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Ausgabe:

1900 Nr. 14

Spalte:

426-429

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Freybe, A.

Titel/Untertitel:

Die heilige Taufe und der Taufschatz 1900

Rezensent:

Simons, Eduard

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 14.

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,Dominanten' für eine einfache Umfchreibung der Cel- j
lular-,Tektonik' und für ,abfolut nichts anderes'. Vgl. :
Biol. Centralbl. XIX 653). Andererfeits zeigt fich, dafs
der Vergleich mit Mafchinen nur fo zu fagen proviforifch
gemeint war. (Vgl. S. 266). Sollte fich auch vielleicht
der Stoffwechfel irgendwie aus einer blofsen Mafchinen-
ftruetur erklären laffen, fo nimmermehr Wachsthum,
Aufbau, Fortpflanzung. Was find das für ,Mafchinen',
die fich felber aufbauen, fortpflanzen u. f. w.! Die Dominanten
wachfen über jede Parallele zu .Hammer-, Löffel,
Mafchinen-Einrichtungen' hinaus, werden zu .geheimnifs-
vollen Impulfen', ,dirigirenden Kräften', zu einem ,dyna-
mifchen' Princip, und an mehr als einer Stelle drängt
fich dem Verf. vollkommen richtig und nothwendig die
einzig mögliche und brauchbare Veranfchaulichungs-
Parallele für ein derartiges nicht-mechanifches Princip
auf: der Einflufs des Pfychifchen auf das Materielle.
Hätte Verf. diefe Parallele beffer ausgezogen, wozu er
fchon in feinen ,Protoplasma-Problemen' (1. c. p. 83 und
138), durch den Anfchlufs an Pflüger den entfehiedenften
Anfatz nahm, fo wäre fein Standpunkt allerdings ,vita-
liftifcher' geworden, aber zugleich klarer*). — Mit einer
Prüfung und Widerlegung der .Urzeugung' und ihres
Hauptvertreters Nägeli, in Cap. 26, wohl dem vortreff-
lichften des ganzen Werkes, fchliefst Abfchn. III. — Bei
der Kritik des .Darwinismus' in Abfchn. IV ift das ruhige,
sine ira et studio gefchehende Abwägen der verfchiedenen
Theorien gegen einander wohlthuend. Die Refultate haben
dann zwar etwas vom Compromifs an fich und laffen manches
in der Schwebe. Aber das ift für den, der die Dinge
fehen möchte, wie fie liegen, angenehmer, als Entfchei-
dung um jeden Preis und in jedem Stück, als Advocatur
für Rechts oder Links und Niederrennen des Gegners. —
An den Normalbeifpielen der Equiden und der Sumpf-
fchnecke wird die Descendenztheorie entwickelt, durch eine
Reihe von Belegen (paläontologifche Collectivtypen, Parafiten
, rudimentäre Organe u. a.) beftätigt, und als eine all-
gemeingiltige Theorie anerkannt: die Frage nach fchritt-
oder fprungsweifer Entwickelung wird in der Schwebe
gelaffen. Die Wirkung natürlicher Auslefe durch Ueber-
leben des Paffendften auf befchränktem Gebiete wird zugegeben
und durch ihre Hauptbeifpiele (Mimicry)**) ge-
ftützt, aber als unfähig nachgewiefen, die erfte Entftehung
des Lebendigen und die Variation und Correlation zu erklären
, fowie überhaupt ein eigentlich treibendes Motiv der
Entwickelung zu bilden: diefes alles hauptfächlich mit den
Argumenten Nägeli's, Spencer's und Wolff's, unter auffallender
Vernachläffigung von Eimer und Haake. Einige
Gründe und Beifpiele mehr und etwas ftraffere Methode
wären dienlich gewefen.***) Bei der Befprechung von
Lamarck's .Vererbung erworbener Eigenfchaften' und
St. Hilaire's Einflufs des mondc ambiant, bei Kritik der
Nägeli'fchen und Weismann'fchen Idioplasma- und Keim-
Plasma - Theorien fowie in den .eigenen Anfchauungen'
(Cap. 33) finden fich die Gegengründe und Stellung-

*) Es ift nützlich zu vergleichen, wie in feinen Ausführungen ge-
mifcht und unklar diefelben Stufen in einander liegen, die Driefch in
feinem fehr intereffanten Kntwickelungsgange nach einander durchgemacht
hat und in einer Reihenfolge von theoretifchen Unterfuchungen
niedergelegt hat: die Mafchinentheorie — diefelbe confequent ausgedacht
fich felbft ad absurdum führend — mit der Frage endend: .Wasdannr'
— zuletzt im Bekenntnifs zum Vitalismus mündend. Bezeichnend ift auch,
dafs Crato, Reinke's Schüler, fich deutlich zu den .pfychifchen' Factoren
bekennt. Vgl. in Cohn's Beiträgen zur Biologie der Pflanzen. Bd. VII.

**) Darf felbft dies Beifpiel noch fehr viel gelten? NB. ,/alse
mimicry' und Eimer's Gegengründe auch gegen die .echte'. — Laubfrofch
und Scholle aber beweifen direct gegen natural seleciion, da fie für
die fpontane Anpaffungsfähigkeit des Lebendigen an die Umgebung
beweifen.

***) Z. B. befonders für die Zeugnifse der paläontologifchen Urkunde,
für das, was fie beweifen (nämlich orthogenetifche und correlative Defcen-
denz) und was nicht (nämlich fchrankenlofe und .zufällige' Variation),
t eberhaupt aber wäre wohl ein Unternehmen wie C. C. Coe's Nature
versus natural seleetion (1895), von fachmännifcher Seite ausgeführt, trotz,
aller antidarwin'fchen Tendenzen immer noch fehr zu erwünfehen.

nahmen der Jung-antidarwin'fchen Schule: Orthogenefis,
Epigenefis, Ablehnung fertiger Stammbaum-Conftruc-
tionen, modificirte (polyphyletifche) Defcendenz, Entwickelung
aus inneren Gründen unter Mitwirkung äufserer
Bedingungen: im Grofsen und Ganzen die Anfchauungen,
die Eduard von Hartmann bereits vor 25 Jahren in feiner
Kritik des Darwinismus entwickelte (zum Dank wofür
er im ganzen Buche gar nicht erwähnt wird.*) — Dafs
die in Abfchnitt III und IV gewonnenen Refultate über
Wefen des Lebens und Entwickelung der Lebewefen apo-
logetifch höchft werthvoll find, liegt auf der Hand: ftatt
,mechanifcher' Urfachen und Factoren des Lebens ein
,dynamifches' metaphyfifch.es Princip, ftatt .zufälliger'Steigerung
und Vermannigfaltigung der Lebensformen eine
,zielftrebende' .orthogenetifche' Tendenz von innen heraus
zur Höherentwickelung: das heifst dann aber nichts anderes
als eine Selbftentfaltung und Durchfetzung jenes
Principes. Agnoftiker werden diefes Princip ftatuiren
und auf fich beruhen laffen, Pantheiften werden in ihm
den Urwillen zum Leben oder dergleichen entdecken,
Chriften werden es freudig als den die Creatur durchwaltenden
und geftaltenden göttlichen Geift in Anfpruch
nehmen. Ungefähr auf letzter Linie bewegt fich auch
des Verf.'s abfchliefsende Speculation im letzten Ab-
fchnitte, wenn er über Tranfcendenz und Immanenz re-
flectirend zu Goethe's panentheiftifchem Theismus fich
bekennt. Zwar feine Löffel-, Knopf- und Mafchinen-
Dominanten würden nur zu einer oberften Intelligenz
führen, die ihren Werken fo tranfeendent gegenüber-
ftände wie eben der Löffel-Giefser feinem Löffel. Aber
es zeigte fich fchon oben, dafs die Dominanten in
Wirklichkeit .myftifcher' waren, als fie fich gaben. Und
darum darf Verf. den Gott, ,dem es ziemt, Natur in fich,
fich in Natur zu hegen', den feinen nennen. — Den Be-
fchlufs des Buches macht — leider — eine Auseinander-
fetzung mit der .mofaifchen' Schöpfungslehre. Sie fei
zwar nicht ganz richtig, aber doch ein .Ergebnifs auf
Beobachtung gegründeten Denkens', ruhend auf einer
.Induction von gröfster Tragweite', durchaus ,wiffen-
fchaftlich', das .Entwickelungsprincip enthaltend' u. f. w.,
wie denn ,Mofes überhaupt gleich grofs als Führer feines
Volkes, als Gefetzgeber und als wiffenfehaftlicher Denker'
gewefen fei. Wie fchade, dafs wir von feinen wiffenfehaft-
lichen Gedanken fo wenig wiffen, da Gen. I nicht von ihm
ift. Möchten Freunde wie Gegner doch begreifen, dafs es
für die Wahrheit des Chriftenthums und die religiös-
fittliche Bedeutung feiner heiligen Schriften gleichgiltig
ift, ob deren phyfikalifche Anfchauungen getadelt
oder bewundert werden. Und möchten fie doch einmal
Wellhaufen's fo knappe .israelitifche und jüdifche Ge-
fchichte' lefen, um, neben anderem Gewinn und Genufs,
ihre Reminifcenzen an den Confirmanden-Unterricht ein

wenig zeitgemäfser zu corrigiren.--Die Kritik foll

nicht den Werth des Buches verdecken. Um mit me-
chaniftifcher Deutung der Lebensvorgänge und der Entwickelung
der Lebewefen fich auseinander zu fetzen, um
in Biologie und Phylogenie dem Incommenfurablen zu
begegnen, dazu ift es ein werthvoller Führer.

Göttingen. Lic. R. Otto.

Freybe, Gymn.-Prof. D. Dr. A., Die heilige Taufe und der
Taufschatz in deutfehem Glauben und Recht, in der
Sitte des Volkes und der Kirche, in deutfeher Sage
und Dichtung. Gütersloh, C. Bertelsmann, 19/JO. (XII,
3°2 S. 8.) M. 4. —; geb. M. 4.80

Der langathmige Titel ift nicht das einzige Sonderbare
an dem Buche. Es hat etwas Zwitterhaftes, denn
es ift weder eine wiffenfehaftliche Unterfuchung noch

,i*Etra desweEen- weil er nicht >vom Fach' ift? Aber find nicht
eigentlich die Argumente eines Mannes wichtiger als feine Titel?