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Ausgabe:

1900 Nr. 18

Spalte:

524-525

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dietz, Ph.

Titel/Untertitel:

Dr. August Friedrich Christian Vilmar, als Hymnolog 1900

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 18.

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Liebe zur Sache find aus der ihm erreichbaren Literatur
eine Menge Notizen und ausführlichere Darlegungen zu-
fammengetragen, auch vieles Eigene hat der Verfaffer
hinzugethan, und durch Alles hofft er ,dem kirchlichen
Dienfte am Worte Gottes' reiche Förderung zu bieten.
Unter folchen Umftänden fträubt fich die Feder, dem
Verfaffer es deutlich zu machen, dafs er der Aufgabe,
die er fich gehellt, wirklich nicht gewachfen ih. Gegen
die Dispohtion des Buches ih zwar nichts einzuwenden:
auf einen ,AUgemeinen Theil', der das Kirchenjahr und
die Perikopen nach ihrer Entwickelung und ihrem Zu-
fammenhange behandelt, läfst er einen ,Speciellen Theil'
folgen, der den Weihnachtsfehkreis, den Oherkreis, die
Zeit zwifchen Ohern und Pfinghen, das heilige Pfinghfeh
und das Trinitatisfeh zum Gegenhande hat; ,Beilagen',
welche die Kafualpredigt im Rahmen des Kirchenjahres
und im Anfchlufs an die Perikopen, fowie ein ,Textre-
giher' darbieten, bilden den Befchlufs. Allein innerhalb
diefer Dispohtion verfährt der Verfaffer mit erhaunlicher
Willkür; hier und da giebt er über einzelne Perikopen
fehr ausführliche Entwürfe, von wichtigeren und fchwieri-
geren Perikopen nur ,Dispofitionen' (foll heifsen: Proportionen
); dann einmal werden fah ganze Predigten von
Chryfoftomus und Leo I. mitgetheilt, ohne dafs der
Grund erkennbar ih, dann wieder befchränkt er fich
,wegen Raummangel' aufs äufserhe. Eine befondere
Freude hat der Verfaffer an gelehrten Citaten; eine
Menge Ausfprüche alter Kirchenlehrer wird angeführt
, theils ohne Ortangabe, theils in oft unverftänd-
lichen und unverhändigen, genau fein follenden Stellen;
da lefen wir denn von dem Briefe des Plinius an ,Trojan',
von der Bittfchrift Juhins an den Kaifer ,Antonius Pius',
von .Origines' (S. 7. 13. 71. 76. 102 u. f. w.), von Auguhin
de temp. serm. p, 251 (?), von Chemnitz Exam. conc.
Trident. IV, 211 f. (?) und von ganzen Gruppen von Theologen
in einer Reihenfolge wie: Spener, Buddeus, Walch,
Dannhauer, oder wie: Ignatius, Clemens alex., Hieronymus
, Auguhinus, Chryfohomus, Eufebius u. dgl. m. Wie
es mit den archäologifchen Kenntnifsen heht, bezeugt
die Verficherung (S. Ii): ,So viel ih aber gewifs, dafs j
fchon in den älteften Dokumenten Jianaöxsvr] (Rüfttag)
unter dem Namen naGya öxavQmöiuov und ui. dvaoxaOifiov
vorkommt'. Der Rühtag? in den ältehen Dokumenten?
Schürer hat bereits 1870 in der Zeitfchr. für hih. Theol.
nachgewiefen, dafs die Doppelbezeichnung zuerh bei G.
J. Vofsius (Opera 1645 HI» I» 6) uch findet. Der Name
des Sonntags Rogate (S. 304) wird von der ,vor alters
gelefenen Schrifthelle Mt. 7 7 und nach unferem Evangelium
' (Joh. 1623—30) abgeleitet; aber fowohl die Itala
als die Vulgata haben in allen Codices in beiden Stellen
(Mt. 77 und Joh. 1624) nicht Rogate, fondern Petite, und j
der Introitus der römifchen Meffe hat den Pfalmus Je- 1
faja 48 20 f. Der Name Weihnachten wird aus ,Wein
und Nacht zufammengefetzt, weil die Sage ging, dafs in
der berühmten Nacht alle Quellen und Bäche um Bethlehem
in Wein verwandelt wären', und diefer Nonfens wird
dann noch etymologifch ,durch den altdeutfchen Namen
Winnaht, Winnathen, Winnachten' zu hützen verfucht
(S. 99); in dem Citat der Ueberfchrift der Weihnachtspredigt
des Chryfohomus S. 105 finden fich nicht weniger I
als 6 Fehler. In homiletifcher Beziehung macht die Aus- j
führung (S. 73) über .Comparative Predigt-Themata j
und -Entwürfe' dem Verhändnifs einige Schwierigkeit.
Was für Themata find das? Etwa Themata zu Doppeltexten
? Es fcheint fah fo: denn S. 80 werden vier derartige
Themata angeführt (die dann S. 86. 92. 96 aufs |
neue abgedruckt werden), darunter der Doppeltext Gen.41
und Lc. 126—35 mit der unverhändlichen Propofition: ,Die
Heilserwartung 1. ein Bild bitter getäufchter, 2. unver-
muthet befriedigter'. Aber S. 81 unten heifst es: ,Und
nun noch einige comparative Predigt-Themata und -Entwürfe
', und es folgen Entwürfe über die einzelnen Alt- |
kirchlichen Evangelien und Epiheln und über die Perikopen
des Thomafius. Etwas ,Comparatives' ih dabei
nicht zu entdecken.

An diefen Proben fei es genug; wirklich Werthvolles
haben wir ihnen leider nicht zur Seite zu hellen.

Marburg. E. Chr. Achelis.

Dietz, Schuldirector a.D. Ph., Dr. August Friedrich Christian

Vilmar. weil. ord. Profeffor der Theologie zu Marburg,
als Hymnolog. Eine Zufammenhellung feiner haupt-
fächlichhen Leihungen auf hymnologifchem Gebiet.
Marburg, N. G. Elwert, 1899. (VII, 160 S. gr. 8.)

M. 2.40

Der Verfaffer, bekannt durch fein treffliches, leider unvollendet
gebliebenes, Wörterbuch zu Luther's Schriften,
ih ein dankbarer und begeiherter Schüler Vilmar's. Er
findet nicht ohne Grund, dafs die Bedeutung Vilmar's auf
hymnologifchem Gebiete nicht allgemein anerkannt wird,
und dafs feine Verdienhe um die Erneuerung unferer
kirchlichen Gefangbücher nicht nach Gebühr gewürdigt
find. Unter diefen Umhänden ih es dem Verfaffer nicht
fchwer anzurechnen, dafs er gern in Superlativen den
Hymnologen Vilmar feiert; wird doch das, was er aus
Schriften Vilmar's uns zu lefen giebt, das Urtheil auf
das richtige Mafs zurückführen.

Die Schrift ih in fechs Abfchnitten gegliedert: I. Das
,Kleine evangelifche Gefangbuch' (1838) S. 1—28; 2. Anzeigen
undBefprechungen hymnologifcher Schriften S. 28—
85; 3. Zwei Artikel über hymnologifche Gegenhände in
Wagener's ,Staats- und Gefellfchafts-Lexicon' S. 85—98;
4. Spccilegium hymnologicam S. 98—108; 5. Akademifche
Vorlefungen über das evangelifche Kirchenlied S. 108—127;
6. Abrifs einer Gefchichte der niederheffifchen Gefangbücher
bis zum Jahre 1770 S. 127—134. Dazu kommt ein
Anhang, nämlich Beilage I: Vilmar's hymnologifcher
Bücherfchatz und Beilage II: Das alte Weihnachtslied
In dulei jubilo und einige Ueberfetzungen bezw. Bearbeitungen
desfelben.

Manche Ausführungen Vilmar's, zu ihrer Zeit gewifs
werthvoll, find wenighens in der Theorie heutzutage fo
ziemlich hymnologifches Gemeingut geworden; andere
haben in ihrer Enge und ihrem fchroffen Urtheil keinen
Erfolg gehabt, ftehen auch mit dem eigenen Verfahren
Vilmar's nicht feiten in Widerfpruch, ohne dafs Dietz
dies bemerkt. So verwirft V. alle ,fubjectiven' Lieder
fürs Gefangbuch, aber in fein eigenes kleines evang. G.B.
hat er fogar das vifionäre, theilweife auch unevangelifche
Lied von Hermes: ,Ich hab von ferne' aufgenommen; er
will zu Kernliedern weder die Poefien von Schmolke und
Terfteegen, noch die von Angelus Silefius gerechnet fehen,
aber in feinem G.B. hat ein Anzahl Lieder von Schmolke
und Schettler Aufnahme gefunden; er verwirft alle ,lehr-
haften' Lieder, und ereifert fich für des Speratus: Es ift
das Heil uns kommen her. Nebenbei fei bemerkt, dafs
die Notiz S. 6: ,Paul Speratus aus Spretten' der Correctur
bedarf; fein deutfeher Name ift entweder Hoffer oder
Spret, und er ift gebürtig aus Rötlen bei Ellwangen (vgl.
Paul Tfchackert: Paulus Speratus aus Rötlen. Halle
1891). Er verwirft alles daktylifche Versmafs, und die
ganze evangelifche Kirche fingt mit Vorliebe: ,Lobe den
Herren, den mächtigen König der Ehren'. Eine Entwickelung
ift in Vilmar's hymnologifchen Anfchauungen
an manchen Stellen nachzuweifen; die oft recht unnöthigen
Veränderungen des Originaltextes, wie wir fie in feinem
kleinen evang. G.B. finden, würde er fich fpäter wohl
nicht mehr gettattet haben; andererfeits würde er nach
feinen fpäteren Anfchauungen manche Lieder feines G.B.
durch andere erfetzt haben.

Wenn ein Litterarhiltoriker und Kenner des Volksliedes
wie Vilmar feine Stimme auf hymnologifchem
Gebiete erhebt, fo werden auch fpätere Generationen ftets