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Ausgabe:

1902 Nr. 6

Spalte:

183-185

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Uphues, Goswin

Titel/Untertitel:

Einführung in die moderne Logik 1902

Rezensent:

Ritschl, Otto

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183 Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 6. 184

,der Einheitlichkeit wegen und zur Vermeidung fonft unvermeidlicher
Wiederholungen'die Gotteslehre des,Syftems
der chriftl. Gewifsheit' und des ,Syftems der chriftl. Wahrheit
' mit einander verbindet, wenn er fie auch nicht ver-
fchmelzen will. — Die Arbeit, wohl eine philofophifche
Doctorarbeit, befchränkt fich im Wefentlichen darauf
Bericht zu erftatten; eine Kritik hat der Verf., der ,fich als
dankbaren Schüler des Erlanger Meiflers bekennt', nur
in Geftalt einer gelegentlichen Gloffe' beigefügt. Eine
fo wichtige Gegenfchrift wie die Gottfchick's wird als ihm
,unbekannt geblieben' nur genannt. Auch eine Analyfe
der Frank'fchen Gotteslehre daraufhin, wie weit fie nur
kirchliche Lehre oder biblifche Anfchauungen aufnimmt,
in wie weit fie dagegen felbftändige religionsphilofophifche
Gedanken entwickelt, ift in der Schrift, die einen ,Beitrag
zur Gefchichte der Religionsphilofophie des neunzehnten
Jahrhunderts' geben will, zu vermiffen. — Doch kann man
dem Verf. das Zeugnifs geben, dafs er forgfam gearbeitet
hat. Wer Frank fchon kennt, bekommt einen willkommenen
Ueberblick über feine Lehre von Gott und
damit einen erhöhten Eindruck von Frank's bedeutender
fyftematifcher Leiftung, freilich auch von ihren angreifbaren
Seiten. Für den, dem Frank unbekannt ift, wird
es fich doch empfehlen, auf die Syfteme felbft zurückzugehen
, deren Schwerverftändlichkeit oft übertrieben
wird. — Vorangeftellt ift der Schrift eine Einleitung von
IO Seiten, die Frank's Lebensgang und literarifche Thätig
keit kurz regiftrirt und feinen Standpunkt bezeichnet im
Anfchlufs an vier Punkte, die Frank an Schleiermacher
rühmend hervorhebt, den fubjectiven Ausgangspunkt, die
Verbindung des chriftlichen Ethos mit dem chriftlichen
Glauben, das fromme Gepräge feiner Theologie und den
myftifchen Zug. Was übrigens die Myftik betrifft, fo hat
Frank den unergründlich tiefen Satz, dafs ,die obere Welt
den Menfchen zu einem organifchen Glied feiner felbft(!)
mache' — der Verf. felbft fetzt (S. 17) das Ausrufungs- j
zeichen —, nicht gefchrieben; es heifst bei Frank: ,ihrer
felbft' ftatt ,feiner felbft'.

Halle a. S. Max Reifchle.

Uphues, Prof. Goswin, Einführung in die moderne Logik.

1. Teil: Grundzüge der Erkenntnistheorie. (Der
Bücherfchatz des Lehrers. Wiffenfchaftliches Sammelwerk
zur intellektuellen und materiellen Hebung
des Lehrerftandes. Unter Mitwirkung mafsgebender
Fachgelehrter und Schulmänner herausgegeben von
Schuldir. K. O. Beetz. S.Band.) Ofterwieck 1901, A.W.
Zickfeldt. (XVIII, 68 S. gr. 8.) M. 1.50; geb. M. 2.—

Vom Erkennen und Denken als Bewufstfeinsthat-
fachen ift das Erkannte und Gedachte forgfältig zu
unterfcheiden. Die Unterfuchung hierüber kann eher,
als die Wiffenfchaft von den Bewufstfeinsthatfachen, die
Pfychologie, das Recht in Anfpruch nehmen, ,als Vor-
ausfctzung aller Wiffenfchaften und als grundlegende
philofophifche Disciplin zu gelten'. Tritt fo wieder die
Logik an die Stelle der Pfychologie als die philofophifche
Disciplin, der die erfte Stelle gebührt, fo ift fie zugleich
aus einer formalen in eine erkenntnifstheoretifche Disciplin
umzugeftalten. In diefer fich wenigftens anbahnenden
Wandlung der die letzten zehn Jahre umfpannenden
Entwickelung der philofophifchen Forfchung erkennt
der Verf. eine Wendung zum Befferen. Dann fafst er
feine eigene Grundanficht in folgenden Sätzen zufammen:
,Das Erkennen im gewöhnlichen von allen wiffenfchaft -
lichen Forfchern mit Ausnahme einiger Erkenntnifstheo-
retiker angenommenen Sinne hat eine metaphyfifche Bedeutung
. Die Wahrheit ift ein metaphyfifcher Begriff.
Was wahr ift, ift nur wahr, weil es für alle Zeit und
darum für die Ewigkeit gilt. Nur darum gilt es auch
für alle Denkenden. Wirklich ift etwas nur, weil es

| an diefem Ewigkeitscharakter der Wahrheit theilnimmt'
| (V). Nur durch eine Betrachtung sub specie acternitatis
| kann man fich den nothwendig überzeitlichen Wahrheitscharakter
der Thatfachen zum Bewufstfein bringen. Dann
folgt aber auch: ,das Gelten fleht höher als das Exiftiren;
das Exiftiren ift nur möglich durch das Gelten. Mit anderen
| Worten: die Wahrheit fteht höher, als die Wirklichkeit,
I und die Wirklichkeit ift nur Wirklichkeit durch die
Wahrheit' (4). ,1m Erkennen haben wir nicht ein blofses
I Bild der Wahrheit, fondern die Wahrheit felbft' (6). ,Das
Erkennen ift auf das Wefentliche gerichtet. Sein Ziel
ift das Wefen der Dinge' (7). Der Begriff eines Dinges
| befteht aus deffen wefentlichen Merkmalen. Deren Unter-
fcheidung von den zufälligen Merkmalen aber ,fetzt die
j Annahme eines Werthunterfchiedes unter den Merkmalen
j voraus' (8). Erfafst wird das Wefentliche durch einen
I ,einfachen Blick des Geiftes, über den freilich keineswegs
jedermann verfügt' (9). ,Als Wiffenfchaft vom
Wefen der Dinge und vom Syftem der Wahrheit' ift
die Philofophie ,auch die Wiffenfchaft vom höchften
Gute: Denn die Wahrheit ift in der That das höchfte Gut,
dasjenige, wodurch alles andere Werth erhält' (18).

Mit diefen im erften Haupttheile über ,die Wahrheit'
dargelegten Grundgedanken lehnt fich der Verf. ausdrücklich
an Plato's Ideenlehre an. ,Das, was wir Wahrheit
nennen', fagt er, ,ift in der That eine Platonifche
Idee, oder fie umfafst vielmehr die ganze Ideenwelt
Platon's, welche die Erfcheinungswelt in ihrem Sein
bedingt' (7). Verbietet es nun auch der zur Verfügung
flehende Raum, auch den ferneren Gedankengängen des
Verf.s Schritt für Schritt nachzugehen, fo ift es doch
von Wichtigkeit, hervorzuheben, dafs der objectiven
Wahrheit als ihr fubjectives Correlat ein feiner Art nach
intuitives Erkennen gegenübergeftellt wird, das namentlich
in der immer mit Gewifsheit verbundenen Einficht
der Zufammengehörigkeit des Zufammengehörigen zu
Tage tritt. Von intuitiver Art find insbefondere die
künftlerifche, die wiffenfchaftliche und die religiöfe In-
fpiration. Zwar find die religiöfen Gedanken in erfter
Linie praktifcher Natur, da die Religion zunächft eine
praktifche, Gefühl und Willen angehende Angelegenheit
ift. Aber die in ihnen enthaltenen theoretifchen Voraus-
fetzungen find doch ,nicht etwa darum wahr, weil fie
fich praktifch für das Gefühl und den Willen bewähren.
Der Werth der Praxis liegt gerade darin, dafs diefe
Vorausfetzungen wahr find' (83). Andererseits freilich
erklärt der Verf., für die Erkenntnifs der Wahrheit in
dem höchften Sinne, in dem ,in der chriftlichen Religion
alles auf Gott, den König im Reiche der Wahrheit, bezogen
' werde, gelte auch wieder Glaube, Liebe und Sittlich -
keit als Bedingung. Hier alfo liegt offenbar eine Schwierigkeit
vor. Der Verf. fucht fie zu befeitigen, indem er die
Wahrheit an fich und für uns unterfcheidet. Nur an
fich, nicht aber für uns, entfcheidet er, fei fie das höchfte
Gut. Für uns nämlich ift vielmehr ,die Sittlichkeit ein
höheres Gut, als die Wahrheit, und hinwiederum die
Seligkeit, der Friede, ein höheres Gut als die Sittlichkeit
. Denn nur wenn wir die Seligkeit oder den Frieden
erlangt haben, können wir fittlich leben, und das fitt-
liche Leben hinwiederum ift Bedingung der Erkenntnifs
der Wahrheit im vollen Sinne des Wortes. Infofern gilt
der Primat des Willens, nicht der Primat des In-
ttllects.' (85).

Ob nun diefe Löfung des Rangftreits zwifchen der
religiös-fittlichen Praxis und der Wahrheitserkenntnifs,
fo wie fie der Verf. verfteht, vielen als richtig einleuchten
wird, ift mir zweifelhaft. Dafs zwar jene fo
hoch einzufchätzen ift, wie der Verf. es thut, darin
ftimme ich ihm zu. Aber gerade von hier aus vermag
ich ihm nicht auch darin zu folgen, dafs aller Wahrheitserkenntnifs
ein metaphyfifcher Charakter zu vindiciren
fei, und dafs insbefondere im religiöfen Denken ,theo-
retifche' Vorausfetzungen von gleicher Art, wie die Er-