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Ausgabe:

1900 Nr. 24

Spalte:

653-654

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Giesebrecht, Friedrich

Titel/Untertitel:

Die Geschichtlichkeit des Sinaibundes untersucht 1900

Rezensent:

Volz, Paul

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 24.

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fondern einzig und allein aus Offenbarung. So nimmt
Verf. eine allgemeine Uroffenbarung an für alle diefe
Völker. Mofe aber bekam eine zweite und deutliche
Offenbarung und bei den biblifchen Gefchichten ift der
Offenbarungscharakter befonders klar, bei der Schöpfung
z. B. war kein Menfch dabei, wenn nun die Schöplungs-
gefchichte durch die Wiffenfchaft als wahr erwiefen ift,
fo kann der Bericht nur auf Offenbarung beruhen.

Der Verf. weifs, wieviel an diefen Dingen hängt; denn
wäre nur eine der Urgefchichten nicht wahr und nicht
geoffenbart, fo würden wir fortan unfern Weg durch
Leben und Tod ohne eine Bibel zu gehen haben, und
der ganze Bau des Reiches Gottes auf Erden fällt in
Trümmer, wenn an der planvollen Berufung Abrams gerüttelt
wird. Darum werden die Kritiker vom Verf. jämmerlich
zugerichtet. Sie find die Feinde im Thor (Pf. 127,5)
mit denen er fich gezwungen fieht, zu kämpfen. Die
Quellenfcheidung nach den verfchiedenen Gottesnamen
ift eine fchamlofe Erdichtung; die ganze Art der Kritik
ift nur grofsfprecherifche Schulgelehrfamkeit, die von der
Wiffenfchaft, von den Triumphen der Forfchung vernichtet
wird.

Dafs die biblifchen Vorgefchichten in fehr frühe
Zeit zurückgehen und die im Pentateuch enthaltenen
Quellenfchriften altes Material mitführen, wird durch Ur-
quhart's Schrift aufs neue klar. Intereffant ift befonders
die auf S. 161 ff. erwähnte Verbindung von Neujahrsfeft
und Totenfeier, die fich bei den verfchiedenften Völkern
findet. Namentlich aber ift es für das gröfsere Publikum
von Werth, die Infchriftenfunde einmal im Zufammen-
hange nebeneinander zu haben; und wenn dann die Lefer
fehen, dafs fich Erzählungen über die Schöpfung, Sintflut
u. f. w. nicht blofs in der Bibel, fondern in ähnlicher
Form auch bei andern Religionen finden, dann tritt ihnen
wohl dievBibel und die biblifche Offenbarung unvermerkt
aus ihrer Ifoliertheit heraus, und fo wird der Verf.,
wenn auch wider feinen Willen, zum Fortfehritt der Er-
kenntnifs beitragen.

Tübingen. P. Volz.

Giesebrecht, Prof. D. Friedrich, Die Geschichtlichkeit des
Sinaibundes untersucht. Königsberg i. Pr., Thomas &
Oppermann, 1900. (III, 65 S. gr. 8.) M. 1.20

Das Schriftchen iftauseinem Vortrageherausgewachfen,
der vor einem gröfseren theologifchen Publicum gehalten
wurde. Zunächfl werden die literarkritifchen und religions-
gefchichtlichen Einwände gegen die Gefchichtlichkeit des
Sinaibundes erwähnt unter ausführlichem Eingehen auf die
Anflehten folcher neuerer Forfcher, die in dem prophe-
tifchen Glauben an die Einzigkeit Jahwes und an die Löslichkeit
des Verhältnifses zwifchen Jahwe und Israel die
Vorausfetzung für den finaitifchen Bundesfchlufs fehen,
daher die Darftellung vom Bunde in Ex. 2off. 34 für nicht 1
urfprünglich halten und der prophetifchen Vorftellung
vom Bundesverhältnifse die alte populäre Vorftellung von
der natürlichen Verwandtfchaft zwifchen Jahwe und dem
Volke gegenüberftellen. G. betont dagegen, dafs die
Religion Israels von Anfang des Beftehens Israels an als
Wahlreligion gedacht war, dafs der Monotheismus des
Arnos in Elia, Micha ben Jinda, in der monarchifchen
Gottesvorftellung der Urgefchichte (bef. Gen 6iff Ii) und
endlich in Mofe Vorläufer hatte und die Einzigartigkeit
Jahwes fich auch dem Volke von Anfang an durch den
fiegreichen Auszug aus Aegypten ins Bewufstfein drückte.
Daher liege kein Grund vor, die Erwähnung des Bundes
in der alten Erzählung für ungefchichtlich zu halten.
Hos. 67 81 könne mit vollem Rechte zum Beweife für die
GefchichtlichkeitderBundesfchliefsung beigezogen werden,
und die fchlechte Bezeugung des Sinaibundes in der j
übrigen älteren gefchichtlichen und prophetifchen Liter- |
atur erkläre fich daraus, dafs das Volk der Gegenwart

lebte und nicht an die Vergangenheit dachte. Erft unter
dem Eindrucke des Riffes zwifchen Jahwe und Israel fei
der Gedanke an die Entflehung des Verhältnifses zwifchen
beiden durch einen Bundesfchlufs wieder aufgetaucht und
Arnos habe daran feinen Gerichtsgedanken angeknüpft.

Auch mir ift es wahrfcheinlich, dafs das Verhältnifs
zwifchen Jahwe und Israel entfprechend der Darfteilung
in Ex. 2off. und 34 durch einen Bundesfchlufs begonnen
wurde. Denn die natürliche Verwandtfchaft befteht ja
nur zwifchen dem Gotte und dem Stamme, nicht zwifchen
dem Gotte und der Stämmeeinheit oder der Nation. Ebenfo
glaube ich, dafs die Vorftellung von der Einzigartigkeit
Jahwes von Mofe ausging und fich bis zu Arnos hin durch,
kämpfte. Auch der Gedanke an die Lösbarkeit des Bandes
zwifchen Jahwe und Israel beginnt nicht erft mit den
grofsen Propheten. Selbft das Volk hat wohl nicht fo
fehr an die Unlöslichkeit feines Verhältnifses mit Jahwe
geglaubt als an die Abhängigkeit des Gottes von dem
Lande und von feinen Verehrern. — Aber es ift nicht richtig,
mit Giefebr. den ^zv'rgedanken in den beherrfchenden
Mittelpunkt der prophetifchen Auffaffung zu rücken. Die
freie Erwählung Israels und die Lösbarkeit des Verhältnifses
zwifchen der Gottheit und den Verehrern liegt nicht in
der berit allein, fondern kann auch in anderen Formen
geglaubt und dargeftellt werden, vgl. z.B. Hos. Iii. Der
Gedanke Hofeas an die Ehe (Jahwes mit dem Lande)
ift etwas Anderes als die berit; und es ift nicht noth-
wendig, die Erwartung des Gerichtes bei Arnos und feine
Ueberzeugung, dafs Jahwe nicht mit Israel untergehe, an
die Bundesvorftellung zu knüpfen, vollends wenn man, wie
Giefebr. S. 58 es thut, die Möglichkeit offen läfst, dafs am
Sinai nicht Jahwe Israel erwählte, fondern Israel den Jahwe.
Es war eben das Natürliche und nicht etwas Befonderes,
dafs man fich den Beginn des religiöfen Zufammenlebens
der Nation mit der Gottheit in der Form einer berit, wie fie in
Ex. 24 erzählt ift, dachte. Und erft unter dem Eünflufse des
prophetifchen Geiftes find dann die ethifchen Confequenzen
der Bundesvorftellung gezogen worden. Daher gelten auch
die von der Kritik gegen die Gefchichtlichkeit des Sinaibundes
gemachten Einwürfe nicht der Bundesfchliefsung
für fich, fondern nur ihrer prophetifchen Auslegung.

Tübingen. P. Volz.

Walter, Priv.-Doz. Dr. Franz, Die Propheten in ihrem sozialen
Beruf und das Wirtfchaftsleben ihrer Zeit. Ein
Beitrag zur Gefchichte der Sozialethik. Freiburg i. B.
Herder, ic/jo. (XVI, 280 S.) M. 3.20

Der Verf., der fich auch fonft fchon mit focialen Problemen
befchäftigt hat, giebt in der vorliegenden Schrift
zunächft einen Ueberblick über die wirthfehaftliche Ent-
wickelung Israels bis zu den Propheten. Urfprünglich ift
Israel in Kanaan reiner Ackerbauftaat mit gleicher Ver-
theilung des Bodens, Naturalwirthfchaft und nur fpärlichem
Binnenhandel. Durch David erfährt der Handel indirecte
Beförderung, mit Salomo beginnt eine eigentliche Handelspolitik
. Entfprechend der grofsen Fruchtbarkeit Paläftinas
ift der Handel hauptfächlich Getreidehandel, befonders
nach Phönizien. Diefer Uebergang von der Ackerbau-
wirthfehaftzum Handelsverkehr hat fchwerwiegendeFolgen
fürs Volksleben mit fich gebracht, in wirthfehaftlicher, fo-
cialer, moralifcher und religiöfer Hinficht. Es ftrömt zwar
grofser Reichthum ins Land; aber der Boden und das
Getreide werden nunmehr Gegenftand der Speculation,
daher ausgebeutet und das Land gegen Hungersnoth
weniger widerftandsfähig gemacht. Das viele Geld erzeugt
hohe Preife. So fammelt fich der Boden und das
Geld in den Händen weniger Capitaliften; es entliehen
als Folge des Handels einerfeits die grofsen Vermögen
und andererfeits die Armuth; der Mittelftand fchwindet;
wie in den anderen Culturftaaten des Alterthums faugt
der Grofsgrundbefitz den mittleren bäuerlichen Betrieb