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Ausgabe:

1902 Nr. 7

Spalte:

217-219

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Orendi, Julius

Titel/Untertitel:

Die Wiedererneuerung unseres Gemeindegottesdienstes 1902

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 7.

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die Obrigkeit und die Fürften ein Amt haben. Vgl. z.B.
E. A. 39, 228, 342. S. 118, 315 wird mit Nürnb., Ansb. 2.,
Reutlingen ,beftändige grund und urfach' als lectio
difficilior vorzuziehen fein. S. 122, Z. 3 ift mit Nürnb.,
Ansb. 2, Marb., Reuth, Zerbfl ,veter fchriften' zu lefen.
S. 122 ift ,geweifft' (Reuth) eigenthümlich. Es fcheint
durch Correctur von gewifst in gewufst entftanden
zu fein. S. 136, Z. 4 ift lere nicht oberdeutfcher
Plural, fondern Singular. Es ift zu ergänzen ,hat'
sc, bei Paulus. S. 138, Z. 19 ift ,wirt' mit Recht
ferngehalten, es hat dem Schreiber blofs ,teutfch' im
Sinne gelegen. S. 144, Z. 6 ift .verneinen' doch wohl
feftzuhalten. S. 159, Z. 12 fetzt Tfchackert voraus, dafs
das Citat aus Auguftin fehle, allein sie bezieht fich hier
auf das Vorhergehende. Das Citat ift bei Müller S. 842
nachgewiefen. S. 200, Z. 20 ift Tfchackert mit ,der fei
verflucht' Nürnb. gefolgt, während Ansb. 2, Marb. und
Zerbft ,das fei' haben. Reutlingen wird übergangen. Nun
hat E. Ncftle in Ev. K. Bh f. Württemberg 1902 Nr. 4
darauf aufmerkfam gemacht, dafs Luther in den 11 oder
12 erften Drucken feines Neuen Teftaments ,das', und erft
von 1528 refp. 1529 an ,der' gefchrieben hatte. Man wird
alfo die Lesart ,das' ernfter nehmen müffen. S. 210, Z. 6.
Die Erklärung für den in den Textus reeeptus übergegangenen
Zufatz in Mainz aus Col. 2, 17 wird nur mit Hilfe
der unfertigen Handfchriften möglich fein. S. 218, Z. 1
ift der Gen. partit. ,unrichtiger' ficher urfprünglich. Es
entfpricht dem Sprachgeift der Reformatoren und ift
lectio difficilior. S. 220. Z. 24 ift ,es' beffer zu ftreichen.
Vgl. FVancke, Grundzüge der Schriftfprache Luthers.
S. 282. Abf. 4 b. Zur Charakteriftik des Norimb. ift der
Fehler S. 121 Z. 23 ein werthvoller Beitrag. Es wird
ein Hörfehler fein, wenn Norimb.: populo ftatt poculo
fchrieb. Alfo wird die Plandfchrift durch Dictat entftanden
fein. Ein Druckfehler S. 162, 29 TR. imponentse.
S. 152. Z. 15 ift i abgefprungen.

Seinen kritifch feftgeftellten Text hat Tfchackert in
einer fchönen und billigen Textausgabe ohne den Apparat
allgemein zugänglich gemacht, aber Ref. kann
nicht verliehen, warum diefer Text in moderner Orthographie
, welche die Klangfarbe des Originals vielfach
drangiebt, und mit fachlichen und fprachlichen Aende-
rungen wiedergegeben ift, während jetzt Schriftdenkmale
in ihrer urfprünglichen Sprache wie z. B. Eberlin's Schriften
dem Publikum dargeboten werden. S. 3. 11. konnte die
Zählung der Pfalmen nach der Vulgata beibehalten und
in der Anmerkung gefagt werden: in der Lutherbibel
Pf. CXLX, refp. 19. S. 10 konnte Moisi mit der Bemerkung
: ,So in der Vulgata' feilgehalten werden. Die
Harken Genitivformen ,göttlichs Willens' S. 12, ,Göttlichs
Namens' S. 26, .erbars, züchtigs Lebens' S. 23, S. 33 ,geift-
lichs Gewalt', die dem lateinifchenUrfprung näher flehende
Form ,Chriften' S. 34 = Chrift, die vom heutigen Sprachgebrauch
verfchiedenen Genera: ,den' Verdienft S. 32,
,den' Gewalt, ,die' Unterfcheid S. 43 konnten in einer
Textausgabe, welche den kritifch geficherten Text wiedergeben
will, unbedenklich beibehalten werden, find doch
diefe Dinge heutzutage, da fo viele Refoi matorenfehriften
verbreitet find, nicht mehr unbekannt.

Aber das find kleine Wünfche gegenüber dem, was
jetzt erreicht ift. Man darf Tfchackert's Werk eine That
nennen, die eine wefentliche Förderung bedeutet.
Nabern. G. Boffert.

Keintzel, Dr. Georg, Entwicklung der Gottesdienstordnung
in unserer ev. Landeskirche seit der Reformation.

Orendi, Julius, Die Wiedererneuerung unseres Gemeindegottesdienstes
.

Kram er, Friedrich, Das alte und das neue Gesangbuch.
Graef, J. Friedrich, Kirchengesang und Musik in unserem
Gottesdienste.

(In: Anregungen zur Neubelebung unteres ev. Gemeinde-
Gottesdienftes. Vier Vorträge, gehalten bei Gelegenheit
des liturgifchen Kurfes am 4. und 5. Juli 1900 in Biftritz.)
Hermannftadt 1900, W. Krafft. (135 S. 8) Kr. 2 —

Aus der Kirche der Siebenbürger Sachfen bringen uns
diefe vier Vorträge erfreulicheKunde. Dafs ein mehrtägiger
liturgifcher Kurfus für Candidaten und Pfarrer gehalten
werden kann, bezeugt ein lebhaftes Intereffe an der
Geftaltung des Gottesdienftes, an Klärung der liturgifchen
Begriffe, an Verftändigung über die geeigneten
Wege zur Erneuerung.

Der erfte Vortrag von Dr. Georg Keintzel, Pfarrer
in Petersdorf: ,Entwicklung der Gottesdienftordnung in
unterer evangelifchen Landeskirche feit der Reformation'
(S. 1 —13) macht uns mit dem Gewordenfein des heutigen
Zuftandes bekannt. Der Sächfifche Reformator Johannes
Honterus hat der Kirche die erfte 1550 verbindlich ein
geführte Gottesdienftordnung gegeben; fie fchliefst fich
an Luther's Formula Missae 1523 an, fleht jedoch noch
confervativer der römifchen Meffe gegenüber. Sonntäglich
follen 3 (S. 2:2) Gottesdienfte'ftattfinden: Matu-
tina, Hochamt und Vesper, mit zahlreichen lateinifchen
Einlagen und römifchen Gebräuchen. Unklar ift die Dar-
ftellung des Hauptgottesdienftes mit Abendmahl; morgens
fcheint der Gottesdienft nachdem Credo abgebrochen
zu fein, um nachmittags durch die Predigt, die, wie Luther
in der Formida Missae fie benimmt, nur Einleitung zur
Communionfeier ift, und durch eine fehr ausführliche
Abendmahlsliturgie zu Ende gefuhrt zu werden. In
den Jahren 1653 und 1749 wurde diefe Ordnung durch
eine ^Agenda sacra' mit leifer Hand vereinfacht; aber
in der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. wurde alle Ordnung
überhaupt durch völlige Willkür der Einzelgemeinden
befeitigt, und diefer Zuftand, genützt durch Gleichgültigkeit
der Gemeinden, befteht noch heute faft überall.

Der dritte Vortrag von Friedrich Kramer, Pfarrer
in Heidendorf: ,Das alte und das neue Gefangbuch' (S.97—
118) hat wohl nur locale Bedeutung. Das alte ift in der
zweiten Hälfte des 18.Jahrh. entftanden, flach rationaliftifch,
das neue, welches 1898 den Gemeinden dargeboten wurde,
fcheint den neueren Gefangbüchern der deutfehen Landeskirchen
gleichwertig zu fein, wenn auch manche un-
nöthige Modernifirungen alter Lieder zu beklagen find.
In der forgfältigen Darfteilung des Verf.'s ftört die falfche
Schreibung mancher Namen, wie Freylinghaufen, Heermann
, Flemming, Schmolck, ßaur, Tholuck, Hafe'u. a. m.

Der vierte Vortrag von J. Friedrich Graef, Pfarrer
in Mettersdorf: ,Kirchengefang und Mufik in unferem
Gottesdienfte' (S. 119—135) fucht in fachku idiger Weife
die Freude an und den Muth zu kirchlicher Mufik zu
erwecken.

An Umfang und Gehalt der bedeutendfte der Vorträge
ift der zweite (S. 14—96) von JuliusOrendi, Pfarrer
in Oberneudorf: ,Die Wiedererneuerung unferesGemeinde-
gottesdienftes'. In warmer Begeifterung tritt der Verf. für
eine gemeinfame Gottesdienftordnung im ganzen Sachfen-
lande ein; er fchildert die Mangelhaftigkeit der gegenwärtigen
Verhältnifse und entwickelt im engen Anfchlufs
an Schöberlein und Rietfchel die zu beachtenden liturgifchen
Geftchtspunkte, um die 1896 in den Gemeinden
des Kronflädter Kirchenbezirkes eingeführte Ordnung als
die der urfprünglichen Ordnung des Honterus und den
evangelifch-lutherifchen Principien entfprechende auf das
eindringlichfte zu empfehlen. Allerdings fchiefst der Verf.
wohl über das Ziel hinaus. Der Satz: .eine verfchiedene
j Ordnung des Gottesdienftes kann nimmermehr der Aus-
, druck eines gleichen religiöfen Bewufstfeins fein' (S. 19)
| ift grundlegend für feine ganze Ausführung; er dürfte
jedoch mit Auguftana 7: Ad veram unitatem ccclcsiae
satis est consentire de doctrina evangelii et admini-
straüone sacramentorum. Nec necesse est ubique esse
similes traditiones humanas, seu ritus ant ceremonias ab