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Ausgabe:

1900 Nr. 21

Spalte:

592-593

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vaihinger, Hans (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Kantstudien. Philosophische Zeitschrift. Bd. 4, 4. Heft 1900

Rezensent:

Elsenhans, Theodor

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591 Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 21. 592

ebenfovvohl das Unchriftliche in den katholifchen Kirchen
zum Verftändnifs, die ,als griechifche Schöpfung mit
einem chriftlichen Einfchlag' (137) und als das ,durch das
Evangelium geweihte alte römifche Reich1 (157) charak-
terifirt werden, — wie die unzerftörbare auch in ihnen
fortwirkende Kraft des Chriftenthums. Und es wird
ebenfo deutlich, dafs manche Richtungen im Proteftantis-
mus die Gefahr in fich tragen, die grundfätzlich vorhandene
freie und reine Entfaltung des Evangeliums zu
verdunkeln, — wie dafs wir Alle ,im Tiefiten einig find'.

Dafs auf einem fo unermefslichen Gebiete Meinungs-
verfchiedenheiten über einzelne Anfchauungen, über die
Form der Darfteilung und über das richtige Mafs für
die Berückfichtigung der verfchiedenen PTagen nicht
fehlen können, ift felbftverftändlich. So mag man finden,
dafs die ungeheure Bedeutung des vierten Evangeliums
neben Paulus nicht zu ihrem vollen Rechte kommt, —
oder dafs die hervorragende Gabe des Verfaffers, den
Inhalt grofser Perioden und Erfcheinungen in kurze
Formeln zufammenzufaffen, die zweifellos meiftens fehr |
wirkfam und eindrucksvoll hervortritt, hier und da mit
zu grofser Vorliebe auch da zur Anwendung gekommen
ift, wo fcharfausgefprochene Definitionen den gefchicht- j
liehen Inhalt doch nur theilweife erfchöpfen. Man möchte !
(S. 76h) den Unterfchied von Wirken und Arbeiten, —
S. 10 die Bedeutung der Religion des Alten Tefta-
ments für Jefus im Gegenfatze zu feinem Verhältnifse
zum Judenthum feiner Zeit ftärker betont fehen. In
den fehr befonnenen Ausführungen über die Wunderfrage
(löf.), — die hier übrigens nur dem Bedenken entgegen- ,
treten follen, dafs Wundererzählungen den gefchichtlichen
Charakter der Berichte unficher machen,— hätte vielleicht
auch erwähnt werden können, dafs dem Frommen '
überhaupt jedes für fein perfönliches Leben bedeutfame
Zufammentreffen des Naturlaufs mit der Gefchichte des |
inneren Lebens nothwendig alsein zweckfetzendes Wirken j
des in beiden Gebieten waltenden Gottes, alfo als Wunder, |
erfcheinen mufs, ganz ohne Rückficht darauf, ob es
nicht auch feine völlig ausreichenden pfychologifchen
und mechanifchen Bedingungen hat. Die an Ritfehl an-
gefchloffene Verwendung des Spruches Mtth. 16,26 ift
fchwerlich überzeugend. Er drückt doch nur die Ueber-
zeugung aus, dafs für die Perfönlichkeit das Gefchick
ihres unzerftörbaren eignen Selbft wichtiger ift, als Alles,
was ihr äufserlich zu Theil werden kann. Ein Urtheil
über den Werth der Seele gegenüber der Welt an fich
will er nicht geben. In der Darfteilung des Evangeliums
tritt neben der gefchichtlichen Bedeutung des Todes
Chrifti (98fr.) feine innere N othwendigkeit wohl nicht
genügend hervor. Und ohne die Ueberzeugung von ihr
mufs der Kreuzestod des Gottesfohnes für Jeden etwas
Unerträgliches bleiben, der an Gott als den ewigen
Lenker der Gefchichte glaubt. Und fo dankenswerth es
ift, dafs H. klar und entfehieden die gläubige Stellung zum
Evangelium als von einer ,richtig formulirten' Chriftologie
völlig unabhängig bezeichnet (79), — wie ja ohne Zweifel
Jefus felbft fich als Einzelindividuum und aufserhalb
feines Werkes aus der Predigt des Evangeliums fern gehalten
hat (80. 90. 91), — fo geht es doch wohl zu
weit, mit unferm Buche zu fagen ,nicht der Sohn, fondern
allein der Vater gehört in das Evangelium wie Jefus es
verkündigt, hinein' (91). Denn Jefus ift doch nicht blofs
thatfächlich ,die perfönliche Verwirklichung und die
Kraft des Evangeliums gewefen und wird noch immer j
als folche empfunden' (91), fondern er hat felbft die
Verwirklichung des im Evangelium offenbarten Verhält- 1
nifses zu Gott und zu der Welt in feinem perfön-
liehen Leben erfahren und fie als von diefem Leben
unzertrennlich den Menfchen dargeboten. Alfo hat er i
fich als den Herrn im Reiche Gottes und als Gegenftand der
Religion allerdings in das Evangelium mit eingefchloffen.

Aber es würde mir kleinlich erfcheinen, auf folche |
Bemerkungen Gewicht zu legen, wo ich mich mit dem !

Ganzen faft ausnahmslos und im weiteften Sinne einver-
ftanden weifs. Man mufs mit Bewunderung die Meifter-
fchaft anerkennen, mit der es hier gelungen ift, einen
unermefslichen Stoff in 16 kurzen Vorlefungen im Wefent-
lichen erfchöpfend und überall anziehend und geiftreich,
klar und beredt zu behandeln. Als befonders gelungen
möchte ich neben der Darfteilung der Geftalt Jefu felbft
(igff.) und der Beurtheilung der beiden katholifchen
Kirchen (Vorlefg. 11—14) die Ausfuhrungen über den es-
chatologifchen Charakter des Evangeliums (27), über die
Dämonifchen (38) und über das Problem der Armuth
(56), fowie die Auseinanderfetzung mit Sohm und Tol-
ftoi (68) hervorheben.

Theologen aus dem Kreife diefer Literaturzeitung
braucht ein Buch von Ad. Harnack nicht empfohlen zu
werden. Um fo mehr möchte ich wünfehen, dafs andersgerichtete
Theologen aus diefen Reden den Eindruck
gewinnen möchten, wie lebendig und religiös fich das
wirkliche biblifche Chriftenthum bei voller Anerkennung
der Gefetze der modernen Gefchichts- und Natur-Wiffen-
fchaft fefthalten läfst. Vor Allem aber möchte ich
die Hoffnung ausfprechen, dafs recht Viele von den
fuchenden Gebildeten unter den Proteftanten fich an
der Schönheit diefer Reden erfreuen möchten. Zu
vollem Eindrucke gelangt fie allerdings erft, wenn der
gefchriebene Buchftabe wieder lebendig klingendes Wort
wird. Die Lefer werden fich dem Eindrucke fchwerlich
entziehen, dafs ihnen feiten eine Gabe von gleichem
Werthe geboten ift. Und fie werden das Buch nicht zur
Seite legen, ohne neue Liebe zum Evangelium gewonnen
zu haben und feftere Hoffnung für die Zukunft einer
frei und wahrhaftig fich entwickelnden Kirche der Reformation
.

Göttingen. Schultz.

Kantstudien. Philofophifche Zeitfchrift, herausgegeben
von Dr. Hans Vaihinger. Bd. IV, 4 Heft. Berlin,

Reuther & Reichard, 1900.

Aus dem vorliegenden Hefte der ,Kantftudien' verdienen
hauptfächlich zwei Auffätze eingehendere Erwähnung
.

In einer Abhandlung mit der Ueberfchrtft: ,Kant und
der Socialismus' verfolgt Karl Vorländer die Beziehungen
zwifchen Kantianismus und Socialismus von Kant bis
auf die Gegenwart. War Kant nicht felbft Socialift, fo
ift doch feine Ethik, trotz ihres fcheinbar individuellen
Gewandes, am letzten Ende vorzugsweife Gemeinfchafts-
ethik und bietet damit die befte Grundlage für eine fo-
cialiflifche Weltanfchauung dar. So find auch die Be-
ftrebungen der Neukantianer immer mehr darauf gerichtet,
den Kritizismus auch auf dem Gebiete der Socialwiifcnfchaft
zur Geltung zu bringen. Dies führt zur Befprechung
der Anfchauungen von A. Lange, H. Cohen, R. Stammler,
P. Natorp, F. Staudinger, ü. Gerlach, Th. Lipps, Th. G.
Mafaryk und der Berührungspunkte des Marxismus, befonders
E. Bernftein's u. L. Woltmann's mit dem Neukantianismus
.

Ein Auffatz von F. Paulfen über .Kant's Verhältnifs
zur Metaphyfik' ift veranlafst durch eine Diskuffion über
diefes Thema, welche Paulfen's Darftellung der Kantifchen
Philofophie (im 7. Bd. von Frommann's Claffikern der
Philofophie) hervorgerufen hat. Bei der Bedeutung Kant's
für die Philofophie und Theologie der Gegenwart reicht
diefe Erörterung des erkenntnifstheoretifchen Grundproblems
weit über das rein gefchichtliche Intereffe hinaus
, und auch Paulfen fieht fich veranlafst, einige Bemerkungen
über feine Anficht über Metaphyfik und ihr
Verhältnifs zum Wiffen und zum Glauben überhaupt hinzuzufügen
. Seine Abficht war, der häufig blofs negativen
Auffaffung Kant's als des Kritikers, des Zerftörers der
Metaphyfik gegenüber zu zeigen, dafs Kant nur eine falfche
Form der Metaphyfik, die alte Schulmetaphyfik vernichten,