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Ausgabe:

1900 Nr. 5

Spalte:

141-144

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hoss, Karl

Titel/Untertitel:

Studien über das Schrifttum und die Theologie des Athanasius 1900

Rezensent:

Krüger, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 5.

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quam timere christiana libertas1 — diefes Bekenntnifs
ift wahrhaftiger als das fo oft nachgefprochene Wort
Bismarcks. P. 209 wird das Problem behandelt, warum
der h. Geift bei der Taufe noch einmal auf Chriftus
herabgekommen ift, da er doch fchon zu Maria herab-
geftiegen war.

Berlin. A. Harnack.

Hoss, Karl. Studien über das Schriftthum und die Theologie
des Athanasius auf Grund einer Echtheitsunterfuchung
von Athanafius contra gentes und de incarnatione.
Freiburg i.B., J.C.B.Mohr, 1899.(VIII, i3oS.gr.8) M.3.—
Stülcken, Pattor Lic. Alfred, Athanasiana. Literar- und
dogmengefchichtliche Unterfuchungen. (Texte und
Unterfuchungen zur Gefchichte der altchriftlichen Literatur
, herausgegeben von Ose. v. Gebhardt und Adolf
Harn ack. Neue Folge, IV. Band, 4. Heft.) Leipzig,
J. C. Hinrichs, 1899. (VIII, 150 S. gr. 8.) M. 5 —
Mit der Schultze-Dräfekefchen Behauptung, dafs
die Schriften contra gentes und de incarnatione dem
Athanafius abzufprechen feien, find die Lefer der Literaturzeitung
bisher kaum unterhalten worden. Dräfeke
war auf Grund einer in den Studien und Kritiken (66, |
1893,251,315) veröffentlichten Abhandlung nicht nur zu
dem Refultat gekommen, dafs Athanafius der Verfaffer
der beiden Schriften nicht fein könne, fondern er behauptete
geradezu, dafs als Verfaffer Eufebius von Emefa
anzunehmen fei. Er that das nach feiner Gewohnheit
mit folcher Beftimmtheit, dafs er fpäterhin, z. B. in einem
Auffatze im Archiv für Gefchichte der Philofophie 1894,
nur noch von Eufebius als Verfaffer fprach, ohne dabei
auch nur anzudeuten, dafs es fich um einen von ihm erft
gefchaffenen Verfaffernamen handele. Das war um fo
bedenklicher, als mit Ausnahme von Schultze, deffen
beiläufiger Notiz(Gefchichte des Untergangs des griechifch-
römifchen Heidenthums, Band 1, 1887, 118N.) Dräfeke
die Anregung zu feinem Auflatze verdankt hatte, kein
einziger Gelehrter die neue Hypothefe angenommen hat.
Ihren Urheber hielt das freilich nicht ab, fich gelegentlich
zu rühmen, dafs er eine Athanafius frage gefchaffen
habe. Doch fand felbft folch lebhafter Appell an die
Fachgenoffen keinen Widerhall. So hat denn auch Dräfeke
auf eine ausführliche Widerlegung lange warten
müffen. Die meiften Gelehrten lehnten die Hypothefe
kurz und bündig ab. Jetzt find fall gleichzeitig zwei
Arbeiten über das athanafifche Schriftthum erfchienen,
die beide ihren Ausgangspunkt von einer Unterfuchung
der Dräfeke'fchen Hypothefe nehmen. Es ift immerhin
erfreulich und ein indirectes Verdienft diefer LTypothefe,
dafs fie den Anftofs gegeben hat zu den forgfältigen und
ergebnifsreichen Unterfuchungen, die uns heute vorliegen.

Dräfeke wird mich einen voreingenommenen Re-
cenfenten fchelten. Ich kann nicht leugnen, dafs ich an
die Arbeiten von Hofs und Stülcken, foweit fie fich
mit der Echtheit der beiden genannten Schriften befchäf-
tigen, mit dem Vorurtheil herangetreten bin, dafs ihr
Refultat das richtige fei. Aber ich weifs auch nach genauer
Prüfung nichts gegen den Beweis einzuwenden.
Dankenswerth find die Parallelen zum Sprachgebrauch
der Apologie', wie Hofs die beiden Schriften bezeichnet
, aus anderen Werken des Athanafius (Hofs 9 ff.),
befonders aber die von beiden Verfaffern beigebrachten
Nachweife über die nahe Verwandtfchaft der theologifchen
Gedankenwelt der Apologie mit der der zweifellos atha-
nafifchen Schriften (beachte den Gedankengang der Oratt.
ctr.Arianos bei Stülcken 87fr.). Mir ift es immer räthfel-
haft gewefen, wie Dräfeke eine Schrift, die den Typus
der athanafifchen Erlöfungslehre fo deutlich aufzeigt, einem
femiarianifchen Theologen hat zufchreiben mögen. Hofs
hätte feinen Erörterungen über die Lehre von der Er-

löfung (§ 15) eine eingehendere Widerlegung der Eufe-
bius-Hypothefe einflechten können, die man an diefer
Stelle erwartet. Ueberhaupt ift er auf diefen pofitiven
Theil der Dräfeke'fchen Aufftellungen weniger als Stülcken
eingegangen (doch f. die Bemerkungen über die
Exegefe in § 17). Als Abfaffungszeit hatte Dräfeke die
Zeit um 350 angenommen. Unfere beiden Verfaffer bleiben
mit gutem Grunde bei dem alten Anfatz: Die Schriften
find höchft wahrfcheinlich vor 325 abgefafst, da fie
Spuren der nieänifchen Lehrbeftimmungen nicht verrathen.
Hofs will die Zeit ,unmittelbar nach 325' als möglich
offen halten. Aber die Polemik gegen den Arianismus,
die er an einigen Stellen der Apologie entdecken möchte,
ift doch recht leife. Ich bin, entfprechend meinen früheren
Aeufserungen mit Stülcken dafür, die Abfaffungszeit
+ 323 anzufetzen. Hofs und Stülcken find fich
nicht nur in derZurückweifung der Dräfeke'fchen Hypothefe
einig, fondern fie gehen auch in den anderen von
ihnen angeregten literar - kritifchen Fragen eine gute
Strecke Weges zufammen. Die beiden Bücher de incarnatione
. . contra Apollinarium find fchon mehrfach, in
eingehender Unterfuchung von Dräfeke, als unecht in
Anfpruch genommen worden. In der That wird man
fie trotz der von Sträter (die Erlöfungslehre des hl.
Athanafius, Freib. i. B. 1894) verfuchten Vertheidigung,
die auch mich eine Zeit lang irre machte, nicht länger
halten können. Dennoch kann ich wenigftens Hofs
gegenüber, der fich hier fehr kurz fafst, wie denn überhaupt
die Unterfuchung der Apologie' bei ihm im Vordergrund
fleht, mit dem Bedenken nicht zurückhalten,
dafs er das Gewicht feiner beiden aus Sprachgebrauch
und Theologie entnommenen Hauptgründe (fo auch Stülcken
) dadurch abfehwächt, dafs er dabei die von ihm
angenommene Unechtheit einiger anderer athanafifchen
Schriften als Beweismittel heranzieht. Es handelt fich
dabei um die expositio fidei (Migne 25, 197—208), den
sermo maior de fide (26, 1261 —1294), die 4. der orationes
contra Arianos (26, 467—526), die nicht erhaltene epistola
ad Antiochcnos (vgl. die Citate aus Facundus von Her-
miane 26, 1259/60; mit dem tomus nicht zu verwechfeln!)
und de incarnatione verbi dei et contra Arianos (26,
983—1028). Unfere beiden Verfaffer find fich im Allgemeinen
darüber einig, dass alle diefe Schriften min-
deftens unter die dubia zu rechnen feien. Nach Hofs
foll fodann der sermo de fide eine Beftreitung des Apollinarismus
auf der Grundlage der antiochenifchen Theologie
fein, eine Compilation aus anderen Schriften, in
der de incarnatione, expositio fidei und jene epistola ad
Antiochenos verarbeitet wurden. Die expositio fidei foll
durch Sprache und Stil von den echten Schriften des
Alexandriners gefchieden fein und in der Theologie der
antiochenifchen Richtung fo nahe flehen, dafs man ihre
Entftehung und die des in ihr benutzten Symbols in
diefem Lager und zwar erft um das Jahr 400 fuchen
müffe. Auch Stülcken hält die Chriftologie der expositio
für ,antiochenifch', findet aber keine directe Beftreitung
des Apollinarismus und läfst die Schrift mit
Sicherheit vor 370, alfo jedenfalls noch zu Lebzeiten des
Athanafius, vermuthlich zwifchen 325—358, entftanden
fein. Auch er fpricht den sermo maior dem Ath. ab
und fieht in ihm eine Compilation aus den genannten
Schriften, weift ihn aber einem Antiochener aus der Mitte
des 4. Jhrh. zu.

Schon diefe wefentlichen Abweichungen in der Argumentation
zeigen, dafs hier nicht alles fo ficher ift, wie
die Verfaffer annehmen. Hofs insbefondere möchte ich
darauf hinweifen, dafs er kurz vorher bei der Unterfuchung
einer bisher allgemein für unecht gehaltenen
Schrift, der Homilie in passionem et crucem (28, 185—250),
in der gleichfalls de incarnatione ausgefchrieben ift, für
| Echtheit plaidirt hat, mit der Bemerkung, dafs hier Ath.
i felbft fein eigenes Werk ausgefchrieben habe. Dabei
! wirft er einen mitleidigen Seitenblick auf die Urtheils-