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Ausgabe:

1900 Nr. 21

Spalte:

585-589

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Willrich, Hugo

Titel/Untertitel:

Judaica. Forschungen zur hellenistischen-jüdischen Geschichte und Literatur 1900

Rezensent:

Schürer, Emil

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S»5

Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 21.

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erörtern, will aber nicht verfchweigen, dafs mich eine
erneute Durcharbeitung des Textes nur in der Ueber-
zeugung beftärkt hat, dafs unfer Buch nicht fpäter als
im Anfang des zweiten Jahrhunderts vor Chr. entftanden
ift. Die Gründe, welche W. für eine um reichlich hundert
Jahre fpätere Anfetzung geltend macht, fcheinen mir in
keiner Weife entfcheidend, namentlich nicht der aus
§115 entnommene Hauptgrund, dafs die Juden zur Zeit
des Verf. im Befitz der Hafenftädte Askalon, Jope, Gaza
und Btolemais gewefen feien. Wenn der Verf. mit feinen
Worten den Juden diefen Befitz hat zufchreiben wollen,
fo war das für das erfle Jahrh. vor Chr. ebenfo gut eine
Fiction wie für das zweite, denn Askalon und Btolemais
haben fie nie befeffen. Die Fiction ift alfo im einen Falle
nicht beffer als im anderen. Im Gegentheil, wenn der
Verf. die Verhältnifse des erften Jahrh. in eine frühere
Zeit zurückträgt, warum befchränkt er fich nicht darauf,
diejenigen Küftenftädte zu nennen, welche die Juden im
erften Jahrh. wirklich-befeffen haben? Ich glaube freilich,
dafs die Worte des Verf. gar nicht fo gemeint find. Er
will nur fagen, dafs die Juden über jene Hafenplätze die
überfeeifchen Waaren beziehen können. Einen politifchen
Befitz der Küftenftädte will er den Juden nicht zufchreiben,
denn er erwähnt gleich darauf (§ 117) xyv ACcoxIojv
XOJQav, alfo das Gebiet von Azotus als befonderes Land. —
Von Einzelheiten feien noch erwähnt: 1) Aus dem Eingange
des Briefes, welchen der Hohepriefter Eleafar an
Btolemäus fchrieb (§ -41: El avxög^ xe tQQcoöat xal rj
ßaolXioaa'AuOivoy, y aötXcpy, xal xa xtxva), entnimmt
W., dafs Arifteas der Arfinoe irrthümlich Kinder zu-
fchreibe; das ift aber nicht der Fall: ,die Kinder' find die
des Ptolemäus. 2) In der deutfchen Ueberfetzung bemerkt
W. zu § 86, der hier erwähnte Vorhang, welcher vor dem
Thore des Tempels (nämlich des eigentlichen Tempelhaufes
) hing, fcheine fonft nicht bezeugt zu fein. Er wird
aber von Jofephus Bell. Jud. V, 5, 4 ausführlich befchrieben
und heifst im A. T., in der Befchreibung der Stiftshütte,
IfOtt, im Unterfchiede von ro'^B, dem Vorhang, welcher
däs'Heilige vom Allerheiligfteh trennte (ausführlich handelt
über beide: Bleek, Hebräerbrief II, 2, 273fr.). 3) Als
Grund für die fpätere Abfaffung des Arifteas macht W.
(p XXVII) auch das Vorkommen des Titels aQXiOcofta-
xowvXaB geltend, welcher nach Strack, Rhein. Mufeum
Bd. 55,'19/00, S. i68ff. erft feit dem zweiten Jahrh. vor
Chr. vorkomme. Er kommt aber nicht nur feit dem
Anfange des zweiten Jahrhunderts häufig vor, fondern ift
auch fchon für das dritte bezeugt (Strack a. a. 0. S. 169,
187). Inwiefern foll alfo diefer Punkt beweifend fein? —
4) Gerne mache ich zum Schlufs noch auf die intereffante
Vermuthung Wendland's (p. 133) aufmerkfam, dafs die in
der Synopsis Athanasii neben den Makkabäerbüchern erwähnten
LJxoXEualxä (Zahn, Gefch. des Kanons II, 317)
vielleicht unfer Arifteasbrief feien, da diefer von Syncellus
cd. Dindorf I, 516 mit den Worten citirt wird: xa&cog kv
xolg IhoXtpa'ixolg ytyoaxxai.

Göttingen. E. Schürcr.

Willrich, Hugo, Judaica. Forfchungen zur helleniftifch-
jüdifchenGefchichteund Litteratur. Göttingen, Vanden-
hoeck & Ruprecht, 1900. (XII, 184 S. gr. 8.) M. 5.60
Die vier Unterteilungen, mit welchen Willrich hier
feine früheren Arbeiten auf demfelben Gebiete (Juden
und Griechen vor der makkabäifchen Erhebung, 1895, f.
Theol. Litztg. 1896, 33) ergänzt, haben folgenden lnüalt.

I. Efther und Judith (S. 1—39)- Das Buch Efther
(S. 1—28) ift fchon wegen der gewaltfamen Judaifirungen,
die es kennt (8, 17), ,fruheftens in der erften Hälfte des
erften Jahrhunderts' vor Chr. entftanden (S. 2). In die-
felbe Zeit führt auch die bekannte Unterfchrift des
griechifchen Textes, denn deren Datum ift = 48/47
vor Chr. (S. 4). Das Griechifche ift vermuthlich die
Urfprache (S. 15). Die ,Loofe' (Purim), die es erwähnt, I

j find die Land-Loofe (xXT/qoi), welche Ptolemäus VI Philo-
metor an jüdifche Militär-Coloniften vertheilt hat; das
Purim-Feft alfo ein Feft der Erinnerung an diefe für die
Juden fo erfreulicheThatfache. [Dafs PtolemäusPhilometor
jüdifche Militär-Colonien gegründet hat, ift in abstracto
möglich; die hiftorifche Ueberlieferung weifs aber nichts
davon]. — Das Buch Judith fS. 28—35) ift zwifchen 157
und 153 verfafst. Sein hiftorifcher Hintergrund find die
Unternehmungen des Demetrius I gegen die Juden. Der
Name des Holophernes (Orophernes) ift dem Verf. durch
den gleichzeitigen König von Kappadocien dargeboten
( [von dem aber nicht bekannt ift, dafs er je etwas gegen
die Juden unternommen hat oder an Feldzügen des Demetrius
in diefen Gegenden betheiligt war]. Die Ueberlieferung
, dafs Artaxerxes Ochus feindlich gegen die
Juden vorgegangen ift, ift zu verwerfen (S. 35—39).

II. Die Herkunft der helleniftifchen und römi-
fchen Actenftücke bei den jüdifchen Schrift-
ftellern (S. 40 — 85). Diefe Actenftücke flammen aus
einer Sammlung, welche von oder für König Agrippa I zu-
fammengebracht worden ift, als diefer zu Gunften der
alexandrinifchen Juden bei Kaifer Caligula intervenirte.
Die Sammlung enthielt viele Fälfchungen, welche erft
damals oder kurz vorher ad hoc gemacht worden find.
Infonderheit find damals erft die in das erfte Makka-
bäerbuch eingefchobenen feleucidifchen und römifchen
Urkunden gefälfeht worden (der Brief des Demetrius I
z. B., welchen wir I. Makk. 10, 22 ff. lefen, ift ,etwa im
Beginn der Verfolgung unter Gaius' fabricirt, S. 56).
Auch alles, was das I. Makkabäerbuch über Beziehungen
der drei Makkabäer Judas, Jonathan und Simon zu den
Römern erzählt, ift aus der Phantafie eines Fälfchers
entfprungen. Diefe Urkunden und Erzählungen find aus
der Sammlung des Agrippa, welche griechifch war,, ins

1 Hebräifche überfetzt und dem I. Makkabäerbuche einverleibt
worden. Die griechifche Ueberfetzung des
I. Makkabäerbuches, welche den interpolirten Text
wiedergiebt, ilt alfo fpäter als Caligula fJS. 81, 135). —
[Nach der Art, wie Willrich von der ,Sammlung des
Agrippa' durch das ganze Buch hindurch fpricht, erfcheint
i fie als eine fefte und bekannte Gröfse. Sie hängt aber
I an einem recht dünnen Faden, nämlich ausfchliefslich
i an der Notiz Philo's, dafs die jüdifchen Gefandten, an
deren Spitze Philo ftand, dem Caligula einen Auszug
einer umfangreicheren Bittfchrift überreichten, welche
die alexandrinifchen Juden kurz zuvor durch König
Agrippa eingefandt hatten {Leg. ad Cajum § 28, Man-
gey II, 572: yv öe öxsdbv xovxo Ejrixn/.iy xtg ixEXslag
paxQo xtQag, yv ESttsroucpEifiEV jiqo oXiyov 61 'AyoisiJta
rov ßaoiXüog). Diefe .Bittfchrift' mag wohl auch Urkunden
enthalten haben, aber vermuthlich doch nur
folche, welche die Rechtsverhältnifse der alexandrinifchen
Juden betrafen. Nach Willrich foll fie aber eine Unmaffe
von Material umfafst haben, welches die Alexandriner
gar nichts anging, während andererfeits Jofephus, der
nach W. fein Wiffen auch aus diefem reichen Borne
gelchöpft hat, nicht im Stande war, uns auch nur eine
einzige auf Alexandria bezügliche Urkunde daraus vorzulegen
.]

III. Hekataios von Abdera und die jüdifchen
Litteraten (S. 86—130). Während Willrich in feinem
früheren Buche (S. 21, 25) den gefälfehten Hekatäus
,früheftens um 100 vor Chr.' gefetzt hat, aber noch in
die makkabäifche Zeit, vor Pompejus, erfahren wir jetzt
(S. 127), dafs ,gar kein Grund vorliegt, ihn für erheblich
älter zu halten, als Arifteas; er fingt diefelbe Weife,
fo wird er auch wohl ziemlich gleichzeitig gefchrieben
haben'. Arifteas aber ift wegen § 167 ed. Wendland,
wonach Ptolemäus Philadelphus über die Delatoren
(Efiqpaviöxcd) fchwere Strafen verhängt hat, erft nach 33
nach Chr. verfafst, denn ,von einer folchen Mafsregel
hören wir erft unter Tiberius im J. 33 nach Chr.'
(S. 123). — [Da Arifteas in den gefälfehten Urkunden

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