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Ausgabe:

1901 Nr. 10

Spalte:

266-270

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Harnack, Adolf

Titel/Untertitel:

Die Pfaff‘schen Irenäus-Fragmente als Fälschungen Pfaffs nachgewiesen. - Miscellen zu den apostolischen Vätern, den Acta Pauli, Apelles, dem muratorischen Fragment, den pseudocyprianischen Schriften

Rezensent:

Achelis, Hans

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 10.

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wie die hiftorifchen und theologifchen, und auch die Ent-
fcheidung des Verf. ift immer eine wohlerwogene.

Er beginnt nach einigen wenigen Vorbemerkungen
über die Literatur und Ueberlieferung des Textes fofort
mit der Einzelerklärung, die ich nur an den wichtigften
Stellen nachgeprüft habe. Aber kaum irgendwo fand ich
etwas von Belang auszuftellen; fo z. B. 4, 1, was mir der

bien la piete viais non la verdeur et la spontaneite qu'on
attendrait de lui.. . En iout cas, la langue de Fepitre ne
peut guere Hre la sienne. Sans etre en aucun facon elegante
, c'est pourtant du grec hellcnistique courant, tel que
Pierre, Fanden pecheur du lac, aurait eu peine a Fecrire.
On y trouve des traces de la langue litteraire. On note
beaucoup de mots, 60 environ, qui ne reviennent pas ail-

Verf. mit vielen anderen mifsverftanden zu haben fcheint. I leurs dans le N. T., ni en general dans la Bible grecqiu.

Er überfetzt nämlich ort mit dafs, obwohl doch ein folcher
Gedanke namentlich hier Jefu unmöglich zugefchrieben
werden konnte. Aber auch wenn oxi denn heifsen mufs,
darf man nicht erklären: unis aux souffranccs du Christ
redempteur, nous sommes morts au peche. Denn das einfache
o xaß-mv oagy.i kann das nicht heifsen, und auch
ftatt xijV avxi/v ivvoiav ojiXiöaoO-e mufste dann ein anderer
Ausdruck gewählt werden. So wie die Worte lauten,
können fie nur bedeuten: wappnet euch mit derfelben
Gefinnung der Leidenswilligkeit; denn wer einmal um
feines Glaubenswillen gelitten hat, der hat damit zu

(Dadurch wird übrigens nachträglich auch die Bemerkung
S. 276 oben modificirt.) Le style, d'ailleurs, na rien de
personnel ni de spontane. II est a la fois aise et appli-
que. On ne voit guere Fardent Galileen equilibrant ses
phrases, s'appliquant a enchainer exactement ses propo-
sitions (S. 315 ff.). Aber gleichwohl möche M. den Brief
dem Apoftel nicht durchaus abfprechen, wäre es auch
nur um der Adreffe und der Grüfse am Schlufs willen,
deren Nichturfprünglichkeit er gegenüber Harnack mit
Recht als fchlechterdings unbeweisbar bezeichnet. Und
in der That darf man fich ja — darauf hat Zahn, a. a. O.

gleich mit der Sünde gebrochen. Das Leiden wirkt I, 114 durchaus zutreffend von Neuem hingewiefen — die

fittlich befreiend, weil dadurch die Schwachheit und
Leidensfcheu des Fleifches, daran die Sünde und Ver-
fuchung ihren Anknüpfungspunkt fucht, überwunden ift.—
Aber das ift, wie gefagt, eint Einzelheit; fonft dürfte M.
im allgemeinen immer das Richtige getroffen haben.

Nicht fo durchweg kann ich ihm betr. der Schlufs-
bemerkungen zuftimmen, die die letzten 89 Seiten feines
Buches füllen. Zwar der katholifche Charakter des Briefes
wird auf Grund von 5, 12, wozu mit Recht namentlich
der Brief am Schlufs der fyrifchen Baruchapokalypfe 84,
7. 85, 6 verglichen ift, zutreffend angegeben und die
heidenchriftliche Nationalität der Lefer von neuem (wie
auch von Zahn, Einleitung 2 II, 1 ff.) mit durchfchlagen-
den Gründen nachgewiefen. Aber fchon die Beziehungen
zu anderen neuteftamentlichen Schriften, in deren Annahme
M. übrigens mit Recht fehr vorfichtig ift, find
z. T. wohl anders zu denken. Er macht hier ftellen-
weife denfelben Fehler, den er von Soden vorwirft, fleh
von beftimmten Vorausfetzungen über Echtheit oder Un-
echtheit einer Schrift leiten zu laffen. So hat er (und
Zahn, a. a. O. 36 ff.) die Abhängigkeit unferes Briefes
von dem an die Ephefer und Römer in Wahrheit nicht
bewiefen, obwohl das betr. des letzteren entfehieden möglich
war (vgl. auch S. 98). Ja das Verhältnifs des I. Petrus-
zum Jakobusbrief ift wahrfcheinlich umgekehrt zu denken:
denn das Citat aus Prov. 10, 12 (das man freilich nicht mit
M. u. a. auf fremde Sünden beziehen darf) pafst I. Petr.
4. 8 beffer als Jak. 5, 20 und ebenfo das andere aus
Rrov. 3, 34 I. Petr. 5, 5 beffer als Jak. 4, 6 (auch gegen
Zahn, a.a.O. I, 96f.). Die Berührungen mit dem Hebräerbrief
, den Synoptikern und johanneifchen Schriften werden
richtig, d. h. ohne Annahme literarifcher Verwandfchaft
erklärt.

Auch die Darftellung der ,Theologie' des Briefes
trifft im einzelnen, namentlich was die Chriftologie angeht
, durchaus das Rechte; die Predigt bei den Todten
wird in einem befonderen Abfchnitt behandelt und auch
Rom. 10, 6 f. 14, 8 f., Eph. 4, 8 ff, Phil. 2, 10 f., act. 2, 27,
Joh. 5,25 wiedergefunden, während die Synoptiker darüber
fchweigen und der Hebräerbrief fie verwerfen foll. Beruht
das letztere auf dem verbreiteten Mifsverftändnifs von
9, 27 und das Urtheil über die Synoptiker auf einem hier
jedenfalls nicht begründeten Vorurtheil, fo ift doch die
Deutung, wenn auch nicht von Rom. 14, 8 f., Phil. 2, iof.
und Joh. 5, 25, fo doch von Rom. 10, 6 f., Eph. 4, 8 ff.
und act. 2, 27 auf den desecnsus gewifs berechtigt. Aber
im allgemeinen ift der Standpunkt des Briefes doch kein
fo primitiver, wie M. will; man wird daher fchon hier
Bedenken tragen, ihn Petrus zuzufchreiben.

Andere Gründe führt ja auch M. mit aller Offenheit
an: On ne se represente pas Pierre avec son genie primi-
tif, son origine galileenne, ses Souvenirs personnels, keri-
vant cette honielie idifiante et touchante oü Fon retrouve

Entftehung eines unechten Briefes bei Lebzeiten desVer-
faffers und der Adreffaten nicht zu leicht denken. Hier
aber handelt es fich doch, wie wir fahen, um einen
katholifchen Brief; ja man könnte von vornherein bezweifeln
, ob ein Apoftel zur Veranlaffung eines folchen
Veranlaffung hatte. Und zum andern frägt es fich eben,
ob der Brief noch zu Lebzeiten des Petrus, alfo vor 64
gefchrieben fein kann.

M. findet, wie fchon Hatch {Encyclopaedia Britan-
nica, Art. epistle of Peter) die Lage der Chriften z. Z.
unferes Briefes, die er richtig befchreibt, dem ent-
fprechend, was Tacitus ann. 15, 44 über ihre Beur-
theilung durch das Volk vor der neronifchen Verfolgung
fagt. Aber darf man dies per fiagitia invisos wirklich
fo ausdeuten, ja mufs man darin überhaupt ein Urtheil
fehen, das fchon damals vom Volk gefällt wurde? Dann
bliebe, vorausgefetzt, dafs Paulus im Jahre 64 umgekommen
ift und vorher nicht neue Reifen gemacht hat, immer
noch räthfelhaft, weshalb er in einem Briefe aus Rom
und an von ihm gegründete Gemeinden nicht erwähnt
wird. Ebenfo ift das freilich, wie wiederum Zahn,
a. a. O. II, 18 richtig bemerkt hat, bald nach 64 auffällig
; ja man follte dann überhaupt einen Hinweis auf
die neronifche Chriftenverfolgung erwarten. Dafs nichts
dergleichen erfolgt, führt uns alfo noch einige Jahre
weiter hinab — denn dafs das oliyov aqxi d ötov Xvjtv-
Q-evxeq 1, 6 ,apres les torches Vivantes du Vaticad undenkbar
fei, wird man bei dem lokalen Charakter der neronifchen
Verfolgung nicht behaupten können; das eoc dqxi-
yivvnxa ßqiqov 2, 2 aber gehört nur zum Bilde des yaXa
sjiistod-Elv. Auch dann mag, wie M. mit vielen anderen
annimmt, Silvanus der Verfaffer des Briefes fein; jedenfalls
ift derfelbe ein pfeudonymes Schriftftück, wie manche
andere ähnliche aus derfelben Zeit.

Aber wenngleich ich namentlich auf diefem Punkte
dem Verf. widerfprechen mufs, fo möchte ich doch auch
zum Schlufs nochmals meiner lebhaften Freude über feine
Arbeit Ausdruck geben. Es ift eine Ehre für die ganze
eglise re/ormee, dafs einer ihrer Paftoren ein folches Buch
gefchrieben hat. Vielleicht verdiente es fogar eine Ueber-
fetzung ins Deutfche; es würde fich neben den hier fchon
vorhandenen Kommentaren wohl fehen laffen und fie
mannigfach ergänzen können.

Halle a. S. Carl Clemen.

Harnack, Adolf, Die Pfaff'schen Irenaus-Fragmente als
Fälschungen Pfaffs nachgewiesen. — Miscellen zu den
apostolischen Vätern, den Acta Pauli, Apelles, dem mura-
torischen Fragment, den pseudoeyprianischen Schriften
und Claudianus Mamertus. (Texte und Unterfuchungen
zur Gefchichte der altchriftlichen Literatur. Heraus-

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