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Ausgabe:

1901 Nr. 13

Spalte:

357-362

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hackenschmidt, Karl

Titel/Untertitel:

Der christliche Glaube in acht Büchern dargestellt 1901

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 13.

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Seiten des Buches ein; S. 139—145 füllt das Regifter), und
dafs zuweilen mehrere Seiten hindurch benutzte Schriften
zu Worte kommen.

Letzteres hätte der Herr Verfaffer entfchieden vermeiden
follen. Namentlich liebt er es, Urtheile über
Lütkemann und feine Schriften zufammenzuftellen. So
führt er uns S. 99fr. Aeufserungen über eine Predigtfamm-
lung Lütkemanns vor: nacheinander hören wir einen ge-
wiffen Generalfuperintendenten D. Dieckmann in Stade,
Tholuck, einen Paftor Bodemann, der die Predigtfamm-
lung neu herausgegeben, und den Generalfuperintendenten
Wilh. Befte in Braunfchweig, dreimal nach der häfslichen,
wiederholt vom Verfaffer angewandten Einführung: Dieckmann
fagt, Tholuck fagt, Bodemann fagt! Wollte Lütkemann
folche Urtheile fammeln, fo hätte er fie in einem
befonderen Capitel bringen und etwas anfprechender
gruppiren follen. Am allerwenigften gehört aber ein Auszug
aus der Recenfion des 1893 vom Herrn Verfaffer neu
herausgegebenen ,Vorfchmacks göttlicher Güte' aus dem
Braunfchweigifchen Volksblatt (S. 110) in die Darftellung
hinein.

Das Buch hätte bedeutend gewonnen, wenn der Verfaffer
alle Beigaben von der Biographie getrennt, diefe
für fich dargeboten und die Auszüge aus den Predigten,
die ja an fich fehr willkommen find, in einem Anhang
zufammengeftellt hätte. So wie das Buch jetzt vorliegt,
wird die Freude an dem Dargebotenen durch die ftörende
Art der Darftellung mannigfach getrübt. Zu letzterer
rechne ich namentlich auch die Eintheilung der einzelnen
Capitel in Paragraphen, deren Nutzen mir gänzlich unerfindlich
ifl, die vielmehr zuweilen nothwendig Zufammen-
gehöriges auseinanderreifsen.

Efchershaufen (in Brfchw.) Ferdinand Cohrs.

Hackenschmidt, Pfr. D. Karl, Der christliche Glaube in
acht Büchern dargestellt. Herausgegeben vom Calwer
Verlagsverein. Calw u. Stuttgart, Vereinsbuchhandlung
1901. (380 S. 8.) M. 4.— ; geb. M. 5.—

Mit dankbarer Freude bringe ich diefes auf Antrag
und Wunfeh der Leiter des Calwer Verlagsvereins unternommene
, zunächst den ,jüngeren Amtsbrüdern' und den
Gebildeten in der Gemeinde beftimmte, aber auch für
die Fachtheologen anregende und fördernde Werk zur
Anzeige. Zur Darfteilung ,des Inhaltes unferes chrift-
lichen Glaubens in einfacher Form, ohne gelehrte Terminologie
und ohne dogmenhiftorifchen Apparat', dabei
doch in durchaus wiffenfchaftlicher Weife, war kaum
jemand beffer geeignet als der durch treffliche theologifche
Arbeiten längft bekannte, durch eine fegensreiche Thätig-
keit inmitten einer ausgedehnten Stadtpfarrei mit den Be-
dürfnifsen und Intereffen der Gemeinde vertraute Verfaffer
. Es gereicht dem Verlagsverein zur Ehre, dass
er dem Theologen, welchem er diefe hohe Aufgabe übertrug
, volles Vertrauen fchenkte, ihm geblattete eigene
Wege einzufchlagen, nicht etwa, ,da und dort fchonend
zu verbeffern, Kanten abzufchleifen, Formeln umzudeuten',
fondern mit der herkömmlichen Behandlungsweife gründlich
zu brechen, und im Geifte der Reformation Luthers auf
dem Felde der evangelifchen Glaubenslehre ein völlig
Neues zu pflügen.

Zum Erften, hat H. die altproteflantifche Theorie von
der Verbalinspiration nicht nur principiell befeitigt,
fondern auch praktifch aufser Geltung gefetzt. Er tritt
für eine gefchichtliche Betrachtung und Behandlung der
heiligen Schrift ein, welche darum ihre religiöfe, dem
Glauben fich erfchliefsende Autorität nicht einbüfst
Jefus öffnet mir den Sinn, mit welchem ich das Wehen
des Geiftes in den heil. Schriften vernehme, das Göttliche
vom Menfchlichen unterfcheide und den Schatz
hebe, der im irdenen Gefäfs verborgen ifl. Was auf
Chriftum hinweift und vor feimem Geifte befleht, das ist

1 göttlich, das übrige ifl Hülle und Schale und zeitgefchicht-
liches Beiwerk' (33—34). Wohl wird mancher Lefer die
Grenze zwifchen diefer zeitgefchichtlich bedingten Form
und dem göttlich geoffenbarten Inhalt anders beftimmen als
der Verf.; fo würde z. B. Referent in dem biblifchen
Material der Chriftologie den Strich durch Gebiete ziehen,
welche für H. noch zum Grund des Glaubens gehören:
dieses Mehr oder Minder hat aber nur untergeordnete
Bedeutung, fobald man sich über die Tragweite der Frage-
ftellung klar geworden ifl.

Zum Zweiten hat H. mit der traditionellen Auffafsung
der Dogmatik gebrochen, nach welcher letztere eine
Summe von theologifchen Sätzen darftellt, deren einigendes
Princip die Logik oder die Confequenz des menfchlichen
Denkens ifl, und welche aus der Doppelquelle der natürlichen
Vernunft und der fupernaturalen Schriftoffenbarung
fliessen. Ihm ifl die Dogmatik nicht menfehlicher
Speculation entflammte oder auf Grund göttlicher Autorität
überlieferte Metaphyfik, sondern wiffenfehaftliche Darftellung
des evangelifchen Heilsglaubens. Diefer Glaube
aber ifl eine freie That innerer Herzenshingabe, eine
Sache perfönlicher Entfcheidung und Ueberzeugung auf
Grund von Thatfachen, in denen sich Gott felbft uns
kund giebt und defshalb ein Vertrauen abgewinnt, das
uns ewig mit Ihm verbindet. Die Annahme diefer Ge-
fchichtsvorgänge foll nicht ein Hörendes Element in
unferem Glaubensleben sein, fie entfpricht nur dann dem
Wefen des Chriftenglaubens, wenn fie auf freier Zuftim-
mung beruht, innerlich errungen, nicht äufserlich durch
Beweife und Argumente erzwungen ifl (32, 28, 19). Wie
ernft der Verf. diefe Ausfagen nimmt, welche Anwendungen
er von feinem Grundfatze macht, zeigt fich an
vielen Stellen feines Buches und erhellt z. B. aus feiner
Betrachtung der Auferflehung Jefu. ,Die Gefchicht-
lichkeit der Auferflehung Jefu läfst fich überhaupt nicht
beweifen. Wie viel Bedenken man auch wegräume,
wie viel Einwürfe man auch widerlege, es kommen immer
wieder neue auf, und es mufs fo fein, fonft ifl die Auferflehung
nicht mehr Gegenftand des Glaubens. Die,
welche behaupten, die Auferflehung Jefu fei eine hiftorifch
verbürgte Thatfache, fo gut wie jede andere, mögen zu-
fehen, dafs fie damit nicht die Auferflehung als Glaubens-
thatfache entwerten'. (26b. Vgl. auch die Ausführungen
über das Wunder 85—88.)

Aus diefer Fafsung der Aufgabe der evangelifchen
Glaubenslehre ergiebt fich weiter die Notwendigkeit, mit
der hergebrachten Gliederung zu brechen und das dogma-
tifche Lehrgebäude nicht auf der Doppelbafis einer
philofophifchen und religiöfen Grundanfchauung sondern
vom einheitlichen Mittelpunkt des Werks und der Perfon
Chrifti aus aufzuführen. ,Die gewöhnliche Darftellung
der chriftlichen Lehre verläuft wie eine gerade Linie: jeder
Punkt hat feine Berechtigung darin, dafs er fich an den
vorhergehenden Punkt auf gleicher Höhe anfchliefst.
Unfere Darfteilung verläuft wie eine Kreislinie: jeder
Punkt hat feine Berechtigung davon, dafs er durch das
Centrum beftimmt ifl, in derfelbigen Abhängigkeit vom
Centrum fleht. Das Centrum aber ift Chriftus' (42—44).
Seiner Eintheilung legt H. den bekannten paulinifchen
Ausfpruch zu Grunde, I. Kor. 1,30, von dem vierfachen
Heilsgut, das uns mit dem Herrn von Gott gegeben ifl.
Den naheliegenden Einwendungen, welche die fyfte-
matifche Verwerthung diefer Stelle hervorruft, beugt H.
durch die Bemerkung vor, welche fie zu entkräften geeignet
ifl: ,Dabei fragen wir nicht, ob der Apoftel jeden
Ausdruck gerade fo gemeint hat, wie wir ihn verwenden.
Noch weniger behaupten wir, er habe es mit der Auf-
ftellung diefer vier Stücke darauf abgefehen, wiffenfehaft-
lich und genau auszufagen, was uns Chriftus ift' (43).
H. will vielmehr nachweifen, dafs ,das chriftliche Heil
nach diefen vier Seiten hin fich entfaltet. Es find vier
Güter, aber fie wirken zufammen ein einheitliches harmo-
nifches Chriftenleben . . . Das chriftliche Grundverhalten