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Ausgabe:

1900 Nr. 20

Spalte:

556-557

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Daubney, William

Titel/Untertitel:

The use of the Apocrypha in the Christian Church 1900

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 20.

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ftreiten und im Vorhergehenden ov navou.ai . . uveiav
jcoiovfievog zu verbinden. Warum nicht die Dinge nehmen,
wie fie find? Höchftens könnte man das ha von dem
Verbalftamm in jcgoöEvycöv abhängen laffen. So wird
der Autor feinen Text vor fich felbft gerechtfertigt haben.
Wir hätten dann hier einen ähnlich fchwebenden Ueber-
gang wie 1 19 in xovg stiöxevovxag. Der Verfaffer befolgt
hier die noch immer herrfchende Methode unterer Exegefe,
welche in unglaublicher Weitherzigkeit Alles, was ihr vor
die Feder kommt, zu .erklären' weifs und es damit fchon
gerechtfertigt zu haben glaubt. Die Anwendung des
Satzes ,tout comprendre c'est tout pardonner' fcheint mir
in manchen Fällen eine unerlaubte Pietätlofigkeit gegen
den herrlichen Schriftfteller zu fein, als den wir Paulus
kennen. So beftimmt ich beim Epheferbriefe, hauptfächlich
aus ftiliftifchen Gründen, zum Urtheil der Un-
echtheit komme, fo gewifs fcheint mir, dafs beim Koloffer-
briefe eine folche einfache Löfung des Problems unmöglich
ift. Es ift fehr bedauerlich, dafs keiner der
neueften Commentare eine genaue exegetifche Aus-
einanderfetzung mit Holtzmann's Interpolationshypothefe
noch für nöthig hält. Das liegt wohl daran, dafs Holtz-
mann felbft über der etwas mechanifchen Ausfcheidung
mit dem Hebel der Vergleichung von Eph. den exe-
getifchen Nachweis fehr vernachläffigt hat. Hier aber ift der
Punkt, wo feine Hypothefe fortbildungsfähig ift. Es gilt,
die Perioden von Kol. nicht einfach unbefehen aufzu-
exegefiren, fondern fie kritifch zu betrachten und zu
fragen, ob denn hier wirklich Gedanke und Form
dem Apoftel zuzutrauen find. Was der Verf. im Allgemeinen
(S. L1II) über den Satzbau von Kol. in apolo-
getifchem Intereffe fagt, genügt nicht. Und doch zeigt
er gelegentlich ein Gefühl für die Abfonderlichkeiten
des überlieferten Textes. Zum Beifpiel bemerkt er zu
der unnatürlichen und kraftlofen Vergleichung isff.: iv
rcp Xoycp xrjg dkrj&elag xov evayytXiov xov Jtagovxog
slg vfiäg, xa&mg xal iv Jtavxl xä> xoOficp iöziv, xagjio<po-
govusvov xal avt-avöfievov xa&cbg xal iv vplv . . . : the
comparison is very curiously doubled back on it seif. Es ift
aber ein fchwacher Troft, wenn er vorfchlägt, vor xagjcoipo-
qovuevov ein Komma zu fetzen. Als ob damit etwas
geändert würde! Es bleibt die Schlange, die fich in den
Schwanz beifst. Ich wage nicht, dem Paulus fo etwas
zuzutrauen. Man lefe, wie ganz anderes fein eine ähnliche
Form 2 Kor. 1 3 ff. angewendet ifr. Die Hyperbel
iv Jtavxl xcö xöopop wird durch die ähnliche 1 23 iv
jtäov xxiou vxö xov ovgavov entfchuldigt. Dafs aber
diefe noch viel ftimmungswidriger ift, empfindet unfer
Commentator nicht. Wie viel man auch fagen mag zur
Rechtfertigung diefer Ausdrucksweifen, fie find ein zu
fchreiender Contraft zu der Lage des gefeffelten Paulus,
der nichts dringlicher der Fürbitte feiner Lefer zu empfehlen
weifs, als dafs er die Verkündigung möge wieder
aufnehmen können (43). Wollte der Verf. fein Stilgefühl
fchärfen, fo müfste er fich auch ftofsen an dem
überladenen Satz: xov Evayycliov ov nxovöaxs, xov xrj-
ovyß-ivxog iv Jiaöw xxioei xf vjio xov ovgavov, ov iys-
vbiivv iycb Havlog öidxovog. Ich ftelle mit Holtzmann
die Hypothefe auf, dafs die Worte vom erften ov bis
ovgavov, ebenfo in 1 5 die Worte ?jv stgonxovöaxE —
xa&cbg xal iv vulv Einfchübe eines Bearbeiters find,
der, wenn nicht der autor ad Ephesios felber, fo doch
vom Epheferbrief abhängig war. Das Motiv diefer Interpolationen
wird klar, wenn wir 2if. heranziehen: Qllco
yag vpäg siöivai, ^Xixov dycöva eyco vEeg vficöv xal
xcöv iv Aaoöixia. xal 0001 ovy icögaxav xb jtgööojsiöv
Hov iv öagxi,'ha nagaxXwdcöoiv ai xagöiai avxcöv.
Hier fchliefst fich Abbot mit Recht der gangbaren Erklärung
des xal booi an: und überhaupt für Alle, die
mein Angefleht nicht gefehen haben, — fpricht fich
aber nicht darüber aus, wo denn die Unbekannten zu
fuchen find. Wegen des Folgenden mufs an folche
Chriften oder Gemeinden gedacht werden, die in annähernd
gleicher Lage find, wie die Koloffer und Laodi-
cener. Es könnte fich alfo nur um den Reft der Phrygi-
fchen Chriften handeln. Wenn aber diefe gemeint wären,
fo wäre das ai xagöiai avxwv nicht nur auffallend, fondern
völlig unerträglich. Paulus mufste in diefem P'alle vficöv
fchreiben, denndieKolofferfinddieHauptadreffaten und die
6001 nur ein Anhang. Wer aber avxcöv fchrieb, für den
waren die oöot die Wichtigeren, alfo doch wohl auch die
Mehrheit. M. a. W.: Die oöoi find all die Chriften, welche
des Paulus Angefleht ,im Fleifche' nicht mehr gefehen
haben, d. h. die nach feinem Tode entftandenen Gemeinden
, und^ die Worte xal böoi.... oagxi, fowie das
ungehörige avxcöv ftatt vueöv flammen von der Hand
eines Bearbeiters, der den Kolofferbrief für den Gebrauch
der ganzen Kirche adaptirte (vgl. meinen Auf-
fatz über den Eingang des I. Kor. Briefes Stud. u. Krit.
190x3). Was Paulus den Koloffern fchrieb, das gilt
allen Gemeinden; es gilt ihnen um fo mehr, als Paulus
ja auch die Koloffer von Angefleht nicht kannte. Nur
bei diefer Auffaffung begreift fich auch das iv öagxi,
das von der Hand des Paulus ein unerträglicher Pleonasmus
wäre. Aus demfelben Motiv find auch die Einfchübe
in 15 f. und 123 zu erklären. Der Bearbeiter
fchrieb zur Zeit der Sammlung der Paulinifchen Briefe,
er katholifirte fie. Auch an anderer Stelle des Briefes
führt eine energifche und fcharfe Exegefe zu dem Er-
gebnifs, dafs eine Paulinifche Grundlage in Ueberarbeitung
vorliegt. Aber unfer Verf. hat fich eine andere Aufgabe
geftellt. Er will — und dagegen ift ja an fich nichts
einzuwenden — der Erklärung des überlieferten Textes
dienen und thut, was er kann, die Worte zu erläutern.
Das Lexicalifche und Grammatifche ift meiftens recht
brauchbar, obwohl etwas wirklich Neues kaum geboten
wird. Auch die textkritifchen Anmerkungen bewegen fich
nur allzu fehr im hergebrachten Geleife. Wenn man
alfo auch nicht eine Förderung der Probleme conftatiren
kann, fo kann man doch das Buch als nützliche Hülfe
für das Studium, namentlich des Anfängers, empfehlen.

Marburg. J. Weifs.

Daubney, William Heaford, B. D., The use of the Apo-
crypha in the Christian Church. London, C. J. Clay & Sons,
1900. (VI, 120 S. 8.)

Der Zweck diefer kleinen Schrift ift, zu zeigen, dafs
die völlige Verwerfung der ,Apokryphen' weder die Praxis
der alten Kirche, noch die der früheren Kirche von England
für fich hat. Der Verf. ift wohl orientirt, und bringt
namentlich über den Gebrauch in der englifchen Kirche
Manches bei, was für deutfehe Lefer der Gegenwart,
welche nur die rigorofe Stellung der englifchen Bibel-
gefellfchaften kennen, neu und von Intereffe fein wird.
Er hat auch im Grofsen und Ganzen ficherlich Recht,
mindeftens — worüber Referent allein fich ein Urtheil
erlauben darf — hinfichtlich der alten Kirche. Aber
der praktifche Zweck des Verf. hat es doch verhindert,
dafs er auf das Detail mit derjenigen Genauigkeit eingegangen
ift, welche im wiffenfchaftlichen Intereffe wün-
fchenswerth gewefen wäre. Es kommt ihm eigentlich
nur darauf an, zu zeigen, dafs die alte Kirche, wie die
frühere englifche Kirche, diefe Bücher mehr oder weniger
hochgefchätzt und gerne benützt hat. Aber den Grad
diefer Hochfehätzung fubtiler zu unterfuchen und das
Material, wenigftens das wichtigere, mit einer gewiffen
Vollftändigkeit beizubringen — diefe Aufgabe hat er fich
nicht geftellt. In der Schätzung der ,Apokryphenl be-
fteht aber ein erheblicher Unterfchied zwifchen der alten
Kirche und der Kirche von England. Letztere hat, wie
die lutherifche Kirche, eine beftimmte Grenze zwifchen
den .kanonifchen' und den ,apokryphifchen' Büchern gezogen
, wenn fie auch diefen eine ,privilegirte Stellung'
neben jenen zuerkannt hat (S. 55). In der Praxis der
alten Kirche aber (landen die .Apokryphen' erheblich