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Ausgabe:

1901 Nr. 19

Spalte:

522-524

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bruckner, Albert

Titel/Untertitel:

Faustus von Mileve 1901

Rezensent:

Grützmacher, Georg

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 19.

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der fie von dem grofsen Gerichtstage als einem furchtbaren
Geheimnifse reden, das wahrfcheinlichere zu fein.
Möglicherweife ift die Lehre, derzufolge nach einer nur
dreitägigen Reinigungsqual — von der Strafe der drei
Nächte können wir hier einmal abfehen — auch die
Bolen zur ewigen Seligkeit in der erneuerten Welt eingehen
, erft in den nachchriftlichen Jahrhunderten ent-
ftanden. Hat doch auch fonft, wie S. trefflich nach-
gewiefen, die fpätere perfifche Kirche den Zugang zum
Himmel immer leichter und einfacher geftaltet und aus
dem fchmalen Weg den breiten gemacht. Auch die
entfchieden die perfifche Eschatologie wiedergebende
zweite Sibylle fetzt für die Böfen eine fehr lange Zeit
der Bufse feft, noch nicht die drei Tage der fpäteren
perfifchen Theologie.— Umgekehrt lehrt auch die jüdifche
Apokalyptik weithin nicht die ewige Verdammnifs der
Böfen, fondern nur ihre Vernichtung, oder ihr Bleiben
im Tode, während die Frommen auferftehen.

So ift der eine der beiden Hauptbeweife S.'s gegen
die Zufammengehörigkeit der jüdifchen und perfifchen
Eschatologie in fein Gegentheil umgefchlagen, die zweite
anfcheinende Grunddifferenz auf ein geringeres Mafs zurückgeführt
. — Aehnliches wäre nun weiter hinfichtlich
einer Reihe einzelner Punkte auszuführen. Ueberall
Rheinen mir die Aehnlichkeiten und Gleichartigkeiten
ftärker zu fein als die Differenzen. So ift z. B. mit
Recht von S. hervorgehoben, wie die jüdifche Apokalyptik
in der fo oft fich findenden Annahme, dafs
nicht alle Todten auferftehen, fondern entweder nur die
Frommen, oder auch eine beftimmte Claffe von befonders
zu belohnenden Frommen oder zu beftrafenden Böfen,
ihre eigenen Wege gehe gegenüber der perfifchen
Apokalyptik, für welche die Annahme der Auferftehung
aller Todten fundamental fei. Aber in der Annahme
einer leiblichen Auferftehung der Todten am Ende der
t elt, am grofsen Tage des Gerichtes begegnen fich doch
ausfchliefslich eben diefe beiden Eschatologien. Auch
hier hat freilich das Judenthum die Kraft befeffen, die
Lehre von der Auferftehung eigenartig und feinen Ideen
von göttlicher Gerechtigkeit entfprechend weiter zu bilden.
Uebrigens giebt S. an diefen Punkte felbft trotz aller Bedenken
die Möglichkeit perfifchen Einflufses auf das
Judenthum zu. Er giebt weiter diefe Möglichkeit noch
an einem zweiten wichtigen Punkte zu, nämlich hinfichtlich
der Lehre von der Befiegung und Vernichtung
der böfen Geifter am Ende der Welt durch Gott. Meines
Erachtens kann gerade an diefem Punkte die Annahme
diefes Einflufses nicht nur als eventuell möglich, fondern
als aufserordentlich wahrfcheinlich, ja als gefichert er-
wiefen werden. Denn trotz der Einwände, die S. in
feiner oben erwähnten Kritik des Stave'fchen Buches
erhoben hat, bleibt es mir aufserordentlich wahrfcheinlich,
dafs die gefammte dualiftifche, in der Lehre vom Teufel
gipfelnde Anfchauung der fpätjüdifchen Apokalyptik
nicht auf dem Boden der monotheiftifchen Religion der
Propheten und Pfalmen erwachfen ift, fondern fremden
Einflufs vorausfetzt und zwar den der dualiftifchen mazdei-
fchen Religion. Die Unterfchiede, die S. a. a. O. zwifchen
der perfifchen Lehre von Ariman und der jüdifchen von
Satan (Beliar) hervorhebt, heben auch hier die wefent-
liche Gleichheit der Anfchauungen nicht auf.

Hingegen ift Söderblom vielleicht Recht zu geben,
wenn er in der jüdifchen Lehre vom Meffias und der
rnazdeifchen vom Saosliyant keinerlei verwandtlchaft-
liche Beziehungen entdecken will. Die Hoffnung auf
einen König aus Davids Stamm ift älter als alle Beein-
flufsung des Judenthums durch den Parsismus. Immerhin
bliebe auch hier die Frage offen — die Söderblom
gar nicht geftreift hat — woher jene eigenthümliche, bereits
in den Bilderreden des Henoch vorliegende mef-
fianifche Idealgeftalt des präexiftenten ,Menfchen' flamme.
Auf dem Boden des Judenthums ift fie nicht gewachfen,

aber auch mit der perfifchen Meffiasidee fcheint fie freilich
in keiner Weife zufammenzuhängen.

Auch darin gebe ich S. Recht, dafs bei der Lehre
von der individuellen Vergeltung gleich nach dem
Tode der Einflufs mazdeifcher Vorftellungen wenigftens
geringer zu veranfchlagen ift, als auf dem Gebiete der
eigentlich apokalyptifchen Vorftellungen. Die Vorftellungen
von den getrennten Orten des Hades, wie fie
zuerft im äthiopifchen Henoch auftritt, ift in der That

I mehr hellenifch als mazdeifch. Immerhin fehlen die Berührungen
auch hier nicht. S. hätte hier nur mehr in
die Einzelheiten der jüdifchen Apokalyptik eindringen
nuiffen, um fie zu fehen. — Und darin mufs ich S.
noch einmal wi ierfprechen, wenn er durch eine eigenthümliche
Beweisführung eventuellen rnazdeifchen Einflufs
von vornherein ausfchliefsen möchte. Nach S.'s

! Meinung fleht die jüdifche Lehre von der individuellen
Vergeltung nach dem Tode in gar keiner Beziehung zu
den apokalyptifchen Gedanken vom Weltende und Welt-

! gericht. Sie flammen daher nach S. aus einer Religion,
die keine Apokalyptik habe. Hier ift, foweit ich fehe,
von S. der vorliegende Thatbeftand einfach nicht richtig
wiederzugeben. Die Behauptung S.'s trifft etwa zu für
jüdifch-helleniftifche Eschatologie, vielleicht auch hier
nicht einmal für die Sipientia Saiomo's, fie trifft nicht
zu für die paläftinenfifche Eschatologie. Hier ift that-
fächlich der Gedanke der Vergeltung nach dem To le,
wenn er fich überhaupt findet, faft immer auch irgendwie
zu dem Gedanken des Gerichtes am Ende der Welt in
Beziehung gefetzt.

Der pofitive Beweis für die Beeinflufsung der Ent-
wickelung der jüdifchen Eschatologie durch die des Maz-
deismus kann natürlich gegenüber S. auf diefem engen

I Raum nicht geführt werden. Es genügt hier der Nachweis
, dafs die Annahme einer weitgehenden Abhängigkeit

I nach diefer Richtung durch die mehr apriorifchen Bemerkungen
S.'s keineswegs erfchüttert ift. Der pofitive
Beweis müfste und wird noch über die Arbeiten von
Cheyne und Stade hinaus durch eine exaete, in alle
Einzelheiten eingehende Detailunterfuchung erbracht
werden müffen.

Ich möchte auch meinerfeits mit einigen allgemeineren
Bemerkungen fchliefsen. Zwei Thatfachen
Rheinen mir auf dem umftrittenen Gebiet feftzuliegen,
einmal, dafs auf dem Gebiete der Eschatologie im Judenthum
feit dem zweiten vorchriftlichen Jahrhundert eine
ungemein Marke, nach verfchiedenen Richtungen fich
erftreckende, intenfive und ftürmifche Weiterbildung erfolgt
ift, — zum anderen, dafs die Gedankenwelt des
Judenthums in diefem Zeiträume einen durchaus epigonenhaften
, unfehöpferifchen, von fremden Elementen auch
fonft zerfetzten Charakter zur Schau trägt. Ich kann
mich zu der Annahme nicht entfchliefsen, diefem Judenthum
eine wahrhaft grofse fchöpferifche Kraft auf dem
Gebiete der Eschatologie zuzufprechen. Und eine Riehe
müfste man annehmen, wenn man den Einflufs der
nächftverwandten rnazdeifchen Eschatologie ausfchliefsen
wollte.

Ich betone nach allen diefen Ausftellungen noch einmal
, wie dankbar gerade wir Theologen dem Verfaffer diefes
Werkes fein müffen, dafür dafs er uns mit grofser Gründlichkeit
und doch in einer fo lichtvollen, auch für Nicht-
fachleute berechneten Art in ein den meiften von uns ver-
fchloffenes und dunkles Gebiet eingeführt hat.

Göttingen. Bouffet.

Bruckner, Pfarrer Lic. Albert, Faustus von Mileve. Ein Beitrag
zur Gefchichte des abendländifchen Manichäismus.
Bafel, F. Reinhardt, 1901. (VIII, 82 S. gr. 8.) M. 240

Die Monographie Bruckners zerfällt in zwei ungleiche
Theile. Der erfte kürzere behandelt das Leben des Ma-

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