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Ausgabe:

1900

Spalte:

680-681

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Binz, Carl

Titel/Untertitel:

Doctor Johann Weyer. ein rheinischer Arzt der erste Bekämpfer des Hexenwahns 1900

Rezensent:

Hegler, A.

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6/g

Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 25.

680

wird; dagegen find die zum gröfseren Theile eigenartigen
und abweichenden Mittheilungen von Worten und Reden
Jefu doch wohl als treue Buchung des einem jeden
Evangeliften zugänglichen zuverläfsigen Ueberlieferungs-
ftoffes zu beurtheilen. Zum Verftändnifse der Gefammt-
haltung des evangelifchen Schriftthums ift aufserdem
noch das praktifche Bedürfnifs der Miffion und der Erbauung
in Rechnung zu bringen. In diefer Hinficht macht
(ich die vom Verf. richtig beobachtete fchriftlfellerifche
Freiheit der Stoffgeftaltung am flärkftem geltend. Für
die Charakteriftik der Individualität des Lucas hebt er
befonders hervor die Behandlurg des Rechtlichen, bei der
wohl eine apologetifche Abficht fich regt, ebenfo feine
Freude an der Feftftellung des Entgegenkommens von
Samaritern und Heiden. Mifsverftändlich wird dabei
Lc. 23, 2 gewerthet (S. 45 Z. 20 v. o.). Bedeutfam ifl
ferner der Nachweis, dafs Lucas nicht unter dem Eindrucke
von feft organifirten Gemeindeverhältnifsen fchreibt
(Act. 6, I f. übrigens ift öiaxovla, öiaxovtlv fchwerlich im
Sinne der fpäteren amtlichen Function zu nehmen, vgl.
S. 50), fodann der Hinweis auf die freundlichen Anfänge
und Abfchlüfse von Evg. und Acta, die Ermittelungen
über die Farbe der Erzählung, ihre Freude am Concreten,
die Schlichtheit der Gefühlsäufserungen.

In den Einzelausführungen und Belegen des Anhanges
werden zunächft die ,dogmatifch-kirchlichen Kunftaus-
drücke' zufammengeftellt, die bezeugen, dafs Lucas in
,weltlichen' Dingen klar und fachkundig fchreibt, wogegen
in ,geittlichen' feine Redeweife etwas flüffiges, ja unbeftimm-
tes behält. Eine eigene Terminologie fehlt ihm in letzterem
Bezüge. In erfterer Hinficht bringt der darauf folgende
Nachweis über .weltliche, der gehobenen Sprache eigene
Kunftausdrücke' weiteres. Die drei folgenden Stücke behandeln
die lexicalifchen Beziehungen zu den altteftament-
lichen Apokryphen und zu griechifchen Schriftftellern,
in's befondere zu Jofephus. Am häufigften trifft Luc.
mit II Makk. zufammen. Dies ift auch deshalb intereffant,
weil diefes Buch als ein merkwürdiges Erzeugnifs aus
Kunftprofa und volksthümlichem Erzählungsftil fich darfteilt
. Die Beziehungen zu den Apokryphen werden mit
Recht gegen die Annahme einer literarifchen Benutzung
desjofephus durchLucas (foKrenkel) verwerthet. Betreffs
der doppelten .Bearbeitung' des Lucas (Blafs)
kommt Vogel zu keinem entfchiedenen Ergebnifs. Er
hält es offen, dafs die Erweiterungen theils auf Lucas
felbft, theils auf einen Gloffator zurückzuführen feien.
Adhuc sub judice Iis est. Ich meine, dafs in den Erweiterungen
des Cod. D. und feiner Verwandten eine
Tendenz nicht nachweisbar ift. Ob fie aber durch Ueber-
arbeitung befeitigt find, oder als fpätere Nachträge zu
gelten haben, ob vielleicht beide Textgeftalten, in denen
die Acta vorliegen, nicht mehr die urfprüngliche Aufzeichnung
treu wiedergeben, wird fich kaum mit durch-
fchlagender Evidenz ermittein laffen.

Für eine neue Auflage vvünfchte ich eine eingehendere
Untei Eichung des Stilcharakters des Lucas in technifcher
Hinficht, eine beftimmtere Feftlegung des Einflufses der
LXX auf Wortfehatz und Darftellungsweife, eine abgegrenzte
Hervorhebung der volksthümlichen Ausdrücke,
zu denen z. B. wohl auch ayäxrj gehört. Die Wendung
,aus dem Griffel gefloffen' (S. 9) ift kühn. S. 8 Anm. Z. 1 v. o.
1. ,der' ftatt ,den', S. 68, 11 v. u. .lehrhaft' ftatt .lebhaft'.
Leipzig. G. Heinrici.

Pfeilschifter, D. Georg, Die authentische Ausgabe der 40
Evangelienhomilien Gregors des Grossen. Ein erfter Beitrag
zur Gefchichte ihrer Ueberlieferung. Habilitationsfchrift.
(Veröffentlichungen aus dem kirchenhilforifchenSeminar.
München. Herausgegeben von Alois Knöpfler. Nr. 4.)
München, J.J. Lentner, 1900. (XII, 122 S. gr. 8.) M. 3.—
Im vorigen Jahre ift die neue Ausgabe der Briefe

Gregors des Gr. in den Monumenta Germaniac zu Ende

j geführt worden. Sie bedeutet gegenüber der Mauriner

1 Ausgabe einen grofsen Fortfehritt befonders deshalb, weil
in ihr eine richtige chronologifche Anordnung der Briefe
verfucht und, wie es fcheint, mit Erfolg durchgeführt
worden ift. Eine ähnliche Aufgabe ift nunmehr für die
40 Evangelienhomilien Gregors zu löfen, jener nicht nur
um ihrer felbft willen, fondern auch als einzige Quelle
für das römifche Perikopenfyftem damaliger Zelt wichtige
Predigtfammlung. Pfeilfchifter, Schüler Knöpfler's
und Weyman's, denen feine Arbeit gewidmet ift, ift den
Fachgenoffen durch feine Unterfuchung über das Ver-
hältnifs Theoderich's des Gr. zur katholifchen Kirche
(Münfter, Schöningh, 1896, in Knöpfler's kirchengefchicht-

1 liehen Studien) vortheilhaft bekannt. Seine uns vorliegende
Habilitationsfchrift ift eine Einleitung zur künftigen Aus-

I gäbe der Homilien, die fich zur Hauptaufgabe gemacht
hat, die urfprüngliche Anordnung der Homilien möglichft
wiederherzuftellen, angefichts der grofsen Verfchiedenheit
diefer Anordnung in den Handfchriften kein leichtes
Unternehmen. Auszugehen ift dabei von der durch den
Papft felbft beglaubigten Thatfache, dafs die Homilien

j urfprünglich chronologifch geordnet waren. In feiner
Epistula adSccundinum episcopum Taurom imtan um aus de
Mitte des Jahres 593 (Mon. Germ. 1, 25T.fi) hat Gregor
nicht nur dies berichtet, fondern auch dargelegt, dafs die
von ihm felbft redigirte Ausgabe dazu dienen follte, eine
von übereifrigen Verehrern veranftaltete, früher erfchienene
zu erfetzen. Ueber die Geftaltung diefer Ausgabe

J macht der Papft noch folgende Angaben: Die40 Homilien
waren auf zwei Bände in der Weife vertheilt, dafs die 20
zuerft gehaltenen, d. h. dictirten und dann durch einen
Notar verlefenen Predigten das erfte, die letzten 20, die

| der Papft felbft vorgetragen hatte, das zweite Buch bildeten.
Aufserdem bemerkt Gregor, dafs er an einer Stelle eine
inhaltliche Aenderung gemacht habe. Er hatte es in der
Predigt über Matth. 4,1 ff. (16. Homilie) unentfehieden

I gelaffen, ob unter dem Geifte, der Jefum in die Wufte
führte, der heilige oder der böfe Geilt gemeint fei. In
diefer unentfehiedenen Faffung war die Homilie auch in
jene erfte Ausgabe aufgenommen worden. In der von
ihm felbft redigirten Ausgabe entfehied fich der Papft für

| die Deutung auf den Spiritus sanetus. Auch fonft hat
Gregor noch Aenderungen vorgenommen, von denen fich
jedoch nicht mehr entfeheiden läfst, ob fie formeller oder
fachlicher Natur waren. Für die Frage nach der Wieder-
herfitellung der authentifchen Ausgabe find dies wichtige,
wenn auch im Einzelnen nicht ausreichende Fingerzeige.
P feil fchif t er ift aufserdem bemüht gewefen, die Homilien
nach chronologifchen Anzeichen durchzumuftern. Dabei

| hat fich ihm ergeben, dafs fie fämmtlich in einem Jahre, 591,

j gehalten find und dafs die anthentifche Ausgabe um die
Wende des Jahres 592/3 erfchien. Auch ein paar einzelne
Beobachtungen, wie dafs Horn, i und 19 vor 16, 21, 26,
29i 3°> 38 und 40 gehalten wurden, find abgefallen! Aber
noch find nicht alle Schwierigkeiten gelöft. Die umfichtige
und gründliche Art, mit der Pf. das Problem angefafst
und feiner Löfung um ein gutes Stück näher gefuhrt hat,
giebt uns indeffen begründete Hoffnung, dafs wir in nicht
allzuferner Zeit auch von den Homilien eine Ausgabe
erhalten werden, die der der Briefe würdig an die Seite
treten kann.

Giefsen. G. Krüger.

Binz, Prof. Carl, Doctor Johann Weyer ein rheinifcher Arzt,
der erfte Bekämpfer des Hexenwahns. Eine Beitrag
zur Gefchichte der Aufklärung und der Heilkunde.
2. umgearb. und verm. Auflage. Berlin, A. Hirfchwald,
1896. (VII, 189 S. gr. 8.) M. 3.6b

Die vorliegende Schrift ift die Neubearbeitung und
Erweiterung einer erftmals Im Jahr 1885 in der Zeitfchrift
des Bergifchen Gefchichtsvereins, dann auch gefondeit