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Ausgabe:

1900 Nr. 20

Spalte:

561-562

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dobschütz, Ernst von

Titel/Untertitel:

Christusbilder 1900

Rezensent:

Achelis, Hans

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 20.

562

eine ältere Phafe in der Gefchichte des Kirchenrechts
dar. Das ift von befonderer Wichtigkeit für die Beur-
theilung ihres letzten Beftandtheiles, der Aegyptifchen
Kirchenordnung, die von F.X.Funk bekanntlich für fpäter
als die Conftitutionen gehalten wird. Ich fürchte, Funk
wird zu künftlichen Annahmen greifen müffen, wenn er
angefichts des / 'eronensis feine Thefe aufrecht erhalten will.
Die Handfchrift felbft fcheint dagegen zu fprechen. Sie
ift nach Hauler bald nach 503 gefchrieben, und ift wie
die Schreibfehler beweifen, aus einer anderen lateinifchen
abgefchrieben. Das lateinifche Original, deffen Sprachcharakter
dem der altlateinifchen Bibelüberfetzung ähnelt,
fetzt Hauler um 400, vielleicht gar in die Zeit des Atn-
broftus; die griechifche Sammlung, aus der fie überfetzt
ift, ans Ende oder eher noch in die Mitte des vierten
Jahrhunderts. Das find innerlich wahrfcheinliche Anfätze,
wenn fie fich auch nicht ftrict beweifen laffen; fo erhält
die Sammlung ihren natürlichen Platz vor den Conftitutionen
. Wie fchwierig aber wird Alles, ihre Zufammen-
fetzung und ihr Uebergang nach dem Weften, wenn ihr
letzter Theil aus den Conftitutionen gefloffen fein foll, die
ihrerfeits nach Funk erft nach 400 verfafst find! Es wäre
beffer, man ftritte fich nicht mehr um diefe jetzt zehn
Jahre alte Frage. Wenn die Gefchichte des Gottesdienftes
und des chriftlichen Lebens aufhört, ein braches Feld zu
fein, wird fich die Antwort von felbft ergeben.

Nach dem Allen wird es einleuchten, wenn ich den j
Veroncnsis als einen der gröfsten Funde bezeichne, die
der Kirchengefchichte in der letzten Zeit zu Gute gekommen
find, und der Dank, den wir E. Hauler für die
gewifs recht fchwierige Entzifferung des Palimpfeftes
fchulden, ift dementfprechend. Eine inhaltliche Unter
fuchung der Texte wird natürlich auch Correcturen bringen,
die aber den Ruhm Hauler's nicht beeinträchtigen können
Die Randnote XVI 32 f. ift hinter 29 peccaverunt einzufügen
; fie ift durch Homoioteleuton vom erften Schreiber
übergangen worden. Damascena LXX VI 31 heifst Pflaume;
fie war damals allgemein verbreitet und läfst einen Schlufs,
wie ihn Hauler S. VII Z. 4 v. u. auf den Abfaffungsort
der Aegyptifchen Kirchenordnung zieht, nicht zu. XXIX 27
inquietus mufs dem Sinne nach quietus heifsen. — Auf
andere wichtige Fragen, z. B. über den Bibeltext der
Didaskalia, der fchon bisher viel erörtert wurde, wird
Hauler in einem zweiten fasciculus eingehen.
Göttingen. H. Achelis.

Dobschütz, Ernft v., Christusbilder. Unterfuchungen zur
chriftlichen Legende. II. Hälfte, Beilagen. (Texte und
Unterfuchungen zur Gefchichte der altchriftlichen
Literatur. Herausgegeben von O. v. Gebhardt und
A. Harnack. Neue Folge. 3. Band, Heft 3/4.) Leipzig,
J. C Hinrichs, 1899. (S. IX-XII u. 357** S. gr. 8.)

M. 12.—

Die zweite Hälfte des Werkes, das ich im vorigen
Jahrgange diefer Zeitung Sp. 664fr. nach feiner Anlage
und nach feinen Refultaten eingehend befprochen habe,
enthält unter dem Titel .Beilagen' eine Ausgabe der
wichtigften einfehlägigen Texte: zum Bilde von Kamuli
an a einen älteren Auffindungsbericht, der aus dem
Syrifchen ins Deutfche überfetzt ift, und eine jüngere
griechifche Erzählung; zum Abgarbilde die Lection
der Menäen und eine F"eftpredigt auf die Translation
nach Konftantinopel, ferner einen liturgifchen Tractat,
liturgifche Gefänge und den Bericht eines byzantinifchen
Chroniften, endlich den älteren lateinifchen Abgar-Text —
wieder eine Predigt — und die lateinifch-armenifcheFaffung
der Abgar-Legende, die das Römifche Bild verherrlicht;
zurVeronikagefchichte die Cura Sanitatis Tiberii; Beilage
VI giebt zwei byzantinifche Predigten über Bilder-
wunder. Zum Theil waren diefe Texte bisher unedirt;
aber auch wo fie das nicht find, ift eine forgfältige kri-

tifche Ausgabe, womöglich unter Heranziehung eines
grofsen handfehriftlichen Materials, hergeftellt worden;
immer find einleitende Unterfuchungen beigegeben, die
über alle möglichen einfehlägigen Fragen Auskunft geben.
Dankenswerthe Beigaben find VII. eine Zufammenftellung
der Lukas- und Nikodemus-Bilder, und VIII. einige Zeug-
nifse zur Profopographie Chrifti, worunter ich fpeciell auf
die Bemerkungen über den Lentulusbrief und feine Ausgabe
verweife. Ein dreifaches Regifter, fachlich, hiftorifch
und biblifch, fchliefst dies erftaunlich umfangreiche und
reichhaltige Buch über die Achiropoiiten.

Göttingen. H. Achelis.

Saints d'lstrie et de Dalmatie. (Extrait du .Analecta Bol-
landiana' tome XVIII, fasc. IV.) Bruxelles (14, rue des
Urfulines), Societe des Bollandiftes 1899. (43 S. gr. 8.)

Unter den hervorragenden kritifchen Artikeln, die
man feit einigen Jahren in den Analecta Bollandiana
findet, fcheint mir der vorliegende einen befonders hohen
Rang einzunehmen, und da er die Refultate langjähriger
Arbeiten auf nicht kleinen Arbeitsgebieten zufammenfafst,
ift er vielleicht imftande, fich das Intereffe auch folcher
Kreife zu erobern, die fich fonft um archäologifche und
hagiographifche Einzelarbeit nicht kümmern. Er behandelt
die Heiligen von Parenzo in Iftrien und von Salona in
Dalmatien. An beiden Orten ift eine eifrige Localforfchung
thätig, die chriftliche Vergangenheit der Heimat ans Licht
zu bringen; die Namen von Bulic und Jelic in Spalato
find bekannt, weniger die von Deperis, Amorofo und
Pefante in Parenzo. Beiderwärts hat man fchon feit
längerer Zeit befondere Organe für diefe Studien ge-
fchaffen, hier d&S Bullettino di archeologia c storia Dalmata,
dort die Atti e memoric de IIa Societa Jstriana di archeologia
e storia patria. Ihre Refultate flehen unter den
chriftlich-archäologifchen Arbeiten der Gegenwart in vor-
derfter Linie, und es war fehr erwünfeht, dafs fie einmal
zufammenfaffend behandelt wurden. Das gefchieht hier
in vollendeter Weife. Die Localüberlieferung, die Ausgrabungen
und die gefchriebene Legende werden von
der Hand eines Meifters recenfirt und die Auswüchfe des
Localpatriotismus werden zurückgefchnitten mit einer
Plntfchiedenheit, die an die beften Zeiten der Bollandiften
erinnert. Auch dies Mal ift wieder das Martyrologium
Hieronymianum an vielem Unheil Schuld. Lediglich aus
einem Mifsverftändnifs oder einem Schreibfehler diefes
grofsen Heiligenkalenders, der drei Jahrhunderte lang das
Abendland beherrfchte, ift der Heilige Servulus von Trieft
hervorgegangen, von dem es eine ausführliche Erzählung
giebt (385); derfelben Quelle entflammt, wie ich bemerke,
der Heilige Fortunatus mit feinen 240 Gefährten in
Spalato (395); Julianus und Demetrius hören auf, Heilige
von Parenzo zu fein, fobald man das Hieronymianum
richtig Heft (393); und der Eleutherius ebendort ift nur
durch falfche ldentificirung mit einem Namensbruder im
Hieronymianum zu feinem F'efttag gekommen (386). Man
fieht wieder, wie der Kalender die Tradition beeinflufst,
und dafs durch deffen richtige Interpretation viele und
weitausfehende Fragen gelöft werden können. Ferner
wird die Bifchoflifte von Salona geprüft, die mit künftlichen
Mitteln bis in die apoftolifchen Zeiten hinaufgeführt
(396)i und das ,heilige Andenken', in dem die Bifchöfe
nach dem Wortlaute ihrer Grabfteine flehen, wird richtig
als blofses Ehrenprädicat gedeutet (407ff.). Durch Verzweigung
der Tradition haben fich dort die Heiligen
Domnio und Anaftafius verdoppelt, was die Localforfchung
noch nicht recht einfehen will, da fie nicht weifs, wie
unendlich häufig derfelbe Procefs zu beobachten ift (400 ff.).
1 ypifch ift auch die Gefchichte des Heiligen Maurus (370fr.j.
Sechs Städte rühmen fich desfelben Märtyrers: Rom,
Parenzo, Fondi, Fleury, Lavello und Gallipoli. Sie zeigen
diefelbe Legende vor, die Maurus — nach der Anweifung,
die fein Name giebt — ftets von Afrika ausgehen, aber

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