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Ausgabe:

1900 Nr. 19

Spalte:

533-536

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Völter, Daniel

Titel/Untertitel:

Die Visionen des Hermas, die Sybille und Clemens von Rom 1900

Rezensent:

Krüger, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 19.

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Völter, Prof.Dr. Daniel, Die Visionen des Hermas, die Sibylle Charakter des von ihnen mifshandelten Schriftftückes vor

und Clemens von Rom. Ein Beitrag zur Gefchichte der Augen hält; und wo Widerfprüche zurückzubleiben

altchriftlichen Literatur. Berlin, C. A. Schwetfchke & {chreixen> da löfen fie fich unfchwer bei der Annahme,

yrvv. /„. c a m dals die einzelnen Theile des Buches, vielleicht als Flug-

bohn, 1900. (54 S. gr. S.) DU. 2.- b]atter) nach und nach ausgegeben und dann redigirt

Bakel, Hendr. Ant. van, De Compositie van den Pastor worden find. Was Gunkel in feiner Einleitung zum 4.
Hermae. Proeffchrift. Amfterdam, De Roever, Kröber fsrabuche (Apokryphen und Pfeudepigraphen des A. T. 2,

„ Dil . /irr___c 01 ^ 35U von den an dieferSchrift vorgenommenenTheilungs-

en Bakels, 1900. (VI, 200 S. gr. 8.) hypothefen fagt, gilt in vollem Make auch von Hermas:

Friedrich Spitta hatte in feinen Unterfuchungen ,Alle derartigen Operationen werden ftets an dem fehr
,Zur Gefchichte und Literatur des Urchriftenthums' (2. flark hervortretenden einheitlichen Kolorit des ganzen
Band, Göttingen 1896, S. 241—437) die Behauptung auf- Werkes fcheitern'. Völter macht fich wieder einmal
geftellt. dafs der Pastor Hermae ein von Hermas um 130 die Mühe, nachzuweifen, dafs ungezählte .Begriffe' im
chriftlich überarbeitetes jüdifches Prophetenbuch fei, das j Hirten kein fpecififch chriftliches Gepräge haben: Diener
vielleicht unter Claudius verfafst wurde (vgl. die Be- Gottes, Heilige, Gerechte, Glauben, Fallen, Beten, Bufs-
fprechung in diefer Zeitung 1897, Sp. 584—587 von H. ermahnung, Andringen auf das Halten der Satzungen
v. Soden, der in einem und demfelben Verfaffer den j Gottes und die Uebung der Gerechtigkeit (Völter S. 19).
früheren Juden und fpäteren Chriften unterfcheiden will). Ja, wer hat denn daran je gezweifelt? Aber aus diefem
Die beiden mir vorliegenden Arbeiten gründen fich auf und anderem folgt doch höchftens, dafs bei diefen
der Spitta'fchen Hypothefe. Völter ift dabei vielfach , .Heiligen'und ,Gerechten'an Juden gedacht fein könnte,
originell, van Bakel breit und mit eigenen Gedanken j nämlich wenn ein Jude fo fchriebe, nicht aber dafs Juden
nicht fonderlich beladet. gemeint fein müffen. In einem chriftlichen Schriftftück

Völter (S. 53f.) meint die Hauptmaffe des Pastor j find eben Chriften darunter zu verftehen, Chriften natür-
Herntae als jüdifch, aber doch nur in einem befonderen lieh, deren ganze religiöfe Gedankenwelt von jüdifchen
Sinne anerkennen zu follen. Man habe es mit Profelyten- Vorftellungen durchtränkt ift. Sind fie deshalb weniger
literatur zu thun, die, fo fehr fie vom Judenthum principiell Chriften? Auch Völter kann fich nicht verfagen, an
beeinflufst und genährt fei, doch die hiftorifch-nationale j dem allgemein gehaltenen Monotheismus der erften Vifion
Eigenthümlichkeit und Befchränktheit des Judenthums ab- '< (vgl. Cap. 3, 4) Anftofs zu nehmen. .Der Gott, von dem
geworfen habe. Ihr religiöfer Standpunkt fei univerfaliftifch, 1 hier die Rede ift, ift nicht der chriftliche Gott, nicht der
und was vom Gefetz feilgehalten werde, im Grunde nichts Vater Jefu Chrifti. Die Thaten Gottes, von denen hier
anderes als eine ftrenge, wenn auch natürlich etwas jüdifch ausgegangen wird, find ausfchliefslich folche, die er bei
gefärbte Moral. ,Wir befinden uns hier auf einem Terrain, der Schöpfung durch Gründung von Himmel und Erde
das zwifchen Judenthum und Chriftenthum in der Mitte , und die eben damals erfolgte Stiftung der Kirche oder
liegt, auf einem Boden, der unmittelbar zubereitet war für Gemeinde verrichtet hat. Dafs diefer Gott auch neuer-
die Aufnahme des Chriftenthums. In den Kreifen, aus dings durch Jefus Chriftus fich geoffenbart hat, davon ift
denen diefe Literatur hervorgegangen ift, hat das Chriften- keine Rede'. Das ift freilich vollkommen richtig, aber ich
thum ohne Zweifel grofse Eroberungen gemacht. Die , brauche wohl kaum daran zu erinnern, dafs z. B. bei
Profelyten, die fich zum Chriftenthum bekehrten, haben Athenagoras, den man mit ganz dem gleichen Rechte
die ihnen vertraute und lieb gewordene Literatur mit einen .Heiden' nennen könnte wie Hermas einen Juden'
hinübergenommen ins Chriftenthum, und fie hat fich hier j (Grieche bezw. Semite waren fie ja), von folcher Offen-
auch mit Hilfe der chriftlichen Färbung oder Bearbeitung, barung auch keine Rede ift. Was foll aber eine folche
die man ihr zu Theil werden liefs, behauptet, wenngleich ' Kritik? In einer Dogmatik würde man fie gelten laffen,
auf die Dauer nur als Katechumenenliteratur im Rang der da könnte man den Standpunkt des Hermas — allerdings
altteftamentlichen Apokryphen'. Als allgemeine Thefe ■ nicht mit meiner Zuftimmung — als ,unterchriftlich' belieft
fich das ganz hübfeh, in der Anwendung auf den
Hirten des Hermas zerftäubt Alles. Natürlich kann man,
wenn man einmal anfängt mit Interpolationen zu operiren,
Alles beweifen, was man will, und von Völter find wir
ja eine befondere Zurückhaltung in diefem Punkte nicht
gewöhnt. Ich mufs fogar ausdrücklich hervorheben, dafs
er mit Hermas viel fäuberlicher umgegangen ift als
mit Barnabas, den er f. Z. (Jahrb. f. prot. Theol. 14,
1888, 106—144) unbarmherzig in etwa ein halbes Dutzend
Barnabaffe verwandelte. Jetzt fcheint er fich im Allgemeinen
mit einem jüdifchen und einem chriftlichen
Autor begnügen zu wollen, wenn fchon mir nicht ganz
deutlich geworden ift, ob er fich die Bearbeitung nur als
eine einmalige vorftellen will. Indeffen kommt es darauf
ja auch nicht an. Die Hauptfache ift, dafs Völter wie
Spitta aus den Vifionen, mit denen er fich allein be-
fchäftigt, Alles ausfeheidet, was chriftlich ift, um auf diefe
Weife eine jüdifche Grundfchrift herzuftellen, oder richtiger

urtheilen. Aber ihm nach faft zweitaufend Jahren fein
jüdifches Chriftenthum auf dem Wege fehr zweifelhafter
kritifcher Operationen wegzudisputiren, das ift ein fchweres
Unrecht gegen den braven und bei aller Befchränktheit
liebenswerthen Mann. Selbft den reizend naiven Eingang,
faft das hübfehefte am ganzen Buche, wollen ihm feine
Gegner wegen angeblicher Lückenhaftigkeit der Angaben
verunzieren.

Für einen Vorzug des kritifchen Ueberfalles von
Völter halte ich den energifchen Hinweis auf die
zwifchen dem Hirten und dem vierten Esrabuche obwaltende
Verwandtfchaft. Gunkel hat nur ganz gelegentlich
(S. 368. 388) und ohne Meinungsäufserung darauf hin-
gewiefen. In der That find die Aehnlichkeiten über-
rafchend. Aber fie berechtigen uns nicht zu den Völter-
fchen Folgerungen. Gewifs ift der Hirt, zumal in den
Vifionen, eine Apokalypfe ganz ähnlicher Art wie das
4. Esrabuch, nur ift diefes eine jüdifche, jener eine chrift-

gefagt zu poftuliren: denn ein Herftellungsverfuch, über- ■ liehe Apokalypfe. Mancher Einzelzug im Hirten wird
haupt ein Verfuch, diefe Grundfchrift literarifch deutlich j deutlicher bei der Annahme, dafs fein Verfaffer das 4.
zu machen, ift nirgends gemacht. Ich beabfichtige nun j Esrabuch gekannt und — unwillkürlich oder mit Abficht
nicht, gegen ein -folches Unternehmen alle die Gründe 1 — Einzelheiten feiner Phantafien ihm nachgebildet hat.
noch einmal ins Feld zu führen, die befonders von J. | Das halte ich auch dann für möglich, wenn man dem
Reville [Rev. de Fhist. des rel. 36, 1897, p. 117—122) und j ,Geilt' bei Hermas freieften Spielraum läfst. Nach Gunkel
F.X.Funk (l'/ieo/. Quartalschr. 81, 1899, 321—360) gegen , entftand 4. Efra in den 90er Jahren. Dann wäre das Buch,
Bpitta geltend gemacht worden find. Das würde nur als Hermas fchaute und fchrieb, eine noch ganz neue Ereine
Verfchwendung von Druckerfchwärze fein. Die fcheinung gewefen, für ihn vielleicht epochemachend.
Widerfprüche, die Spitta und nun wieder Völter con- Gern wird man Völter zugeben, dafs bei der Thurm-
ftruiren, erklären fich faft immer, wenn man fich den ! vifion fich die Erinnerung an Esra aufdrängt. Das Bild