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Ausgabe:

1900

Spalte:

577-583

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Duhm, Bernhard

Titel/Untertitel:

Die Psalmen 1900

Rezensent:

Beer, Georg

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Göttingen.

Fi-fche-int Preis
all- 14 'Page. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 18 Mark.

21.

13. October 1900.

25. Jahrgang.

Duhm, Die Pfalmen, erklärt [Kurzer Hand-
Commentar zum A. T. XIV] (Beer).

Duhm, Die Pfalmen, überfetzt (Ders.)

Aristeae ad Philoeratem epistula ed. Wendland
(Schürer).

Willrich, Judaica (Schürer).

Brandenburg, Politifche Korrefpondenz des
Herzogs und Kurfttrften Moritz von Sachfen,
I. Bd. (Virck).

Harnack, Das Wefen des Chriftenthums
(H. Schultz).

Kantftudien, hrsg. von Vaihinger IV, 4 (Elsenhans
).

Fifcher, Der Triumph der chriftlichen Philo-
fophie gegenüber der antichriftlichen Weltan-
fchauung am Ende des 19. Jahrh. (Elsenhans).

Türck, Der geniale Menfch (Hans).

Hand Commentar, kurzer, zum Alten Testament. In Verbindung
mit J. Benzinger, A. Bertholet, K. Budde, B. Duhm,
H. Holzinger, G. Wildeboer herausgegeben von Prof.
I'. Karl Marti. 8. Lieferung. XIV. Abtheilung: Die
Pfalmen, erklärt von Prof. D. Bernhard Duhm. Freiburg
i. B., 1899. Tübingen, J. C. B. Mohr. (XXXII, 312 S.
gr. 8.) Subscriptions-Preis M. 5.—; Einzelpreis M. 6.—

Duhm, Prof. D. Bernhard, Die Psalmen. Ueberfetzt von
D. (Die poetifchen und prophetifchen Bücher des
Alten Teftaments. Ueberfetzungen in den Versmafsen
der Urfchrift. II.) Freiburg i. B., 1899. Tübingen,
J. C. B. Mohr. (XXVIII, 222 S. gr. 8.)

M. 2.50; geb. M. 3.50

1) Seit feinem Jefaja-Commentar, der ein Record-
brecher war, erwartet man von jedem neuen exegetifchen
Werke Duhm's Aufsergewöhnliches — in gutem, wie in
üblem Sinn. D.'s Phgenart ift ein genialer Subjectivismus.
Diefer macht ihn zu einem geiftvollen und fcharffinnigen
Exegeten, wo es Stoffe zu behandeln gilt, die feinem
theologifchen Empfinden gleichartig find. Mit diefer be-
neidenswerthen Genialität verbindet fich aber bei D. eine
vielleicht aus feiner friefifchen Herkunft erklärbare Neigung
zur Starrköpfigkeit und Verfchrobenheit. So oft D. den
Nagel auf den Kopf trifft, fo oft haut er auch vorbei.
Zuweilen bekommt man den Eindruck, dafs D. nur deshalb
den Punkt neben das I fetzt, weil er allem was
nach Heerdenbewufstfein aussieht, landläufige fcfxegefe
ift, aus dem Wege gehen will, indem er fich zur Lofung
macht: weil die anderen fo fagen, nun aber gerade nicht!
Grofse exegetifche Tugenden halten fich mit gleich
grofsen Fehlern die Wagfchale. Davon giebt m. E. nicht
minder als fein Jefaja und Hiob jetzt D.'s Pfalmen-
commentar überall Zeugnifs.

Die Ergebnifse D.'s find kurz diefe. Der Pfalter
zeigt wefentlich das Gepräge des jüdifchen Glaubens, der
uns aus dem N. T. als Ideal der Pharifäer und Saddu-
zäer bekannt ift, weit feltener find die Züge chriftlicher
Frömmigkeit. Die Hauptmaffe der Lieder flammt aus
der Zeit 200—80 v. Chr., ihre letzte Veröffentlichung erfolgte
ca. 70 v. Chr. Nicht wenige ipxp haben den Parteikampf
der Pharifäer und Sadduzäer zum Vorwurf. Der
Pfalter ift ein aus mehreren kleinen Sammlungen her-
geftelltes religiöfes Volksbuch, gefammelt für die Zwecke
des öffentlichen Tempelkultes und befonders des privaten
und fynagogalen Gottesdienftes. Das Subject der ,Ich'
Lieder wird wieder individualifirt. Der Pfalter enthält
faft durchweg metrifch und ftrophifch abgefafste Gedichte
, deren Reconftruction Aufgabe der Textkritik ift.

Betreffs der Metrik der ipip gefleht Duhm S. VII
,dafs wir noch kein ficheres Syftem befitzen'. Um fo
verblüffender wirkt dann die Sicherheit, mit der er in

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den Vorbemerkungen zu den einzelnen xfxxp angeben kann,
wie viele ,Hebungen' jede Stiche eines Liedes enthält.
Ja wenn doch D. uns einige xpxp im Urtexte genau fkandirt
vorlegen, oder klar machen wollte, was er eigentlich mit
feinen Hebungen meint! Wenn er jetzt in feinem Pfalmen-
commentar ebenfo fehr als vor 7 Jahren in feinem Jefaja'
jede deutliche Auskunft darüber hartnäckig verweigert,
fo kann ich mir das nur aus D.'s eigener Unklarheit über
fein Hebungsgefetz, für das er übrigens keinen Prioritäts-
fchein beanfpruchen darf, erklären. Oder werden andere
Altteftamentler ohne Weiteres z. B. für xp 2,2 byi mrD by
inittra: 3, oder für xp 45,14 D^aS (ftatt rltt'VjB des MT)
2 Hebungen mit D. annehmen wollen? Gunkel will
(Schöpfung S. 33f.) in xp 89,2. 3. e—isa 47—52 4 hebige und
in xp 89,4. 5. i8b—46 3 hebige Stichen erkennen — D. findet
in 89,1—19 4 hebige und in 20—52 3 hebige Stichen. Wer
von beiden hat Recht, wo fie von einander differiren? Durch
diefe Bemerkungen möchte ich weder D.'s Hebungen —
noch ftrophifches Schema discreditiren, fondern ich
glaube, dafs er mit beidem wirklich auf einer richtigen
Fährte ift (z. B. bei xp 7. 15. 19. 24. 48 u. a.). Aber fein
ganzes Verfahren erinnert eben noch zu fehr an den bekannten
Vers: ,Ein edler Menfch in feinem dunklen Drange
ift fich des rechten Zieles ftets bewufst'! Vorausgefetzt dass
einmal ein Metriker von Fach, der auch die Lyrik
anderer Semiten, befonders der Babylonier, kennt, über
das A. T. kommt, es mit gefunden textkritifchen Blicken
zu lefen verfleht und dann in einer glücklichen Stunde
den Zauberfchlüffel zum Verftändnifs der altl. Metrik und
Strophik erhafcht, — fo wird fich dann gewifs vieles
von D.'s metrifchen und ftrophifchen Annahmen als
divinatorifche Vorwegnahme fpäter geficherter Ergebnifse,
anderes, was D. als pures Gold ausgiebt, als Schaumgold
herausftellen. Vorab mufs fich D. damit begnügen, dafs
feine und anderer metrifchen und ftrophifchen Leiftungen
als mehr oder minder gelungener proviforifcher Verfuch
angefehen werden.

Gewifs ift der Satz D.'s S. VII richtig: ,Wer im
Horaz Textänderungen vornähme, ohne das Metrum zu
berückfichtigen, der würde ausgelacht werden .... was
der claffifchen Poefie recht ift, das ift der hebräifchen
billig'. Aber der claffifche Philologe arbeitet nach bekannten
metrifchen Vorbildern, der altteftamentliche
Philologe eben noch nicht! Darum dürfen auch die zahlreichen
Verbefferungen, die D. im Intereffe feiner Metrik
und Strophik vornimmt und oft mit dem ftolzen Vertrauen
auf Unfehlbarkeit vorträgt, noch nicht alle als
definitiv gelten. Neben manchen Treffern finden fich
auch manche Fehlfchüffe.

Einige der letzteren Art möchte ich hier anführen, vielleicht ver-
anlafst dies D., feine textkritifchen Operationen für eine 2. Aufl. feines
Buches etwas zu revidiren. 9,7 ift gefchmacklos ni3"tn Wa (ft tiyfp)
Vielleicht ift aus MT 'H Tl aWltr* 'H tt^M herzuftellen. Künftliches
Hebraifch fabricirt D. 16,4 VWl Ö1"ffW DtVaiSS 131% deren Bilder fich
mehren (= Götzen), die andre (= Juden) preifeD.' 21,9b wird »San