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Ausgabe:

1900 Nr. 4

Spalte:

99-101

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gall, August Freiherr von

Titel/Untertitel:

Altisraelitische Kultstätten 1900

Rezensent:

Bertholet, Alfred

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99

Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 4.

100

S. 290—296, die einen aufserordentlich reichhaltigen
Apparat zur femitifchen Sagengefchichte und Archäologie
beibringen. — Noch manche andere der früheren Arbeiten
des Verf. hätten die Erneuerung verdient. Wer diejenigen
auf fich wirken läfst, die er uns hier geboten
hat, wird zu der Ueberzeugung kommen, dafs, fo fehr
auch Giefsen einen folchen Lehrer verdient, dem Verf.
doch ein gröfseres Arbeitsfeld zu wünfchen wäre.

Jena. C. Siegfried.

Galt. Realgymn.- u. Reallehr. Lic. Aug. Freiherr von,
Altisraelitische Kultstätten. (Beihefte zur Zeitfchrift für
die altteftamentliche Wiffenfchaft. III.) Giefsen, J.
Ricker, 1898. (VIII, 156 S. gr. 8.) M. 5.—

Es war ein glücklicher Gedanke, die altisraelitifchen
Kultftätten einer eingehenden Einzelunterfuchung zu
unterziehen. Dafs es dem Verf. gelungen ift, nicht weniger
als 106 Namen von folchen zufammenzubringen,
obgleich in unteren hiftorifchen Büchern des A. T. von
der deuteronomifchen Thefe der Einheit der Kultusftätte
aus weggedeutet worden ift, was wegzudeuten war, ift
fchon Beweis genug, dafs die von ihm unternommene
Aufgabe keine unfruchtbare war.

Des Verfaffers Eintheilungsprincip ift das geogra-
phifche in der Weife, dafs zuerft die aufserhalb des h.
Landes gelegenen Kultftätten befprochen werden, worauf
die Kultftätten innerhalb desfelben nach den einzelnen
Stammgebieten aufgeführt find. Im Einzelnen
gelangt zuerft die geographifche Beftimmung, fodann
was (ich von der Entftehung, der Gefchichte und der
Einrichtung jeder Kultftätte noch feftftellen läfst, zur
Befprechung. Da der Verfaffer fich nicht hat verleiten
laffen, von dem, was er uns über die altisraelitifchen
Heiligthümer mitzutheilen hatte, weitergehende Schlürfe
auf die altisraelitifche Gottesverehrung im Allgemeinen
zu ziehen, behält fein Buch in erfter Linie den Charakter
eines Nachfchlagewerkes, zu dem man gerne greifen
wird, wo man fich darüber zu Orientiren wünfcht, was
über die einzelnen Kultftätten zu wiffen ift. Gerade
darum bedauere ich, dafs im Verzeichnifs der befproche-
nen Heiligthümer nur die Ortsnamen aufgenommen find.
Zwar dafs (TITO jibs unter Sichern und rVDS Jibs unter
Bethel zu finden fein werde, fällt Jedem ein. Dafs aber
D"03 (deffen eigentliche Ausfprache vielleicht
fei) ebenfalls unter Bethel zu fuchen fei (p. 103), fetzt
fchon die Kenntnifs der LXX zu Jdc. 2, 1 voraus. Ich
weifs nicht, ob nicht überhaupt die einfache alphabetifche
Reihenfolge der einzelnen Kultftätten zweckdienlicher
gewefen wäre; fie hätte zugleich den Vortheil gehabt,
dafs gewiffe Wiederholungen und regelmäfsig wiederkehrende
Verweife hätten vermieden werden können.
Ich denke namentlich an die Heiligthümer, deren Name
mit Baal zufammengefetzt ift, wo denn immer wieder
gefagt werden mufs, dafs nur dieferName das Vorhandenfein
einer Kultftätte verrathe, oder an die verfchiedenen
Rama, wo wieder der blofse Name dem Verfaffer das
Vorhandenfein einer folchen zu verbürgen fcheint. Aber
er hatte ohne Zweifel feine Gründe, dafs er die alphabetifche
Reihenfolge nicht gewählt hat; denn er glaubt,
dafs das gebotene Eintheilungsprincip fich als das die
wenigften Schwierigkeiten bereitende empfehlen dürfte.

Es liegt in der Natur der vom Verfaffer unternommenen
Arbeit, dafs es fich grofsentheils um eine
Zufammenftellung von fchon Erarbeitetem handelt, das
freilich bisher weit zerftreut lag. Aber fie bietet uns
doch wefentlich mehr als nur fchon Vorhandenes, und
dabei fällt gelegentlich felbft für fcheinbar mehr abfeits
liegende Fragen, der Quellenkritik z. B., etwas ab. So
glaubt der Verfaffer in der Erzählung von der Entftehung
des Heiligthums zu Bethel zwei Relationen unterfcheiden
zu können, die beide E angehören, eine ältere (Ei) in

Gen. 35 ia. 2—3a. 4—6. 8. 13. 14, eine jüngere (E2) in
2811t. 17T., die der Redactor des elohiftifchen Werkes in
Einklang miteinander zu bringen fuchte, indem er de suo
2820—22 einfügte. Wohl erft nach Ei -f- E2 feien 35 ib3b7,
unbeftimmter Herkunft, hinzugekommen (p. 96ff.). So
giebt uns der Verfaffer ferner für Jdc. 611—24 (p. 119 f.)
und Gen. 3145 ff. (p. 142 f.) Verfuche der Quellenfcheidung,
die über die bisherigen hinausgehen. So wird p. 46 gezeigt
, wie die Verfe Gen. 2122—31 keineswegs einheitlich
find, wie allgemein angenommen wurde, fondern aus zwei
Erzählungen, beide vielleicht von E, componirt, von denen
die eine in V. 22—24. 27 (31) den Namen Beerfeba von
einem Schwur, die andere V. 25. 26. 28 — 30 (31a) von
den neben Lämmern ableitet, die Abraham zur Erhärtung
der Wahrheit hingeftellt hat. Gall bekennt fich für diefe
Quellenfcheidung von Stade abhängig. Ihm verdankt er
überhaupt mehrfach werthvolle Winke, fo, dafs Gen. 12
eine jüngere Schicht in J fein dürfte. ,Die Wanderungen,
die uns C. 12 von Abraham erzählt, und zwar äufserft
fummarifch, bilden die Brücken von den Erzählungen
babylonifcher Herkunft in Gen. 2—11 zu den nun folgenden
paläftinifchen Stammfagen' (p. 99). Vgl. ferner
noch p. 101 Antn. 2; p. 103 Anm. I; p. 144 Anm. 1.

Das eigentlich Originale von Gall's Arbeit unterliegt
naturgemäfs am Meiden dem Urtheil, das er felber in der
Vorrede ausfpricht, der bearbeitete Stoff bringe es mit
fich, dafs viele Ausführungen einen mehr oder weniger
hypothetifchen Charakter an fich tragen. Es würde mich
denn auch zu weit führen, wollte ich hier dem Verfaffer
in alle Einzelheiten hinein folgen. So befchränke ich
mich auf einige wenige Andeutungen, die fchon genügen
mögen zum Erweis, wie anregend feine Arbeit ift. Ich
fchicke gerne voraus, dafs wo er uns blofs Hypothetifches
zu bieten hat, er es auch als folches und nicht als mehr
giebt; dabei darf er übrigens wohl in manchen Punkten
auf weitgehende Zuftimmung hoffen.

Eine längere Befprechung widmet er dem Sinai-Horeb
(p. 1—22). Sein Refultat lautet, dafs der Horeb auf der
Sinaihalbinfel zu fuchen und zwar mit dem Gebel Serbai,
nicht dem Gebel Müsa zu identificiren fei, dafs der Sinai
dagegen in Midian auf der Weftküfte Arabiens gelegen
habe. Letzterer war das alte Jahweheiligthum Kain's;
wahrfcheinlich aber waren die urfprünglichen Sitze der
Keniter von den Midianitern eingenommen worden, und
durch Wanderungen kenitifcher Stämme, die ihre Heimath
am Sinai verliefsen, mag die Befitzergreifung des Horeb
durch Jahwe zu Stande gekommen fein. Wann die Gleich-
fetzung Horeb-Sinai flattgefunden hat, läfst fich nicht
fagen; fie kann im Volksbewufstsein fchon lange vor
der Zufammenarbeitung des J und E erfolgt fein. Das
alte Kultobject beider Berge war eine Höhle. — Mit
feiner Hypothefe läfst alfo Gall, was den Horeb betrifft,
die Tradition — und er glaubt fie (m. E. mit Unrecht)
bis auf den Elohiften zurück verfolgen zu können — nicht
weniger zu ihrem Rechte kommen als, was den Sinai betrifft
, die neueren Anflehten. So viel Beftechlich.es feine
Combination hat, es fcheint mir zu gewaltfam, beide Berge
in diefer Weife von einander zu trennen, während ihrer
Gleichfetzung wiederum das bekannte zähe Fefthalten
an kultifch heiligen Stätten hindernd im Wege geftanden
haben dürfte. Der Sinai auf der Weftküfte Arabiens —
| Gall ift in diefer Anfetzung bekanntlich nicht der erfte
I — ift m. E. zu fehr abfeits vom Wege von Aegypten
I nach Paläftina und fpeciell von Kades, in deffen Nähe
! ich ihn am Liebften fuchen möchte. Dafs Midian „zwei-
j fellos" an der Oftfeite des rothen Meeres gelegen habe
(p. 8), bedarf in diefer allgemeinen Faffung doch wohl
der Correctur; denn Midians Wohnfitze waren fchwerlich
auf jene Gegend befchränkt. Mit Unrecht beruft fich
Gall für feine Auffaffung auf Dtn. 12 (vgl. meinen
I Comm. z. St.), und wenn auch nach ihm (p. 19) in der
elohiftifchen Relation vom feurigen Bufch die Rede ift,
| fo bin ich geneigt darin ein Zeichen zu fehen, dafs fchon