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Ausgabe:

1900 Nr. 3

Spalte:

74-76

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heine, Gerhard

Titel/Untertitel:

Synonymik des Neutestamentlichen Griechisch 1900

Rezensent:

Deissmann, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 3.

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,Im Namen Jahwes' bedeutet im A. T.: ,in die oder
der Berührung mit dem Namen Jahwes' und daraus abgeleitet
: .in der Gemeinfchaft, im Befitz, in der Begleitung
des Namens Jahwes' (5. 54). Das leuchtet mir ein. Sobald
Verf.aber auf das N. T. zu fprechen kommt (S.63 ff.),
zeigt fich der fchwache Punkt feiner Beweisführung: es
wird ausdrücklich betont, dafs die Wendung COS ,beim
Uebergang in eine andere Sprache nothwendig in etwa
ihren Sinne alteriren mufste, zumal das altteftamentliche
Hebräifch für die Verfaffer des N. T. keine lebendige
Sprache mehr war' (S. 63) — und doch wird alles Gewicht
auf das altteftamentliche s©3 gelegt, ja es ift
,Rechtund Pflicht, im Taufbefehl 'Matth. 28, 19 ein Iv
rro" bvopari ftatt elg rb bvopa einzufetzen oder vielmehr
ein urfprüngliches CC3 zu vermuthen' (S. 75)! So erklärt
denn Boehmer: ,. '. .. indem ihr fie taufet im Beifein

des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geifies.....Vater,

Sohn und heiliger Geilt find es, welche die Taufe vollziehen
' (S. 75). Ich kann diefer Erklärung nicht zu-
ftimmen. Schon W. Brandt hat gezeigt, dafs nach fpät-
jüdifchem Gebrauch nicht D©3, fondern WÖb als das
Aequivalent des griechifchen elg rb bvopa zu vermuthen
ift (Theol. Tijdfchrift 1891, S. 561fr.); er hat dann in
einer Recenfion der Boehmer'fchen Studie (DLZ 1898,
Sp. 1908) einem Mifsverftändnifse gegenüber nochmals
kurz erklärt: ,üas Eingehen eines Eigenthumsverhält-
nifses habe ich in der Taufe dg rb ovopa Xgiorov niemals
gefunden. Nach dem jüdifchen Sprachgebrauch
bedeutet fie eine Einordnung in die Zugehörigkeit zu
Chriftus, welche das Individuum auch unter den vor Gott
gültigen Rechtstitel Chriftus bringt'. Es ift aber meines
Erachtens nicht einmal nöthig, zur Erklärung ein immer
nur hypothetifch ermitteltes femitifches Aequivalent heranzuziehen
. Die Wendung dg rb ovopa ift im Sprachgebrauch
des helleniftifchen Weltgriechifch längft eingebürgert
gewefen, als Paulus und andere fie benutzten. I
Das mir zugänglich gewordene Material fei hier zufammen-
geftellt Schon ägyptifche Papyri von 260/259, 24I unc^ I
191 vor Chriftus bieten die Formel evrevt-ig dg rb rov <
ßaOiXemg bvopa, d. h. ,eine Immediateingabe an den (
König' (die Stellen ftehen in meinen ,Bibelftudien', 1895,
S. 143). Dafs das kein blofser Aegypticismus ift, zeigt
eine Infchrift der früheften Kaiferzeit aus Karien, welche
xrnparcövai dg rb rov &eov (des Zeus) bvopa nennt, oder
(bei anderer grammatifcher Beziehung) von einem Kaufen
dg rb rov &eov bvopa redet (Bibelftudien 144 k): es
handelt fich um einen Kauf zu Gunften eines Zeustempels.
Auch ein ägyptifcher Papyrus aus der Zeit des Antoninus
Pius gebraucht die Formel in ähnlichem Zufammenhang:
t« vjTaoyovr[a] dg bvopa 6velvsic, ,was zum Namen der
zwei Perionen gehört', d. h. ihr Vermögen (Neue Bibelftudien
, 1897, S. 25). Wie geläufig die Formel im täglichen
Verkehr gewefen ift, zeigen zwei Oftraka aus dem
ägyptifchen Theben vom 2J3. refp. 2. Jahrh. n. Chr. und
ein Oftrakon unbekannter Provenienz vom 2J3. Jahrh.
nach Chr. bei U.Wilcken, Griechifche Oftraka aus Aegypten
und Nubien II (1899) No. 1159, 1160 und 1164: es
find Anweifungen, auf deren letzter (No. 1164) z. B. ein
Amonios ermächtigt wird, eine beftimmte Summe Ix
rov Ipov &sparoc (= Depositum) dg bvop(a) AovxiXXärog
zu iibertragen; ähnlich die beiden anderen Nummern.
Der Hiftoriker Herodian, Zeitgenoffe des Origenes, gebraucht
zweimal die Wendung lg rb bvopä rivog
ojpoaai: H 2, 10 J/Mendelsfolm S. 43) eg re rb Ixelvov
ovopa rovg ovvTj&rig boxovg bpboavreg xdi d-voavreg,
was fich auf den Treueid für den Kaifer Pertinax bezieht
(auf diefe Stelle verweilt fchon Heinrici, das
erfte Sendfchr. an die ^Kor., S. 90), und 11,13, 2
(Mendelsfohn S. 67 f.) bpoöai re lg - rb XeßrjQOV bvopa.
Schliefslich begegnet uns die Formel auch im technifchen
Gebrauch der Magie. Der Codex Laurentianus 28, 34
(saec. XI) fol. 82 » überliefert folgendes alte Recept:
Jtoog rb pi; exrocÖGat' giCav xioöov Xaßcov eioov avrr/g

jieoia3tr(e) rrj(i) xoiXla{i). W. Kroll löft (Philologus LVII,
N. F. XI, 1898, S. 131) die Abkürzung jedenfalls richtig
in elg bvopa auf. Die Epheuwurzel wird dg ovopa einer
Frau ausgeriffen, d. h. fie wird mit ihrer Heilkraft der
Frau zugeeignet. Nach alledem kann nicht bezweifelt
werden, dafs das Weltgriechifch der Diadochen- und
Kaiferzeit die technifche Formel elg rb ovopa in ver-
fchiedenen Zufammenhängen kennt. Woher fie ftammt,
weifs ich nicht. Wer das Bedürfnifs dazu hat, mag he
auf einen alten Zufammenhang des helleniftifchen Rechtes
mit dem orientalifchen zurückführen. Als das Neue
Teftament entftand, ift die Formel jedenfalls längft als
griechifche üblich gewefen und man wird fie in ßajizt^eiv
elg rb bvopa rivog nicht anders verstanden haben, als in
den übrigen Wendungen auch: elc rb ovopa weift irgendwie
auf die Herstellung eines Verhältnifses der Zugehörigkeit
hin.

Die Ausführlichkeit, mit der ich die Schrift Boehmer's
behandelt habe, möge dem Herrn Verfaffer zeigen, mit
welchem Intereffe ich feinen auch in ihren Mifsgriffen
lehrreichen Aufstellungen gefolgt bin. Die vom Verleger
fehr gefchmackvoll ausgestattete Arbeit ift ein Zeugnifs
folider Gelehrfamkeit und hat in jedem Falle das Verdienst
, eine für das Verftändnifs vieler Schriftftellen
bedeutfame Frage neu zur Diskuffion geftellt und das
wichtigste biblifche Material gefammelt zu haben. Der
Verfaffer ift Pfarrer zu Raben bei Wiefenburg (Mark).
Auch diefe Arbeit beftätigt, dafs er, obwohl streng con-
fervativ, doch nicht zu der innerhalb der confervativen
Theologie verbreiteten Richtung gehört, die ohne Arbeitsdrang
und ohne eigene Probleme blofs vom sterilen (wenn
auch in diefen Zeitläuften einträglichen) Protest lebt.

Heidelberg. Adolf Deifsmann.

Heine, Schuir. Sem.-Dir. a. D. Gerhard, Synonymik des
Neutestamentlichen Griechisch. Leipzig-R., E. Haberland
, 1898. (XXIV, 221 S. gr. 8.) M. 4.— ; geb. M. 5.20

Dafs eine Synonymik des altchriftlichen Begriff*-
fchatzes eine nothwendige und dankbare Aufgabe ift,
kann nicht beftritten werden. Das religionsgefchichtliche
Intereffe hat einen berechtigten Anfpruch darauf. Wie
das gemeint ift, möge ein Beifpiel verdeutlichen. Es berührt
das Gebiet der Religionsgefchichte, wenn Begriffe
wie ajcoXvrQcooig und arpeoig, oder wie rb Jtvevpa rb
ayiov und rb jcvevpa XqiGzov auf ihre Sinnverwandtfchaft
hin unterfucht werden. Man wird fich bei derartigen
Unterfuchungen vor zwei Fehlern hüten müffen. Man
darf einmal die Begriffe nicht unter das Mikrofkop nehmen;
I fönst vergifst man bei der Nachzeichnung des Gefchauten
leicht, dafs man nur Fragmente eines Organismus betrachtet
hat: die Einzelheit und die Kleinigkeit ift
fcharf markirt, aber der Zufammenhang des Ganzen ift
verloren. Andererfeits darf der Forfcher aber auch
| nicht mit einem grofsen Schwamm über das hier und
da deutliche, wenn auch feine Geäder der Grenzlinien
hinweg wifchen und die charakteriftifche Einzelheit dadurch
befeitigen. In einzelnen Fällen wird es zudem
zweifelhaft bleiben, welche Linie stärker zu ziehen ift,
die Kreislinie, die das Sinnverwandte umfchliefst, oder
die Grenzlinie, die innerhalb des Kreifes vielleicht einzelne
kleine Bezirke von einander fcheidet.

Soweit die fog. biblifch-theologifche Forfchung fich
feither mit fynonymifchen Studien befchäftigt hat, hat
fie, meines Frachtens, die Grenzlinien innerhalb der
| Kreife im Allgemeinen allzustark hervorgehoben und
dadurch manche Verwirrung angerichtet. Der Synonymiker
Tittmann fogar hat feiner Zeit einfach decretirt,
Begriffe wie peravoelv, ImorQeepeo&ai, aveofrev yewi]'
frßvai, ayiaöd-ijvai, avaxaivovo&ai gehörten überhaupt
nicht zu den finnverwandten Wörtern, eine Behauptung,
I die Heine S. 9 mit Recht zurückweist. Nach ihrer

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