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Ausgabe:

1900 Nr. 23

Spalte:

633-638

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hilgenfeld, Adolfus

Titel/Untertitel:

Acta Apostolorum graece et latine secundum antiquissimos testes edidit Actus Apostolorum extra canonem receptum et adnotationes ad textum et argumentum actuum apostolorum addidit H. Berolini, G.

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 23.

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felbft ihn in feine Gefangenfchaft auf der Höhe geführt j in erfter Linie den nach feiner Meinung urfprünglichen
habe; während er äufserlich droben Gefangener der 1 Text der Apoftelgefchichte. Er ift freilich nicht der
Weltmächte fei, fei er innerlich ein Gefangener Chrifti, j Meinung B.'s, dafs uns in den beiden Textformen (a und ß)

der ihm auch droben die Gaben feines Geiftes fchenke'
— und ift deshalb dem ganzen Buche als Motto voran-
geftellt worden. Aber auch dies find noch nicht die
fchlimmften Eintragungen; das tollfte leiftet Lisco, wo

der Apoftelgefchichte Kladde und Reinfchrift desfelben
Autors vorliegen. Aber darin ftimmt er mit Blafs überein
, dafs er der /9-Form des Textes einen ganz befonderen
Werth beimifst. Er ift der Meinung dafs der «-Text —

er Hinweife auf einen buchftäblichen Thierkampf des i a graecorum soplüstis vcl potius grammaticis elimatus
Apoftels, den er wegen II. Cor. 11, 23 ff. erft nachher ! durchweg der fchlechtere, der/?-Text durchweg der beffere
ftattfinden läfst, in Cap. 1—6 auffpürt. ,Die Stelle 2,12 und urfprünglichere fei.

bis 3, 3', fo fagt er hier wörtlich, ,könnte mit den Aus- j Die neue Reconftruction des /5-Textes, die H. nun
drücken, die fie bringt, deuten auf den Eintritt des hier als den echten Lukastext vorlegt, hat er im wefent-
Apoftels in das Amphitheater. 2,12 ift die Rede von 1 liehen im allerengften Anfchlufs an Codex D reconftruirt.
der geöffneten Thür, 2,14 erinnert an den feierlichen Wo es unbedingt nothwendig war, hat er die Nebenzeugen

Triumpheinzug des das Spiel gebenden Magiftrats
(ÜQiafißeveiv); die Worte oö/ir], evcoöia in den folgenden
Verfen weifen hin auf die Wohlgerüche, mit denen das
Amphitheater angefüllt war; das xaxrjXeveiV von 2, 17
erinnert an die Gaftwirthe, die bei den Spielen ihr

zur Verbefferung herangezogen. ,Gciminam vero formam
maxime conversasse videtur codex D ex soeiis, in primis
Thoma Heracleensi supplendus'. Diefe Nebenzeugen find,
neben der lateinifchen Ueberfetzung von D (= d)'): E
Laudianus mit feiner lateinifchen Ueberfetzung (e) die alt-

Wefen trieben; endlich die jtXaxeg von 3, 2, die von | lateinifchen Ueberfetzungen, die Fragmente des Floriacen
allen gelefen werden, könnten hinweifen auf die Tafeln, eis (ß); der Gigas ItbroTum (gig.), vindobonensis (s); die
die die Verurtheilung des Paulus allen bekannt machten. I fahidifche und die fyrifchen Ueberfetzungen (Psc/i, Ph),
— Andererfeits fcheint die Stelle 5, 1 —10 Andeutungen ! namentlich die textkritifchen Bemerkungen des Thomas
enthalten auf den Schlufs des Kampfes. Das Wort | von Charkel zur Philoxeniana [Thom. c. eist. Tliom. mg.).

öxijvos 5, 1—4 bedeutet eigentlich einen Thierleib, das
xaxanlvuv 5, 4 (vgl. 2, 7) ift L Petr. 5 gebraucht vom
Löwen, der die Menfchen zu verfchlingen trachtet. In
5, 3. 4 ift die Rede vom Auskleiden und vom Nacktfein
; wieder 5, 3. 4 fpricht vom Ankleiden. Am Pfahl
war' Paulus inmitten der Volksmenge: ivdipiovv 5, 6;
als er vor den Proconful gerufen wurde, da ging er aus
ihrer Mitte fort (hxörjpmv), er trat vor das ßrjua des
Statthalters 5, 10, der den Spielen (pÜLortftUa 5, 9) beiwohnte
'. Und fo geht es weiter, ohne dafs ich wohl
nöthig hätte, diefe kaum mehr ernft zu nehmenden,,
aber bei Lisco auch fonft nicht feltenen Erklärungen

Blafs hatte diefem bereits bekannten Stoff noch zwei
lateinifche Texte, den Parisinus cod. lat 2X (par, p.) und
den codex Wernigerodensis [wem. zv) hinzufügen können.
Auch die provencalifche Ueberfetzung bietet manche
Parallelen (prov. pr). Hilgenfeld vermehrt das Material
noch durch eine neue und vollftändige Collation der
wichtigen Minuskel 137 (bei ihm = M, Mediolanns). —
Da es fich auf fo knappem Räume kaum lohnt, fich mit
H.'s Annahme, dafs der von ihm veröffentlichte Text der
echte Lucastext fei, ausführlich auseinanderzufetzen, fo
wird fich Referent wefentlich auf Unterfuchung und Kritik
der Reconftruction des /9-Textes in H.'s Arbeit befchränken.

hier anzuführen oder die nebenher über die den Ge- Da wir nun bereits zwei Ausgaben der /9-Textes, refp. der

fangenfehaftsbriefen angeblich zu Grunde liegenden geg-
nenfehen Schriften und gleich in der Einleitung ange
deuteten Dispofitionen, fowie I. Cor. 15 und die Paftoral

editio romana der Acta haben, diejenige von Blafs und
die von Hilgenfeld, fo wird ein Vergleich der beiden
Ausgaben intereffant und lohnend fein. Ich greife ein paar

briefe aufgehellten Hypothefen zu beleuchten. | Capitel, etwa die befonders wichtigen Cap. 14 und 15 heraus.

Nur eine Frage drängt fich dem Lefer immer wieder 1 Ein Vergleich der Texte von Blafs und Hilgenfeld
auf: warum das alles? Ift die herkömmliche Anfetzung fcheint zunächft eine arge Enttäufchung zu bringen. Blafs'

der Gefangenfchaftsbriefe am Ende des Lebens des
Apoftels wirklich fo unhaltbar, wie Lisco annimmt? Er
beftreitet zunächft faft immer nur den römifchen Ur-
fprung derfelben, aber auch dies beim Philipperbrief

editio Romana unterfcheidet fich von Hilgenfeld's /9-Text
fehr ftark, fo ftark beinahe, wie der «-Text der Acta vom
/9-Text. Es fcheint beinahe, als wäre der /9-Text ein
Phantom, das, wenn man es greifen will, in Luft verrinnt.

mit durchaus ungenügenden Gründen. Vollends bei dem j Doch fleht die Sache fo hoffnungslos nicht. Die Differenzen
an die Ephefer hätte doch vor allem erft einmal für | zwifchen Blafs und Hilgenfeld rühren daher, dafs letzterer

fich die Echtheit unterfucht werden follen; glaubte aber
Lisco an ihr fefthalten zu können, fo hätte er doch
namentlich hier Bedenken tragen follen, ephefinifchen
Urfprung zu behaupten. Das Zeugnifs des Petrus Lom-

in der Reconftruction des /9-Textes faft mechanifch der
Auctorität von D folgt, während Blafs ebenfo fehr auf
der anderen Seite die Nebenzeugen und oft recht vereinzelte
Nebenzeugnifse bevorzugt. So beruhen die ftarken

bardus u. f. w. hat doch gar nichts zu bedeuten — und : Differenzen zwifchen Hilgenfeld und Blafs in Acta 14
will Lisco dem Muratorianum und der Ordnung der darauf, dafs Blafs hier überall einfeitig das Zeugnifs des
älteften Handfchriften zu liebe etwa demnächft auch be- J Floriacenfis bevorzugt vgl. V. 8. 12. 13. 15. 16. 17. 18. 19.
weifen, dafs die Theffalonicheibriefe zu den fpäteften 20. 21. 22. Wenn Hilgenfeld hier feinem Vorgänger
des Paulus gehören? So lange alfo gegen die herkömmliche
Anfetzung der Gefangenfchaftsbriefe und für eine
andere keine befferen Giünde vorgebracht werden,
können und müffen wir ruhig daran fefthalten, dafs der
Koloffer- und Philemonbrief in Caefarea, der Philipperbrief
in Rom entftanden ift.

Halle a. S. Carl Clemen.

nicht gefolgt ift, fo kann man ihm darin nur Recht geben.
Mit dem Zeugnifs des Floriacenfis hat es eine eigene
Bewandtnifs. Diefer vertritt zwar eine fehr alte Stufe des
lateinifchen Textes, etwa einen Text, wie ihn bereits Cyprian
las. Dennoch glaube ich nicht, dafs diefer alte nord-
afrikanifche Zweig der abendländifchen Familie ein
genauer und primärer Zeuge für diefe und ihre Eigen-
thümlichkeiten ift. Er ift vielmehr bereits durch eine neue
Bearbeitung hindurchgegangen. Der Beweis dafür ift dafs
Flor, eine Menge von Kürzungen des Textes zeigt, während
diefe in der ß Ueberlieferung fonft aufserordentlich feiten
find vgl. 14.8, 12, 15, i8, von anderen Stellen z. B. 213, 913.

Hilgenfeld, Adolfus, Acta Apostolorum graece et latine

secundum antiquissimos teftes edidit Actus Apoftolorum
extra canonem reeeptum et adnotationes ad textum
et argumentum actuum apoftolorum addidit H. Berolini,
G. Reimer, 1899. (XV, 310 S. gr. 8.) M. 9.—

Durch Friedrich Blafs' Unterfuchungen zum Texte der Text fi* igff&JE *ft tffi tS!t& Ä1S
Acta angeregt giebt Hilgenfeld uns in vorliegendem Werke | 1, wo auch diefer fehlt durch gig.

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