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Ausgabe:

1900

Spalte:

122-124

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dunkmann, Karl

Titel/Untertitel:

Das Problem der Freiheit in der gegenwärtigen Philosophie und das Postulat der Theologie 1900

Rezensent:

Elsenhans, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 4.

122

Ziehung gebraucht fein könne und dafs es gelte, diefe
Stellen genau aus einander zu halten. Er befchränkt dabei
feine Unterfuchung ganz einfeitig auf diejenigen Stellen,
wo fpeciell die Ausdrücke rtZeioq oder TsZsiorng gebraucht
find, anftatt zu fragen, wie weit etwa auch ohne
Anwendung diefer Ausdrücke von einer dem chriftlichen
Leben als Aufgabe und Ideal geftellten fittlich religiöfen
Reinheit und Vollkommenheit geredet und worin diefelbe
beflehend gedacht wird. Er macht fich auch nicht klar,
dafs bei der Behauptung, für den Chriften auf Erden
bleibe das Bewufstfein der anhaftenden Sündhaftigkeit
immer charakteriftifch, jedenfalls ein Begriff der fittlich-
religiöfen Pflichterfüllung, eine Idee des ganz dem
Willen Gottes entfprechenden Lebens und Verhaltens
vorausgefetzt ift. Bedeutet es denn eine Verkennung des
Glaubens und der Gnade, wenn fleh der Chrift diefes
praktifche Lebensideal deutlich vergegenwärtigt, das
er nach dem Willen Gottes auf dem Boden des Gnaden-
ftandes fortfehreitend zu realiflren ftreben mufs? Diefem
praktifchen chriftlichen Lebensideal wird nun aber von
den Evangelifchen ein wefentlich anderer Inhalt gegeben
als von den Katholiken. In diefem Sinne ift in der Con-
fessio August am das Problem der vera perfectio christiana
erörtert. Wenn der Verf. von Ritfehl nichts lernen will,
fo follte er fleh doch wenigftens in die Confessio Augustana
vertiefen, um daraus zu lernen, um welches Problem
es fich bei dem Thema der chriftlichen Vollkommenheit
handelt.

2. Der zweite ,Beitrag zur Förderung chriftlicher
Theologie- in diefem Hefte ift vom erften im Thema
ganz verfchieden, gleicht ihm aber in der Kunft, einen
exegetifchen Befund herzuftellen, der dem dogmatifchen
Wunfche entfpricht.

Der Verf. will beweifen, dafs das Bekenntnifs zur
Auferftehung des Fleifches einen feften Schriftgrund hat
und fpeciell auch von Paulus vertreten ift. Die Vertreter
einer entgegengefetzten Meinung pflegen fich befonders
auf I Cor. 15, 50 zu berufen. Aber der Verf. weifs diefer
Stelle beizukommen. In der gleich folgenden Ausfage
V. 53: 6tl yctg to (fd-agxbv tovto ivdvOaO&ai arp&agölav
kann man für den Begriff to (pQ-agrov tovto dem Sinne
nach den Begriff Oagq xal aipa aus V. 50 einfetzen. Dann
liegt hier der Gedanke vor, dafs Fleifch und Blut, nachdem
fie die äg>&ctgota angezogen haben, an der Vollendung
Antheil haben werden. Ift man diefes paulinifchen
Gedankens einmal gewifs, fo macht es keine fonderliche
Schwierigkeit, fich mit dem entgegenftehenden Wortlaut
von V. 50 abzufinden. Man braucht nur zu erklären:
Fleifch und Blut können nicht einfach hinübergehen
ins Reich Gottes, d. h. die Auferftehung wird nicht eine
blofse Wiederherftellung des vorigen Zuftandes fein. Damit
find aber Fleifch und Blut nicht abfolut vom Gottes-
reiche^ ausgefchloffen; nur für den »ävarog und die
(f&oga ift das Gottesreich abfolut unzugänglich. Richtig
verftanden ift Paulus alfo an der Stelle I Cor. 15, 50 gerade
ein Zeuge für die Auferftehung des Fleifches
'S. 50—54). Der Verf. befeftigt diefes Ergebnifs durch
eine Fxegefe des vorangehenden Abfchnittes I Cor. 15, 36ff.
Das dem Gjtfgpa V. 36—38 Verglichene kann nicht der
göttliche Geift fein, da ,dann vom Menfchen felbft eigentlich
nichts in die Ewigkeit hinübergerettet' würde und
da der Gottesgeift auch nicht als fterbender bezeichnet
fein könnte. Das osttgua beim Menfchen mufs vielmehr
die oagg fein. Diefe in ihrer Subftanz erlangt das Auf-
erftehungsleben, indem fie verwandlungs- und verklärungsfähig
ift, während das omua in der Auferftehung ein ganz
neiies wird. Der Apoftel lehrt keine Auferftehung des
oäfia (S. 54—61). Zu demfelben Ergebnifs gelangt man
auch, wenn man das Verhältnifs der ö«pg zur tyvyj) in
Betracht zieht. Beide gehören nach Paulus begrifflich
untrennbar zu einander. ,Will man ip&Xfl und o«pg ihrer
Entftehung nach fcharf definiren, dann ift yjvy?'] — be-
ftaubter Geift, oägs = begeifterter Staub' (S. 64). Nun

nimmt nach paulinifcher Anfchauung die yjvg/j theil am
Gottesreiche; dann alfo auch die tfapg (S. 65). Da Paulus
in I Cor. 15 die Auferftehung Chrifti durchaus gleichartig
der Auferftehung der Chriften denkt, fo ift mit der

| Gewifsheit, dafs er die Auferftehung der öcrpg der Chriften

i lehrt, zugleich die Erkenntnifs gewonnen, dafs er in
Uebereinftimmung mit den evangelifchen Auferftehungsbe-

; richten die fleifchhafte Auferftehung Chrifti lehrt (S.87—89).
kindlich zeigen der I Clemensbrief und die Ignatianen,

, dafs fich die apoftolifchen Gemeinden in Rom, Korinth
und Kleinafien um das Ende des 1. Jahrhunderts zur
Auferftehung des Fleifches bekannten. Auch hieraus ift
zu erfchliefsen, dafs die Apoftel, fpeciell Paulus und
Johannes, die Auferftehung des Fleifches predigten (S.95ff.).
Quod erat demonstrandum.

Jena. H. H. Wendt.

Dunkmann, Paft. Lic. Karl, Das Problem der Freiheit in
der gegenwärtigen Philosophie und das Postulat der Theologie
. Halle, M. Niemeyer, 1899. (VIII, 92S.gr. 8.) M. 2.—

Das vielverhandelte Problem der Freiheit wird in
der vorliegenden Schrift in einer innerhalb ihres Pro-

j gramms erfchöpfenden und doch knapp zufammen-

i faffenden Weife vom Standpunkte der Philofophie wie
der Theologie befprochen. Der Verf. fügt den zahllofen
Bearbeitungen des Problems nicht einfach eine weitere
hinzu, fondern er liefert eine in diefer Art noch nicht
gegebene Darftellung, indem er fich die Aufgabe ftellt,
die philofophifche und theologifche Seite des Problems
unter ftrenger gegenfeitiger Abgrenzung und gleichzeitiger
gegenfeitiger Ergänzung auf einmal zu behandeln.
Er weifs die Nothwendigkeit diefer Behandlungsweife
mit triftigen Gründen zu ftützen: ,Der Philofoph fah
fich nicht veranlafst, in die theologifche Debatte einzugreifen
und der Theologe konnte die philofophifche
Frage nur als Vorfrage werthen, für welche er weder
in der Dogmatik noch in der Ethik einen ausreichenden
Platz fand. Dazu kam, dafs letzterer in Folge der eigen-
thümlich verfchiedenen Gefichtspunkte, unter welche das
Problem bei der Lehre von der Sünde, Gnade und Vor-
fehung rückt, nicht einmal das Bedürfnifs empfand, eine

I zufammenhängende Behandlung im eigenen Lager an-
zuftellen. Abgefehen von der Dogmatik, in der für eine
folche allerdings kein Ort ift, erfaffen die mancherlei
Monographien über die Sünde, Gnade und Vorfehung
das Problem der Willensfreiheit immer nur an einem
Ende' (S. 1).

Diefer Verfluch einer Gefammtdarftellung des Problems
hat nach der Anficht des Verf. ein beftimmtes
Verhältnifs zwifchen Theologie und Philofophie zur
Vorausfetzung. Den Kern aller Philofophie bildet die
Frage nach der Weltanfchauung,beffer Lebensanfchauung.
Da aber auch die Theologie eine folche darbietet, fo ift
der Theologe im Befitz einer beftimmten Philofophie,
die fich von der fonftigen Philofophie nur dadurch unter-
fcheidet, dafs fie auf anderen Erkenntnifsquellen beruht.
Weil es aber nur eine Wahrheit, nur eine wahre Philofophie
geben kann, fo wird, falls die Theologie im Befitz
derfelben ift, damit nothwendig jede andere Philofophie
ihrem Wahrheitsgehalt nach negiert. Wenn die
Theologie recht behalten foll, mufs deshalb die philofophifche
Denkarbeit in jedem Fall fkeptifch endigen.
Daraus folgt bereits ein methodologifches Hauptergeb-
nifs der vorliegenden Schrift: Während die philofophifche
Behandlung des Freiheitproblems mit einem non liquet
endet, vermag die Theologie, nach Befeitigung der ihr
eigenthümlichen Schwierigkeiten, in diefem Punkte die
philofophifche Denkarbeit zu Finde zu führen.

Zu Beginn des erften Buches, das von dem ,Problem

1 der Freiheit in der gegenwärtigen Philofophie' handelt,.

| wird von dem Verf. mit Recht als allein brauchbares