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Ausgabe:

1901 Nr. 3

Spalte:

76

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weder, Val.

Titel/Untertitel:

Die Adressaten des Galaterbriefes 1901

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 3.

76

lückenhaften zufammenhangslofen Zuftandes der Fragmente
verneint hätte. Dann hätte er eine zwar ent-
fagungsvolle, aber nützliche Arbeit gethan.

Viel fchlimmer als der Commentar find aber die
Aufftellungen Jacoby's über den Urfprung der Fragmente
aus dem Aeg.-Ev. fowie Alles, was über diefes behauptet
wird. Es handelt fich hier um eine eigentliche Legendenbildung
, an der die von Jacoby fclavifch benutzte kleine
Schrift Harnack's (Ueber die jüngft entdeckten Sprüche
Jefu), wie ich fürchte, mitfchuldig ift. Feft fteht einzig
die Zugehörigkeit des bei Clemens AI. erhaltenden Wortes
Jefu an Salome zum Aeg.-Ev.; das gleiche Wort kennt
in anderer Form der 2. Clemensbrief. Wenn nun aber
deshalb alle eigenartigen Herrenworte des 2. Clemensbriefes
, fodann darauf geftützt die Logia von Behnefa,
weiter auf diefe geftützt unfere koptifchen Fragmente,
endlich wegen deren ,Kralle des Todes' das Symbol der
griechifchen Zauberformel dem Aeg.-Ev. zugewiefen
werden, fo ift einfach zu fagen, dafs jenes eine Wort
des Clemens AI. diefen Hypothefenbau niemals trägt,
oder auch nur entfchuldigt. Wo derart ein X das andere
ftützen foll, kann nicht einmal mehr von Wahrfcheinlich-
keit, kaum von Möglichkeit geredet werden. Speciell
der Beweis der Zugehörigkeit der koptifchen Fragmente
zum Aeg.-Ev. ift fchon darum ganz mifsglückt, weil
Jacoby feinen Meifter Harnack zur einen Hälfte copirt,
zur andern verleugnet. Er copirt ihn, wenn er die Möglichkeit
der Zugehörigkeit unferer Sprüche zum Petrusev.
nur verneinend befpricht und den fynoptifchen Typus
des Aeg.-Ev. ftark betont. Allein unfere Fragmente
tragen, gerade wie das Petrusev., die Wirform im Gegen-
fatz zu den Sprüchen des 2. Clemensbriefes, auf die fich
Jacoby nach Harnack beruft, alfo können nur die einen
oder die andern aus dem Aeg.-Ev. flammen. Harnack
hatte das Aeg.-Ev. für vom 4. Ev. unabhängig, für ein
Pendant zu ihm erklärt; Jacoby hält es für abhängig vom
4. Ev. (mit Recht). Allein er merkt gar nicht, dafs nun
auch Harnack's Folgerungen für ihn verboten find, da,
wenn das 4. Ev. fchon dem Aeg.-Ev. zu Grunde liegt, es
erft recht von den jüngeren Schriften benutzt fein wird.
Das gilt von Juftin und Ariftides, die eben unfere vier
kanonifchenEv. vorausfetzen. ManwirdtrotzallemWieder-
ftreben nicht um die Thatfache herumkommen, dafs das
4. Ev. vom 2. Jahrzehnt des 2. Jahrhunderts an in weiteren
Kreifen die Führerftelle einzunehmen beginnt, da Ignatius
, Petr. Ev., Ariftides, Juftin rafch nach einander
feinen Einflufs bezeugen. Juftin ift doch nur der theo-
logifche Schüler des 4. Evangeliums, wie freilich fchon
vorher Ignatius. Das Aeg.-Ev. thut man gut bei all dem
gänzlich auf der Seite zu laffen und dahin zu Mellen, wo
es fein Name hinweift, nach Aegypten, nicht darüber
hinaus. Von der Beweisführung Jacoby's nur noch eine
Probe. Zuerft (p. 28f.) wird Epiphanius zu Hilfe gerufen
wegen feiner Charakterifirung des Aeg.-Ev.; es wird betont
, wie die ,geheimnifsvolle' Redeweife Jefu im Referat
des Epiphanius beftätigt werde durch das Vorkommen
des Wortes Geheimnifs im koptifchen Fragmente. Damit
vgl. p. 51: Die Nachrichten bei Hippolyt und Epiphanius in
ihrer grofsen Allgemeinheit und Unbeftimmtheit beweifen
uns, dafs jene das Aeg. Ev.. . nie gefehen haben'. Der
gute Mann hat ja oben feinen Dienft gethan, jetzt kann
er gehen.

Es fteht alfo nicht fo, dafs ,ein bedeutendes Stück
Theologie des 2. Jahrhunderts und der folgenden Periode
uns durch Jacoby's Evangelienfragment klarer wird'. Es
bleibt Alles fo dunkel oder fo klar wie vorher. Möchten
nur die Herausgeber neuer Evangelienfunde endlich dazu
kommen, fkeptifcher und nüchterner zu fein.

Bafel. Paul Wer nie.

Weber, Prof. Pr. Val., Die Adressaten des Galaterbriefes.

Beweis der rein-füdgalatifchen Theorie. Ravensburg,
H. Kitz, 1900. (IV, 80 S. gr. 8.) M. 1.20

Die ,rein-füdgalatifche Theorie' welche der Verfaffer

I vertritt, ift die Theorie, dafs der Galaterbrief ausfchliefs-
lich an die Gemeinden von Pifidien und Lykaonien,
nicht zugleich auch an die des eigentlichen Galatien ge-

J richtet gewefen fei. Diefe Theorie hängt bei ihm mit
der in einem anderen Werke erwiefenen zufammen,

j dafs der Galaterbrief vor dem Apoftelconcil, alfo
vor den Reifen Act. Cap. 16—18 gefchrieben fei, dem-

I nach Gal. 2 fich nicht auf diefelben Vorgänge beziehe
wie Act. 15 (Die Abfaffung des Galaterbriefes vor dem
Apoftelconcil, 1900).

Die Gründlichkeit und Sorgfalt, mit welcher der
Verf. bei feiner Unterfuchung verfährt, verdient das
höchfte Lob. Was irgend zu Gunften der füdgalatifchen
Theorie gefagt werden kann, das ift hier zufammenge-
bracht. Der Verf. ift auch von der durchfchlagenden

I Kraft feine Argumente fo feft überzeugt, dafs er ent-
fchiedenen Widerfpruch dagegen vermuthlich nur aus

j der Zähigkeit erklären wird, mit welcher der Irrthum an

! fich felbft hängt. Zu diefer Unverbefferlichkeit mufs ich
mich nun durchaus bekennen. Die ,zwei entfcheidenden

i Argumente' in § 6 haben auf mich ebenfowenig Eindruck
gemacht, wie die ,zwölf weiteren' in § 7, und die

! ,fechs beachtenswerthen Beweismomente' in § 8. Dagegen
hat es mich gewundert, dafs er bei der ,Löfung der vermeintlichen
Schwierigkeiten', welche feiner Theorie ent-
gegenftehen (§ 10), die Haupt-Schwierigkeit ganz ignorirt,
nämlich die Anrede 3,1 m avorrzoi PiO.äxai. Nach allem,

| was wir aus dem Sprachgebrauche der Zeit wiffen, ift es
völlig ausgefchloffen, dafs Lykaonier und Pifidier fo angeredet
werden konnten; und es hat noch Niemand einen

I Schein von Beweis dafür beigebracht. Die fchöne Analogie
, dafs die Naffauer, feitdem fie zu Preufsen gehören,

I auch Preufsen genannt werden können, hilft hier nichts.
Man hat zwar die verfchiedenen Landfchaften, welche

' damals in der Hand eines Statthalters vereinigt waren,

j aparte potiori auch ,Galatien' genannt, wenn man nämlich
den ganzen Verwaltungsbezirk meinte. Aber diefes ,Gala-

! tien* ift niemals eine fefte und ftabile Gröfse gewefen,
denn die Zufammenlegung der einzelnen Landfchaften

| unter einem Statthalter hat fehr gewechfelt. Daher haben
fich auch die einzelnen Landfchaftsnamen noch Jahr-

! hunderte lang erhalten, umfomehr, als fie auch wirklich

! von verfchiedenen Nationalitäten bewohnt wurden.
Ja die Landfchaften find als verfchiedene, wenn auch
in der Hand eines Statthalters vereinigte .Provinzen' be-

S trachtet und bezeichnet worden (Corp. Inscr. Lat. III n.

J 312. 318: provinciarum Galatiae, Cappadociac, Pont;,

I Pisidiae, Papklagoniae, Lycaoniae, Armeniae Minoris,

J ähnlich n. 6813). Wer darum Pifidier und Lykaonier
meinte, hat niemals .Galater' gefagt. Inftructiv ift in
diefer Beziehung der Sprachgebrauch in Betreff der Provinz
Asia. Der Umfang diefer Provinz ift viel ftabiler
gewefen als der der Provinz ,Galatia Trotzdem kommen
nur wenige Fälle vor, wo die Einheimifchen felbft fich
'Aöiavoi nennen (f. Ramfay, Oxforder Studio Biblica IV,
31, Theo!. Literaturzeitung 1896, 346).

Göttingen. E. Schürer.

Sommerlad, Priv.-Doz. Theo, Die wirtschaftliche Thätigkeit
der Kirche in Deutschland. Erfter Band. Die wirtfchaft-
liche Thätigkeit der Kirche in Deutfchland in der
naturalyvirtfchaftlichen Zeit bis auf Karl den Grofsen.
Leipzig J. J. Weber, 1900. (X, 367 S. hoch 4.)

Geb. in Pergament M. 20.—

Sommerlad hat die Abficht, die Entwickelung der
Wirthfchaftsthätigkeit der Kirche in Deutfchland von den