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Ausgabe:

1900 Nr. 24

Spalte:

667-668

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rade, Martin

Titel/Untertitel:

Reine Lehre, eine Forderung des Glaubens und nicht des Rechts 1900

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Seite 1

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667

Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 24.

66,8

man nur wollen mufs, fo ift ihm auch ,die Zukunft
nichts zukünftiges: man mufs nur die Kunft auch hier
verffehen, fie zu einem Beftandtheil feiner Gegenwart
zu machen, zur lebendigen Hoffnung' (66). Das recht i
deutlich zu machen, redet er zuerft von dem im mittelalterlichen
Katholicismus und in manchen pietiftifchen
Kreifen herrfchenden einfeitigen Hoffnungs- und Jenfeits-
chriftenthum; dann von der Reaction dagegen, dem einfeitigen
Diesfeitschrifienthum, deffen berechtigte Momente
er im vierten Evangelium, in wichtigen Worten Jefu und in !
vereinzelten Aeufserungen Luther's findet Den abfohlten
Hoffnungscharakter des echten Chriftenthums leitet j
fchliefslich der weltüberwindende Optimismus der chrift-
lichen Religion aus der durch Chriflus verbürgten Ge-
wifsheit der Verformung; die Ausführungen über die
,Erfahrung der Sündenvergebung, den Grund und Kern !
unferer Religion' dürften zu den treffendflen und über-
zeugendflen der ganzen Schrift gehören. Die letzten
Seiten follen die richtige Stellung des Jenfeitsgedankens
im Chriftenthume befiimmen: diefelbe wird vor anderen
durch Phil. 1, 23; Luc. 23, 46; Apoflelg. 17, 28 normirt.

Dies der Inhalt der vier geiftvollen Vorträge Rade's.
Dem Einwände, welcher vielleicht am nächften liegt,
/Vieles, was man unter dem Titel „Die Wahrheit der j
chriftlichen Religion" erwarten mag, fei er fchuldig
geblieben', — entgegnet der Verf. felbft: ,Mir lag an der
Durchführung eines beftimmten Grundgedankens, den ich !
einfeitig verfolgen mufste, wenn er wirken follte'. Hoffentlich
ift es uns gelungen, bei der Wiedergabe der Rade'
fchen Schrift, diefen Gedanken klar und fcharf hervorzu- !
heben: ,das Chriftenthum Gegenwartsreligion, weil Ewig- |
keitsreligion; in Erinnerung, Hoffnung und täglichem Leben j
wollen und wiffen wir Nichts als den heutigen, ewigen,
lebendigen Gott'. (80). Dafs es R. verftanden hat, alle
einzelnen Ausführungen diefem Grundgedanken unterzuordnen
, wird felbft derjenige zugeben müffen, welcher ihm I
nicht überall zuzuftimmen im Stande wäre. An manchen
Stellen verfährt R. mehr andeutend und anregend als aus • !
führlich erklärend und begründend; zuweilen, liebt er es j
feinen Gedanken einen fcharf pointirten, mitunter auch
paradoxen Ausdruck zu geben; überall aber wird der
Lefer durch den reichen Inhalt und die lichtvolle Dar-
ftellung gefeffelt. Auf eine nähere Discuffion ein zeilner
Punkte einzugeben, verbietet der Raum. Zur Ergänzung
der Schrift weift R. felbft auf feine im Märzhefte der
Zeitfchrift für Theologie und Kirche erfchienene Marburger
Artrittsvorlefung: Ueber die Bedeutung des
gefchichtlichen Sinnes im Proteftantismus. Diefe
Vorlefung liefert die nothwendige, mit feinem Verftändnifs
durchgeführte Ergänzung zu dem hier vertretenen Gedanken
: ,Wir find rechte Chriften, rechte Anhänger des
alten Glaubens nur, wenn wir das Chriftenthum noch
anders als etwas Altes und Ueberliefertes kennen gelernt
haben, nämlich als etwas Gegenwärtiges'. (25)

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Rade, D. Martin, Reine Lehre, eine Forderung des Glaubens
und nicht des Rechts. (Hefte zur ,Chriftlichen Welt'
Nr. 43.) Tübingen, J. C. B. Mohr, 1900. (48 S. gr. 8.)

M. —.80

Der Grundgedanke diefer am 23. April 1900 in
Liegnitz vertretenen ,Leit- und Streitfätze' ift in der
Ueberfchrift des Vortrages mit einer Klarheit, die nichts
zu wünfchen übrig läfst, zum Ausdruck gebracht. Aus
den wichtigften Urkunden des Neuen Teftamentes und
den epochemachendften Wendungen der kirchlichen Ent-
wickelung, vor allem aber aus dem Wefen des evan-
gelifchen Heilsglaubens erläutert und begründet Rade
den Satz, zu welchem er fich bekennt. In theoretifcher
Auseinanderfetzung mit Sohm und Harnack, mit Ritfehl
und Frank, in praktifch-kirchlicher Discuffion mit Bey-

fchlag und Stöcker, beleuchtet der Verf. die von ihm
behauptete, durch die jüngften Ereignifse in den Mittelpunkt
des Intereffes gerückte Pofition. Aus den von
ihm eben fo klar als tapfer entwickelten und ver-
theidigten Grundfätzen leitet er Folgerungen ab, die in
den unerfreulichen Wirren und Kämpfen der Gegenwart
unfere volle Beachtung verdienen. ,Es ift unrichtig, dafs
der Geiftliche (Lehrer, Profeffor, Pfarrer) der Rechtsforderung
reiner Lehre unterftellt fei, der Laie (das
nicht lehrende Gemeindeglied) dagegen nur der Glaubensforderung
. Es ift fchlechthin unftatthaft, dafs man vom
Lehramt den entfernt, der zwar die Glaubensforderun:;
reiner Lehre anerkennt, aber mit der Rechtsforderung in
Conflict geräth. Es ift innerhalb der evangelifchen
Kirchen eine Ordnung möglich, die fich mit der rechtlichen
Feftftellung und dem Rechtsfchutz reiner Lehre
nicht befafst, fondern den moralifchen Charakter der
Verpflichtung zu reiner Lehre bei Kirchendienern wie
Kirchengliedern zur öffentlichen Geltung bringt. Diefes
Ideal einer Kirchenordnung, die ihr Beftes lieber dem
Geifte als dem Rechte vertraut, liegt in der Confequenz
der Reformation. Alle die Kirchenbildungen auf evan
gelifchem Boden, die wir bisher erlebt haben, kranken
daran, dafs fie ein jus in Sacra kennen und handhaben.
Solange bis da nicht völliger Wandel eintritt, bleibt für
die, welche reine Lehre allein als Glaubensforderung
kennen und anerkennen, der gewiefene Weg zu beffern,
der Weg des Zeugnifses und im gegebenen Falle des
Martyriums. Kirchenpolitifches, parteimäfsiges Eintreten
für das aufgeftellte Kirchenideal ift eine conlradictio in
adjecto. Unpraktifch und ausfichtslos ift das hiermit vertretene
Kirchenideal fchon darum nicht, weil der that-
fächliche Zuftand der evangelifchen Kirchen ihm bereits
theilweife entfpricht und die Neuconftituirung einer
Rechtskirche im Sinne einer fiegreichen confervativen,
mittelparteilichen oder liberalen Orthodoxie unwahr-
fcheinlich ift. Unpraktifch ift diefes Kirchenideal aber
vor allem darum nicht, weil es ein Glied unferes evangelifchen
Heilsglaubens felber bildet, völlig im urfprüng-.
liehen biblifchen Chriftenthum wurzelt, und ebenfo vor
hierarchifchen Gelüften wie vor fchwermüthiger Kirchenflucht
bewahrt.' Von hier aus ift auch die Stellung
verftändlich und gerechtfertigt, die Rade ,zu den Lehr-
proceffen und verwandten Vorkommnifsen' eingenommen
hat. ,Der Kampf um die Macht ift nun einmal Etwas,
woran ich aus inneren Gründen mich nicht betheilige.
Ich fehe von Jefus bis zu diefen Bemühungen hin
keinerlei Verbindungslinien. Und fo lange ich die nicht
fehe, weift mich mein chriftliches Gewiffen andere Wege'.
(41). In diefer principiellen Verurtheilung jeder kirchen-
politifchen Action und Agitation wirkt zweifellos der
Einflufs Ritfchl's nach, deffen beftimmter, aus dem Geifte
des Evangeliums entnommener Directive der Herausgeber
der ,Chriftlichen Welt' zum Segen unferer Landeskirche
bisher unentwegt gefolgt ift. Dafs er damit auch
in den Bahnen eines anderen, um den Proteftantismus
hochverdienten Theologen wandelt, hat er nachdrücklich
betont und dankbar hervorgehoben: ,Die Societas
evangelifcher Glaubensgemeinfchaft hat noch kaum an
die Aufgabe fich herangetraut, eigene Formen und
Inftanzen des gemeinfamen Lebens zu fchaffen. Selbft-
verftändlich kann diefe Arbeit nur von unten auf ge-
leidet werden. Die Sulze'fche Gemeindereform ift bis
heute der grofsartigfte und verheifsungsvollfte Anlauf
dazu auf deutfeh-evangelifchem Boden' (41—42). Rade's
Vortrag fei den Laien, nicht minder als den Theologen
aufs Wärmfte empfohlen.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.