Problem
erinnern. Ob fich nun nicht doch noch eine gefchicktere
Form finden liefse, das mufs dem Experiment der Zukunft
anheimgeftellt werden. Einftweilen ift das, was H. geleiftet
hat, des Dankes und der Bewunderung werth.

Der Standpunkt des Verfaffers im Ganzen ift bekannt, j
Bemerkenswerth war mir zweierlei: die Zurückhaltung und j
Toleranz in den FinefTen der fynoptifchen Kritik und der
noch immer unerfchutterte Glaube an den gefchichtlichen
Werth des Aufrifses bei Marcus. Mir erfcheint kaum
denkbar, dafs der Verfaffer ihn trotz des feitdem er-
fchienenen Buches von Wrede in dieferForm aufrecht erhalten
würde. Was die Specialfragen nach Urmarkus,
Lukasquellen und dergl. anlangt, fo zeigt fich Holtzmann
hier wie auf allen Punkten nicht ftarr und unbelehrbar.
Bei aller Vorficht und aller Ablehnung jugendlicher ,Flug-
verfuche' leiht er auch der Arbeit der jüngeren Generation
ein aufmerkfames und freundliches Ohr. Auf
Einzelheiten einzugehen, habe ich hier keine Veranlaffung.
Ich fchliefse mit dem Danke für die reiche Gabe des
Verfaffers und mit dem Wunfche, dafs feine Arbeitskraft
und Frifche uns noch lange fo erhalten bleibe.

Marburg. Johannes Weifs.

Spitta, Friedrich, Zur Geschichte und Litteratur des Urchristentums
. Dritter Band, erfte Hälfte: Unterfu-
chungen über den Brief des Paulus an die Römer.
Göttingen 1901, Vandenhoeck & Ruprecht, (VI, 193 S.
gr. 8.) M. 5.—

Schon in dem erften Bande feiner Studien über das
Urchriftenthum (S. 20 ff.) hatte Spitta gelegentlich die Hy-
pothefe aufgeftellt, in unferem Römerbrief fei ein älterer,
Ii (ohne öovkoq Xqiötov Vnöoü) — 6. 7b- 13 — 1136. 15
8—83. 1621—37 (die'Doxologie allerdings nicht in der
vorliegenden Geftalt) umfaffender und am Ende der
dritten Miflionsreife entftandener Brief mit einem jüngern,

1 7a- 8—12. 121—157. 161—20 begreifenden und
nach der Befreiung aus der erften römifchen Gefangen-
fchaft gefchriebenen zufammengearbeitet worden. Jetzt hat
er diefe Theorie in ausführlicher Unterfuchung theils
modificirt, theils weiter ausgeführt: der jüngere Brief
umfaffe nur 121—157. 161—20 und fei alfo unvoll-
ftändig erhalten, in den älteren, Ii— 1 i-ae. 15s—33.
1621—27 begreifenden fei dagegen in 12 f. 5. ig—229
39—6h. u. 71—Ii 10 eine nach dem Apoftelconcil
entftandene Schrift an die Judenchriften eingearbeitet,
die alfo den älteften Brief des Paulus an eine Gemeinde
darftellen würde, wie der zweite Römerbrief den jüngften.
Ja auch in jenen fei in 711—24 wieder ein Abfchnitt
aus Confeffionen aufgenommen, die Paulus in der Zeit
feines Judenthumes niedergefchrieben habe.

Man kann gegen diefe Aufftellungen natürlich fofort
einwenden, dafs eine nochmalige Befreiung des Paulus
zu fchlecht bezeugt und unwahrfcheinlich fei — was Sp.
eben fortdauernd beftreitet — oder dafs man fich nicht
denken könne, wie Paulus jenes Selbftbekenntnifs fpäter
noch als Chrift und jenen Brief an die Judenchriften für
Rom verwendet habe — zumal wenn er fich von dem
übrigen fo ftark unterfcheide, dafs er erft ausgefchaltet
werden mufste.

Sp. hat diefe Schwierigkeit, nachdem er vorübergehend
(S. 103) den Redactor in Tertius fehen zu wollen
fchien, fchliefslich (S. 186) nur dadurch zu befeitigen
gewufst, dafs er fagt: ,Ueberhaupt, folange die moderne
Exegefe und Kritik' — die Sp. aber eben deshalb bekämpft
! — ,keinen unüberbrückbaren Gegenfatz zwifchen
91 —II 10 und 1111 ff. findet, folange wird wohl auch
der Nachweis nicht geführt werden können, dafs es
nötig gewefen fei, bei der Bearbeitung des älteren
Schreibens für die römifche Gemeinde die ältere An-
fchauung einfach zu befeitigen'. Aber gegen die ganze
Hypothefe entfcheidet auch das noch nicht; wir müffen
fie alfo doch im einzelnen nachprüfen, zumal auch Sp.
felbft immer von neuem darum bittet, feine Anficht nicht
mit ein paar Machtfprüchen abzuthun, fondern Punkt für
Punkt zu widerlegen zu fuchen (S. 4. 63. 66. 193).

Er geht — nach Betrachtungen über die Schlufs-
doxologie, die aufser Betracht bleiben können — von den
Schlufscapiteln aus, in denen er vier Dubletten nachweifen
zu können glaubt, wie fie bei Paulus fonft
nicht vorkämen: 1) 155f. und 13; 2) 1533 und 1620a;
3) 163—16 und 21—23; 4) 1620b und 24, und meint deshalb
, auf der einen Seite 151—7. 161—20, auf der
andern 153—33. 1621—27 zufammennehmen zu müffen.
Ich kann diefe Confequenz, obwohl ich die Singularität
folcher Dubletten anerkenne, doch nicht für zwingend
anfehen, und dies um fo weniger, als ich auch zwifchen
151—7 u. s ff. keine folche Kluft zu entdecken vermag,
wie Sp.

Weil nämlich bei den Schwachen nicht die Rede fei
,vom Effen unreiner Thiere oder von Götzenopferfleifch,
gefchweige von zeitweifer Enthaltung an Fafttagen' (S. 33),
meint er, fie dürften nicht als judenchriften gedacht
werden, während doch in Wahrheit nur folgt, dafs fie
das nicrft brauchen. Daffelbe gilt von dem Gebrauch
von yjuvoq und xa&ccQÖq, ja Vers 7—0, dieSp. ganz eigentümlich
undm. M. n. unmöglich erklärt, find für die Frage
überhaupt gleichgiltig; Vers 5 f. aber, wo in diefem Zu-
fammenhang (den Sp. freilich nicht für urfprünglich hält)
nur an die Beobachtung beftimmter F"afttage zu denken
ift, führt doch wohl auf ehemalige Juden. Vers 7, wo Sp.
aus ganz ungenügenden Gründen wieder die zweite Vershälfte
ftreicht, konnte alfo fehr wohl durch Vers s fortgefetzt
werden; denn wenngleich fich das öiaxovov yEyEv/jö&ca
gewifs auf die Menfchwerdung bezieht, fo wird diefe
doch auch fonft von Paulus als Vorbild gewerthet. Ja
felbft angenommen, dass die Schwachen ehemalige Neu-
pythagoreer wären, könnte das JiQoqXa^VEOd-E aUr'ßovq
durch das (dann allerdingsandersartige) 6 XQiötbqnQooEZct-