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Ausgabe:

1900 Nr. 18

Spalte:

519-522

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ménégoz, Eugène

Titel/Untertitel:

Publications diverses sur le Fidéisme 1900

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 18.

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neben anderen Vorlefungen N.'s auch feine Dogmatik
herauszugeben. Schneider felbft, der N. fehr nahe gestanden
hatte, wollte diefe Herausgabe beforgen. Er hat
aber von der Ausführung diefes Planes bald Abftand
genommen. Die grofse Schwierigkeit folcher Herausgabe
lag, wie er bemerkt, darin, dafs N. keine Hefte geführt
hatte, fo dafs verfchiedene Jahrgänge aus den Nachfchriften
der Zuhörer hätten zufammengearbeitet werden müffen.
Solche Schwierigkeit hat den jetzigen Herausgeber nicht
bedrückt. Er theilt mit, fein Schwiegervater Stephani,
weiland Pfarrer in Grofs-Lichterfelde, habe N.'s dogma-
tifche Vorlefungen im W. S. 183 2/3 forgfältigft wörtlich
nach- und umgefchrieben; daraus gebe er jetzt alles Wefent-
liehe und Eigenthümliche; nur das von N. reichlich herangezogene
, fchon aus feinen Schriften bekannte hiftorifche
Material habe er ausgefchieden (S. 3 f.). Was jetzt vorliegt
, ift alfo ein Auszug aus einer Nachfchrift von N.'s
Vorlefungen. Und zwar ift der Auszug ein fehr compen-
diarifcher. Die 92 S. in kleinem Octavformat mit weitem
Druck laffen fich bequem in ca. 3 Stunden vorlefen. Die
Ausführung des dogmatifchen Stoffes wird im Verlaufe
des Werkes immer kürzer. Die Einleitung umfafst mehr
als ein Drittel des Ganzen, 36 Seiten; der erfte Theil:
,Verhältnifs des Menfchen zu Gott, wie es von der Erlöfung
durch Chriftus vorausgefetzt wird' 28 S.; der zweite:
,die Erlöfung durch Chriftus den Gottmenfchen' 18 S.;
der dritte: ,die Aneignung der Erlöfung in der Menfch-
heit' 9 S. Was vom ordo salutis, von der Kirche, von
den Sacramenten, von der Eschatologie gefagt wird, find
kürzefte Andeutungen. Hatte der Docent gegen Ende
feiner Vorlefungen unverhältnifsmäfsig eilen und kürzen
müffen? Oder war die Kraft des nachfehreibenden
Studenten erlahmt? Oder enthielten die letzten Abfchnitte
vorwiegend ,bekanntes hiftorifch.es Material', das der
Herausgeber auslaffen zu follen meinte? Auf folche
Eragen erhält man keine Antwort.

Freilich gewinnt man auch aus diefen Vorlefungsaus-
zügen ein deutliches Bild von der theologifchen Stellung
N.'s: von feinem dem Rationalismus und Supranaturalismus
abholden, aber auch einem confeffionellen Dogmatismus
fremden Standpunkte; von feinen im Grofsen und Ganzen
confervativen, aber ftark durch Schleiermacher beein-
flufsten und durch das Studium der Schrift und der Dogmen-
gefchichte befruchteten theologifchen Anfchauungen; von
feinem feften Glauben an eine wahrhafte, in Jefu Chrifto
zu vollendeter Erfcheinung gelangte Gottesoffenbarung,
die im Innerften des religiöfen Selbftbewufstfeins wirkfam
werden mufs, um eine neue Stufe des inneren Lebens
hervorzubringen. Man kann es wohl begreifen, dafs N.
mit feiner ,Pectoraltheologie' einen grofsen, belebenden
Eindruck auf feine einftmaligen Zuhörer ausübte. Aber es
bedurfte nicht erft diefer Publication, um folche Würdigung
N.'s feftzuftellen. Der Herausgeber ift auch nicht durch
ein blofs hiftorifches Intereffe geleitet worden, fondern
durch den Wunich, der Gegenwart zu dienen, ihr die
Vorlefungen N.'s ,als einen Spiegel zur Prüfung vorzuhalten
' (S. 3). Aber wie kann ein fo kurzer Auszug aus
den vor nahezu 70 Jahren gehaltenen Vorlefungen Antwort
geben auf die befonderen theologifchen Probleme
der Gegenwart? Ich vermag eine innere Berechtigung
zu diefer fragmentarifchen Publication nicht einzufehen.

Jena. H. H. Wen dt.

Menegoz, Prof.Eugene, Publications diverses sur le Fideisme

et son application a l'enseignement chretien traditionnel.
Paris, Fischbacher, 1900. (IX, 425 S. gr. 8.) M. 6.—

Mit dankbarer Freude begrüfsen wir diefes Buch, in
welchem der auch unter uns hochgefchätzte Lehrer an
der theologifchen Facultät zu Paris uns den Ertrag feiner
reich gefegneten akademifchen Thätigkeit darbietet. Es
war in der That ein glücklicher Gedanke, die zahlreichen,
in verfchiedenen Zeitfchriften und Blättern zerftreuten,

zuweilen fchwer zugänglichen Veröffentlichungen zufam-
men zu faffen, welche alle aus einem Grundgedanken
geboren fich gegenfeitig ergänzen und erklären und ein
zwar vielfach gegliedertes aber harmonifch zufammen-
ftimmendes Ganze bilden. Denn auch die beiden Haupt-
fchriften Mendgoz's, Le peche et la redemption d'apres
S. Paul 1882, La theologie de PEpitre aux Hebreux 1894,
gliedern fich in die Reihe der von dem Verf. mit ftrenger
Confequenz geführten, auf einen feften Ausgangspunkt
zurückgreifenden Unterfuchungen (vgl. S. 54—58. 84—118).
Im Jahre 1879 trat der vor kurzem zum a. o. Prof. ernannte
, aus dem Kreife des Lutherthums hervorgegangene
Verf. mit einem Büchlein auf, das in anfpruchlofer Form
bereits mit grofser Beftimmtheit die Grundsätze ausfprach,
die er in den folgenden Jahren zwar nicht klarer, wohl
aber mit wachfender Autorität, zugleich heftigeren Wider-
fpruch hervorrufend und ausgebreiteren Erfolg erzielend,
vortragen und vertreten follte. Es gebührte jenen Reflexions
sur levangile du salut (1—53) die erfte Stelle im
vorliegenden Bande. Diefelben entwickeln die reforma-
torifche Lehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben,
indem fie das im Sinne Luther's gefafste Schlagwort sola
fide sowohl gegen die herkömmliche Orthodoxie als gegen
den landläufigen Liberalismus kehren: das sola richtet
fich gegen jene, welche zum Heilsglauben das Fürwahrhalten
fügen, oder das Heilsvertrauen thatfächlich in dem
assensus zum Schriftwort oder zur Kirchenlehre vollendet
fein läfst; das fide richtet fich gegen den älteren Liberalismus
, welcher das Heil nicht dem Glauben, fondern
der Gottes- und Nächftenliebe zufpricht, und daher das
j religiöfe Intereffe dem moralifchen opfert. En face de cette
j double erreur nous posons le dogme du salut par la foi,
indipendamment des croyances (S. 33).

Diefe Faffung des Glaubensprincips liegt zweifellos
in der Confequenz der reformatorifchen Pofition: die
fiducia cordis, nicht die fides historica ift die Seele des
evangelifchen Heilsglaubens. Immerhin wird M. gewifs
nicht in Abrede ftellen, dafs er mit feiner Aufftellung
und Begründung des Fideisme über die reformatorifche
Ausfage hinausgeht. Zieht er doch aus der Definition
der fides specialis einen Schlufs, den keiner unferer Reformatoren
gezogen hat, den Schlufs nämlich, die fides
salvifica könne auch Jemand haben, welcher der biblifchen
Gefchichte oder dem kirchlichen Dogma gegenüber nicht
im Stande wäre fich die fides historica abzugewinnen.
Ja, es find M.'s Gegner formell in ihrem Rechte, wenn
fie verfichern, dafs die Reformatoren, hätten fie das
Problem ins Auge gefafst und wäre ihnen das Dilemma
entgegen getreten, diefe Confequenz mit Ent-
rüftung zurückgewiefen und die Nothwendigkeit der
croyance neben der foi behauptet haben würden. Soll
damit gefagt fein, dafs M. dem religiöfen Programm
Luther's und feiner Genoffen untreu geworden ift? Keineswegs
, denn die Reformatoren haben die volle Tragweite
des von ihnen in Angriff genommenen Werkes nicht von
vornherein erkannt, und nur allmählich gelangt die evan-
gelifche Kirche zur klaren Erkenntnis ihres Glaubensprincips
und namentlich der aus demfelben fliefsenden
Confequenzen. Indem M. ebenfo tapfer als pietätvoll
eine diefer Confequenzen gezogen, hat er Vinet's Wort
ernft genommen und zur Geltung gebracht: La Reformation
comme principe est en permanence dans l'Eglise.
Luther et Calvin riont pas, une fois pour toutes, reforme
P Eglisc; mais ils ont affermi le principe et posc les
conditions de toutes les reformes futures.

Man könnte allerdings mit dem Verf. darüber rechten,
ob es angezeigt fei, zur Bezeichnung jener Glaubens-
erkenntnifs einen der katholifchen Schulfprache entlehnten,
aber vom urfprünglichen Sinne abweichenden Terminus
zu gebrauchen. Ref. hatte vor einigen Jahren die Bedenken
geäufsert, welche das Wort Fideisme bei ihm und
Anderen hervorgerufen hatte (Theol. Literaturzeitung,
1897, Nr. 7). Aus den intereffanten Discuffionen, welche