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Ausgabe:

1901 Nr. 5

Spalte:

148-149

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gehring, Johannes

Titel/Untertitel:

Die Sekten der russischen Kirche (1003-1897) 1901

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 5.

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Einflufses des Abendlandes, den nicht nur das Volksleben, I
fondern fehr ftark auch die kirchlichen Verhältnifse zu
fpüren bekamen. Die Reaction dawider bekundet fich J
officiell in den beiden grofsen Erlaffen des Patriarchen 1
Gregor's VI von Konftantinopel 1836 und 1838, die fich
wider die Proteftanten (bez. Anglikaner) und Katholiken
kehrten. Von ihnen ab datirt die letzte, vierte Periode,
die M. noch nicht definitiv charakterifiren zu können glaubt.

Das 16. Jahrhundert betrachtet M. noch als eine Zeit
der naiven, inftinctiven Selbftbehauptung der griechifchen
Kirche. Die zweite Periode ift viel bewufster darauf j
bedacht, die gefchichtliche Art der Orthodoxie zu fixiren. |
Die Gegenfätze hatten fich auch viel fchroffer bemerklich !
gemacht. Die Actionen der Reformirten waren weiter j
angelegt und fyftematifcher durchgeführt, als die der
Lutheraner im Jahrhundert vorher. Zum erften Male
wurde in diefer Zeit die Bibel in die Volksfprache überfetzt
. Im Jahre 1638 kam auf Koften der holländifchen
Regierung die Ueberfetzung des Maximos Kalliupolites
zum Druck. Die Confessio Belgica erfchien 1648 in volks-
griechifcher Sprache. Auch der Heidelberger Katechismus
wurde überfetzt. Die Katholiken waren noch viel
rühriger. Sie fchufen eine grofse erbauliche Literatur in |
der Volksfprache. Eine ganze Reihe fynkretiftifcher
Theologen hat das 17. Jahrhundert gezeitigt. Bekannt
find zumal die gelehrten Convertiten diefer Zeit, ein Leo |
Allatius, Petrus Arcudius, I. Matthaeus Caryophyllus. !
Dem gegenüber hat die griechifche Kirche im 17. Jahrhundert
auch ihre berühmteften Polemiker aufzuweiten.
Im 18. Jahrhundert wächft die Bildung des griechifchen
Volkes fehr. Es blühten viele Schulen, nicht nur in
Konftantinopel und auf dem Athos, fondern auch in einer
Reihe von kleineren Städten. Der berühmtefte Name -
diefer Zeit ift der des Eugenios Bulgaris. M. gedenkt
feiner in einer kurzen Ueberficht über die Erneuerung der
philofophifchen Studien unter den Griechen. Ausgegangen
ift diefe von Theophilos Korydalleus (1563 —164.6). Es
war die peripatetifche Philofophie, die wieder belebt wurde
und von neuem zu dem Range der ,kirchlich anerkannten'
emporftieg. Die Verbindung der Theologie mit diefer
Philofophie gab der erfteren ein kräftigeres Selbftbewufst-
fein. Immerhin fand die ariftotelifche Philofophie auch
Gegner, fo zuerft im Anfange des 18. Jahrhunderts an
Methodios Anthrakites, fpäter an Chriftodulos dem Akarna-
nier. Es fcheint, dafs letzterer durch Spinoza beeinflufst
war. Bei Eugenios Bulgaris tritt, wie M. feftftellen zu
können glaubt, Einflufs von Locke zu Tage, zumal aber
von Franz Buddeus, was ja recht intereffant ift. Eug. :
Bulgaris hat wohl am bedeutfamften auf die Entwickelung
der griechifchen Theologie eingewirkt. ,Durch ihn ift der
Geilt der Kritik eingeführt für alle Gebiete der Theologie,
foweit fie nicht direct durch die Normen der Dogmen
ein für alle Male fehtgelegt find. Das gilt z. B. auch für
das Gebiet der Kirchengefchichte'. — Zum Schlufse feiner
Charakteriftik der Perioden giebt M. eine Ueberficht über j
fammtliche Arbeiten, die bisher der Gefchichte der neueren
griechifchen Literatur und Kirche gewidmet find, anhebend i
mit der Turcograeda des Martin Crufius, Bafel 1584. Es 1
find ihrer gar nicht wenige. Die Griechen felbft find eifrig
dabei, ihre Literaturgefchichte fich felbft und anderen
bekannt zu machen. Daneben find befonders franzöfifche
Arbeiten zu nennen. Aber auch Deutfchland ilt feit
Krumbacher's Begründung der ,Byzantinifchen Zeitfchrift'
vielfeitig an diefen Studien mitbetheiligt.

Der vorliegende Band gilt im Detail (von S. 32 an),
wie der Titel fagt, nur erft dem 16. Jahrhunderte. Er
umfafst fieben Capitel: r. Von der fyftematifchen Theologie
, 2. Die Erbauungsliteratur, 3. Die liturgifche Literatur
, 4. Bibel und Exegefe, 5. Kirchengefchichte, 6. Kirchenrecht
, 7. Ausgaben von älteren theologifchen Werken.
Diebeiden erften Capitel find inhaltlich die intereffanteften.
Im befonderen hebe ich aus dem erften, bei weitem um-
fangreichften (S. 34—105), hervor die fehr inftruetive

Unterfuchung über die Acta et scripta tlieologoritm 11 'irtem-
bergensiutn etPatriarchae Constantinopolitani D. Hieremiae,
ferner die Abfchnitte über Packomios Rliusanos, Meletios
Vegas, Maximos Margunios, Gabriel Severos und Nathanael
Chychas. EinTheil diefer Namen kehrt auch im zweiten Capitel
wieder. Am wichtigften ift jedoch hier Damaskinos
Studites. Von ihm flammt das bedeutfamfte Werk der
kirchlichen Volksliteratur des 16. Jahrhunderts überhaupt
nämlich das ßißl'iov ovolua£,6[ievov Ihjöavgöq. Es ift noch
heute fehr verbreitet und hat mehr als zwölf Auflagen
erlebt. Diefer IrrjaavQog enthält Predigten, gröfstentheils
von Damaskinos felbft, daneben urfprünglich folche von
Albertos Marinos, fpäter von Joannikios Kartanos. Die
weiteren Capitel haben theilweife faft nur von Ausgaben
cultifcher und kanoniftifcher Bücher zu berichten. Unter
den Kirchenhiftorikern ift am bekannteften und wichtigften
Dorotheos von Monembafia, der Verfaffer des fog.
,Chronographen'. Diefes Werk ift für zwei Jahrhunderte
dasjenige gewefen, ,aus dem die Griechen ihre Kenntnifse
der Gefchichte der Welt und des Reiches Gottes fchöpften'.
Es hat Fortfetzer gefunden, wie es auch vielen der alten
byzantinifchen chronographifchen Gefchichtswerke ge-
fchehen ift. Urfprünglich reichte es bis 1595, es find bis
in's 19. Jahrhundert Ausgaben erfchienen. M. hat bei
den Autoren, die er aufführt, fehr vielfach von noch nicht
gedruckten Werken zu berichten. Sehr dankenswerth er-
fcheint es mir, dafs er fich bei den gedruckten angelegen
fein läfst, wenn fie nicht befonders bekannt und geläufig
find, anzugeben, in welchen deutfehen Bibliotheken fie zu
finden find. Wer fich einmal mit diefer Literatur felbft
befchäftigt hat, weifs, wieviel unnütze Schreibereien der
Verfaffer anderen damit erfpart.

Giefsen. F. Kattenbufch.

Gehring, Lic. theol. Dr. Johannes, Die Sekten der russischen
Kirche. (1003—1897). NachihremUrfprungeund inneren
Zufammenhange dargeftellt. Leipzig, F. Richter, 1898.
(XII, 240 S. gr. 8.) M. 5. —

Der Verfaffer diefes Buches hat 1897 mit einer Differ-
tation über ,die Religionsphilofophie J. E. von Berger's'
in Erlangen den philofophifchen Doctorgrad erworben.
(Der Mann, von dem er hier handelt, war Profeffor der
Philofophie in Kiel, Däne von Herkunft, geb. 1772, geft.
1833, ein Eklektiker von feiner, finniger Art, mit poetifchen
Neigungen.) Im Jahre 1898 hat Verf. dann in Roftock
mit dem 1. Theile der vorliegenden Schrift als Licentiat
promovirt. Ich weifs nicht, ob das ganze Buch fchon der
Rottocker Facultät vorgelegt wurde; jedenfalls ift es auch
als ganzes im gleichen Jahre erfchienen. Die heterogene
Art der Erftlingsarbeiten G.'s (ich nehme an, dafs es fich
um folche handelt), verräth einen Mann von mannigfachen
Intereffen, doch aber zugleich einen folchen von einer
gewiffen Unficherheit darüber, was er wiffenfehaftlich
treiben folle. Beide Themata fcheinen ihm ,geftellt' zu
fein. An einem Philofophen wie von Berger (ich bekenne
, dafs ich nichts von ihm gewufst habe, ehe ich
G.'s Differtation las) kann man fich doch nur noch wenig
orientiren und fo ift die Befchäftigung mit ihm für einen
jungen Theologen, falls er nicht etwa blofs ein speeimen
eruditionis befchaffen will, kaum fehr fördernd. Ebenfo
aber meine ich, dafs ein Anfanger in der Theologie leicht
werthvollere, reichere Bildungselemente für ihn darbietende
Themata im Gebiete der Confefhonskunde finden könnte,
als gerade die ruffifchen Secten. Wollte G. aber fich von
der Befchäftigung mit einem Philofophen alsbald zu den
von der ,Philofophie' wirklich ganz befonders verlaffenen
Secten des ruffifchen Reiches wenden, fo mufste er fich
wohl etwas deutlicher Rechenfchaft davon geben, was
man da bei einer Monographie zu verlangen einiges Recht
habe. Ich fage das nicht, um fein ficher zu rafch ent-
ftandenes neues Buch kurzer Hand zu discreditiren. Das-