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Ausgabe:

1900 Nr. 3

Spalte:

71-74

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Boehmer, Julius

Titel/Untertitel:

Das biblische ‚Im Namen‘ 1900

Rezensent:

Deissmann, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 3.

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fo fehr in der Abhängigkeit Qoh. von auswärtigen Gedankenkreifen
, als in der ihm eigenthümlichen Eigenfchaft,
das Werk eines Philofophen zu fein. Ift fomit dem Verf.
feine eigentliche Abficht nicht gelungen, fo bleibt doch
fein Buch dadurch werthvoll, dafs es diefes Erzeugnifs
jüdifchen Geiftes in den grofsen Zufammenhang der allgemeinen
menfchlichen Gedankenarbeit geftellt hat und
damit auf den Werth hinweift, den die Beiziehung fremder
Litteratur für das exegetifche und pfychologifche Ver-
ftändnifs des A. T. hat.

Eigentümlich ift dem Buch die ausführliche Inhaltsangabe
, die der mit kurzen Anmerkungen verfehenen
Ueberfetzung vorausgeht. Sie ift nicht feiten reine Para-
phrafe und leidet an dem oft künftlichen, die Auslegung
fchädigenden Beftreben, zwifchen den einzelnen Abfchnitten
einen Zufammenhang herzuftellen, vgl. 413 ff S. 108, 77
S. 113. Die Exegefe ift manchmal merkwürdig verfehlt,
vgl. 414—16 77 1011 124. In der Textkritik ift Verf.
äufserft confervativ; auch hält er an der Einheitlichkeit
des ganzen Buches feft, ohne felbft den Epilog anzufechten.
Die Widerfprüche in Anfchauung und Stimmung werden
dann fo erklärt, dafs der Schriftfteller die Anflehten der
von griechifcher Philofophie beeinflufsten verfchiedenen
jüdifchen Schulen (fbrip als Perfonification des btlp
D^ttsn vgl. — aber nicht ganz zutreffend — flS®"1) gegen-
einander ausfpielen wollte. Er habe dabei die Abficht
verfolgt, fo die Nichtigkeit aller Weltweisheit zu erweifen
und ftatt diefer die Gottesfurcht zu empfehlen. Diefe
Tendenz ftimmt indes weder mit der Anlage noch mit
dem Geifte der Schrift überein, und es ift beffer, eine
gründliche Ueberarbeitung Qoh. durch fpätere Hände anzunehmen
, wodurch freilich die Frage nach dem Zwecke
des Buches erheblich fchwerer gemacht ift.

Tübingen. Volz.

Boehmer, Julius, Das biblische ,1m Namen4. Eine fprach-
wiffenfchaftliche Unterfuchung über das hebräifche
OttD und feine griechifchen Aequivalente (im befon-
deren Hinblick auf den Taufbefehl Matth. 28, 19).
Giefsen, J. Ricker, 1898. (88 S. gr. 8.) M. 2.60

Die Unterfuchung geht aus von dem Taufbefehl
Mt 28, 19, deffen Wendung ßanxltpvxeg elg xb ovopa xov
xaxgbg xal xov vtov xal xov ayiov xvevpaxog auifallend
genannt wird (S. 1). ,Es ift felbftverftändlich, dafs zum
richtigen Verftändnifs der fraglichen Worte auf den ur-
fprünglichen Wortlaut zurückgegangen werden mufs. Er
kann in keinem Falle griechifch fein, da felbft, [das
Komma gehört wohl vor ,felbft'] von der Frage der
Echtheit der Stelle abgefehen, die Wendung auf juden-
chriftlichem, fpeciell paläftinifchem Boden gewachfen fein
mufs' (S. 1 u. 2). Diefe Sätze find für die ganze Arbeit
von grofser methodologifcher Tragweite. Gleich hier fei
erwähnt, dafs Boehmer die berührte Echtheitsfrage nicht
klar beantwortet. Dafs die griechifche Stelle formell
irgendwie durch Paulus beeinflufst fei, wird S. 13 unten
angedeutet, vgl. auch S. 20 und 77, doch fcheint der Verf.
an der Echtheit der Worte felbft feftzuhalten, wenn er
auch Althaus' Gründe ,etwas dürftig4 nennt (S. 79). Anerkennung
verdient jedenfalls, dafs er von diefer ernften
Sache ohne Nervofität und ohne Injurien redet, wie überhaupt
der ganze Ton der an Polemik nicht armen Schrift
ein ruhiger und würdiger ift. Dafs die Wendung, die
jetzt durch elg xb bvopa wiedergegeben ift, auf juden-
chriftlichem, fpeciell paläftinifchem Boden erwachten fein
mufs, hat Boehmer nicht bewiefen, fondern poftulirt.
Diefe petitio prineipii, auf Grund deren die Wendung
vom Alten Teftament aus erklärt wird, halte ich für den
Mangel des Buches.

Zunächft ift der Sprachgebrauch des A. T. unter-
fucht. Nur zwei Verbindungen können als Aequivalente
für dg xb bvopa in Betracht kommen: Dttj3 und Ottib.

Das Ergebnifs der fprachlichen Unterfuchung ift ,die unausweichliche
Schlufsfolgerung', ,dafs Jefus, wollte er
etwas dem griechifchen elg xb bvopa Entfprechendes zum
Ausdruck bringen, dafs der Evangelift Matthäus, wollte
er in femitifcher Sprache fagen, was dem griechifchen
elg xb bvopa gleichkommt, auf DBS zurückzugreifen hatte'
(S. 9). Bevor feftgeftellt ift, was das griechifche elg xb
bvopa bedeutet, ifl diefe Formulirung nicht ganz glücklich
. Es folgt S. 9 ff. die Prüfung des Gebrauchs der
LXX und des NT, die ergeben foll, ,dafs die neutefta-

j mentlichen Schriftfteller fich im allgemeinen auf den

i Bahnen der LXX bewegen, indem fie das hebr. DttjD____

in der Regel durch ev xm bvbpaxi wiedergeben' (S. 12).
Aber find denn die ,n'euteftamentlichen Schriftfteller4
Ueberfetzer hebräifcher Vorlagen? Und woher weifs
Boehmer felbft da, wo femitifche Originale irgendwie
zu Grunde liegen (bei den fynopt. Herrnworten), dafs

1 die bvopa-SteMen auf ein DD2 zurückgehen?

Der Apoftel Paulus hat, fo fährt Boehmer fort, ,als
erfter unter den neuteftamentlichen Schriftftellern eine
ganz neue Verbindung, die dem altteftamentlichen DBD
entfpricht, aufgebracht, nämlich (ßaxxiLeiv) eig xo ovopa
Ilavlov, bez. eig xo epov ovopa (I Kor. 1, 13. 15)' (S. 13).
(Dafs elg xb ovopa dem ODS entfpricht, ift dabei wieder
rein poftulirt.) Er habe elg gewählt auf Grund der in
Rom. 6, 3 ff. geprägten Vorftellungsweife (S. 16). Der
Ueberfetzer des ,vielfacher Bezeugung der älteften
Kirchenfchriftfteller zu Folge' urfprünglich aramäifchen
Matthäus-Evangeliums hat vorliegendes DSSD mit Fleifs
bald anders, bald durch eig xo ovopa wiedergegeben'
(S. 17). Es liege in elg xb bvopa nur eine Sprachliche
Verfchiebung für das eigentlich zu erwartende, natürlichere
ev xcp ovopaxd vor (S. 19).

Es folgt eine Unterfuchung der Bedeutung des alt-
teftarnentl. ,im Namen Jahwes'. Eingehende etymologifche
Erörterungen über BD, über die ich mir ein Ürtheil nicht
erlauben kann, ergeben, dafs ,Name Jahwes' ,die Er-
weifung deffen, was in Jahwe ift' oder ,das Innere, das
Wefen Jahwes' bedeutet (S. 29). ,Perfon4 würde in fehr
vielen Fällen entfprechen (S. 29 f.). Es fehlt hier nicht
an treffenden Bemerkungen gegen dogmatiftifche Einlegungen
. Bevor nun das ,im Namen' näher geprüft wird,
unterzieht der Verf. meine Schrift ,Die neuteft. Formel
»in Chrifto Jefu«' einer fehr eingehenden und anregenden
Kritik. Es fei verfehlt, dafs ich zur Erklärung der Formel
ftatt vom hebr. A. T. vom Griechifchen ausgegangen fei.
Ich kann darauf nur erwidern, dafs eine griechifche
Wendung allerdings vom Griechifchen aus zu verliehen
ift. Paulus fchreibt Griechifch. Dafs die Formel ev
Xgiöxcö ,Hebraismus' ift, mufs Boehmer erft beweifen;
die blofse Behauptung kann als fehr beftreitbare petitio

prineipii jedenfalls nicht Grundlage einer weittragenden
Exegefe fein. Auch die LXX-Stellen, in denen ev xvglco
vorkommt, hat Paulus griechifch verftanden und nicht
durch eine umftändliche Vergleichung mit dem Urtext
erft in eine femitifche Sprachfphäre hineingebracht. Die
Thefe, über die fich Boehmer fo fehr aufhält (S. 491.),
Paulus fei zwar in lexikalifcher Beziehung von den LXX
abhängig, aber in der Grammatikl) (Syntax) relativ frei
von ihren Einflüffen, halte ich unter Hervorhebung des
,relativ' entfehieden aufrecht. Sie will fagen, dafs Paulus
wohl die Wörter xal, ev, xgo<pr)xng, aväyco, xvgiog, 'logarjx,
ex, yrp Älyvjtxog u. f. w. gebraucht, fchwerlich aber einen
Satz fchreiben würde wie LXX Hof. 12, 13 xal ev xgotprixn
avryaye xvgiog xov Iögarjl ex yrjg Alyvxxov oder wie
LXX Gen. 28, 13 r yrj, e<p f/g Ov xa&evöeig ex avxiqg,
Ool dcöoco avxrjv. Es itt übrigens doch beachtenswerth,
dafs Boehmer felbft das ev XgiOxm fachlich nicht anders
erklärt, als ich: das ev, fagt er S. 52 f., könne nur als
Bezeichnung, der ,örtlichen' Berührung im allgemeinften
Sinne des Wortes gefafst werden.

1) So citirt Boehmer; ich habe aber nur von der Syntax gefprochen,
nicht von der Grammatik überhaupt.