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Ausgabe:

1900 Nr. 26

Spalte:

701-702

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Budde, Karl

Titel/Untertitel:

Der Kanon des Alten Testaments. Ein Abriß 1900

Rezensent:

Siegfried, Carl

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 26.

702

das eigentlich Originale der hebräifchen Uiction nicht
fcharf genug hervortritt. Aufserdem ift mir die ganze
Anlage zu fchwerfällig und zu fcholaftifch. Auf die re-
dactionelle Thätigkeit, denen die heiligen Texte Jahrhunderte
lang ausgefetzt waren, und auf die religiöfe und
culturelle Bedingtheit eines grofsen Theiles der Phrafeo-
logie (z. B. S. 30, 38, 39) ift nicht hinreichend Rückficht
genommen. Am heften gefallen haben mir noch die
Abfchnitte über Fabel, Parabel u. f. w. S. 77—HO und
über den Rhythmus S. 313 — 359. Die Literatur ift in
grofser Vollftändigkeit herangezogen und vieles Obfcure
ausgegraben, aber die genialen Bemerkungen Well-
haufen's, die fich im ,Text der Bücher Samuelis' zer-
ftreut finden, fcheinen dem Verf. entgangen zu fein.

Der Inhalt des Werkes ift fo reich und mannigfaltig,
dafs die Exegeten vielerlei daraus lernen können.
Strafsburg i. E. Fr. Schwally.

Budde, Prof. D. Karl, Der Kanon des Alten Testaments.

Ein Abrifs. Giefsen, J. Ricker, 19OO. (VI, 80 S. gr. 8.)

M. 1.40

Das vorliegende Werk ift eine deutfche Bearbeitung
des Artikels Canon of tlte 0. T., welchen der Verf. für
die Encydopaedia Biblica von T. K. Cheyne zu liefern
hatte. Es find in diefer neuen Arbeit vom Verf. ,viele
und umfangreiche Aenderungen und Erweiterungen' angebracht
; ,vor Allem ift der Schlufsabfchnitt von S. 60 an
ganz neu' behandelt worden. Der Stoff ift in 3 Haupt-
abfehnitte gegliedert, deren erfter Namen und Begriff,
Umfang und Anordnung des Kanon's behandelt. Was
den Namen Kanon betrifft, fo haben wir in ihm eine
griechifch-chriftliche Bezeichnung der vom Geifte Gottes
infpirirten Schriften, dem in der Synagoge der räthfel-
hafte Ausdruck von Büchern, welche die Hände verunreinigen
, entfprach. Mit Recht betont der Verf., dafs
für den Sinn diefer Bezeichnung die Stelle Jad. 3,4 vgl.
4,6 der Mifchna entfeheidend fei. Es war in derfelben
angeordnet, dafs nach Benutzung der heiligen Schriften
eine rituelle Wafchung der Hände zu erfolgen habe.
Dadurch find die Annahmen ausgefchloffen, man habe
durch diefe Beftimmung eine profane Verwendnng abgenutzter
Schriftrollen verhindern wollen oder man habe
für die heiligen Schriften eine befondere Aufbewahrung
fichern wollen, denn beides konnte durch die Hände-
wafchung des die heiligen Schriften Benutzenden nicht
verhütet bezw. erreicht werden. Die in Rede flehende
Bezeichnung ift nur der abgekürzte Ausdruck für eine
Reihe von Beftimmungen des ATs, die eine weitgehende
Uebertragbarkeit der Heiligkeit durch Berührung eines
geheiligten Gegenftandes verhindern wollten, wie zuerft
Robertfon Smith an verfchiedenen analogen Beftimmungen
innerhalb der allgemeinen femitifchen Religionsgefchichte
deutlich gemacht hat. Die Bildung des Kanons, feine
Abtheilungen und die Reihenfolge der Schriften innerhalb
der drei Hauptabtheilungen wird vom Verf. nach
ihren verfchiedenen Phafen zunächft innerhalb der hebräifchen
Bibel (S. 6—11) fodann innerhalb der Septuaginta
(S. 11—16) verfolgt und fehr klar dargeftellt. Unzweifelhaft
haben Ruth und Klagelieder hiftorifch niemals unter
den Propheten geftanden, ihr Anfchlufs an das Buch der
Richter und an Jeremia beruht auf den logifchen
Ordnungsprincipien der LXX (vgl. S. 13—16). — Der
zweite Hauptabfchnitt der vorliegenden Schrift behandelt
die Ueberlieferung (S. 16—29). Nach fynagogaler Tradition
beruhte die Zugehörigkeit zum Kanon auf Infpira-
tion. Nur infpirirte Bücher fanden Aufnahme in den
Kanon. Die Frage, wodurch man fie als folche erkannte
und von anderen Büchern unterfchied, wird principiell
eigentlich nicht beantwortet. Die Legende läfst die
heiligen Bücher dem Esra offenbart werden und diefer
dictirt fie feinen fünf Genoffen in die Feder. Die gelehrte
Tradition beruht auf einer Fiction des jüdifchen
Gelehrten Elias Levita, der aus der gefetzempfangenden
Verfammlung Neh 8—10 eine gefetzgebende machte.
Diefer (der fog. grofsen Synagoge) ward im Grunde
dann diefelbe Thätigkeit zugefchrieben, welche die
Legende dem Esra zuwies. Was Menfchen unmöglich
leiften konnten, dafür mufste der heilige Geift aufkommen
. Was in der Wirklichkeit ein Werk der Ge-
fchichte war, ward durch die Legende in eine höhere
Sphäre erhoben und zu einem Wunder der Offenbarung
gemacht. Wie wir thatfächlich zu einem Kanon heiliger
Schriften kamen, das unterfucht der Verf. in einem
dritten Hauptabfchnitt unter der Ueberfchrift: die Ge-
fchichte (S. 29—80). Der erfte Keim eines Kanons ward
unzweifelhaft von Esra durch die Mittheilung des Gefetzbuches
(Neh 8,1 ff) gelegt. Ob letzteres bereits die ganze
Quelle P umfafste (S. 31), möchten wir doch bezweifeln.
Jedenfalls enthielt aber Esra's Gefetzbuch den Rahmen
der nachträglich durch mancherlei Zufätze und Veränderungen
erweiterten Quelle P, die wohl auch um
400 n. Chr. noch nicht völlig abgefchloffen vorlag. Dafs
der Chronift das fertige Werk IEDP vor fich hatte, geht
dem Verf. aus der umfaffenden Genealogie von 1 Ch 1,3fr.
hervor. Aus diefer Zeit, in welcher Thora und Kanon
noch identifche Begriffe waren, flammt der fpätere
Sprachgebrauch, nach welchem auch Propheten und
andere Schriften als Thora galten. Die fpäteren Erweiterungen
des Kanonbegriffes, feine Uebertragung auf
gefchichtliche und prophetifche Bücher ftellt der Verf.
S. 34—49 dar. Es geht aus diefer Darfteilung aber hervor
, dafs der alles Andere überragende Werth der pro-
phetifchen Schriften innerhalb der Synagoge nicht zur
Geltung kommen konnte. Denn, wenn die Propheten
keine andere Aufgabe hatten, als zur Treue gegen das
Gefetz zu ermahnen, fo war das Werthvollfte, was fie
boten, überhaupt nicht erkannt. Erft dem Chriftenthum
war es vorbehalten, diefes Licht auf den Leuchter zu
ftellen. — Ueber den fog. dritten Kanon wird S. 49—80
gehandelt. Wichtig ift hier die Erörterung des Sprachgebrauchs
von T3Ä (S. 64—68). Im Allgemeinen ift nach
unferer Ueberzeugung soviel klar, dafs der Sprachgebrauch
von 'J auf die Befeitigung einer Schrift durch
Verbergen derfelben geht. Es kann alfo von einer abgenutzten
Thorarolle gebraucht werden, die man in die
Synagogenkammer (Geniza) legt; es kann aber auch
den Sinn haben, eine Schrift von der Sammlung der
kanonifchen Bücher ausfchliefsen, wie dies bei Qohelet
und den Sprüchen verfucht wurde. Die Ueberfetzung,
die Hieronymus zu Schabb. 30b mit oblitcrarc giebt,
darf als eine freie bezeichnet werden. Apokryphe
Bücher galten natürlich als vom Kanon ausgefchloffen,
aber fie wurden nicht in die Geniza gelegt. Mit der
Darfteilung des Schwankens des Kanonbegriffes innerhalb
der chriftlichen Kirche und der Rückkehr der Reformation
zum Kanon der Synagoge fchliefst die gehaltreiche
Darftellung des Verfaffers ab, die wir als die
befte Orientirung für Studirende, fowie für die deutfche
Pfarrerwelt in ihrer bei aller Kürze dennoch erfchöpfen-
den Ausführung alles Wefentlichen auf das Nachdrück-
lichfte hiermit empfohlen haben wollen.

Jena. C. Siegfried.

Ginsburger, Dr. Moses, DasFragmententhargum (Thargum
jerufchalmi zum Pentateuch). Berlin, S. Calvary &
Co., 1899. (XVI, 123 S. gr. 8.) M. 3.60

Der Text des Fragmententhargums zum Peutateuch
war bisher ohne jede Bearbeitung geblieben. Um fo
erfreulicher ift, dafs Ginsburger alles jetzt bekannte
Material zur Herftellung feines Textes gefammelt und in
der vorliegenden Schrift allen zugänglich gemacht hat.
Er bietet: 1. einen vollftändigen Abdruck des unvocali-