Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1900 Nr. 22

Spalte:

606-609

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pott, August

Titel/Untertitel:

Der abendländische Text der Apostelgeschichte und die Wir-Quelle. Eine Studie 1900

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

605

Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 22.

606

das Gottgleichfein als aQxafjioq anfah, Chrifti Erhöhung;
Kol.; Eph.; Heb.). Oder Chnftus, der himmlifche Hohe-
priefter, wurde als Gegenbild Michaels dargeftellt: Heb.
bef. 2u-i7 415. Oder es wurden direct Zuge des Michaelbildes
auf Chriflus übertragen: der himmlifche Anwalt,
Hohepriefter u. ä., Michael==Chriftus im Hermasbuch. Auch
in der fpäteren Chrillologie fpielt die Angelologie ihre
Rolle, indem Chnftus von Häretikern als Erzengel, von
kirchlichen Theologen als Engel bezeichnet, oder indem
gelehrt wird, er habe Engelnatur angenommen, um Engel
zu erlöfen.

Diefe Thefen, für die L. viel Material beigebracht
hat, hätten als das eigentliche Ziel des Buches erfcheinen
und forgfältiger bewiefen werden müffen. Insbefondere
für die letzte Thefe hätte noch viel angeführt werden
können. Auch war hier die Frage zu erörtern, wie viele
der Prädikate von einer dritten himmlifchen Figur aus in
gleicher Weife auf Michael und auf den Chriftus übertragen
worden find. Für diefe Frage hätten bcfonders die
Geftalten des Anwaltes (xäo&xkivOQ) und des Hohenpriefters
( les ,grofsen' Hohenpriefters Hebr. 4 14 IO21, fo heifst er
wie die anderen apokalyptifchen himmlifchen Dinge, vgl:
Heb. 13 20, Apk. 1917, 12 3. 9, Act. 220 = Joel 35! u. f. w.)
unterfucht werden müffen.

Wenn der Verfaffer fich in einen Ausfchnitt feines
grofsen Themas noch einmal vertiefen wollte, fo würde
ein Fülle von intereffanten Erkenntnifsen mit Bezug auf die
Chriftologie ans Tageslicht gezogen werden können. Auch
die wichtige Frage nach der ,Heimat' des Engels und dem
Namen bttSTB, der unmöglich der rechte Name der
Geftalt fein kann, verdient noch einmal eine gründliche
Unterfuchung. Trotz diefer unerfüllten Wünfche, die
fein Buch hinterläfst, mufs man L. dankbar fein für die
reiche Anregung und die Fülle von Material, die er dargeboten
hat. Seine Hauptrefultate werden immer ficherer
als richtig nachgewiefen werden, je mehr fich die Auf-
merkfamkeit den intereffanten Problemen zuwenden wird,
die er in feinem Buche behandelt hat.

Bonn. Heinrich Weinel.

Sturm, Dr. Wilh.. Der Apostel Paulus und die evangelische
Ueberlieferung. 2 Theile. (Progr.) Berlin 1897. 1900,
R. Gaertner. (23 u. 39 S. 4.) ä M. 1. —

Inwieweit Paulus mit Leben und Lehre Jefu bekannt
fei, ift fchon öfters unterfucht worden; in felbdändigen
Auffatzen von Paret, von Soden, Schmoller, Nösgen.
Man hat dabei viefach jene Kenntnifs des Xgtoroc: xara
GctQxa, die man früher zu gering angefchlagen hatte,
doch wieder uberfchätzt. Auch Sturm, der jene Vorarbeiten
gewiffenhaft benutzt hat und fich ebenfo in der
fonftigen einfchlägigen Literatur wohlbewandert zeigt,
geht manchmal zu weit, obwohl er zahlreiche Verfuche
anderer, paulimfche Stellen auf die Evangelien zurückzuführen
, ablehnt, und im Allgemeinen vielmehr auf den
gleichen Boden, auf dem Beide entftanden find, hinweift.
So will er auch umgekehrt von einer Ableitung evan-
gelifcher Herrenworte oder gar Erzählungen aus Paulus
zumeift nichts wiffen; ja er dürfte wohl auch den Einflufs
desfelben auf das Lukasevangelium (teilenweife zu hoch
angefchlagen haben. Dafs man aufserdem im Einzelnen
manchmal anderer Meinung fein kann, verlieht fich ja
von felbft und vermag den Werth der vorliegenden
Arbeit nicht einzufchränken. Wohl aber betrifft fie zu-
nächft einmal nur Fragen, die, wie gezeigt, fchon früher
vielfach verhandelt worden lind und allein eigentlich
nicht einer neuen Erörterung bedurften. Viel wichtiger
wäre es, zu unterfuchen, ,auf welchem Wege und mit
Benutzung welcher Quellen wohl Paulus feine Kenntnifs
gewonnen haben mag, und welcher Antheil diefem ge-
Ichichtlichen Wiffen bei der Ausprägung und Verkündigung
des Evangeliums von dem Apoftel zuerkannt

worden ift'. Diefe Fragen zu beantworten, hat der Verf.
uns nur erft verfprochen; möchte er bald Zeit und Kraft
finden, fein Wort einzulöfen!

Halle a. S. Carl Giemen.

Pott, Adjunkt Auguft, Der abendländische Text der Apostelgeschichte
und die Wir-Quelle. Eine Studie. Leipzig,
J. C. Hinrichs, 1900. (IV, 88 S. gr. 8.) M. 3.—

Pott hat fich in der vorliegenden Abhandlung dadurch
ein entfchiedenes Verdienft erworben, dafs er von
Neuem das textkritifche Material zur Reconftruction des
/3-Textes der Acta vermehrt hat. Der Oxforder Codex
Bodl. libr. Clarke 9, unter der Ziffer Gr. Act. 58 bis
jetzt bekannt, von Pott mit O bezeichnet, enthält in
den Cap. 13—22 entfchieden abendländifchen Text.

P. hat diefes Stück des Cod. O genauer unterfucht
und auch hier unfere Kenntnifs des /3-Textes und feiner
Gefchichte erweitert, indem er eine engere Verwandt-
fchaft zwifchen O, M (= Minuskel 137) und der Ueber-
I arbeitung der Philoxeniana durch Thomas v. Charkel
j (Ph. mg.; Ph. 4t) nachgewiefen hat.

Weiter unterfucht nun P. die Correcturen der Philoxeniana
. Er verfucht aus den Doppelcorrecturen in
Ph. nachzuweifen, dafs diefe Correcturen aus zwei
griechifchen Handfchriften flammen, die beide dem
/3-Typus angehörten, und deren eine mit OM, deren
andere mit D eng verwandt fei. Ferner macht P. darauf
aufmerkfam, dafs die mit OM verwandten Lesarten ver-
haltnifsmäfsig häufiger fich im Texte mit Afteriskos befinden
, während die mit D verwandten Lesarten fich
meiftens am Rande befinden. Er bezeichnet daher das
OM gleichende Correcturexemplar mit I, das mit D
verwandte mit II.

Nun meint Pott einen Werthunterfchied zwifchen
den Lesarten von I und II conftatiren zu können. Den
in I erhaltenen Lesarten fpricht P. fämmtlich einen hohen
und originalen Werth zu, gegenüber den fpeciellen Lesarten
von II aber fchliefst er fich der fcharfen Kritik von
Weifs an und fpricht ihnen jeglichen Werth ab.

Diefe textkrhifchen Conftructionen fetzt P. aufserdem
mit den hinfichtlich der Compofition der Acta
aufgeftellten litterarkritifchen Hypothefen in Verbindung.
Als das durch die Uebereinftimmung der bisherigen
Arbeiten einigermafsen geficherte Refultat der Quellen-
fcheidung fieht er die Annahme einer ,paulinifchen'
Quelle A an, neben der er alle übrigen Beftandtheile
der Acta vorläufig einmal mit B bezeichnen will. Nun
meint P. nachweifen zu können, dafs die Lesarten von

I fich fämmtlich — mit vorläufig wenigen Ausnahmen —
innerhalb des Bereiches der Quelle A finden.

Somit ergiebt fich Pott folgendes Refultat. Lukas
hat auf Grund von perlönlichen Aufzeichnungen (Wir-Be-
richt) feine acta Pauli gefchrieben. Ein Redactor hat
diefe acta mit anderen Quellen zu unferer Apoftelgefchichte
verarbeitet. Die Acta Pauli exiftirten noch eine Zeit
lang neben der Apoftelgefchichte. Ein Exemplar der-
felben wurde nach den Acta Pauli corrigirt, und zwar
wohl durch Randlesarten corrigirt. Diefe Correctur ift
am reinften in OMPh erhalten. Der Text in D und
Trabanten ift durch eine nochmalige — werthlofe —
Redaction entftanden.

Ich glaube, dafs die letzten Thefen P.'s fämmtlich
nicht erwiefen und unbeweisbar find. Ja, es fcheint mir,
als wenn nicht einmal die Thefe, von der P. wefentlich
ausgeht, von den beiden Correcturexemplaren (I = OM,

II = D), die Thomas v. Charkel bei der Revifion der
Ph. benutzt haben foll, wirklich bewiefen fei. — Doch

j gefetzt einmal, fie fei bewiefen, — was folgt daraus?
Doch nur das, dafs der Archetypus von OM ein beträchtliches
Alter hat, und weiter nichts. Heber das
Werthverhältnifs von OM und D ift damit gar nichts
gefagt. Selbft wenn fich erweifen liefse, dafs Thomas