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Ausgabe:

1900 Nr. 15

Spalte:

437-439

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grawert, Friedrich

Titel/Untertitel:

Die Bergpredigt nach Matthäus auf ihre äussere und innere Einheit... dargestellt 1900

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 15.

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Grawert, Friedrich, Die Bergpredigt nach Matthäus auf ihre j Nachfolge Jefu tretenden, ihre irdifchen Ziele aufgeben-
äussere und innere Einheit mit befonderer Berückfich- den Jünger conftruirt (S. 48). Auf diefe bezieht fich die

j t lku -r j c u__^,^;r.,„^»n Parallele Matth. 0,25—34, in welcher lefus feine Jünger u. A.

tigung des genuinen Verhaltntfses der Sehgpreiiungen , , , t ... .,' ,' , . u j _ j( °

s 5 s /1 ii t4 belehrt ,uber ihre verkehrten Hoffnungen auf etwaigen

zur ganzen Rede neu unterfucht und dargeftellt. Mar- jrdircnen Gewinn, den fie aus ihrem neuen Stande zu ziehen

bürg, N. G. Elwert, 1900. (IV, 77 S. gr. 8.) M. 1.20 hofften' (S. 49).

,Von einem neuen Gefichtspunkte aus' foll hier dem Vermöge derartiger, oft ziemlich weit hergeholter

Vorwort zufolge die Bergpredigt betrachtet werden. Die Beziehungen aut ,das nächftliegende Intereffe der Jünger

bisherigen Commentare leiden hierfür ,Vorarbeit', aber und ihre augenblickliche Lage' (S. 50) meint der Verf.

eine vielfach irreführende, indem fie in der Rede ent- | der Rede den doctrinären Charakter, welchen ihr die

weder eine Compofition oder, falls ein von Jefus felbft j Auffaffung als ,Reichsprogramm' (Tholuck) beimifst,

herrührender Zufammenhang anerkannt wird, einen befeitigt zu haben. Nicht um Auseinanderfetzung mit

Lehrvortrag über feine Stellung zum Gefetz, über die der herrfchenden Gefetzeslehre und tieferes Verftändnifs

Gerechtigkeit des Gottesreiches oder fonft ein ethifches j des Gefetzes (Weifs), fondern um directe Bekämpfung der

Thema fehen, ftatt ihre ganz concrete Veranlaffung und j pharifäifchen Praxis handle es fich. Diefe Frommen,

Abzweckung zu begreifen (S. 30). Letztere kann nämlich ! welche den Herrn der Gefetzesauf löfung anklagen, ,find

nur darin gefunden werden, dafs Jefus zum Zwecke der j felber nichts als Mörder, Ehebrecher, Diebe, Meineidige,

,Confolidirung des Jüngerftandes' (fortwährend wiederholt die nicht werth find, dafs Gottes Sonne fie befcheint'

S. 16. 18. 21 f. 38. 49. 53. 57) fich verwahrt gegen die phari- (S. 41). Die ,pharifäifche Praxis' befleht aus lauter ,fac-

fäifche Verleumdung, ein Gefetzesauf löfer zu fein, womit er tifchen Uebertretungen der Gebote' (S. 43). Trotzdem,

eine Gegenanklage gegen die Pharifäer auf Nichterfüllung [ dafs die Pharifäer nur 5,20 ausdrücklich genannt find und

der Gebote Gottes verbindet (5, 17—37); daran fchliefst fich j nur 6,1—rs deutlich ihre /Praxis' einer Kritik unterworfen

eine Anweifung der Jünger bezüglich ihres Verhaltens zur | wird, foll fogar 7,12—11 »offenbar' an fie gedacht fein

feindlichen Welt(s, 33—48), gefolgt von einem Vorftofs gegen | (S. 59). Ebenfo erklärt fich die Mahnung 5, >i. 22 daraus,

das falfche Pkömmigkeitswefen der Pharifäer, welchem das j dafs Jefus im Munde der Pharifäer ,Racha' und ,More'

wahre Frömmigkeitsideal gegenübertritt (6,1—ih). Nachdem ( hiefs (S. 25. 47). Confequenter Weife müfsten diefelben

fo die Jünger, welchen die Rede zunächft gilt, aus ihrer Pharifäer auch 5, 27—30 für qualificirte Ehebrecher gelten,

bisherigen Abhängigkeit von den pharifäifchen Autorr
täten gelöft find, handelt es fich noch um die Gründung
ihres neuen Standes im Verhältnifs zu der Autorität

was doch der Verf. felbft nicht Wort haben will (S. 26 f.).

Angenommen aber, er hätte Recht mit feiner Auffaffung
der Rede als ,Kampfrede' (S. 41) und Einleitung

ihres Meifters (S. 28. 37 f. 45. 47 f.), alfo zunächft um ihren [ zu Matth. 23 (S. 75 f.), fo würde fich ein folches Vorgehen
Glaubensftand und ihr Glaubensziel (6,10—34), letzlich ; doch am wenigften an dem Zeitpunkte der öffentlichen
aber um Wefen und Geheimnifs einer chriftlichen Per- Wirkfamkeit Jefu verftehen laffen, wohin im Anfchlufse
fönlichkeit, zumal eines Jüngers Jefu (7,1—11). Schon an Matthäus unfer Verf. es verlegt (S. 77). Die Oppofition
diefe Ueberficht über den hier behaupteten Gang der gegen Jefus hat fich keinesfalls gleich am Anfang einge-
Rede zeigt wohl zur Genüge, wie der Faden des angeb- ■ funden, fondern erft im Verlaufe feines Wirkens bis zu der
liehen Zufammenhanges dem Ende zu immer dünner 1 Höhe gefteigert, auf welcher fie Anlafs zur zeitweiligen
wird und in Wahrheit aus einer Reihe von lofe anein- ; Räumung des galiläifchen Kampffeldes von Seite Jefu
ander geknüpften Fäden befteht Was 7,12—27 noch folgt, j bot Marc. 7,24 = Matth. 15, 21. Unmittelbar vorher wird
ift Epilog, was vorausgeht, Einleitung, mit Ausnahme der j Marc. 7,1—23 = Matth. 15,1—20 erzählt, wie es zum offenen
8 Seligkeiten, welche vom Evangeliflen fo hinzugefügt [ Conflict kam. Hier etwa müfste nach den Vorausfetzungen
find, dafs fie den 5 Hauptgedanken der Rede in umge- j unferes Verf.'s die Rede ihren gefchichtlichen Platz finden,

wie er felbft mehrfach direct andeutet (S. 19. 41. 46. 69).
Er nennt es daher ,eine verkehrte Annahme, dafs der
Herr diefe Rede im Anfange feiner Wirkfamkeit gehalten
habe' (S. 35). Aber nur um fo widerfpruchsvoller redet
er dann von einer ,bedrängten Lage der Jünger' (S. 33),
von einer ,Stunde der Prüfung, in welcher fie unter all' dem
Hafs ihrer Feinde jetzt gleich am Anfang ihrer Jüngerfchaft
flehen' (S. 30 f.), ,fchon fo früh' (S. 38). Der Verf. erinnert
vor Allem an die angebliche Sabbathentheiligung' Marc.

kehrter Reihenfolge als thematifche Sätze entfprechen
(S.6f.,63f.): nämlich 5,3 = 7,7—11, 5,4=7,3—0; 5,5 = 7,1.2;

5,6 = 6,1—34; 5 , 7 = 5 , 38—48 ; 5 , 8 = 5 , 27 —37 ) 5 , 9 = 5, 17 —26;

5, 10 — 5,11—ie. Einigermafsen verftändheh wird dies freilich
nur bezüglich 5,10=5,11.12 (einfache Fortfetzung);
5,,, = 5,21—36 (eher noch ohne die verkünftelte Deutung
des evpowv S. 67 f.); 5,8=5,27—32 (zur Noth und mit
einfeitiger Beziehung auf das Gefchlechtliche): 5,7= 5, 88.
44.48 (entfprechender wäre Luc. 6,30); 5,0 = 6,33. Der übrige

Inhalt der betreffenden Stellen wird durch die /Themata I 2,23—3, e (S. 39 f.). Aber gerade vom Sabbathgebot ift
(S. 6. 65) nicht gedeckt, und bezüglich der 3 erften Maka- i ja gar nicht die Rede in der Bergpredigt. Eine genügendere
rismen meint der Verf. felbft, dafs ihr Verhältnifs zu 7,1—11 j Orientirung bezüglich unferes Wiffens um die Compofition
.etwas fchwieriger zu conftatiren', aber freilich ,noch deut- | der Evangelien und um den daraus fich ergebenden Praglich
erkennbar, wenigftens dem Sinne nach' fei (S. 71). j matismus des Lebens Jefu hätte dem Verf. u. A. auch die
Gleichwohl foll durch die Erkenntnifs, dafs die Maka- j Erkenntnifs eintragen können, dafs Marc. 2, 1—3, o eine
rismen den .Extract der ganzen Bergpredigt' darffeilen, , sachlich geordnete Gruppe von Bildern der fich fteigernden

erwiefen fein, dafs diefe ,von A bis Z ein einheitliches
Ganze ift' (S. 65).

Nicht neu, wie das bisher Erwähnte, fondern alt und
fchon oft dagewefen ift der Verfuch an fich, der Bergpredigt
einen ftreng einheitlichen Gedankengang zuzuerkennen
. Was hauptfächlich gegen diefe Thefc fpricht,
die Vorwegnahme einzelner Stücke, welche nicht blofs
bei Marcus und befonders Lucas in anderem Rahmen er-
fcheinen (vgl. S. 10. 24), fondern theilweife fogar Matthäus
felbft im richtigen gefchichtlichen Zufammenhang nach/

Oppofition darftellt und mit 3,6 = Luc. 6,11 (vgl. S. 33) das
Stadium von Marc. 6, u—10(Herodianer!) erreicht ift. ,Der
Herr hat gewifs dieFeindfchaft der Pharifäer an fich herankommen
laffen' (S. 31) und auf keinen Fall ,vor den
unreifen Jüngern von Dingen geredet, die mehr oder
weniger noch ganz aufserhalb ihres Vorftellungskreifes
lagen' (S. 34), eben darum aber auch gewifs gegen den
,fchweren Vorwurf der Gefetzesauflöfung' (S. 33) fich
erft vertheidigt, als derfelbe ihm in aller Form gemacht
werden konnte und wirklich gemacht worden war. Was

bringt, findet keinerlei Berückfichtigung. Es wird bei- j auf einem früheren Punkte feiner öffentlichen Thätigkeit

fpielsweife kaum ein Verfuch gemacht, die Rede gegen ; denkbar erfcheint, ift etwa eine Jüngerrede mit dem In-

die weltliche Sorge Luc. 12, 22—31 aus ihrem genauen [ halt von Luc. 6, 20—49, wo freilich nach der Auffaffung

Zufammenhang mit dem Gleichnifs 12, ig—21 heraus zu : unferes Verf.'s ,von der grofsen wichtigen Beftimmung

löfen, fondern es werden .innere Kämpfe' der in die 1 der Bergpredigt nichts mehr zu erkennen ift' (S. 75).

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