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Ausgabe:

1900

Spalte:

457-463

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Orelli, Conrad von

Titel/Untertitel:

Allgemeine Religionsgeschichte 1900

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schüre!*, Prof. zu Göttingen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 18 Mark.

N°- 16. 4- August 1900. 25. Jahrgang.

Orelli, v., Allgemeine Religionsgefchichte

(Bouflet).

Geifsler, Die litterarifchen Beziehungen der
Eframemoiren (Lohr).

Wildeboer, De tijdbepaling van het boek der
spreuken (Lohr).

Refch, Die Logia Jefu (Bouffet).
Hafe, Kirchengefchichte, 12. Aufl. (v. Schubert
).

Monumenta Ordinis Fratrum Praedicatorum his-
torica t. IV ed. Reichert (K. Müller).

Tfchackert, Herzogin Elifabeth von Münden
(Koehler).

C1 a fe n, Die chriftliche Heilsgewifsheit (Reifchle).

Schian, Die Sokratik im Zeitalter der Aufklärung
(E. Chr. Achelis).

Eppler, Gefchichte der Basier Miffion (Wurm).

Warneck und Grundemann, Miffionsftunden.
II, 2, 3. Aufl. (Wurm).

Orelli, Prof. DD. Conrad von, Allgemeine Religionsgeschichte
. (Sammlung theologifcher Handbücher. Erfter,
grundlegender Theil, zweite Abtheilung.) Bonn, A.
Marcus & E. Weber's Verlag, 1899. (XII, 866 S.
gr. 8.) M. 17.—

Es ift aufserordentlich erfreulich, dafs auch in der
bei Marcus in Bonn erfcheinenden Sammlung theologifcher
Handbücher als Seitenftück zu der Religionsgefchichte
de la Sauffayes in der Mohr'fchen Sammlung

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ableiten wollte, fo würde er von vornherein doch wohl
nicht ganz ernft genommen werden. In der Theologie
und Religionswiffenfchaft gehört diefe Betrachtung der
Dinge über Kopf noch zu den Möglichkeiten.

Um feine Thefe zu beweifen, nützt fich Orelli namentlich
auf einen Thatbeftand, den er an den verfchiedenften
Stellen mit einem gewiffen Rechte beobachtet — um ihn
dann falfch zu deuten. Gerade in den alterten Schichten
religiöfer Vorftellungen rtöfst man — meint Orelli —
auf die immer wiederkehrende Vorrtellung, eines höch-

eine allgemeine Religionsgefchichte erfchienen ift. Wir j ften allumfaffenden Himmelsgottes. Die Chinefen haben
find mit den von beiden theologifchen Seiten erfchienenen i ihren höchrten Himmelsgott Ti-en, der auch unter

Werken um ein gutes Stück der hoffentlich nicht mehr
allzu fernen Zeit näher gekommen, in der die Bedeutung
der Religionswiffenfchaft für die Theologie fo allgemein
anerkannt fein wird, dafs auch die praktifchen Folgerungen
gezogen werden müffen.

Langjährige Vorlefungen haben den Verfaffer der
neuen Religionsgefchichte, Profeffor Orelli in Bafel, zu
feinem grofsen Unternehmen vorbereitet und befähigt.
So hat er die Riefenaufgabe einer allgemeinen Religionsgefchichte
, der fich Sauffaye bei der zweiten Auflage
feines Buches nicht mehr gewachfen fühlte, in dem vorliegenden
inhaltsreichen Werke bewältigt und zum grofsen
Theil, was Auswahl, Gruppirung und Anordnung des
maffenhaften Stoffes betrifft, in recht achtungswerther
Weife bewältigt.

Die vorliegende Religionsgefchichte erweckt nun
dadurch ein ganz befonderes Intereffe, dafs der Verfaffer
in ihr eine beftimmte religionswiffenfchaftliche Theorie
durchführt, die in den letzten Jahrzehnten als Theorie
zwar immer noch weithin exiftirt hat, bei der man aber
den berechtigten Zweifel erheben mufste, ob fie je
wieder im Rahmen einer grofsen gefchichtlichen Ge-
fammtbetrachtung durchgeführt werden würde. Diefe
Theorie, die hier in dem gefammten Werke entwickelt
und vorgetragen wird, ift jene altbekannte, derzufolge
die in den Religionen vorliegende Entwickelung im
Grunde eine Entwickelung von oben nach unten ift. Aus
der Paradiefeszeit ift der Menfchheit ein fchwaches Abbild
des „biblifchen" Gottes geblieben. So fleht am Ausgangspunkt
aller Religionen ein gewiffer Monotheismus,
den man beffer Henotheismus nennt, ein allerdings recht

anderem Namen bei den übrigen Stämmen mongolifcher
Raffe nachweisbar ift, die Babylonier verehrten Anu, die
Indogermanen haben ihren Djaus-Pitar, Zeus, Jupiter, Tius,
die ägyptifche Theogonie beginnt mit dem Himmelsgott,
und die zahlreichen Sonnengötter find ja nur (?) concrete
Geftaltungen diefes Himmelsgottes, felbft bei den meiften
fonft auf niederfter Stufe ftehenden Negervölkern — die-
felbe wunderbare Erfcheinung. —■ Diefe Beobachtung ift
richtig. Die Vorrtellung eines höchrten Himmelsgottes ift
ein Urphänomen früheften religiöfen Vorftellens und Empfindens
.— Aber dieThatfache ift allerdings vollkommen
falfch gedeutet. Was hier thatfächlich vorliegt, ift kein
Monotheismus oder Henotheismus, fondern nichts anderes
als die dunkle unbeftimmte und kindliche Vorrtellung von
einem ungeheueren Lebewefen, das fich über den Häuptern
der Menfchen hinbreitet, deffen Mantel etwa das blaue
Plimmelszelt ift, deffen Augen die Geftirne oder die
Sonne find, das im Sturm feine wallenden Haare fchüttelt,
oder auf fchnellem Rofs im Wagen, deffen Räder Blitze
fprühen, dahinfährt, das felbft regnet, — nicht den
Regen fendet (vgl. die Vorftellungen der Germanen von
Wodan, Wendungen, die noch in den Gathas von ürmuzd
verwandt werden, das Jupiterpluit, Zsvg vet, der Lateiner
und Griechen und zahlreiche Beifpiele, die Orelli felbft
zufammenträgt). Jenes Wefen ift nicht der Gott des
Himmels, vielmehr der Himmel felbft. — Auch find faft alle
diefe Vorftellungen überhaupt noch keine Religion, fondern
nur abftracte religiöfe Vorftellungen. Denn überall
zeigt fich neben jenem O. zugeftandenen Thatbeftande
auch zugleich der andere: Jenen vermeintlichen einen
Gott verehrt man nicht, jener Himmelsgott hat keinen

unbeftimmter Glaube an die Einheit der Gottheit. Im | Cult, oder kaum einen folchen, er ift ein blofses Schemen;

Laufe der Entwickelung wurde dann die Gottheit verendlicht
, verfinnlicht, gcfpalten. — Dem gegenüber werden
alle Verfuche einer entwickelungsgefchichtlichen Auf-
faffung von der Entftehung der Religionen verworfen.

Wenn ein Kunfthiftoriker, oder jemand, der die Entwickelung
des Rechtes, der Sittlichkeit, der allgemeinen
Cultur darftellte, mit der Behauptung eines Idealzuftandes
beginnen würde und die concreten gefchichtlichen Ge

die Verbindung zwifchen ihm und den Menfchen fehlt,
die die Religion erft zur Religion macht, fie fehlt, weil
entweder jene Gewalt als unerreichbar gedacht wird,
oder weil fie überhaupt zu fchemenhaft und unbeftimmt
bleibt. Auch felbft da, wo fich mit jener Vorrtellung
vom Himmel als einem ungeheueren Lebewefen, die
andere verbindet, dafs aus diefem Wefen die Welt' hervorgegangen
fei, ift noch immer keine Religion da.

Haltungen als Verfchlechterungen diefes Idealzuftandes | Orelli beftreitet zwar auf Schritt und Iritt diefe An
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